"Kirschblüten und Coca-Cola" - читать интересную книгу автора (Шелдон Сидни)
Viertes Kapitel
Sachiko schaute sich zuf#228;llig die Abendnachrichten im Fernsehen an, und so entdeckte sie Masao bei der Siegerehrung nach dem Volkslauf. Sie rief ihren Mann herbei, und beide beobachteten Masao auf dem Bildschirm.
Teruo erinnerte sich gleich, wie er morgens an den L#228;ufern vorbeigefahren war. Also hatte sich Masao doch dort versteckt! So nahe war Teruo daran gewesen, ihn zu erwischen! Er h#228;tte nicht gedacht, da#223; sich sein Neffe so lange vor ihm verbergen konnte. Immerhin war der Junge ohne Geld und ohne Kleider. Er hatte keine Freunde und wu#223;te nicht, wohin er sich wenden sollte. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis man ihn finden w#252;rde. Aber Teruo hatte keine Zeit zu verlieren. Er mu#223;te Masao loswerden. Es war an der Zeit, Hilfe einzuschalten.
Da gab es einen Privatdetektiv, von dem Teruo Sato erfahren hatte. Ein schlauer, hartgesottener Profi namens Sam Collins, der f#252;r Geld alles machte. Er stand in dem Ruf, r#252;cksichtslos vorzugehen und immer ans Ziel zu gelangen. Das war eine Kombination von Eigenschaften, die Teruo Sato imponierte. Er nahm den Telefonh#246;rer ab und w#228;hlte Sam Collins’ Privatnummer.
Masao hatte geglaubt, er werde sich in Manhatten verloren f#252;hlen, aber irgendwie, auf seltsame Art, kam ihm alles vertraut vor. Die gro#223;en Geb#228;ude und der L#228;rm und die Menschenmenge und das Verkehrsgew#252;hl – das alles erinnerte ihn an Tokyo. Und weil Masao viele amerikanische Filme gesehen hatte, erkannte er die Radio City Music Hall, das Empire State Building und das Rockefeller Center gleich wieder. Zum erstenmal, seit er vor seinem Onkel davongelaufen war, f#252;hlte sich Masao ruhiger. Hier in der gro#223;en Stadt m#252;#223;te es beinahe m#246;glich sein, unentdeckt zu bleiben. Er verschwand in der treibenden Menge, zwischen all den Menschen, die durch die Stra#223;en eilten – auf dem Weg zur Arbeit, zu Freunden, zur Untergrundbahn.
Masao schlenderte den Broadway entlang, er staunte #252;ber die gro#223;en Leuchtschriften an den Fassaden und bewunderte die Auslagen in den Schaufenstern. Er entdeckte, da#223; viele Ger#228;te in den Schaufenstern aus Japan stammten – Transistorradios und Kameras, Fernseher und Kassettenrekorder. Und viele waren von Matsumoto Industries hergestellt. Das erf#252;llte Masao mit Stolz – und ein wenig mit Angst.
Er lauschte auf die Gespr#228;che der Menschen um ihn her – und alle schienen sie verschiedene Sprachen zu sprechen. Er hatte geh#246;rt, da#223; Amerika ein Schmelztiegel der V#246;lker sei, und das stimmte. Hierher kamen Menschen aus allen Teilen der Welt, und alle brachten sie ihre Sitten und Traditionen und ihre eigene Sprache mit. In den Schaufenstern hingen Werbetafeln in Spanisch und Franz#246;sisch, in Deutsch, Italienisch und Japanisch.
Es wurde schon dunkel, und Masao wu#223;te immer noch nicht, wo er die Nacht verbringen sollte. Er stellte sich in eine Toreinfahrt und z#228;hlte sein Geld. Er hatte noch sechzig Dollar. Er w#252;rde sehr sparsam mit seinem Geld umgehen m#252;ssen. Er mu#223;te sich einen Job suchen und sein weiteres Vorgehen sorgf#228;ltig planen. Wen konnte er um Hilfe bitten?
Endlich fiel ihm Kunio Hidaka ein, der Chef der Amerika-Filiale von Matsumoto Industries. Aber sein B#252;ro befand sich in Los Angeles, Kalifornien, am anderen Ende des Kontinents. Masao mu#223;te eine M#246;glichkeit finden, hinzufahren. Mr. Hidaka war ein Freund. Er w#252;rde ihm Glauben schenken und ihm helfen. Er hatte Masaos Vater geliebt und war der Familie Matsumoto treu ergeben. Schon der Gedanke an ihn bewirkte, da#223; sich Masao besser f#252;hlte. Er w#252;rde in New York bleiben, bis er genug Geld verdient hatte, um nach Kalifornien zu fahren. Es konnte nicht schwer sein, einen Job zu finden, denn er war bereit, alles zu machen – Geschirr zu waschen, Boteng#228;nge zu erledigen, Fu#223;b#246;den zu scheuern. Das einzig Wichtige war jetzt, am Leben zu bleiben. Jeder Tag, der verging, brachte ihm neue Sicherheit. Irgendwann w#252;rde dann sein Onkel die Suche nach ihm als ergebnislos abbrechen.
Teruo Sato war ein Mann, der sich nicht so leicht geschlagen gab. Bed#228;chtig wie ein Schachmeister hatte er jeden Zug seines Spiels geplant, und er war nicht bereit, dieses Spiel jetzt aufzugeben.
Teruo hatte eine Verabredung mit Sam Collins. Der Privatdetektiv erf#252;llte vollauf Teruos Erwartungen. Collins war ein breitschultriger, zielstrebig wirkender Mann mit flinken Knopfaugen und dem zermatschten Gesicht eines Ex-Boxers. Ein Ohr war total verunstaltet, und seine Nase war so oft gebrochen, da#223; die #196;rzte es schlie#223;lich aufgegeben hatten, sie zu operieren.
»Sie sind mir bestens empfohlen worden«, sagte Teruo. »Ich brauche jemanden, der verschwiegen ist.«
»Das ist mein Gesch#228;ftsprinzip. Ich mach meinen Job und halte den Mund.«
»Ausgezeichnet. Sie sollen einen Jungen finden. Meinen Neffen. Er hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich will, da#223; er gefunden und hierher gebracht wird.«
»Ist er ausgerissen?«
»Das geht Sie nichts an.«
»Ich dachte nur, es k#246;nnte n#252;tzlich sein, zu wissen
»Ich werde Ihnen dieses Foto #252;berlassen. Er hat keine Freunde und kein Geld. Er kann nicht sehr weit gekommen sein.«
»Ein japanischer Junge, der durch die Stra#223;en l#228;uft, ist nicht schwer zu entdecken.«
Teruo musterte Sam Collins. »Machen Sie nicht den Fehler, seine Intelligenz zu untersch#228;tzen. Er wird sich verstecken.«
»Okay. Vielleicht wird es etwas dauern. Falls er …«
»Nein. Ich will, da#223; er schnellstens gefunden wird. Ich werde Ihnen das doppelte Honorar zahlen, und au#223;erdem eine Pr#228;mie von f#252;nfzigtausend Dollar, wenn Sie den Jungen schnell finden.«
Der Detektiv schluckte. »F#252;nfzig …?«
»Ja. Und da ist noch eines, was Sie wissen sollten. Mein Neffe hat bereits einen Mann ermordet. Falls Sie ihn in Selbstverteidigung t#246;ten m#252;#223;ten …« Teruo machte eine Pause und setzte vorsichtig hinzu: »… wird niemand Ihnen einen Vorwurf machen. Die Pr#228;mie geh#246;rt Ihnen trotzdem.«
Sam Collins machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich werde tausend Dollar Vorschu#223; brauchen.«
»Nat#252;rlich. Nur, finden Sie ihn!«
»Vertrauen Sie mir.«
Aber Teruo vertraute niemandem. Nachdem der Privatdetektiv gegangen war, schlo#223; Teruo Sato die Augen und blieb regungslos sitzen. Er plante seinen n#228;chsten Zug. Er versetzte sich an die Stelle seines Neffen. Wo w#252;rde er sich verstecken? In Manhattan nat#252;rlich, mit seiner Zehn-Millionen-Bev#246;lkerung. Dort mu#223;te man den Jungen suchen. Ein einziger Privatdetektiv, auch wenn er clever war, konnte ihn wahrscheinlich nicht finden. Jedenfalls nicht schnell genug. Es mu#223;te einen anderen Weg geben. Masao mu#223;te Arbeit suchen. Nat#252;rlich! Die Versicherungskarte. Teruo war ein Meister des Schachspiels, und er dachte auch an diese M#246;glichkeit. Er l#228;chelte. Es war ein wunderbarer Plan, einfach und narrensicher. Masao w#252;rde binnen weniger Stunden gefangen sein.
Manhatten bei Nacht war faszinierend. Es funkelte mit Millionen Lichtern. Da waren die Lichter der Wolkenkratzer und die Leuchtreklamen, riesige Neonschriften und hell erleuchtete Schaufenster, und dazu die Scheinwerfer von abertausend Autos.
Masao schaute den Rollschuhl#228;ufern vor dem Rockefeller Center zu, er lief durch den Theater-Distrikt am Broadway, wo die gro#223;en Shows liefen. Er sah das ber#252;hmte Sardi, wo die Stars der B#252;hne zu Abend speisen, er bestaunte die Public Library, die gr#246;#223;te Bibliothek der Welt, und die Steinl#246;wen auf dem Platz davor. Er bewunderte die Schaufenster teurer Modegesch#228;fte an der Fifth Avenue, bekannte Namen wie Lord amp; Taylor, Bergdorf-Goodman und Saks, und er mu#223;te an seine Mutter denken, die viel Spa#223; daran gehabt h#228;tte, hier einen Einkaufsbummel zu machen. Aber sie war f#252;r immer von ihm gegangen, genau wie sein Vater. Ein furchtbares Gef#252;hl tiefster Verlassenheit #252;berw#228;ltigte Masao. Er mu#223;te am Leben bleiben. Wenn nicht seinetwegen, dann wenigstens ihretwegen.
Auf einmal bekam er Hunger, und erst jetzt merkte er, da#223; die normale Essenszeit l#228;ngst vorbei war. Auf der langen Seventh Avenue gab es Hunderte von Restaurants, zwischen denen Masao w#228;hlen konnte. Er ging ins McDonald’s – mit dem goldenen ›M‹. Es war beinah wie zu Hause in Tokyo.
»Ich m#246;chte einen Hamburger, bitte.«
»Wiewillst’nhaben?«
Es war nicht wie zu Hause in Tokyo.
Er starrte die Kellnerin an. »Wie bitte?«
»Wiewillst’nhaben? Leichtmittelscharf?«
Er hatte keine Ahnung, was sie sagte. Er sah zu einem kleinen Jungen hin#252;ber, der neben ihm einen Hamburger verdr#252;ckte. »Ich … ich m#246;chte so einen, bitte.«
»Gut.« Sie drehte sich um und rief dem K#252;chenchef zu: »Einen Burger, leicht.«
Aha! Sie hatte also gefragt, wie er seinen Hamburger gebraten haben wollte.
»Fritz?«
Wieder war Masao verwirrt. Was bedeutete ›Fritz‹? Jetzt wurde ein Teller voll Pommes frites vor den kleinen Jungen hingestellt. Masao lie#223; es auf einen Versuch ankommen: »Fritz«, sagte er.
Er hatte recht gehabt, wie sich zeigte. Er bestellte sich noch ein Sandwich und noch einmal Fritten und kr#246;nte sein Abendbrot mit einem Schoko-Milchshake.
»Entschuldigung«, sagte er zu der Kellnerin. »Ich suche ein Hotel. Nichts Teures. K#246;nnten Sie mir vielleicht eins vorschlagen?«
»Achdagibts’nemenge …«
Masao unterbrach sie. »Entschuldigung. K#246;nnten Sie etwas langsamer sprechen, bitte?«
»O ja, sicher. Es gibt eine Menge Hotels hier in der Gegend, aber manche sind ein bi#223;chen gef#228;hrlich. Es w#228;re besser, wenn du zur East Side gehst.«
»Gut, vielen Dank.«
Masao ging und machte sich auf den Weg zur East Side. Es gab #252;berall Bushaltestellen an den Stra#223;en, aber er wollte lieber laufen. Es gab ja so viel zu sehen. Die Stadt war so faszinierend, da#223; Masao beinah die Gefahr verga#223;, in der er schwebte. Man w#252;rde Jahre brauchen, dachte Masao, um wirklich ganz New York kennenzulernen. Morgen werde ich mich nach einem Job umsehen. Und bald wird Teruo mich vergessen haben. Ich werde einen Weg finden, ihn zu besiegen.
In einer Nebenstra#223;e der Lexington Avenue fand er ein sauberes kleines Hotel und beschlo#223;, einen Versuch zu wagen. Es gab ja Tausende von Hotels in Manhattan, und sein Onkel konnte sie nicht alle kontrollieren. Hier w#252;rde er in Sicherheit sein. Masao ging hinein. Die Lobby war beinah menschenleer. Am Empfang sa#223; ein Japaner, und Masao war schon in Versuchung, zu fliehen. Wie, wenn Teruo ein ganzes Netz von Japanern besch#228;ftigte, um seine Spur zu finden? Wahrscheinlich gab es in New York eine weitverzweigte japanische Kolonie, in der sich Nachrichten mit Windeseile herumsprachen. Ich leide schon an Verfolgungswahn, dachte Masao. Es ist doch nicht jeder mein Feind.
Er ging zur Rezeption. »Ich m#246;chte ein Zimmer f#252;r eine Nacht, bitte.«
Er sprach Japanisch, und der Portier antwortete ihm auf japanisch, und erst jetzt wurde Masao klar, wie sehr er die Sprache seiner Heimat vermi#223;te. Japanisch war eine so zivilisierte Sprache. Es war so leicht zu verstehen.
Masao trug sich unter falschem Namen ein – wozu unn#246;tig Risiken eingehen? – und wurde in sein Zimmer gef#252;hrt.
Das Zimmer war klein und eng, aber es war reinlich und billig. Masao legte sich aufs Bett und dachte an die Ereignisse der letzten Tage. Das Flugzeugungl#252;ck, bei dem seine Eltern den Tod fanden, die Reise nach Amerika, die schrecklichen Dinge, die in der Jagdh#252;tte passiert waren und mit dem Tod des Chauffeurs Higashi endeten. Masao mu#223;te daran denken, wie er im Unterhemd gefl#252;chtet war, er dachte an den Volkslauf und an die Preisverleihung.
Bis jetzt hatte er Gl#252;ck gehabt. Er fragte sich, wie lange das Gl#252;ck ihm treu bleiben w#252;rde. Er schlief ein.
Als er erwachte, schien die Sonne durchs Fenster herein. Er schlug die Augen auf und f#252;hlte sich frisch und ausgeruht. Er schaute auf die Uhr. Schon elf! Er hatte beinahe zw#246;lf Stunden geschlafen! Er wusch sich unter der Dusche, am anderen Ende des Flurs, und zog die gleichen Sachen an, die er schon am Vortag getragen hatte. Sie waren alles, was er besa#223;. Wenn er erst einen Job gefunden hatte, w#252;rde er sich Kleider kaufen. Inzwischen war es Zeit f#252;rs Fr#252;hst#252;ck.
Masao hatte Lust auf ein richtiges amerikanisches Fr#252;hst#252;ck. Mit Orangensaft und Speck mit Eiern und Pfannkuchen. Gestern abend hatte er, zwei Stra#223;enecken vom Hotel entfernt, ein kleines Caf#233; entdeckt. Dorthin ging er jetzt. Vielleicht hatten sie sogar einen Job f#252;r ihn; er k#246;nnte am Tresen arbeiten.
Er kam an die Stra#223;enecke und mu#223;te warten, bis die Ampel umschaltete, fetzt kurvte ein Lieferwagen heran und hielt neben dem Zeitungskiosk an der Stra#223;enecke. Ein Mann auf der Ladepritsche warf einen Packen Zeitungen auf den B#252;rgersteig. Die Ampel schaltete auf Gr#252;n, und die Fu#223;g#228;nger dr#228;ngten zur anderen Stra#223;enseite hin#252;ber. Masao aber blieb wie angewurzelt stehen. Vom Titelblatt der Zeitung starrte ihm sein eigenes Foto entgegen. Die Schlagzeile verk#252;ndete: POLIZEI FAHNDET NACH JUGENDLICHEM M#214;RDER.