"Im Schatten des Todes" - читать интересную книгу автора (Питерс Элизабет)

9. Kapitel

Emerson war schon vor mir bei Walter. Er ri#223; seinem Bruder das blutige Hemd auf und schaute zu Lucas, der inzwischen ebenfalls herangekommen war.

»In den R#252;cken geschossen«, stellte Emerson mit einer Stimme fest, wie ich sie an ihm noch nie geh#246;rt hatte. »Lord Ellesmere, Ihre Jagdkollegen in England w#252;rden das sch#228;rfstens mi#223;billigen.«

»Mein Gott«, stotterte Lucas. »Das ... wollte ich nicht. Ich warnte ihn doch. Um Himmels willen, Mr. Emerson, sagen Sie doch, er ist . nicht .«

»Nein, er ist nicht tot. Glauben Sie, ich w#252;rde mit Ihnen diskutieren, wenn Sie ihn erschossen h#228;tten?«

Nun gaben meine Knie nach, und ich lie#223; mich in den warmen Sand fallen. »Gott sei Dank«, st#246;hnte ich.

Emerson warf mir einen mi#223;billigenden Blick zu. »Peabody, rei#223;en Sie sich zusammen. Sie sollten sich besser um das andere Opfer k#252;mmern. Ich nehme an, sie ist nur ohnm#228;chtig. Walter ist nicht schwer verletzt. Die Wunde liegt hoch und ist sauber. Zum Gl#252;ck hat seine Lordschaft nur eine Waffe kleinen Kalibers ben#252;tzt.«

Lucas atmete auf. »Ich wei#223;, da#223; Sie mich nicht m#246;gen, Mr. Emerson«, sagte er dem#252;tig, und das stand ihm recht gut. »Aber es ist wirklich eine Erleichterung, das zu h#246;ren.«

»Hm. Nun, ich will Ihnen glauben. Gehen Sie, und helfen Sie Amelia bei Evelyn.«

Evelyn war sehr schwach, aber sie machte sich nur Sorgen um Walter. Als sein Bruder ihn zum Bett trug, bestand sie darauf, mir dabei zu helfen, seine Wunde zu reinigen und zu verbinden. Ich war sehr froh, da#223; Emerson recht gehabt hatte. Die Kugel hatte nur eine fleischige Stelle der rechten Schulter durchschlagen und keinen Knochen getroffen. Selbstverst#228;ndlich war Evelyn mehr Hindernis als Hilfe, aber ich konnte sie einfach nicht wegschicken. Walter kam bald wieder zu sich und bedankte sich dann bei mir mit einem m#252;hsamen L#228;cheln. Sein erster Blick hatte jedoch Evelyn gegolten.

Emerson hatte seit einiger Zeit die Gewohnheit angenommen, eine gr#228;#223;liche Pfeife zu rauchen. Er war still in einer Ecke gesessen und hatte zugesehen, als wir Walter versorgten. Nun stand er auf und streckte sich. »Die Abendunterhaltung ist vor#252;ber, und ich schlage vor, wir verschlafen den Rest der Nacht«, sagte er.

»Wie k#246;nnen Sie schlafen?« hielt ich ihm vor. »Ich habe so viele Fragen ...«

»Peabody, ich glaube, Walter ist noch nicht in der Verfassung, Ihre Unterhaltung zu genie#223;en. Da geh#246;rt schon ein sehr starker Mann her, der .«

»Radcliffe, das gen#252;gt jetzt«, unterbrach ihn Walter, und dazu l#228;chelte er mich bezaubernd an. »Mi#223; Amelia hat recht. Wir haben sehr viel zu diskutieren.«

»Das glaube ich auch«, meldete sich Lucas. »Darf ich eine Erfrischungsrunde vorschlagen? Ein wenig Whisky k#246;nnte Walters Schmerzen .«

»Nein, kein Alkohol«, wehrte ich ab. »Bei einer solchen Wunde!«

»Aber vielleicht f#252;r die Damen«, schlug Walter vor. »Sie haben einen gro#223;en Schock erlitten.«

Also bekamen wir Brandy. »Und wie lautet Ihre erste

Frage?« begann Emerson, nachdem er einmal an seinem Glas genippt hatte.

»Erstens, was ist mit Abdullah geschehen?«

»Du lieber Gott, den habe ich v#246;llig vergessen!« rief Lucas. »Wo ist er denn #252;berhaupt?«

»Abdullah wird der Mumie folgen«, erkl#228;rte Emerson. »Ich habe ihm das aufgetragen, aber ich denke, er wird bald zur#252;ckkommen. Ah, da ist er schon!«

Abdullah hatte einen Posten in Lagern#228;he bezogen und die Sch#252;sse geh#246;rt. So hatte er die Mumie gesehen, als sie uns verlie#223;. Da#223; sie es so eilig hatte, erstaunte ihn. »Die rannte wie ein leichtf#252;#223;iger junger Mann«, erz#228;hlte er. Er mu#223;te sich zwar gef#252;rchtet haben, sich mit der Mumie anzulegen, aber so viel Mut brachte er auf, ihr in sicherer Entfernung zu folgen.

»Sie ist in den Wald gegangen, zum Grab. Ich bin nicht mitgekommen. Ich dachte, ich komme besser hierher, weil ich sicher gebraucht werde.«

»Nun, das kann man Abdullah nicht verdenken«, bemerkte ich. »Sicher hat dieser Schurke, wer immer es auch war, dort sein scheu#223;liches Kost#252;m versteckt und ging sp#228;ter zum Dorf.«

»Ich glaube, wir sollten die Diskussion beenden, Walter braucht Ruhe«, warf Evelyn leise ein, und da mu#223;te ich ihr recht geben. Ich scheuchte also alle auf, vor allem Lucas, der sehr zerknirscht war und Walter versicherte, es sei nicht seine Absicht gewesen, ihn zu verletzen. »Und wenn Sie sagen, Mr. Emerson, da#223; ich mich unglaublich ungeschickt benommen habe, so mu#223; ich das zugeben. Als ich das entsetzliche Ding kommen sah . « Er nahm die Pistole aus der Tasche. »Die werde ich niemals mehr ben#252;tzen. Eine Kugel ist noch #252;brig . « Er sprang auf, streckte die Hand aus und hatte den Finger am Abzug.

»Sie Narr«, knurrte Emerson um seinen Pfeifenstiel herum, als er Lucas' Handgelenk mit eisernem Griff packte. »Hier in diesem Gew#246;lbe w#252;rde uns ein Schu#223; ertauben lassen, und dann ein Querschl#228;ger dazu ... Nein, Lord Ellesmere, die Waffe nehme ich in Verwahrung, und Sie gehen jetzt sofort zu Bett.«

Er f#252;gte sich ohne Widerspruch, so da#223; er mir fast leid tat, weil er wie ein armer S#252;nder davonschlich. Evelyn und ich zogen uns in unsere Kammer zur#252;ck. Als sie eingeschlafen war, kehrte ich zum Sims zur#252;ck und entdeckte zu meinem Staunen, da#223; Emerson wieder eine Pfeife rauchte und seine F#252;#223;e #252;ber den Felsrand baumeln lie#223;.

»Setzen Sie sich, Peabody«, forderte er mich auf. »Ich denke, wir kommen weiter, wenn wir beide uns in aller Ruhe unterhalten.«

Ich setzte mich. »Heute haben Sie mich schon einmal Amelia genannt«, hielt ich ihm vor.

»Nein, wirklich? Da war ich aber sicher geistig verwirrt.«

»Kein Wunder bei dem, was Ihrem Bruder zustie#223;. Aber es war nicht nur Lucas' Schuld. Walter ist direkt in die Schu#223;linie hineingelaufen.«

»Seine Lordschaft hatte schon zweimal ergebnislos geschossen und h#228;tte vern#252;nftiger sein k#246;nnen. Und holen Sie sich einen Schal. Sie frieren.«

»Ich friere nicht, ich habe Angst. Emerson, ist denn niemand bereit, auszusprechen, was wir alle sahen? Ich beobachtete, wie die Kugeln diese Mumie trafen! Haben Sie denn nichts gesehen?«

»Ich sah, da#223; das Unget#252;m die H#228;nde oder Tatzen oder was immer auf die Brust legte«, gab Emerson zu. »Aber, Peabody, seit wann glauben Sie an Gespenster? Ich k#246;nnte mir schon denken, weshalb die Kugeln nicht trafen. Solche Waffen sind n#228;mlich au#223;erordentlich ungenau, selbst in der Hand eines Experten, und der Lord ist gewi#223; keiner. Vielleicht hat die Mumie es nur gespielt, getroffen worden zu sein, um die Sache geheimnisvoller zu machen.«

»Das w#228;re m#246;glich«, gab ich zu. »St#252;nde ich in den Sandalen der Mumie, w#252;rde ich mich aber nicht auf Lucas' Geschicklichkeit verlassen. Und Ihre andere Erkl#228;rung?«

»Eine Art R#252;stung. Sie haben doch sicher schon in B#252;chern gelesen, da#223; fromme M#228;nner, die ihre Bibel in der Brusttasche bei sich tragen, durch sie vor mancher verirrten Kugel - oder auch vor einer gezielten - gerettet wurden. Gen#252;gen w#252;rde da auch schon ein altes Lederwams, wie es fr#252;her die englischen Infanteristen trugen. Eine Kugel so kleinen Kalibers ist relativ leicht aufzuhalten.«

»Ja, zugegeben. Diese Bandagen k#246;nnten schon eine solche Wirkung haben. Aber w#252;rde Mohammed sich so etwas ausdenken k#246;nnen?«

»Sollen wir nicht besser die Idee aufgeben, da#223; Mohammed dahintersteckt? Er war es n#228;mlich bestimmt nicht.«

»Woher wissen Sie das so genau?«

»Einen Augenblick lang stand Walter nahe genug neben der Mumie, so da#223; ich einen guten Gr#246;#223;envergleich anstellen konnte. Diese Mumie war gleich gro#223; oder etwas gr#246;#223;er als Walter, und Mohammed und die anderen Dorfbewohner sind kleine Leute. Das kommt von der schlechten Ern#228;hrung.«

»Wie k#246;nnen Sie so ruhig #252;ber die schlechte Ern#228;hrung der Leute reden, wenn Ihr Bruder verletzt ist?«

»Ach, wissen Sie, allm#228;hlich macht mir die Sache fast irgendwie Spa#223;. Vielleicht hat mich Lord Ellesmere mit seinen sportlichen Instinkten angesteckt. Ein guter Engl#228;nder mu#223; ja immer k#252;hl bis ans Herz hinan bleiben, sogar dann, wenn er schon im Kochkessel der Kannibalen schmort. Aber Sie d#252;rfen #252;berzeugt sein, da#223; ich den fin-den will und werde, der Walter verletzt hat oder daf#252;r verantwortlich ist.«

Ich hatte den Eindruck, da#223; ich froh sein d#252;rfe, diese Person nicht zu sein, doch ich ging lieber auf ein anderes Thema #252;ber. »Sie haben also Ihre Bandage abgelegt«, stellte ich fest.

»Peabody, Sie sind heute wirklich brillant. Ich kann es mir nicht leisten, wehleidig zu sein. Die Dinge treiben einem H#246;hepunkt entgegen.«

»Was sollen wir dann tun?«

»Das fragen Sie, Peabody? Sie m#252;ssen wohl Fieber haben.«

»Ihre Manieren lassen sehr zu w#252;nschen #252;brig!«

Er hob abwehrend die Hand. »Machen wir doch lieber einen Spaziergang«, schlug er vor. »Sie wollen Mi#223; Evelyn doch sicher nicht aufwecken. Wissen Sie, es scheint Ihnen unm#246;glich zu sein, eine vern#252;nftige Unterhaltung zu f#252;hren, ohne Ihre Stimme zu erheben.«

Er half mir nicht sehr zart auf die Beine und stellte mich auf die F#252;#223;e. Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Selbst Emerson lie#223; sich von der Sch#246;nheit der Nacht anr#252;hren.

Das weiche Mondlicht lag auf der trostlosen #214;de, die einstmals die gl#228;nzende Hauptstadt eines Pharaos gewesen war. Ich stellte mir die Pal#228;ste in ihren G#228;rten vor, die wei#223;en Mauern der Tempel, die herrlichen, bunt bemalten Reliefs, die im Wind flatternden Fahnen, die breiten, baumges#228;umten Stra#223;en, in denen fr#246;hliche Menschen ihren Gesch#228;ften oder ihrem Vergn#252;gen nachgingen. Und das war alles verschwunden, zu Staub zerfallen oder im Sand begraben.

»Nun?« fragte ich, als ich mich mit Gewalt aus meiner melancholischen Stimmung ri#223;. »Ich warte atemlos vor Spannung auf Ihren Vorschlag.«

»Was w#252;rden Sie dazu sagen, da#223; wir morgen das Lager abbrechen?«

»Wir? Aufgeben? Niemals!«

»Das habe ich erwartet. Sie wollen also Mi#223; Evelyn riskieren?«

»Sie meinen, die Mumie habe es auf sie abgesehen?«

»Nun, die Absichten dieses ehrenwerten Unget#252;ms kenne ich selbstverst#228;ndlich nicht«, meinte er pedantisch. »Aber mir scheint, interessiert ist die Mumie an ihr und nicht an Ihrem Charme, Peabody. Das Ding mu#223; gewu#223;t haben, da#223; Sie in diesem Zelt waren. Was hatten Sie dort zu suchen?«

»Ich wollte herausfinden, was mit Michael geschehen ist. Und da habe ich das hier gefunden.« Ich zeigte ihm das Kreuz mit der abgerissenen Kette.

»Dumm von dem Angreifer, einen solchen Beweis zur#252;ckzulassen.«

»Glauben Sie, er wurde entf#252;hrt?«

»Ich halte es f#252;r m#246;glich.«

»Und Sie tun nichts? Ein treuer Helfer und verl#228;#223;licher Freund .«

»Was soll ich denn tun? Hatten wir denn bisher #252;berhaupt Zeit, dar#252;ber nachzudenken? Und au#223;erdem meine ich, Michael passiert nichts.«

»Ich wollte, ich h#228;tte Ihre Zuversicht. Nun, wir k#246;nnen nat#252;rlich nicht ins Dorf gehen und seine Herausgabe fordern. Wie schade, da#223; wir die Mumie nicht festhalten konnten, etwa als Geisel oder so.«

»Wir k#246;nnten noch viel mehr erreichen, wenn wir die Mumie h#228;tten, aber mir scheint, die Sterne sind gegen uns. Doch wir wollen unsere Zeit nicht mit unn#252;tzem Selbstmitleid vergeuden. Ich sorge mich um Mi#223; Evelyn.«

»Ich etwa nicht? Ich mu#223; sie wegbringen, am besten zur Dahabije. Dort kann sie von der ganzen Mannschaft bewacht werden.«

»Unser mumifizierter Freund w#252;rde sie sicher auch dort finden.«

Das traf mich wie ein Gu#223; kalten Wassers. »Er wird es nicht wagen! Wenn es sein Ziel ist, da#223; Sie das Lager verlassen .«

»Wie soll ich wissen, was sich eine lebendig gewordene Mumie als Ziel gesetzt hat? Aber glauben Sie, Walter w#252;rde Mi#223; Evelyn hierlassen, wenn er glaubt, da#223; ihr hier Gefahr droht?«

»Aha, dann haben Sie das also auch bemerkt.«

»Bin ich denn blind oder aus Stein? Die beiden sind einander doch nicht gleichg#252;ltig.«

»Und das mi#223;billigen Sie, nicht wahr?«

»Warum denn, Peabody? Wissen Sie, ich brauche Geld f#252;r meine Grabungen. F#252;r einen edlen Zweck, wohlgemerkt, f#252;r die Erhaltung wertvollster Kultursch#228;tze, die der ganzen Menschheit dienen sollen. Und Walter k#246;nnte sich gut verheiraten. Er ist ein gutaussehender junger Mann. Glauben Sie, ich w#252;rde es guthei#223;en, da#223; er sich an ein armes M#228;dchen h#228;ngt? Und Mi#223; Evelyn ist doch arm, nicht wahr?«

Er hatte seine Pfeife ausgeklopft und in die Tasche gesteckt, und w#228;hrend er das in einem sehr sarkastischen Ton vorbrachte, glaubte ich einen Geruch nach versengtem Stoff wahrzunehmen. »Sie ist arm«, erwiderte ich nur.

»Sehen Sie. Wie schade! Aber, selbst wenn sie f#252;r Walter zu arm ist, so ist sie doch f#252;r die Mumie zu schade. Ich schlage vor, wir testen unsere Theorie und lassen sie morgen auf dem Boot schlafen, dann sehen wir schon, was geschieht. Peabody, Sie m#252;ssen sich was ausdenken, damit sie auch dort bleibt. Freiwillig verl#228;#223;t sie Walter nicht. Ich w#252;rde eine Expedition zum Boot vorschlagen, um ein paar n#246;tige Sachen zu holen. Abdullah kann bei Walter bleiben.«

»Warum kann er nicht mitkommen? Das Boot w#228;re viel besser f#252;r ihn.«

»Wir sollten ihn, glaube ich, nicht transportieren. Walter wird #252;brigens nur f#252;r ein paar Tagesstunden allein sein, denn ich kehre sofort wieder zur#252;ck, nachdem ich Sie beim Boot abgeliefert habe. Sie m#252;ssen krank spielen oder sich sonst etwas ausdenken, damit Evelyn #252;ber Nacht dort bleibt. Nat#252;rlich m#252;ssen Sie aufpassen. Ich kann mich auch irren, und dann kommt die Mumie nicht. Wenn sie kommt, sind aber Sie f#252;r Mi#223; Evelyns Sicherheit verantwortlich. Wollen Sie diese Verantwortung #252;bernehmen?«

»Selbstverst#228;ndlich.«

»Dann nehmen Sie das hier.« Zu meiner Verbl#252;ffung gab er mir Lucas' Pistole. Ich wehrte mich, sie zu nehmen, weil ich mit Feuerwaffen nicht umgehen k#246;nne. »Ah, dann haben Sie also doch eine Schw#228;che!« sagte er.

Nun stieg eindeutig ein kleines Rauchw#246;lkchen aus der Tasche auf, in der er seine Pfeife verstaut hatte. Aber davon erw#228;hnte ich noch immer nichts. »Ich komme auch ohne Waffe zurecht«, erwiderte ich. »Und ich bin mit Ihrem Plan einverstanden. Sie brauchen keine Angst zu haben, da#223; ich meine Rolle nicht richtig spiele. Gute Nacht, Emerson.«

Ich beobachtete ihn eine Weile und geno#223; die Lage, weil er ein so merkw#252;rdiges Gesicht machte. »#220;brigens«, f#252;gte ich hinzu, »Ihre Tasche brennt. Ich dachte mir zwar, da#223; Sie Ihre Pfeife nicht ordentlich ausgeklopft haben, doch ich wei#223; ja, da#223; Sie nicht gerne einen Rat annehmen. Noch einmal: Gute Nacht, Emerson.«

Ich sah noch, da#223; er wie ein Derwisch herumtanzte und mit beiden H#228;nden auf seine Tasche schlug.

Zu meiner unbeschreiblichen Erleichterung ging es Walter am n#228;chsten Morgen besser. Trotzdem kamen wir #252;berein, Walter nicht zur Dahabije mitzunehmen. Es war nicht leicht, Evelyn zum Mitkommen zu #252;berreden, doch schlie#223;lich gab sie nach, weil sie glaubte, wir w#252;rden sofort wieder zur#252;ckkehren. Wir machten uns also auf den Weg. Als ich mich umschaute, hockte Abdullah mit hochgezogenen Knien am Sims, und auf den Knien lag der Kopf mit dem Turban.

Der Weg war anstrengend, und ich atmete erleichtert auf, als ich endlich die schlaffen Segel der Philae erblickte. Sie schaukelte sanft auf dem Wasser. Daneben lag die Cleopatra, Lucas' Boot. Es war kleiner als das unsere und lange nicht so schmuck. Seine Leute waren ebenso schmutzig und ungepflegt wie ihr Schiff, vor allem aber m#252;rrisch und gleichg#252;ltig. Unsere Mannschaft dagegen begr#252;#223;te uns voll ehrlicher Begeisterung.

Ich verstand zwar die Worte nicht, aber Emerson fragte unseren Reis auf arabisch nach Michael, doch der Reis wu#223;te nichts von ihm. Er behauptete es wenigstens, denn ich hatte das Gef#252;hl, er sei vielleicht nicht ganz aufrichtig. Vielleicht hielt er sogar einen besch#228;mten, gefl#252;chteten Michael versteckt, weil er die Spukgeschichten der Dorfbewohner geh#246;rt und geglaubt hatte. Offensichtlich wurde Emerson von #228;hnlichen Zweifeln geplagt. Er erfuhr aber nur, da#223; man Michael nicht gesehen habe.

Nun, auch Emersons zornige Ungeduld n#252;tzte nichts, denn wenn ein #196;gypter nicht reden will, kann ihn nicht einmal ein Gro#223;inquisitor dazu bringen. Evelyn war inzwischen nach unten gegangen, um die aufgeschriebenen Sachen zu packen, und Lucas war auf seinem eigenen Boot. Ich stand mit Emerson auf dem Oberdeck.

»Ich mu#223; jetzt wieder zur#252;ck«, murmelte er. »Peabo-dy, es stimmt absolut gar nichts. Die Bootsbesatzung hat mit den Dorfbewohnern geredet. Ein Mann ist schon davongelaufen, und Hassan f#252;rchtet, die anderen nicht mehr ganz unter Kontrolle zu haben. Zugeben darf er das nat#252;rlich nicht.«

»Ich hatte gleich das Gef#252;hl, da#223; etwas nicht stimmte. Sie sollten aber wirklich zu Walter zur#252;ckkehren. Gehen Sie. Ich werde schon tun, was zu tun ist. Sie k#246;nnen sich darauf verlassen.«

»Die Situation ist unertr#228;glich«, stellte er erbost fest, und der Schwei#223; rann ihm in dicken Tropfen #252;ber das Gesicht. »Amelia, schw#246;ren Sie mir, da#223; Sie genau das tun, was ich gesagt habe, da#223; Sie kein Risiko eingehen und sich nicht verraten.«

»Ich sagte Ihnen doch schon, da#223; Sie sich darauf verlassen k#246;nnen. Oder verstehen Sie kein Englisch?«

»Guter Gott! Sie begreifen nichts. Da sind Sie weit und breit die einzige Frau, der ich ...«

Vom anderen Deckende n#228;herte sich Lucas, die H#228;nde in den Taschen, die Lippen zum Pfeifen gespitzt.

Emerson warf mir noch einen durchbohrenden Blick zu, drehte sich wortlos um und kletterte die Leiter zum Unterdeck hinab. Ich folgte ihm, weil ich Lucas jetzt nicht ertragen konnte, doch er war schon verschwunden. Daf#252;r stie#223; ich dann im Gang, an dem die Kabinen lagen, mit Evelyn zusammen, denn ich hatte nicht aufgepa#223;t, weil mir auch zum Pfeifen zumute war.

»Amelia, ich habe Emerson gerade gesehen, er hat sich ohne uns auf den R#252;ckweg gemacht!« rief Evelyn best#252;rzt. »Bitte, halt ihn auf, ich mu#223; doch zur#252;ck zum Lager!« Evelyn versuchte an mir vorbeizukommen, doch ich hielt sie auf und lehnte mich schwer gegen sie.

»Ach, mir ist so schrecklich elend«, klagte ich. »Vielleicht sollte ich mich hinlegen.«

Evelyn half mir f#252;rsorglich, wie erwartet, in meine Ka-bine und #246;ffnete mir das Kleid; ich tat sehr schwach, ob Evelyn mir nun glaubte oder nicht. Sie hielt mir das Riechsalz so nahe unter die Nase, da#223; ich einen Niesanfall bekam. »Halt, halt!« st#246;hnte ich. »Mir fliegt sonst der Kopf weg!«

»Aber jetzt geht es dir schon wieder besser«, stellte Evelyn fest. »Das war deine alte Stimme. Kann ich dich einen Moment allein lassen? Ich will nur Mr. Emerson nachlaufen und ihm sagen, er solle doch warten.«

Ich lie#223; mich st#246;hnend auf das Kissen zur#252;ckfallen. »Evelyn, ich kann nicht gehen ... Ich mu#223; hierbleiben ... Wenn du meinst ..., du mu#223;t gehen, dann geh nur ... Ich will dich nicht ... aufhalten.«

Ich kam mir wie ein Judas vor, als ich Evelyn durch halbgeschlossene Lider beobachtete. Fast wurde ich schwach, aber ich konnte Emerson nicht so grausam entt#228;uschen, nachdem er, dieser arrogante Weiberfeind, mir gesagt hatte, ich sei weit und breit die einzige Frau, der er . Ich mu#223;te mich jetzt zwischen Evelyn und Emerson oder zwischen Evelyn und meinen eigenen Grunds#228;tzen entscheiden; ich mu#223;te also Evelyn betr#252;gen - zu ihrem eigenen Besten.

Es war eine schwere Pr#252;fung f#252;r mich, ihren Kampf zu beobachten. Sie rang die H#228;nde, bis die Kn#246;chel wei#223; hervortraten, und ihre Stimme war voll Resignation. »Nat#252;rlich bleibe ich bei dir, Amelia. Eine ruhige Nacht wird dir guttun.«

»Ganz gewi#223;«, murmelte ich, und dabei hatte das arme M#228;dchen keine Ahnung, welche Nacht ich erwartete.

Ich h#228;tte im Bett bleiben und alle Nahrung verweigern sollen, doch allm#228;hlich wurde ich von einem w#252;tenden Hunger geplagt. Als die D#228;mmerung anbrach, f#252;hlte ich mich sicher, denn nicht einmal Evelyn w#252;rde den R#252;ckweg bei Nacht zur#252;cklegen wollen. Ich sagte, mir gehe es besser, und ein wenig Nahrung w#252;rde mir sicher nicht schaden. Ich mu#223;te mich beherrschen, da#223; ich nicht die herrlichen Sachen, mit denen der Koch sich selbst #252;bertroffen hatte, gierig in mich hineinschaufelte.

Lucas hatte ein paar Flaschen Champagner mitgebracht. Er war im Abendanzug, der ihm ausgezeichnet stand, zumal er sehr tief gebr#228;unt war. Wir speisten auf dem Oberdeck, und der Sternenhimmel #252;ber uns war sch#246;ner als jedes Palastdach. Mich #252;berkam ein Gef#252;hl der Unwirklichkeit. Die vergangene Woche schien es gar nicht gegeben zu haben. Das Boot schwankte leicht, die Wellchen klatschten an die Bootswand, die M#228;nner unten sangen leise ihre wehm#252;tigen Melodien oder unterhielten sich ged#228;mpften Tones; es roch nach Flu#223;, nach Nachtwind, Kohlenofen und W#252;ste. Der Zauber des Abends nahm mich ganz und gar gefangen.

Lucas trank wieder einmal zuviel, wenn er, und das mu#223; ich zugeben, auch ganz deutlich sprach und keine fahrigen Bewegungen machte. Nur seine Augen gl#228;nzten immer greller, je mehr er trank, und seine Reden wurden immer fantastischer. Einmal k#252;ndigte er an, er werde sofort zum Lager zur#252;ckkehren, um die Mumie nicht zu vers#228;umen, und im n#228;chsten Augenblick lachte er schallend #252;ber diese Geschichte, #252;ber die Br#252;der Emerson und ihr sch#228;biges Leben, #252;ber die Widersinnigkeit, nur nach zerbrochenen Scherben im Sand graben zu wollen, und dann k#252;ndigte er an, da#223; er selbst nach Luxor und dem glorreichen Theben weiterreisen wollte.

Evelyn sa#223; da wie eine blasse Statue. Sie hatte keine Abendrobe angezogen, sondern trug ihren Morgenrock, dessen bla#223;rosa Seide mit winzigen Rosenknospen bestickt war.

»Ich will ja deine Kleider nicht kritisieren, Base«, sagte Lucas pl#246;tzlich. »Aber du solltest das tragen, was deiner

Sch#246;nheit und Stellung entspricht. Seit Kairo habe ich nicht ein Kleid an dir gesehen, das richtig zu dir gepa#223;t h#228;tte. Schade, da#223; ich deine Kisten nicht mitbringen konnte.«

»Es w#228;re auch unn#246;tig gewesen, Lucas«, antwortete Evelyn. »Es wird mir keinen Spa#223; machen, sie auszupacken. Die eleganten Kleider will ich nie wieder tragen. Sie w#252;rden mich schmerzlich an die G#252;te meines Gro#223;vaters erinnern.«

»Dann verbrennen wir sie unge#246;ffnet, sobald wir wieder in Kairo sind«, schlug Lucas gro#223;z#252;gig vor. »Ich werde dir Kleider kaufen, die deiner w#252;rdig und mit denen keine schmerzlichen Erinnerungen verbunden sind.«

»Ich habe die Kleider, die meiner Stellung entsprechen«, erkl#228;rte sie nachdr#252;cklich. »Und die Vergangenheit l#228;#223;t sich nicht ausl#246;schen, Lucas. Von einigen Dingen kann ich mich nicht trennen, und ich will sie aufbewahren, damit sie mich an gl#252;ckliche Zeiten erinnern. Ich habe f#252;r so vieles dankbar zu sein, da#223; ich mich nicht an meine Fehler und Irrt#252;mer verlieren darf.«

»Das war gut gesagt, Evelyn«, lobte ich sie. »Aber was geht unten vor? Die M#228;nner machen solchen L#228;rm.«

Ich hatte recht, wenn ich auch das Thema nur wechselte, um Evelyn von tr#252;ben Gedanken abzubringen. Die M#228;nner lachten und sangen laut.

»Oh, ich habe ihnen Whisky gestiftet«, verriet Lucas. »Sie verga#223;en ganz gern, da#223; ihr Prophet den Alkohol verboten hat. Und ein Gl#228;schen kann ja gar nicht schaden.«

»Aber Sie haben jetzt genug«, stellte ich fest und nahm ihm die Flasche weg. »Vergessen Sie bitte nicht, da#223; unsere Freunde im Lager in Gefahr sind. Wenn wir nachts ein Signal bekommen .«

»Ihr Freund Emerson w#252;rde auch dann nicht um Hilfe rufen, wenn man ihn bei lebendigem Leib braten w#252;rde«, stellte er fest. »Warum #228;ngstigen Sie Evelyn?«

»Ich habe keine Angst«, erkl#228;rte sie, »aber Amelia hat recht. Bitte, Lucas, h#246;r zu trinken auf.«

»Dein Wunsch sei mir Befehl.« Aber Lucas hatte leider schon viel mehr getrunken, als er eigentlich vertragen konnte.

Evelyn sagte, sie sei m#252;de, schlug aber vor, ich solle auch zu Bett gehen, um meine St#228;rke wieder zur#252;ckzugewinnen. Ich hatte ganz vergessen, da#223; ich leidend war, aber ich lie#223; sofort den Reis kommen, weil ich f#252;rchtete, Evelyn k#246;nne nicht schlafen, wenn die Leute so laut seien. Er verstand nur wenig Englisch, doch schlie#223;lich hatte ich ihn soweit, da#223; er begriff. Wenig sp#228;ter war Ruhe.

Als ich mich zum Gehen anschickte, sagte Lucas zu mir: »Entschuldigen Sie meine schlechten Manieren, Mi#223; Amelia. Ich bin nicht so betrunken, wie es den Anschein hatte. Ich schlafe in einer der Kabinen unten, damit ich zur Hand bin, falls ich gebraucht werde.«

»Ich glaube nicht, da#223; wir Sie brauchen«, antwortete ich ihm. Er ahnte ja nichts von meiner Unterhaltung mit Emerson in der Nacht vorher, und ich hatte auch kein besonderes Vertrauen zu ihm, doch er schien zu den gleichen Schl#252;ssen gekommen zu sein wie wir.

Wir gingen die enge Treppe zu den Kabinen hinab; da bat mich Lucas, einen Moment zu warten, er m#252;sse mir etwas zeigen. Er betrat eine Kabine und kam mit einem langen Gegenstand zur#252;ck. Ich schaute genau hin und erschrak.

»Nein, keine Angst, Mi#223; Amelia, diese Flinte hier ist nicht geladen, doch das wissen nur Sie und ich. Vielleicht hatte die Mumie allen Grund, eine Pistole mit kleinem Kaliber nicht zu f#252;rchten, aber das Ding hier schaut so gef#228;hrlich aus, als k#246;nne es einen ausgewachsenen Elefan-ten umlegen. Jedenfalls gibt es aber eine ausgezeichnete Keule ab.«

»Ich halte es f#252;r eine verr#252;ckte Idee«, fuhr ich ihn an. »Wenn Sie aber unbedingt damit ... Gute Nacht, Lucas.« Ich lie#223; ihn waffenschwingend und mit einem bl#246;den Grinsen im Gesicht stehen.

Sonst bewohnten Evelyn und ich getrennte Kabinen, aber nun wollte ich sie unter keinen Umst#228;nden allein lassen und gab vor, wieder einen Schw#228;cheanfall erlitten zu haben. Sie half mir ins Bett und blieb auch, da sie ehrlich um mich besorgt war, in meiner Kabine. Sie schlief bald ein.

Ich lag wach. Ich hatte nur ein Glas Wein getrunken, das sonst #252;berhaupt keine Wirkung auf mich hat, aber jetzt mu#223;te ich gewaltsam gegen den Schlaf ank#228;mpfen. Ich klatschte mir im Badezimmer nebenan Wasser ins Gesicht, kniff mich am ganzen K#246;rper und tat alles, um mich wach zu halten.

Endlich f#252;hlte ich mich ein bi#223;chen wacher und ging zum Fenster. Das war kein kleines Bullauge wie auf normalen Schiffen, sondern eine richtige breite #214;ffnung mit einem Vorhang, der das Licht ausschlo#223;, aber die Luft ungehindert durchlie#223;. Es #246;ffnete sich auf das untere Deck und konnte vom Boden aus leicht erreicht werden. Wenn also Gefahr drohte, mu#223;te sie aus dieser Richtung kommen. Unsere T#252;r war sicher versperrt und verriegelt. Selbstverst#228;ndlich w#228;re auch das Fenster zu schlie#223;en gewesen, doch dann h#228;tten wir bald unter Hitze und Luftmangel gelitten, und au#223;erdem h#228;tte ich L#228;rm gemacht und Evelyn aufgeweckt.

Von meinem Platz aus konnte ich das Deck #252;berschauen. Der Mond schien so hell, da#223; ich sogar die N#228;gel im Holz erkennen konnte. Nichts bewegte sich, nur das Mondlicht tanzte in den silbrigen Wellchen. Ich wei#223; nicht, wie lange ich dastand. Ich mu#223;te wohl ein wenig ged#246;st haben, doch pl#246;tzlich bemerkte ich eine Bewegung, die von rechts kam. Schlagartig war ich hellwach. In dieser Richtung lag Lucas' Kabine.

Ich hielt mich im Schatten und sah bald einen blassen, nun schon recht vertrauten Umri#223;. Ich wei#223; nicht, warum, aber diesmal f#252;hlte ich nicht die abergl#228;ubische, l#228;hmende Angst wie bei den fr#252;heren Besuchen; vielleicht deshalb, weil ich in vertrauter Umgebung war; oder der Eindruck schw#228;cht sich durch die Wiederholung ab. Wirklich, die Mumie wurde allm#228;hlich l#228;cherlich. Ihr Repertoire war doch sehr begrenzt! Warum fiel ihr gar nichts Neues ein, warum lief sie immer nur mit wedelnden Armen herum?

Ich war entschlossen, die Mumie im Alleingang zu fangen und verga#223; v#246;llig Emersons Warnungen. Um Hilfe rufen wollte ich nicht, weil ich sonst die Mannschaft aufgeweckt h#228;tte; gen#252;tzt h#228;tten mir die M#228;nner trotzdem nichts, weil sie vom ungewohnten Alkohol sicher schwer schliefen, was ich auch von Lucas annahm. Nein, ich wollte erst warten, was die Mumie vorhatte. Wenn sie versuchte, unsere Kabine durch das Fenster zu betreten, dann hatte ich sie ja. Neben mir stand ein gro#223;er, mit Wasser gef#252;llter irdener Krug, der sicher eine schmerzhafte Beule hinterlie#223;, wo er traf.

Die Mumie trat ins volle Mondlicht und kam immer n#228;her. Sie war sehr gro#223;, viel gr#246;#223;er, als ich sie in Erinnerung hatte. Ob da der irdene Krug gen#252;gte? Ich hatte ganz vergessen, da#223; ja der Kopf dick umwickelt war. Ich war zwar ziemlich stark; wenn aber die Kreatur ein kr#228;ftiger Mann war, so konnte der mich in einem Handgemenge sehr wohl besiegen und brauchte dazu kein mit #252;bernat#252;rlichen Kr#228;ften begabtes Monster zu sein. Sollte ich .

»Lucas! Lucas!« schrie ich. »Zu Hilfe! Lucas! Zu Hilfe!«

Es war sehr dramatisch.

Die Mumie blieb stehen, als sei sie #252;berrascht, meine Stimme zu h#246;ren. Evelyn murmelte im Schlaf. Dann tat es einen lauten Krach und einen dumpfen Schlag, und Lucas sprang vom Fenster der n#228;chsten Kabine auf das Deck.

Er war angezogen, hatte die Hemd#228;rmel aufgerollt und den Kragen offen, so da#223; kr#228;ftige Arme und eine behaarte Brust sichtbar waren. In grimmiger Entschlossenheit umklammerte seine rechte Hand die Flinte. Das w#228;re der richtige Anblick f#252;r ein romantisches M#228;dchen gewesen.

»Halt!« rief er, »keinen Schritt weiter, oder ich schie#223;e! Verdammt noch mal, ob dieses Monster wohl Englisch versteht? Wie absurd!«

»Das ist doch ganz egal, packen Sie's lieber!« schrie ich ihm zu.

Der Kopf schwang in meine Richtung. Ich schw#246;re, ich sah Augen blitzen unter der Dunkelheit einer verh#252;llten Stirn. Das Ding hob die Arme und gab wieder den jammernden, knurrigen Schrei von sich, den ich schon kannte.

»Evelyn, bleib, wo du bist, Lucas und ich haben die Situation unter Kontrolle«, rief ich Evelyn zu. »Lucas, schlagen Sie das Ding auf den Kopf! So schlagen Sie doch zu, sonst tu ich's selbst!«

Ich begann durch das Fenster zu klettern, aber da hielt mich Evelyn von r#252;ckw#228;rts her fest. Lucas grinste breit; nicht lange, denn das Monster holte mit einem Arm aus und schien etwas zu werfen, doch nichts verlie#223; die bandagierte Hand. Aber Lucas taumelte, die Flinte entfiel seiner Hand, und Lucas st#252;rzte, das Gesicht voran, darauf.

Da begann die Mumie so gr#228;#223;lich zu lachen, da#223; mir das Blut in den Adern zu gerinnen drohte. Und sie n#228;herte sich langsam unserem Fenster.

Endlich h#246;rte ich von links her Stimmen, denn die M#228;nner waren erwacht. Das h#246;rte die Mumie, hob einen Armstummel und sch#252;ttelte ihn drohend den sich n#228;hernden M#228;nnern entgegen. Die sahen nun zwar das Monster, aber die Mumie tat ein paar akrobatische Spr#252;nge und war verschwunden.

Ich befahl Evelyn, sie solle sich niederlegen, denn ich m#252;sse zu Lucas gehen. Sie selbst sei jetzt in Sicherheit. Meine umfangreichen Nachtgew#228;nder hinderten mich sehr, als ich durch das Fenster kletterte, aber meine W#252;rde war mir im Moment v#246;llig gleichg#252;ltig. Lucas lag noch immer bewegungslos da. M#252;hsam drehte ich ihn um, denn er war ein schwerer Mann, der bald fett sein w#252;rde. Verletzt schien er nicht zu sein, und sein Puls f#252;hlte sich kr#228;ftig an, nur sein Atem pfiff, und sein K#246;rper zuckte krampfhaft.

Langsam kamen ein paar M#228;nner herbei, dann endlich erschien der Reis pers#246;nlich. Sie trugen Lucas in seine Kabine, legten ihn auf das Bett und rannten davon. Nur Hassan blieb. Wie sehr bedauerte ich jetzt, statt Latein, Griechisch und Hebr#228;isch nicht Arabisch gelernt zu haben! Der Reis schien sich zu sch#228;men, weil er und seine ganze Mannschaft zu fest geschlafen hatten, doch der Schlaf sei wie ein Zauber gewesen, v#246;llig unnat#252;rlich. Ich entlie#223; Hassan, nachdem ich angeordnet hatte, da#223; ein Mann Wache stehen m#252;sse. Um Lucas mu#223;te ich mich eben selbst k#252;mmern. F#252;r mich war es deprimierend, da#223; ich mich nicht mehr auf meine Mannschaft, nicht einmal auf den Kapit#228;n verlassen konnte. Was die Erz#228;hlungen von der Mumie noch nicht geschadet hatten, das hatte dieser n#228;chtliche Vorfall besorgt.

Lucas war noch immer bewu#223;tlos, und nichts half, was ich auch tat. Ich rieb ihm Gesicht, H#228;nde und Brust mit nassen T#252;chern ab, legte seine F#252;#223;e hoch - nichts holte ihn ins Bewu#223;tsein zur#252;ck.

Inzwischen war Evelyn in die Kabine gekommen und schien sich gro#223;e Sorgen zu machen. »Nein, nein«, redete ich ihr zu, »tot ist er nicht, und ganz sicher besteht auch keine Gefahr, da#223; er sterben k#246;nnte, aber ich wei#223; nicht, weshalb er nicht aufwacht.«

»Oh, ich ertrage es nicht«, fl#252;sterte Evelyn. »Er ist mein Freund und Vetter, und ich mag ihn sehr gern, und seine Tapferkeit n#246;tigt mir Bewunderung ab. Warum bringe ich Ungl#252;ck #252;ber alle, die mich lieben? Erst Walter, dann Lucas. Mu#223; ich dich auch verlassen, Amelia?«

»Unsinn«, fuhr ich sie an. »Bring mir lieber Riechsalz, das m#252;#223;te Lucas wieder zu sich bringen.« Und richtig, kaum hatte Evelyn es gebracht und ich es ihm unter die Nase gehalten, als er Evelyns Namen fl#252;sterte.

Sie kniete sofort neben seinem Bett. »Lucas, sprich zu mir, ich h#246;re.«

»Evelyn . so weit weg . Wo bist du . La#223; mich nicht im Dunkeln allein. Ohne dich . bin ich verloren . Nimm meine Hand, Evelyn, und halte mich fest.«

»Ja, ja, Lucas. Ich bin ja da.«

So und #228;hnlich ging es eine ganze Weile weiter, und mir wurde es schon langweilig. Also schob ich die vor Mitleid fast zerflie#223;ende Evelyn ein wenig weg und sagte: »So, jetzt kommt er wieder zu sich. Was ist dir lieber -willst du ihm versprechen, ihn zu heiraten, oder soll ich es weiter mit Riechsalz probieren?«

Evelyn wurde rot, Lucas schlug die Augen auf und fl#252;sterte verz#252;ckt: »Evelyn!«

»Wie geht es dir, Lucas? Wir hatten solche Angst um dich!«

»Bi#223;chen schwach noch. Aber es war deine Stimme,

Liebling, die mich zur#252;ckbrachte. Du hast mir das Leben gerettet. Fortan geh#246;rt es dir.«

Evelyn sch#252;ttelte den Kopf und entzog ihm ihre Hand.

»Das gen#252;gt jetzt«, sagte ich barsch. »An Ihren Tr#228;umen bin ich nicht sehr interessiert, Lucas, ich will nur wissen, was geschehen ist. Ich sah, da#223; Sie taumelten und st#252;rzten, aber ich konnte nicht feststellen, da#223; die Kreatur tats#228;chlich etwas geworfen hat.«

»Mich hat auch nichts getroffen«, antwortete Lucas. »Wenigstens nicht k#246;rperlich. Oder haben Sie eine Wunde oder Beule gefunden?«

»Nein«, antwortete ich. Evelyn sah seine nackte Brust, err#246;tete und zog sich zur#252;ck. »Was f#252;hlten Sie eigentlich?«

»Das kann ich nicht beschreiben ... Es war wie ein Blitzstrahl von gro#223;er Kraft, dann kam die Schw#228;che, schlie#223;lich die Ohnmacht. Ich wu#223;te, da#223; ich fiel, doch den Aufschlag sp#252;rte ich nicht mehr.«

»Ah, wunderbar«, bemerkte ich sarkastisch. »Jetzt haben wir also eine Mumie, die Blitze schmei#223;t. Emerson wird sich riesig dar#252;ber freuen.«

»Emersons Meinung ist mir .egal«, fauchte Lucas.

Das war kein Ausdruck f#252;r einen Lord.

Der Rest der Nacht verlief ruhig. Ich schlief gut, Evelyn vermutlich gar nicht. Als ich aufwachte, stand sie am Fenster und schaute in das erste Morgenrot hinaus. Sie hatte einen dunkelblauen Sergerock und dazu eine Bluse angezogen.

»Ich gehe zum Lager«, erkl#228;rte sie. »Du brauchst nicht mitzukommen, Amelia, denn ich bin bald wieder hier. Ich will Mr. Emerson #252;berreden, seinen Bruder herzubringen, und wir segeln dann sofort nach Luxor ab. Wenn sie nicht kommen wollen - ich denke, wir sollten dann trotzdem weiterreisen. Ich wei#223; zwar, da#223; dich . die Arch#228;ologie sehr interessiert, und du wirst lieber bleiben wollen. Lucas wird aber mitkommen, wenn ich ihn darum bitte. Ich werde dann allein reisen, wenn du noch bleiben willst.«

Sie tat mir furchtbar leid, weil sie sich jetzt vor die Wahl gestellt f#252;hlte - Lucas oder Walter. Ich mu#223;te also sehr vorsichtig mit ihr sein.

»Aber ohne Fr#252;hst#252;ck wirst du doch nicht gehen wollen«, erwiderte ich und schwang die Beine aus dem Bett. »Mitten in der W#252;ste vor Hunger ohnm#228;chtig werden -nein, nein, das w#228;re unangenehm.«

Evelyn erkl#228;rte sich also bereit, am Fr#252;hst#252;ck teilzunehmen. Der junge Habib, unser Diener, l#228;chelte jetzt nicht mehr, und das sonst so fr#246;hliche Geplapper vom unteren Deck war auch nicht zu vernehmen. Unsere ganze Mannschaft schien v#246;llig verst#246;rt zu sein.

Lucas kam, als wir unseren Tee tranken. Ihm gehe es ausgezeichnet, erkl#228;rte er, als ich ihn fragte. Evelyn erz#228;hlte ihm sofort, was sie vorhatte, und er zog mi#223;billigend die Brauen hoch, aber ich versetzte ihm unter dem Tisch einen warnenden Tritt ans Schienbein, den er verstand.

»Ich sagte dir ja, Evelyn, dein Wunsch sei mir Befehl, und wenn du abreisen willst, sollst du das auch tun. Eine kleine Einschr#228;nkung habe ich jedoch zu machen, Du kannst mich um mein Leben bitten, nicht aber um meine Ehre als Mann und Engl#228;nder. Du kannst nicht verlangen, da#223; ich meine Freunde im Stich lasse. Nein, sag jetzt nichts. Ich befehle eurer Mannschaft, euch sofort sicher nach Luxor zu bringen, aber ich bleibe. Ich w#252;rde mich selbst verachten, w#252;rde ich jetzt fliehen.«

»Und ich reise nur ab, wenn die Emersons mitkommen«, erkl#228;rte ich. »#220;brigens, Lucas, mit meiner Mannschaft verhandle ich selbst. Der Ihren k#246;nnen Sie befehlen, was Sie wollen.«

»Hm«, brummte er und ging, dies zu tun.

Evelyn lie#223; den Kopf h#228;ngen, und ich rief nach Reis Hassan, um einen neuen Versuch zu machen, die Sprachbarriere zu durchbrechen. Er sagte immer nur »gehen« und deutete flu#223;aufw#228;rts.

»Emerson?« fragte ich und deutete zum Lager.

Er nickte heftig. »Heute«, sagte er, und das wiederholte er mehrmals. Die Araber ben#252;tzen viel h#228;ufiger das Wort gt;morgenlt;, es liegt ihnen viel besser. Deshalb sagte ich es auch.

Hassans Gesicht zog sich in die L#228;nge, dann zuckte er resigniert die Achseln. »Morgen«, wiederholte er.