"Im Schatten des Todes" - читать интересную книгу автора (Питерс Элизабет)

6. Kapitel

Emerson hatte sich doch stundenlang mit der Mumie besch#228;ftigt, doch da#223; er das Zeug verstreut haben k#246;nnte, erschien mir unwahrscheinlich, aber soweit ich schauen konnte, lagen auf dem Sims Teile davon. Und vor allem war er nie w#228;hrend der Nacht in unmittelbarer N#228;he unserer T#252;r gewesen. Dort lag aber der gr#246;#223;te Teil dieser Bandagen.

Ich wei#223; nicht, was mich zum Handeln bewegte - Sorge um Evelyn oder der Aberglaube der Arbeiter -, jedenfalls holte ich schnell einen Lappen und fegte damit das schreckliche Zeug vom Sims. Von unten wehte k#246;stlicher Kaffeeduft herauf.

Ich trank eben meinen Tee am Lagerfeuer, als Emerson den Pfad entlangkam. Er nickte mir m#252;rrisch zu und verschwand sofort in der H#246;hle, in der er seine kostbare Mumie aufbewahrt hatte.

Ein paar Sekunden sp#228;ter wurde die s#252;#223;e Morgenstille von einem gr#228;#223;lichen Schrei gest#246;rt. Ich lie#223; vor Schreck meine Tasse mit dem hei#223;en Tee auf meinen Fu#223; fallen. Emerson st#252;rmte mir entgegen und schwang beide F#228;uste.

»Meine Mumie! Sie haben meine Mumie gestohlen! Bei Gott, Peabody, jetzt sind Sie zu weit gegangen! Mein Pflaster, meine Expedition, mein treuer Bruder, sogar mein armer, leidender Leib, alles ist Ihrer Einmischung zum Opfer gefallen. Aber dies ist jetzt zuviel! Sie zwingen mich, im Bett zu bleiben, damit Sie mir meine Mumie stehlen k#246;nnen. Wo ist sie? Bringen Sie mir sofort meine Mumie, sonst, bei Gott, Peabody ...«

Sein Geschrei weckte das ganze Lager auf. Evelyn sp#228;hte neugierig herab, Walter kam gerannt und stopfte im Laufen sein Hemd in den Hosenbund.

»Radcliffe, was ist denn los? Kannst du dich denn gar nicht benehmen?«

»Er beschuldigt mich, seine Mumie gestohlen zu haben«, erkl#228;rte ich. »Und ein solcher Vorwurf kann nur einem kranken Gehirn entspringen.«

»Krankes Gehirn! Oh, wenn Weiber sich einmischen . « Der Streit hatte die Arbeiter magisch angezogen, und mit offenen M#252;ndern und gro#223;en Augen schauten und h#246;rten sie zu. Mohammed, der uns am Tag vorher zum Grab gef#252;hrt hatte, schien schlau zu grinsen. Das interessierte mich so sehr, da#223; ich mich vom w#252;tenden Emerson ab- und ihm zuwandte. Sofort schaute Mohammed drein wie der unschuldigste und fr#246;mmste aller Engel.

Walter verschwand in die Grabh#246;hle, wo die Mumie gewesen war, kam aber sofort wieder heraus. »Sie ist weg«, stellte er verbl#252;fft fest und sch#252;ttelte den Kopf. »Nur ein paar Bindenst#252;cke sind noch da. Wie kann jemand nur so ein armseliges Ding stehlen?«

»Die hier w#252;rden sogar ihre eigene Gro#223;mutter stehlen und sie verkaufen, wenn es einen Markt f#252;r verhutzelte alte Weiber g#228;be«, knurrte Emerson. Sein Ausbruch vorhin schien ihn erfrischt zu haben, und er war jetzt so friedlich, als h#228;tte er mich nie mit seinen Anschuldigungen #252;berfallen. »Wie w#228;r's mit einem Fr#252;hst#252;ck, Peabody?« fragte er ganz freundlich.

Ehe ich ihn mit einer passenden Antwort zerschmettern konnte, sagte Walter: »Ich verstehe das einfach nicht. Die M#228;nner h#228;tten doch mit der Mumie verschwinden k#246;n-nen, bevor sie uns davon erz#228;hlten. Und was ist mit den Bandagen, die du abgenommen hast?«

»Das ist ganz einfach«, erkl#228;rte Emerson. »Die konnte ich nicht abwickeln, weil sie zu einer soliden Masse zusammengebacken waren. Ich mu#223;te sie also #252;ber der Brust aufschneiden. Und du wei#223;t ja selbst, da#223; die K#246;rperh#246;hlungen oft Amulette und Schmuckst#252;cke . Pea-body, was ist denn los?«

Seine Stimme wurde zum Insektensummen, und die Sonne verdunkelte sich. H#228;tte der Mond h#246;her gestanden, h#228;tte ich meinen n#228;chtlichen Besucher genauer gesehen, w#228;re dann auch die klaffende #214;ffnung zu erkennen gewesen?

Ich freue mich, sagen zu k#246;nnen, da#223; dies das erste-und letztemal war, da#223; ich einem Aberglauben nachgab. Als ich die Augen wieder #246;ffnete, wurde mir klar, da#223; Emerson mich trug, und sein besorgtes Gesicht lag nahe an dem meinen, aber ich schob seine st#252;tzenden Arme weg.

»Eine momentane Schw#228;che«, tat ich sehr gleichm#252;tig, lie#223; mich aber von Walter zu einem Sitz f#252;hren.

»Sie #252;beranstrengen sich, Mi#223; Peabody«, warnte er mich ehrlich besorgt. »Heute m#252;ssen Sie ruhen, darauf bestehe ich.« Sein Bruder musterte mich nur.

Die ganze Atmosph#228;re war irgendwie gespannt oder unruhig; erst arbeitete ich ein bi#223;chen am Pflaster, doch dann ging ich dorthin, wo Walter und Abdullah die Arbeiter beaufsichtigten. Etwa f#252;nfzig M#228;nner gruben die Fundamente eines Tempels und verschiedener H#228;user aus dem Sand; Kinder schleppten ihn k#246;rbeweise weg und sch#252;ttelten ihn wahllos dorthin, wo man vermutlich wenig sp#228;ter graben w#252;rde. Meistens sangen und lachten sie bei der Arbeit, denn die #196;gypter sind von Natur aus fr#246;hliche Menschen, doch diesmal war von ihren etwas jam-mernden heiteren Ges#228;ngen nichts zu h#246;ren. Ich fragte Abdullah nach dem Grund.

»Es sind unwissende Menschen, die sich vor D#228;monen und unbekannten Dingen f#252;rchten«, erwiderte er ein wenig z#246;gernd. »Und vor den Geistern der Toten. Sie fragen, wohin die Mumie verschwunden ist.«

Mehr wollte oder konnte er nicht sagen, und ich kehrte ziemlich beunruhigt zu meiner Arbeit am Pflaster zur#252;ck. Wie sollte ausgerechnet ich mich #252;ber die Eingeborenen erhaben f#252;hlen, da ich selbst doch auch mit solchen Gedanken gespielt hatte?

Der freundliche Leser wird fragen, weshalb ich nicht #252;ber mein Abenteuer gesprochen habe. Nun, das ist ganz einfach: Ich wollte nicht ausgelacht werden. Emersons Lachen h#228;tte sicherlich durch das ganze Tal gedr#246;hnt, h#228;tte ich ihm erz#228;hlt, da#223; ich seine kostbare Mumie auf einem n#228;chtlichen Spaziergang ertappt hatte. Und doch meinte ich, dar#252;ber sprechen zu sollen, und so plagte ich mich den ganzen Tag #252;ber mit Eitelkeit und Vernunft herum.

Als wir uns abends auf dem Sims trafen, sah ich sofort, da#223; die anderen auch keinen guten Tag hinter sich hatten. Walter beklagte sich, nichts sei vorangegangen, der Tag sei eine glatte Verschwendung gewesen.

Wir gingen alle sehr fr#252;h zu Bett; Emerson brauchte seinen Schlaf, wenn er am folgenden Tag die Ausgrabungen wiederaufnehmen wollte, und f#252;r mich war die vergangene Nacht auch sehr kurz gewesen.

Aber ich schlief schlecht, und als ich gegen Morgen einmal aus einem schweren Traum aufwachte, sah ich eine wei#223;e Gestalt unter der T#252;r stehen, und ich tat einen leisen Schrei.

Aber es war Evelyn, und sie huschte schnell zu meinem Bett. »Amelia, ich h#246;rte einen langen, gr#228;#223;lichen Seufzer, es war unheimlich. Ich wollte dich nicht aufwecken. Aber ich mu#223;te wissen, wer solche Seufzer ausstie#223;, weil sie nicht aufh#246;rten. Und als ich zur T#252;r ging und den Vorhang aufhob . Amelia, du wirst mich auslachen und mir nicht glauben, was ich sah.«

»Was war es, Evelyn? Sag es mir doch.«

»Eine blasse Gestalt ohne Gesicht, Amelia! Sie hatte nur ein flaches, blasses Oval ohne Augen, und die Gliedma#223;en standen starr weg .«

»Genug davon!« rief ich ungeduldig. »Du scheinst ... , du hast ... , das mu#223; eine Mumie gewesen sein.«

Evelyn starrte mich ungl#228;ubig an. »Dann mu#223;t du ... das Ding selbst gesehen haben. Wann? Und wie?«

»Ich sah das Ding vergangene Nacht, und am Morgen fand ich vor unserer Grabkammer Bandagenst#252;cke. Und in der Nacht war auf geheimnisvolle Art unsere Mumie verschwunden. Ich sagte davon nichts, weil es mir selbst zu l#228;cherlich erschien.«

»L#228;cherlich, Amelia? Was sollen wir jetzt tun?«

»Nat#252;rlich m#252;ssen wir dar#252;ber sprechen, aber erst am Morgen. Da ist es noch fr#252;h genug f#252;r meine Dem#252;tigung.«

Aber der Morgen brachte schon wieder eine neue Sensation.

Ich stand fr#252;h auf, und Emerson, ebenfalls ein Fr#252;haufsteher, lief schon ungeduldig neben dem Kochzelt auf und ab. Ich versagte mir jeden Kommentar zu seiner offensichtlichen Entschlossenheit, die Arbeit wiederaufzunehmen, und wenig sp#228;ter sa#223;en wir beim Fr#252;hst#252;ck. Da explodierte Emerson.

»Wo sind denn die M#228;nner? Seit einer Stunde sollten sie dasein!«

Walter sah auf seine Uhr. »Seit einer halben. Sie scheinen sich versp#228;tet zu haben.«

»Siehst du etwas in Richtung Dorf?« knurrte Emerson. »Walter, da stimmt was nicht. Hol mir mal Abdullah her.«

In seinem Zelt war er nicht, doch wenig sp#228;ter kam er durch den Sand herangestapft, nachdem er offensichtlich vergebens seinen Trupp im Dorf gesucht hatte. Er breitete seine H#228;nde aus und sagte: »Sie wollen nicht kommen.«

»Ist denn heute ein Feiertag der Mohammedaner?« fragte Evelyn.

»Nein, nein, so etwas w#252;rde Abdullah nicht #252;bersehen«, antwortete Emerson. »Ich dachte eher, sie wollten mehr Geld. Setz dich, Abdullah, und erz#228;hl mir, was du wei#223;t.«

Abdullah hockte sich auf den Boden und berichtete. Als er ins Dorf gekommen sei, habe er alle H#252;tten verlassen vorgefunden. Er sei zum B#252;rgermeister, dem Vater von Mohammed, gegangen, und der habe ihm erkl#228;rt, die M#228;nner w#252;rden nicht kommen, #252;berhaupt nicht mehr. Von Mohammed, der sp#228;ter dazukam, erfuhr er dann, der Grund daf#252;r sei die Mumie, die fr#252;her ein prinzlicher Priester-Zauberer gewesen sei, ein Diener des gro#223;en Gottes Anion, den Pharao Khuenaten von seinem geistigen Thron gest#252;rzt hatte. Amon habe die h#228;retische Stadt verflucht. Da die Mumie ans Tageslicht gebracht worden sei, habe sie in ihrem Zorn das Dorf besucht, alle Schl#228;fer durch ihr Seufzen aufgeweckt und ver#228;ngstigt. Die Dorfbewohner h#228;tten die Warnung angenommen und seien gegangen, um die unheilige St#228;tte dem trostlosen Sand zu #252;berlassen, denn jeder, der noch in der verfluchten Stadt arbeite, werde von Amons Zorn geschlagen.

Emerson hatte aufmerksam zugeh#246;rt. Als Abdullah geendet hatte, fragte er: »Glaubst du selbst daran, Abdullah?«

»Nein.« Es klang nicht sehr #252;berzeugend.

»Ich auch nicht. Amon-Ra ist ein toter Gott und hat seine Macht vor vielen hundert Jahren verloren. Die Moscheen deines Gottes stehen zwischen den Tempeln und rufen die Gl#228;ubigen zum Gebet. Ich nehme an, du glaubst an deinen Gott und daran, da#223; er dich vor b#246;sen Geistern und D#228;monen besch#252;tzt.«

Ich mu#223;te Emerson sehr bewundern, denn er hatte den richtigen Ton getroffen. Abdullah sah ihn respektvoll an. »Aber der Herr sagt nicht, was aus der Mumie wurde?« fragte er vorsichtig.

»Die wurde gestohlen von einem, der hier Unruhe stiften will. Seinen Namen will ich nicht nennen, aber du wei#223;t doch selbst, da#223; Mohammed #228;rgerlich war, weil ich dich zum Vormann machte und nicht ihn. Sein Vater hat ihn schlecht erzogen, und die M#228;nner des Dorfes verachten ihn.«

»Aber sie f#252;rchten ihn auch«, bemerkte Abdullah und stand auf. »Wir sind einer Meinung, Herr. Aber was sollen wir tun?«

»Ich werde mit dem B#252;rgermeister sprechen. Abdullah, geh und i#223;. Du hast deine Sache gut gemacht. Ich bin zufrieden und dankbar.«

Sehr behaglich f#252;hlte sich der Vormann nicht. Evelyn schaute mich an, und ich nickte. Jetzt mu#223;te ich meine Geschichte erz#228;hlen, und ich r#228;usperte mich ausf#252;hrlich.

»Er hat sich das nicht eingebildet, und die Dorfbewohner haben die Mumie ganz sicher gesehen. Evelyn und ich sahen solch eine Gestalt hier im Lager.«

»Ich dachte mir doch, da#223; Sie was verschweigen. Na, gut, Peabody, packen Sie aus. Wir h#246;ren.«

Ich erz#228;hlte also. Zu meinem Staunen kam mir ausgerechnet von Emerson Hilfe. Walter war sprachlos.

»Das beweist doch nur, da#223; unser Schurke, den wir ja zu kennen glauben, sich die M#252;he machte, in einem

Lumpengewand herumzugehen und die Leute zu erschrecken. #220;berrascht bin ich nicht, wenn ich auch nicht geglaubt h#228;tte, da#223; Mohammed so viel Fantasie und Energie aufbr#228;chte.«

Zusammen mit Walter machte er sich dann auf den Weg ins Dorf. Nat#252;rlich kam ich - unaufgefordert - mit, und Evelyn blieb zur#252;ck unter Michaels und Abdullahs Schutz.

Im Dorf herrschten eine br#252;tende Hitze und ein unheilvolles Schweigen. Emerson mu#223;te eine ganze Weile kr#228;ftig an die T#252;r der H#252;tte des B#252;rgermeisters trommeln, ehe durch einen schm#228;len Spalt eine lange, gebogene Nase geschoben wurde. Emerson dr#252;ckte so gegen die T#252;r, da#223; der alte Mann ein wenig zur#252;cktaumelte; er fing ihn auf und setzte ihn behutsam auf den Boden.

Es stank f#252;rchterlich in der H#252;tte, denn H#252;hner, Ziegen und Menschen dr#228;ngten sich in einem kleinen, halbdunklen Raum zusammen. Wir wurden nicht zum Sitzen eingeladen, h#228;tten auch keinen Platz gehabt, denn die H#252;hner belegten einen langen, verd#228;chtig aussehenden Diwan mit Beschlag.

Emerson unterhielt sich arabisch mit den Leuten; verstehen konnte ich kaum etwas, doch aus den Mienen und Gesten lie#223; sich einiges entnehmen. Der B#252;rgermeister, ein verhutzelter, knochiger Bursche, benahm sich nicht frech, eher ver#228;ngstigt.

Allm#228;hlich verzogen sich die Menschen, w#228;hrend die H#252;hner und Ziegen blieben. Nach einer Weile schl#252;pfte jemand durch einen Hintereingang herein, und ich erkannte Mohammed, der sofort das freundlich gef#252;hrte Gespr#228;ch #252;bernahm und frech wurde. Schlie#223;lich schaute er mich an und sagte in englischer Sprache: »Mumie mag nicht Fremde, sollen gehen. Aber nicht Frauen gehen. Mumie mag englische Frauen.«

Der arme alte Vater kreischte ver#228;ngstigt, als Emerson seinem unversch#228;mten Sohn an die Kehle ging. Walter beruhigte ihn dann wieder. »Komm, komm«, redete er seinem Bruder zu. »Hier k#246;nnen wir doch nichts tun.«

Wir verlie#223;en schnellstens die H#252;tte und waren froh, als wir die zwar hei#223;e, aber immerhin saubere W#252;stenluft atmen konnten. Trotz des Mi#223;erfolges richtete Emerson aber sofort seine Schritte in das n#228;chste Dorf. »Wenn die M#228;nner von Haggi Qandil nicht arbeiten wollen, so tun es sicher die von el Till und al Amarnah«, meinte er entschlossen.

Walter versuchte ihm das auszureden. »Radcliffe, du kannst nicht heute den ganzen Tag durch die W#252;ste laufen. Au#223;erdem hat Mohammed garantiert seine Geschichte schon in den Nachbard#246;rfern verbreiten lassen. Du wirst dort ebensowenig Erfolg haben wie in Haggi Qan-dil.«

Emerson ging schon sehr langsam, aber das Kinn hatte er aggressiv vorgestreckt. Ich beschlo#223; also, der Sache ein Ende zu machen, ehe es ihn in den Sand streckte.

»Walter, lassen Sie ihn«, sagte ich. »Er ist zu stur, als da#223; er auf vern#252;nftige Argumente h#246;ren w#252;rde. Wir m#252;ssen mit Abdullah und Michael Kriegsrat halten und haben auch sonst noch einiges zu tun. Eigentlich k#246;nnten wir damit ja warten, bis Ihr Bruder vor Schw#228;che ohnm#228;chtig wird, denn dann kann er uns nicht im Weg stehen. Es ist einfacher, ihn zum Lager zu schleppen, als mit ihm zu streiten.«

Emerson hielt sich aber noch immer auf den Beinen, als wir ins Lager kamen, doch Walter zog sich mit ihm sofort zu einer restaurativen Behandlung in die Grabkammer zur#252;ck. Danach versammelten wir uns zum Kriegsrat.

Michael, der Christ und Fremde, war im Dorf nicht willkommen und verbrachte daher die N#228;chte auf dem Boot. Nun h#246;rte er zum erstenmal von den Vorg#228;ngen hier und lauschte aufmerksam unseren Erz#228;hlungen. Danach fragte ich ihn, welche Vorschl#228;ge er dazu habe.

»Verlassen Sie diesen Ort sofort«, riet er uns. »Ich bin vor D#228;monen gesch#252;tzt.« Er ber#252;hrte dazu sein Kreuz, das er um den Hals trug. »Hier gibt es viele schlechte Menschen. Das Boot wartet. Wir gehen alle, auch die Gentlemen. Das hier ist kein guter Ort.«

Abdullah nickte nachdr#252;cklich. Er war zwar islamischen Glaubens, aber die Mohammedaner sind ebenso abergl#228;ubisch wie die Christen.

»Diesen Vorschlag wollte ich auch machen«, sagte ich, und Michael war auf meine Zustimmung sehr stolz. »Gentlemen, Sie m#252;ssen einsehen, da#223; Sie hier jetzt nichts mehr tun k#246;nnen. Ich hielte es f#252;r besser, wenn wir uns Arbeiter aus anderen Landesteilen besorgten, die nicht Mohammeds Einflu#223; unterliegen, und wenn die Dorfbewohner feststellen, da#223; die Arbeit ohne Zwischenfall weitergeht, dann werden sie selbst einsehen, da#223; ihre Fluchlegenden reiner Unsinn sind.«

Walter schien sehr beeindruckt zu sein und schaute seinen Bruder an. Ich tat es auch, aber er hatte sein Kinn wieder so angriffslustig vorgeschoben, da#223; ich ihm am liebsten meine Faust daraufgesetzt h#228;tte.

»Wir k#246;nnten doch auch an einer anderen Stelle arbeiten«, schlug Evelyn vor. »Es gibt genug Grabungsm#246;glichkeiten. Warum warten wir nicht, bis sich hier die Aufs#228;ssigkeit gelegt hat?«

»Oh, das ist sehr gut, sehr gut. Wir gehen. Arbeiten in Sackarah, Luxor. Ich kenne Gr#228;ber im Tal der K#246;nige«, antwortete Abdullah begeistert. »K#246;nigsgr#228;ber, die noch nicht ge#246;ffnet sind. Wir gehen nach Theben, dort ist mein Haus. Ich habe viele Freunde, die gern arbeiten.«

»Hm. Das w#228;re ja sehr sch#246;n, Abdullah«, meinte Emerson nachdenklich. »Aber du wei#223;t doch, da#223; ich eine Regierungserlaubnis zum Graben brauche. Maspero wird sie mir sicher nicht geben, weil er hofft, dort selbst etwas zu finden. Und auch das Geld ... Walter, was meinst du dazu?«

Walter hatte unterdessen Evelyn bewundert und erschrak, als sein Bruder ihn ansprach. »Oh, nat#252;rlich. Ich werde alles tun, was du vorschl#228;gst, Radcliffe. Aber eines w#252;rde ich dringend empfehlen. Egal, ob wir gehen oder bleiben - die Damen m#252;ssen hier weg, am besten noch heute. Ich halte es hier zwar nicht f#252;r gef#228;hrlich, aber es ist unerfreulich, und sie haben uns schon zuviel von ihrer kostbaren Zeit geopfert.«

Das fand ich unendlich r#252;hrend von dem jungen Mann. Ja, er war ein echter Brite, der das geliebte M#228;dchen au#223;er Gefahr wissen wollte, und trotzdem erwies er sich seinem Bruder gegen#252;ber loyal. Evelyn sah mich beschw#246;rend an. Das hie#223;, da#223; sie sich meiner Entscheidung f#252;gen w#252;rde, aber . Nun, ich hatte nicht die Absicht, mich wegschicken zulassen.

»Der Vorschlag ist zwar gut gemeint, doch ich kann ihn nicht annehmen«, erkl#228;rte ich bestimmt. »Entweder wir gehen alle, oder wir bleiben alle.«

Emerson holte so tief Atem, da#223; es ihm fast die Hemdkn#246;pfe absprengte; sie hingen sowieso recht locker. Bei Gelegenheit mu#223;te ich sie ann#228;hen.

»Ah, Mi#223; Peabody, meine liebe Mi#223; Peabody, wie kommen Sie eigentlich dazu, sich in meine Angelegenheiten zu mischen?« murrte er. »Ich bin ein geduldiger Mann und beklage mich kaum einmal. Ehe Sie kamen, war mein Leben friedlich und ruhig, und jetzt benehmen Sie sich, als seien Sie der Expeditionsleiter. Walter hat recht. Die Frauen m#252;ssen weg. Peabody, keine Widerre-de! Ich h#228;tte Sie l#228;ngst verschn#252;ren und auf Ihr Boot bringen lassen sollen. Michael und Abdullah werden das gerne besorgen.«

»Nein, nein. Michael w#252;rde Ihnen auf gar keinen Fall gehorchen«, erwiderte ich. »Nat#252;rlich w#228;re ihm lieber, ich w#228;re von hier weg, aber er h#228;lt sich treu an meine W#252;nsche. Emerson, wir wollen nicht streiten. Mir pa#223;t es nicht, die Arbeit hier aufzugeben, und es w#228;re l#228;cherlich, wenn der britische L#246;we mit dem Schwanz zwischen den Beinen .«

»Du lieber Gott!« #228;chzte Emerson.

»Also, hier k#246;nnen Sie keine Arbeiter bekommen«, fuhr ich fort, »au#223;er meine Leute . Nein, das geht. Ich schlage vor, wir machen heute alle gemeinsam das Pflaster fertig, Evelyn ihre Skizzen, und abends unterhalten wir uns dann weiter. Wir m#252;ssen diese falsche Mumie unbedingt fangen.«

»Ach, Mi#223; Amelia, Sie sind wunderbar!« rief Walter und klatschte in die H#228;nde. »Wir vier ...«

»Sechs«, berichtigte ich. »Wir sechs gen#252;gen; wir brauchen die Bootsmannschaft nicht. Ich schlage vor, einer von uns bewacht das Dorf. Mohammed mu#223; ja einmal in seiner Verkleidung herausschl#252;pfen, und da er uns unter allen Umst#228;nden vertreiben will, wird er wohl heute nacht kommen. Wir anderen liegen auf der Lauer. Hat jemand eine Schu#223;waffe?«

»Nein, die sind gef#228;hrlich, und wir haben sie nie gebraucht«, brummte Emerson.

»Dann m#252;ssen wir Keulen verwenden.«

»Ich ertrage das nicht mehr«, murmelte Emerson, stand auf und ging weg. Ich sah, wie seine Schultern zuckten. Er mu#223;te also noch sehr schwach sein.

»Schlafen Sie gut!« rief ich ihm nach. »Wir m#252;ssen heute abend frisch sein.« Er gab ein eigenartiges Ger#228;usch von sich, und ich wandte mich Walter zu, der noch immer seinem Bruder nachstarrte. »Er mu#223; schrecklich ersch#246;pft sein, Walter. Wenn Sie vielleicht .«

»Nein, nicht n#246;tig«, antwortete er.

»Aber was ist dann ...«

Walter sch#252;ttelte den Kopf. »Das ist doch unm#246;glich ... Wenn ich es nicht besser w#252;#223;te, w#252;rde ich sagen, er habe schallend gelacht.«

Der Rest des Tages verlief nach meinem Plan. Evelyn bekam die Skizze des Pflasters fertig, und sie war sehr h#252;bsch. Besonders die Pastellfarben kamen gut zur Geltung. Ich legte den Rest der Schutzschicht auf. Als wir ins Lager zur#252;ckkehrten, war das Abendessen schon fast fertig. Wir waren eine kleine, friedliche und einige Gesellschaft.

Walter und Abdullah sollten das Dorf, besonders die H#252;tte des B#252;rgermeisters bewachen. Vor Mitternacht erwarteten wir nichts, aber man konnte ja nie wissen. Sobald Mohammed das Haus verlie#223;, sollten die beiden ihm folgen. Emerson war der Meinung, da#223; der B#252;rgermeister selbst mit der Sache nichts zu tun hatte. Die beiden Bewacher sollten aber erst dazwischentreten, wenn Mohammed in seiner Verkleidung zu uns unterwegs war. Einer sollte ihn dann festhalten, der andere uns verst#228;ndigen, so da#223; wir alle gemeinsam den Misset#228;ter in sein Dorf schleppen und ihn entlarven konnten.

Evelyn sollte, bewacht von Michael, in ihre Grabkammer gehen, w#228;hrend Emerson und ich in der seinen Wache halten wollten. So war Evelyn doppelt bewacht, denn an uns konnte niemand vorbeikommen.

Als es dunkel wurde, schl#252;pften Walter und Abdullah weg, und Michael nahm mit einer Keule seine Wache auf. Ich zog ein passendes Kleid an und ging den Sims entlang zu Emersons Grab. Er sa#223; auf einer Kiste und schrieb beim Schein einer #214;llampe. Er schaute auf und meinte, als Zigeunerin h#228;tte ich mich ja nicht gerade zu kost#252;mieren brauchen. Ich erkl#228;rte ihm, dunkle Kleidung sei vorteilhafter, und ein Schal um den Kopf sch#252;tze mein Haar; der Schmutz verdecke dagegen die helle Haut meines Gesichtes und meiner H#228;nde. Er seufzte ein wenig resigniert und meinte dazu, nun brauche er wahrlich nicht zu f#252;rchten, da#223; jemand auf den Gedanken k#228;me, er habe mich aus amour#246;sen Gr#252;nden in seine Gem#228;cher eingeladen. Ich ma#223; ihn nur mit einem hoheitsvollen Blick und lie#223; mich in einer Ecke nieder.

Die folgenden Stunden zogen sich endlos in die L#228;nge. Emerson schrieb weiter, als sei ich gar nicht vorhanden. Ich hatte Mu#223;e, ihn zu beobachten. Sein dichtes, schwarzes Haar bedurfte eines Schnittes, denn die Nackenlocken wuchsen ihm #252;ber den Hemdkragen. Seine R#252;ckenmuskeln unter dem d#252;nnen Hemd bewegten sich geschmeidig. Nach einer Weile wurde es mir langweilig, und ich holte mir ein Buch #252;ber die Pyramiden von Gizeh, das von einem gewissen Mr. Petrie geschrieben war. Emerson hatte diesen jungen Gelehrten schon wiederholt erw#228;hnt, wenn auch nicht gerade lobend, denn das tat er nie. Mich fesselte allerdings dieses Buch ungeheuer.

Endlich legte Emerson die Feder weg und erhob sich, g#228;hnte und streckte sich. Dann blies er die Lampe aus. Als mein Auge sich etwas an die Dunkelheit gew#246;hnt hatte, kroch ich zum Eingang. Emerson wisperte mir etwas zu, so da#223; ich wu#223;te, wo er war. Ich nahm meinen Platz an der anderen T#252;rseite ein. Ich h#228;tte mich ja gerne ein wenig im Fl#252;sterton unterhalten, doch Emerson gab mir gar keine Antwort.

Die Sch#246;nheit der Nacht war unbeschreiblich. Noch nie hatte ich so gro#223;e und klare Sterne gesehen; sie schimmerten wie die Juwelen eines Pharaos. Die k#252;hle

Luft war au#223;erdem sehr erfrischend, und die Stille wurde nur ab und zu vom Heulen eines Schakals unterbrochen.

Ich gebe zu, da#223; ich ein wenig d#246;ste, als mich ein Ger#228;usch pl#246;tzlich hellwach machte. Emerson konnte von seiner T#252;rseite aus zum Simsende und zum Kochzelt schauen, w#228;hrend ich auf Evelyns Grab sehen konnte. Nichts war zu sehen, aber Emerson streckte die Hand aus, und ich trat neben ihn.

Dann stand das Ding pl#246;tzlich da, bewegungslos und bla#223;, aber nicht am Sims, sondern am unteren Hang. Der Mond schien hell, und wir konnten uns nicht irren. Ich sah sogar das Muster der gewickelten Bandagen auf der Brust. Der Kopf war ganz mit Stoff umwickelt. Da drehte das Ding den Kopf. Emersons Hand legte sich auf meinen Mund; er hatte richtig erraten, da#223; ich beinahe gest#246;hnt h#228;tte. Und die Mumie schien - nein, die konnte gar nichts geh#246;rt haben, wenn sich auch ihr Kopf in unsere Richtung drehte.

In einer drohenden Geb#228;rde hob sie den rechten Arm. Emerson lie#223; mich abrupt los und tat einen Satz auf den Sims hinaus. Ich folgte ihm auf den Fersen. Ich rutschte mit den losgetretenen Kieseln, und Emerson stolperte und flog der L#228;nge nach hin.

Die Mumie war in voller Flucht. Ich wu#223;te, da#223; ich sie nicht erreichen konnte und - ganz ehrlich - ich hatte auch keine Lust, es zu tun. Ich lief zu Emerson und half ihm auf. Michael rief mir vom Sims aus etwas zu, und ich befahl ihm, bei Evelyn zu bleiben, die Mumie sei schon davongelaufen und nicht mehr einzuholen.

Warum, fragte Emerson, als wir wenig sp#228;ter wieder im Grab sa#223;en und das Ereignis durchsprachen, warum glaubte ich, dieses Ding wolle mehr als uns nur ein bi#223;chen #228;ngstigen?

Nun, ich wu#223;te ja auch nicht mehr als er. Fest stand nur, da#223; es Mohammed gelungen sein mu#223;te, Walter und Abdullah an der Nase herumzuf#252;hren, wenn die Mumie ungehindert bis zu uns gelangen konnte.

»Sollten wir nicht nach ihnen suchen?« fragte Evelyn. »Es k#246;nnte ihnen doch etwas zugesto#223;en sein.«

»Nein, nicht zwei M#228;nnern. Nein, Mi#223; Evelyn, Walter ist absolut sicher. Vielleicht warten die beiden noch immer beim Dorf auf Mohammed und sehen ihn, wenn er zur#252;ckkommt. Wir w#252;rden nur sinn- und zwecklos in der Dunkelheit herumwandern, wollten wir die beiden jetzt suchen.«

Es war merkw#252;rdig - Emerson hatte Evelyn mit dem Vornamen angesprochen. Nun ja, die Merkw#252;rdigkeit der Situation hatte das Eis der Formalit#228;t gebrochen. Ich hatte Walter ja auch schon #246;fter mit seinem Taufnamen angesprochen. Ich mochte den jungen Mann, und mir war, als h#228;tte ich ihn schon lange gekannt.

Bei Emerson war es ein bi#223;chen anders. Er war manchmal so frech und ungeduldig zu mir, da#223; ich keine Lust zu freundschaftlicheren Beziehungen hatte.

Es war schon Morgen, als die beiden W#228;chter aus dem Dorf zur#252;ckkehrten, und beide schworen, niemand habe w#228;hrend der Nacht das Dorf verlassen. Walter hatte pers#246;nlich von einem unbequemen Sitz in der Astgabel eines Baumes aus die H#252;tte des B#252;rgermeisters beobachtet. Mohammed konnte also nicht Mumie gespielt haben.