"Das Glasperlenspiel" - читать интересную книгу автора (Hesse Hermann)Das RundschreibenWir nähern uns dem Ende unsrer Erzählung. Wie schon angedeutet, ist unser Wissen um dieses Ende lückenhaft und trägt beinahe mehr den Charakter einer Sage als den eines historischen Berichtes. Wir müssen uns damit begnügen. Desto angenehmer aber ist es uns, dieses vorletzte Kapitel von Knechts Lebenslauf mit einem authentischen Dokument ausfüllen zu können, mit jenem umfangreichen Schreiben nämlich, in welchem der Glasperlenspielmeister selbst der Behörde die Gründe für seinen Entschluß darlegt und sie um Entlassung aus seinem Amte bittet. Nur muß freilich gesagt werden, daß Josef Knecht nicht nur, wie wir längst wissen, an einen Erfolg dieses so umständlich vorbereiteten Schreibens nicht mehr glaubte, sondern daß er, als es damit wirklich soweit war, sein »Gesuch« lieber gar nicht mehr geschrieben und eingereicht hätte. Es ging ihm wie allen Menschen, welche eine natürliche und anfänglich unbewußte Macht über andre Menschen ausüben: diese Macht wird nicht ohne Folgen für deren Träger geübt, und wenn der Magister froh darüber gewesen war, seinen Freund Tegularius dadurch für seine Absichten zu gewinnen, daß er ihn zu deren Förderer und Mitarbeiter werden ließ, so war das Geschehene nun stärker als seine eigenen Gedanken und Wünsche. Er hatte Fritz zu einer Arbeit geworben oder verführt, an deren Wert er, der Urheber, nicht mehr glaubte; aber er konnte diese Arbeit, als der Freund sie ihm endlich vorlegte, nicht wieder rückgängig machen, noch konnte er sie weglegen und unbenutzt lassen, ohne den Freund, dem er ja durch sie die Trennung hatte erträglich machen wollen, erst recht zu verletzen und zu enttäuschen. Wie wir zu wissen glauben, hätte es um jene Zeit Knechts Absichten weit eher entsprochen, wenn er ohne weiteres sein Amt niedergelegt und seinen Austritt aus dem Orden erklärt hätte, statt erst den vor seinen Augen nun beinahe zur Komödie gewordenen Umgang mit dem »Gesuch« zu wählen. Aber die Rücksicht auf den Freund bewog ihn, seine Ungeduld nochmals für eine Weile zu beherrschen. Es wäre wahrscheinlich interessant, das Manuskript des fleißigen Tegularius kennenzulernen. Es bestand in der Hauptsache aus geschichtlichem Material, das er zu Beweis- oder doch Illustrierungszwecken gesammelt hatte, doch gehen wir schwerlich fehl, wenn wir annehmen, daß es auch manches spitz und geistreich formulierte Wort der Kritik an der Hierarchie sowohl wie an der Welt und Weltgeschichte enthalten habe. Allein selbst wenn dies in Monaten einer ungewöhnlich zähen Arbeitsamkeit gefertigte Manuskript, was sehr wohl möglich ist, noch existieren sollte, und wenn es uns zur Verfügung stünde, müßten wir auf seine Mitteilung doch verzichten, da unser Buch nicht der richtige Ort für seine Publikation wäre. Für uns ist einzig das von Wichtigkeit, welchen Gebrauch der Magister Ludi von seines Freundes Arbeit gemacht hat. Er nahm sie, als dieser sie ihm mit Feierlichkeit überreichte, mit herzlichen Worten des Dankes und der Anerkennung entgegen, und weil er wußte, daß er ihm damit eine Freude mache, bat er ihn, ihm die Arbeit vorzulesen. An mehreren Tagen saß nun Tegularius beim Magister eine halbe Stunde in dessen Garten, denn es war Sommerszelt, und las ihm mit Genugtuung die vielen Blätter vor, aus denen sein Manuskript bestand, und nicht selten wurde die Vorlesung durch lautes Gelächter der beiden unterbrochen. Es waren gute Tage für Tegularius. Nachher aber zog sich Knecht zurück und verfaßte, unter Benutzung mancher Teile von seines Freundes Manuskript, sein Schreiben an die Behörde, das wir im Wortlaut mitteilen und zu welchem kein Kommentar mehr nötig ist. Verschiedene Erwägungen haben mich, den Magister Ludi, dazu bestimmt, ein Anliegen besonderer Art, statt es mit in meinen solennen Rechenschaftsbericht aufzunehmen, in diesem gesonderten und gewissermaßen privateren Schreiben vor die Behörde zu bringen. Ich füge zwar dies Schreiben dem fälligen offiziellen Berichte bei und erwarte seine offizielle Erledigung, betrachte es aber doch eher als eine Art kollegialen Rundschreibens an meine Mitmagister. Es gehört zu den Pflichten des Magisters, die Behörde darauf aufmerksam zu machen, wenn seiner regelgetreuen Amtsführung Hindernisse entgegentreten oder Gefahren drohen. Meine Amtsführung nun ist (oder scheint mir), obwohl ich beflissen bin, dem Amt mit allen meinen Kräften zu dienen, durch eine Gefahr bedroht, welche in meiner eigenen Person ihren Sitz, wohl aber nicht ihren einzigen Ursprung hat. Wenigstens halte ich die moralische Gefahr einer Schwächung meiner persönlichen Eignung zum Glasperlenspielmeister zugleich für eine objektiv und außerhalb meiner Person bestehende Gefahr. Um es ganz kurz auszudrücken: ich habe begonnen, an meiner Fähigkeit zur vollwertigen Führung meines Amtes zu zweifeln, weil ich mein Amt selbst, weil ich das von mir zu pflegende Glasperlenspiel selbst für bedroht halten muß. Die Absicht dieses Schreibens ist es, der Behörde vor Augen zu führen, daß die angedeutete Gefahr bestehe und daß eben diese Gefahr, nachdem ich sie einmal erkannt habe, mich dringlich an einen anderen Ort ruft als den, an welchem ich stehe. Es sei mir erlaubt, die Situation durch ein Gleichnis zu verdeutlichen: es sitzt einer in der Dachstube über einer subtilen Gelehrtenarbeit, da merkt er, daß unten im Hause Feuer ausgebrochen sein muß. Er wird nicht erwägen, ob es seines Amtes sei oder ob er nicht besser seine Tabellen ins reine zu bringen habe, sondern er wird hinunterlaufen und das Haus zu retten suchen. So sitze ich, in einem der obersten Stockwerke unsres kastalischen Baues, mit dem Glasperlenspiel beschäftigt, mit lauter zarten, empfindlichen Instrumenten arbeitend, und werde vom Instinkt her, von der Nase her darauf aufmerksam, daß es irgendwo unten brennt, daß unser ganzer Bau bedroht und gefährdet ist und daß ich jetzt nicht Musik zu analysieren oder Spielregeln zu differenzieren, sondern dorthin zu eilen habe, wo es raucht. Die Institution Kastalien, unser Orden, unser Wissenschafts- und Schulbetrieb samt Glasperlenspiel und allem scheint den meisten von uns Ordensbrüdern so selbstverständlich wie jedem Menschen die Luft, die er atmet, und der Boden, auf dem er steht. Kaum einer denkt jemals daran, daß diese Luft und dieser Boden etwa auch nicht dasein, daß die Luft uns eines Tages mangeln, der Boden unter uns hinschwinden könnte. Wir haben das Glück, wohlbehütet in einer kleinen, sauberen und heiteren Welt zu leben, und die große Mehrzahl von uns lebt, so wunderlich es scheinen möge, in der Fiktion, diese Welt sei immer gewesen, und wir seien in sie hineingeboren. Ich selbst habe meine jüngeren Jahre in diesem höchst angenehmen Wahn gelebt, während doch die Wirklichkeit mir ganz wohl bekannt war, nämlich, daß ich in Kastalien nicht geboren, sondern durch die Behörden hierher geschickt und erzogen worden sei und daß Kastalien, der Orden, die Behörde, die Lehrhäuser, die Archive und das Glasperlenspiel keineswegs immer dagewesen und ein Werk der Natur seien, sondern eine späte, edle und gleich allem Gemachten vergängliche Schöpfung des Menschenwillens. Dies alles wußte ich, aber es hatte für mich keine Wirklichkeit, ich dachte einfach nicht daran, ich sah daran vorbei, und ich weiß, daß mehr als drei Viertel von uns in dieser wunderlichen und angenehmen Täuschung leben und sterben werden. Aber so, wie es Jahrhunderte und Jahrtausende ohne Orden und ohne Kastalien gegeben hat, wird es auch künftig wieder solche Zeiten geben. Und wenn ich heute meine Kollegen und die verehrliche Behörde an diese Tatsache, an diese Binsenwahrheit erinnere und sie auffordere, einmal den Blick auf die Gefahren zu lenken, die uns bedrohen, wenn ich also die eher unbeliebte und allzu leicht Spott erregende Rolle eines Propheten, Mahners und Bußpredigers für einen Augenblick übernehme, so bin ich bereit, etwaigen Spott hinzunehmen, aber es ist dennoch meine Hoffnung, daß die Mehrzahl von Euch mein Schreiben bis zu Ende lesen und daß einige von Euch mir sogar in einzelnen Punkten zustimmen werden. Das wäre schon viel. Eine Einrichtung wie unser Kastalien, ein kleiner Staat des Geistes, ist inneren und äußeren Gefahren ausgesetzt. Die inneren Gefahren, oder doch manche von ihnen, sind uns bekannt und werden von uns beobachtet und bekämpft. Wir schicken immer wieder einzelne Schüler aus den Eliteschulen zurück, weil wir unausrottbare Eigenschaften und Triebe an ihnen entdecken, welche sie für unsere Gemeinschaft untauglich und gefährlich machen. Die meisten von ihnen, so hoffen wir, sind darum noch nicht Menschen minderen Wertes, sondern nur für das kastalische Leben ungeeignet und können nach der Rückkehr in die Welt ihnen gemäßere Lebensbedingungen finden und tüchtige Männer werden. Unsre Praxis hat sich in dieser Hinsicht bewährt, und im großen ganzen kann man von unserer Gemeinschaft sagen, daß sie auf ihre Würde und Selbstzucht hält und ihrer Aufgabe genügt, eine Oberschicht, einen Adelsstand des Geistes darzustellen und immer neu heranzubilden. Wir haben vermutlich nicht mehr an Unwürdigen und Lässigen unter uns leben, als natürlich und erträglich ist. Schon weniger einwandfrei steht es bei uns mit dem Ordensdünkel, dem Standeshochmut, zu welchem jeder Adel, jede privilegierte Stellung verführt und welche denn auch jedem Adel, bald mit, bald ohne Berechtigung, vorgeworfen zu werden pflegt. In der Gesellschaftsgeschichte geht es stets um den Versuch der Adelsbildung, sie ist deren Spitze und Krone, und irgendeine Art von Aristokratie, von Herrschaft der Besten, scheint das eigentliche, wenn auch nicht immer zugegebene Ziel und Ideal aller Versuche der Gesellschaftsbildung zu sein. Stets hat die Macht, sei es eine monarchische oder eine anonyme, sich bereit finden lassen, einen entstehenden Adel durch Protektion und Privilegien zu fördern, sei es nun ein politischer oder ein anderer Adel, einer der Geburt oder einer der Auslese und Erziehung. Stets ist der begünstigte Adel unter dieser Sonne erstarkt, stets ist ihm das Stehen in der Sonne und das Privilegiertsein aber von einer gewissen Entwicklungsstufe an zur Versuchung geworden und hat zu seiner Korruption geführt. Wenn wir unseren Orden nun als Adel betrachten und uns daraufhin zu prüfen versuchen, wieweit unser Verhalten zum Ganzen des Volkes und der Welt unsere Sonderstellung rechtfertige, wieweit etwa die charakteristische Adelskrankheit, die Hybris, der Dünkel, der Standeshochmut, die Besserwisserei, das undankbare Nutznießertum, uns schon ergriffen habe und beherrsche, dann können uns manche Bedenken kommen. Es mag dem heutigen Kastalier an Gehorsam gegen die Ordensgesetze, an Fleiß, an kultivierter Geistigkeit nicht fehlen; aber fehlt es ihm nicht oft recht sehr an Einsicht in seine Einordnung in das Volksgefüge, in die Welt, in die Weltgeschichte? Hat er ein Bewußtsein vom Fundament seiner Existenz, weiß er sich als Blatt, als Blüte, Zweig oder Wurzel einem lebenden Organismus angehören, ahnt er etwas von den Opfern, die das Volk ihm bringt, indem es ihn ernährt und kleidet und ihm seine Schulung und seine mannigfachen Studien ermöglicht? Und kümmert er sich viel um den Sinn unsrer Existenz und Sonderstellung, hat er eine wirkliche Vorstellung vom Zweck unseres Ordens und Lebens? Ausnahmen zugegeben, viele und rühmliche Ausnahmen – ich neige dazu, auf alle diese Fragen nein zu antworten. Der Durchschnittskastalier betrachtet den Weltmann und Ungelehrten vielleicht ohne Verachtung, ohne Neid, ohne Gehässigkeit, aber er betrachtet ihn nicht als Bruder, er sieht in ihm nicht seinen Brotgeber, noch fühlt er sich im geringsten mitverantwortlich für das, was da draußen in der Welt geschieht. Zweck seines Lebens scheint ihm die Pflege der Wissenschaften um ihrer selbst willen oder auch nur das genußvolle Spazierengehen im Garten einer Bildung, die sich gern als eine universale gebärdet, ohne es doch so ganz zu sein. Kurz, diese kastalische Bildung, eine hohe und edle Bildung, gewiß, der ich tief dankbar bin, ist in den meisten ihrer Besitzer und Vertreter nicht Organ und Instrument, nicht aktiv und auf Ziele gerichtet, nicht bewußt einem Größeren oder Tieferen dienstbar, sondern neigt ein wenig zum Selbstgenuß und Selbstlob, zur Ausbildung und Hochzüchtung geistiger Spezialitäten. Ich weiß, daß es eine große Anzahl integrer und höchst wertvoller Kastalier gibt, welche wirklich nichts als dienen wollen, es sind die bei uns erzogenen Lehrer, namentlich jene, welche draußen im Lande, fern von dem angenehmen Klima und den geistigen Verwöhnungen unsrer Provinz, an den weltlichen Schulen einen entsagungsreichen, aber unschätzbar wichtigen Dienst tun. Diese braven Lehrer dort draußen sind, ganz streng genommen, eigentlich die einzigen von uns, welche den Zweck Kastaliens wirklich erfüllen und durch deren Arbeit wir dem Lande und Volk das viele Gute heimzahlen, das es an uns tut. Daß unsre oberste und heiligste Aufgabe darin besteht, dem Lande und der Welt ihr geistiges Fundament zu erhalten, das sich auch als ein moralisches Element von höchster Wirksamkeit bewährt hat: nämlich den Sinn für die Wahrheit, auf dem unter andrem auch das Recht beruht – dies weiß zwar jeder von uns Ordensbrüdern sehr wohl, aber bei einiger Selbstprüfung müßten die meisten von uns sich gestehen, daß ihnen das Wohl der Welt, die Erhaltung der geistigen Redlichkeit und Reinlichkeit auch außerhalb unsrer so schön sauber gehaltenen Provinz durchaus nicht das Wichtigste, ja überhaupt nicht wichtig ist und daß wir jenen tapferen Lehrern dort draußen es ganz gern überlassen, durch ihre hingebende Arbeit unsre Schuld an die Welt abzutragen und uns Glasperlenspielern, Astronomen, Musikanten und Mathematikern den Genuß unsrer Privilegien gewissermaßen zu rechtfertigen. Mit dem schon besprochenen Hochmut und Kastengeist hängt es zusammen, daß wir uns nicht eben stark darum sorgen, ob wir unsre Privilegien auch durch Leistung verdienen, ja daß nicht wenige von uns sogar auf die ordensmäßige Enthaltsamkeit unserer materiellen Lebensführung sich etwas einbilden, als sei sie eine Tugend und werde rein um ihrer selbst willen geübt, während sie doch das Minimum an Gegenleistung dafür ist, daß das Land uns unser kastalisches Dasein ermöglicht. Ich begnüge mich mit dem Hinweis auf diese inneren Schäden und Gefahren, sie sind nicht unbedenklich, obwohl sie bei ruhigen Zeiten unsre Existenz noch lange nicht gefährden würden. Nun sind wir Kastalier aber nicht nur von unsrer Moral und Vernunft abhängig, sondern ganz wesentlich auch vom Zustand des Landes und dem Willen des Volkes. Wir essen unser Brot, benutzen unsre Bibliotheken, bauen unsre Schulen und Archive aus – aber wenn das Volk keine Lust mehr hat, uns dies zu ermöglichen, oder wenn das Land durch Verarmung, Krieg usw. dazu unfähig wird, dann ist es im selben Augenblick mit unsrem Leben und Studieren zu Ende. Daß unser Land sein Kastalien und unsre Kultur eines Tages als einen Luxus werde betrachten, den es sich nicht mehr erlauben könne, ja sogar daß es uns, statt wie bisher gutmütig stolz auf uns zu sein, eines Tages als Schmarotzer und Schädlinge, ja als Irrlehrer und Feinde empfinden werde – das sind die Gefahren, die uns von außen drohen. Wenn ich versuchen wollte, einem Durchschnittskastalier diese Gefahren vor Augen zu stellen, müßte ich es wohl vor allem durch Beispiele aus der Geschichte tun, und ich würde dabei auf einen gewissen passiven Widerstand, auf eine gewisse fast kindlich zu nennende Unwissenheit und Teilnahmslosigkeit stoßen. Das Interesse für Weltgeschichte ist bei uns Kastaliern, Ihr wisset es, äußerst schwach, ja es fehlt den meisten von uns nicht nur am Interesse, sondern sogar, möchte ich sagen, an Gerechtigkeit gegen die Historie, an Achtung vor ihr. Diese aus Gleichgültigkeit und Überhebung gemischte Abneigung gegen die Beschäftigung mit der Weltgeschichte hat mich des öfteren zur Untersuchung gereizt, und ich habe gefunden, daß sie zwei Ursachen hat. Erstens scheinen uns die Inhalte der Historie – ich spreche natürlich nicht von der Geistes- und Kulturgeschichte, die wir ja sehr pflegen – etwas minderwertig; die Weltgeschichte besteht, soweit wir eine Ahnung von ihr haben, aus brutalen Kämpfen um Macht, um Güter, um Länder, um Rohstoffe, um Geld, kurz um Materielles und Quantitatives, um Dinge, die wir als ungeistig und eher verächtlich ansehen. Für uns ist das siebzehnte Jahrhundert die Epoche von Descartes, Pascal, Froberger, Schütz, nicht die von Cromwell oder Ludwig XIV. Der zweite Grund unserer Scheu vor der Welthistorie besteht in unsrem ererbten und großenteils, wie ich meine, berechtigten Mißtrauen gegen eine gewisse Art der Geschichtsbetrachtung und Geschichtsschreibung, welche im Verfallszeitalter vor der Gründung unseres Ordens sehr beliebt war und zu der wir von vorneherein nicht das mindeste Zutrauen haben: der sogenannten Geschichtsphilosophie, deren geistvollste Blüte und zugleich gefährlichste Wirkung wir bei Hegel finden, die aber in dem auf ihn folgenden Jahrhundert bis zu der widerlichsten Geschichtsverfälschung und Demoralisierung des Wahrheitssinnes führte. Die Vorliebe für die sogenannte Geschichtsphilosophie gehört für uns zu den Hauptkennzeichen jener Epoche geistigen Tiefstandes und politischer Machtkämpfe größten Umfangs, die wir zuweilen das »kriegerische Jahrhundert,« meistens aber die »feuilletonistische Epoche« nennen. Auf den Trümmern jener Epoche, aus der Bekämpfung und Überwindung ihres Geistes – oder Ungeistes – entstand unsre jetzige Kultur, entstanden der Orden und Kastalien. Nun hängt es mit unsrem geistigen Hochmut zusammen, daß wir der Weltgeschichte, namentlich der neueren, beinahe so gegenüberstehen, wie etwa der Asket und Eremit des älteren Christentums dem Welttheater gegenüberstand. Die Geschichte scheint uns ein Tummelplatz der Triebe und der Moden, der Begehrlichkeit, der Habgier und Machtgier, der Mordlust, der Gewalt, der Zerstörungen und Kriege, der ehrgeizigen Minister, der gekauften Generäle, der zusammengeschossenen Städte, und wir vergessen allzu leicht, daß dies nur einer ihrer vielen Aspekte ist. Und wir vergessen vor allem, daß wir selber ein Stück Geschichte sind, etwas Gewordenes, und etwas, das zum Absterben verurteilt ist, wenn es die Fähigkeit zu weiterem Werden und Sichwandeln verliert. Wir sind selbst Geschichte und sind an der Weltgeschichte und unserer Stellung in ihr mitverantwortlich. Am Bewußtsein dieser Verantwortung fehlt es bei uns sehr. Werfen wir einen Blick auf unsre eigene Geschichte, auf die Zeiten der Entstehung der heutigen pädagogischen Provinzen, in unserem Lande wie in so manchem anderen, auf die Entstehung der verschiedenen Orden und Hierarchien, deren eine unser Orden ist, so sehen wir alsbald, daß unsre Hierarchie und Heimat, unser liebes Kastalien, keineswegs von Leuten gegründet wurde, welche sich zur Weltgeschichte so resigniert und so hochmütig verhielten wie wir. Unsre Vorgänger und Stifter begannen ihr Werk am Ende des kriegerischen Zeitalters in einer zerstörten Welt. Wir sind gewohnt, die Weltzustände jener Zeit, welche etwa mit dem ersten sogenannten Weltkriege begann, einseitig daraus zu erklären, daß eben damals der Geist nichts gegolten habe und für die gewaltigen Machthaber nur ein gelegentlich benutztes, untergeordnetes Kampfmittel gewesen sei, worin wir eine Folge der »feuilletonistischen« Korruption sehen. Nun, es ist leicht, die Ungeistigkeit und Brutalität festzustellen, mit welcher jene Machtkämpfe geführt wurden. Wenn ich sie ungeistig nenne, so tue ich es nicht, weil ich ihre gewaltigen Leistungen an Intelligenz und Methodik nicht sähe, sondern weil wir gewohnt sind und darauf halten, den Geist in erster Linie als Willen zur Wahrheit zu betrachten, und was an Geist in jenen Kämpfen verbraucht wurde, scheint allerdings mit dem Willen zur Wahrheit nichts gemein zu haben. Es war das Unglück jener Zeit, daß einer aus der ungeheuer raschen Vermehrung der Menschenzahl entstandenen Unruhe und Dynamik keine einigermaßen feste moralische Ordnung entgegenstand; was an Resten einer solchen übrig war, wurde durch die aktuellen Schlagworte verdrängt, und wir stoßen im Verlauf jener Kämpfe auf wunderliche und schreckliche Tatsachen. Ganz ähnlich wie bei der Kirchenspaltung durch Luther, vier Jahrhunderte früher, war plötzlich die ganze Welt von ungeheurer Unruhe erfüllt, überall bildeten sich Kampffronten, überall war plötzlich bittre Todfeindschaft zwischen jung und alt, zwischen Vaterland und Menschheit, zwischen Rot und Weiß, und wir Heutigen vermögen die Macht und innere Dynamik jenes »Rot« und »Weiß,« vermögen die eigentlichen Inhalte und Bedeutungen all jener Devisen und Kampfrufe überhaupt nicht mehr zu rekonstruieren, geschweige denn zu begreifen und mitzufühlen; ähnlich wie in Luthers Zeit sehen wir in ganz Europa, ja der halben Erde Gläubige und Ketzer, Junge und Alte, Verfechter des Gestrigen und Verfechter des Morgigen begeistert oder verzweifelt aufeinander loshauen, oft liefen die Fronten quer durch die Landkarten, Völker und Familien, und wir dürfen nicht daran zweifeln, daß für die Mehrzahl der Kämpfenden selbst, oder doch ihrer Führer, dies alles höchst sinnvoll war, so wie wir auch vielen der Anführer und Wortführer in jenen Kämpfen eine gewisse robuste Gutgläubigkeit, einen gewissen Idealismus, wie man es damals nannte, nicht absprechen dürfen. Es wurde überall gekämpft, getötet und zerstört, und überall auf beiden Seiten mit dem Glauben, man kämpfe für Gott gegen den Teufel. Bei uns ist jene wilde Zeit hoher Begeisterungen, wilden Hasses und ganz unsäglicher Leiden in eine Art von Vergessenheit gesunken, die man kaum begreift, weil sie doch so eng mit der Entstehung all unsrer Einrichtungen zusammenhängt und deren Voraussetzung und Ursache ist. Ein Satiriker könnte diese Vergessenheit vergleichen mit jener Vergeßlichkeit, welche geadelte und arrivierte Abenteurer für ihre Geburt und ihre Eltern haben. Wir wollen jene kriegerische Epoche noch ein wenig im Auge behalten. Ich habe manche ihrer Dokumente gelesen und mich dabei weniger für die unterworfenen Völker und zerstörten Städte interessiert als für das Verhalten der Geistigen in jener Zeit. Sie hatten es schwer, und die meisten haben nicht standgehalten. Es gab Märtyrer, sowohl unter den Gelehrten wie unter den Religiösen, und es ist ihr Martyrium und Vorbild selbst in jener an Greuel gewöhnten Zeit nicht ohne Wirkung geblieben. Immerhin – die meisten Vertreter des Geistes ertrugen den Druck jener Gewaltepoche nicht. Die einen ergaben sich und stellten ihre Gaben, Kenntnisse und Methoden den Machthabern zur Verfügung; bekannt ist der Ausspruch eines damaligen Hochschulprofessors in der Republik der Massageten: »Was zweimal zwei ist, hat nicht die Fakultät zu bestimmen, sondern unser Herr General.« Andre wieder machten Opposition, solange sie dies auf einem halbwegs geschützten Räume tun konnten, und erließen Proteste. Ein weltberühmter Autor soll damals – wir lesen es bei Ziegenhalß – in einem einzigen Jahre über zweihundert solche Proteste, Mahnungen, Appelle an die Vernunft usw. unterzeichnet haben, mehr vielleicht, als er wirklich gelesen hatte. Die meisten aber lernten das Schweigen, sie lernten auch das Hungern und Frieren, auch das Betteln und das Sichverbergen vor der Polizei, sie starben vorzeitig, und wer gestorben war, wurde von den Überlebenden darum beneidet. Unzählige haben Hand an sich gelegt. Es war wirklich kein Vergnügen und keine Ehre mehr, ein Gelehrter oder Literat zu sein: wer sich in den Dienst der Machthaber und der Schlagworte stellte, der hatte zwar Amt und Brot, aber auch die Verachtung der Besten unter seinen Kollegen und doch wohl meistens ein recht schlechtes. Gewissen; wer diesen Dienst verweigerte, mußte hungern, mußte vogelfrei leben und im Elend oder Exil sterben. Es wurde da eine grausame, eine unerhört harte Auslese veranstaltet. Nicht nur die Forschung, soweit sie nicht Macht- und Kriegszwecken dienstbar war, kam rasch in Verfall, sondern auch der Schulbetrieb. Vor allem die Weltgeschichte, von jeder der jeweils führenden Nationen ausschließlich auf sich selbst bezogen, wurde unendlich vereinfacht und umgedichtet, Geschichtsphilosophie und Feuilleton herrschten bis in die Schulen hinein. Genug der Einzelheiten. Es waren heftige und wilde Zeiten, chaotische und babylonische Zeiten, in welchen Völker und Parteien, Alt und Jung, Rot und Weiß einander nicht mehr verstanden. Das Ende davon war, nach genügender Ausblutung und Verelendung, die immer mächtigere Sehnsucht aller nach Besinnung, nach Wiederfindung einer gemeinsamen Sprache, nach Ordnung, nach Sitte, nach gültigen Maßen, nach einem Alphabet und Einmaleins, das nicht mehr von Machtinteressen diktiert und jeden Augenblick abgeändert würde. Es entstand ein ungeheures Bedürfnis nach Wahrheit und Recht, nach Vernunft, nach Überwindung des Chaos. Dieses Vakuum am Ende einer gewalttätigen und ganz nach außen gerichteten Epoche, diese unsäglich dringend und flehentlich gewordene Sehnsucht aller nach einem Neubeginn und einer Ordnung ist es gewesen, der wir unser Kastalien und unser Dasein verdanken. Die winzig kleine, tapfere, halbverhungerte, aber unbeugsam gebliebene Schar der wahrhaft Geistigen begann sich ihrer Möglichkeiten bewußt zu werden, begann in asketisch-heroischer Selbstzucht sich eine Ordnung und Konstitution zu geben, begann überall in kleinen und kleinsten Gruppen wieder zu arbeiten, aufzuräumen mit den Schlagworten, und ganz von unten auf wieder eine Geistigkeit, einen Unterricht, eine Forschung, eine Bildung aufzubauen. Der Bau ist gelungen, er ist aus seinen ärmlich-heldischen Anfängen langsam zu einem Prachtbau gewachsen, hat in einer Reihe von Generationen den Orden, die Erziehungsbehörde, die Eliteschulen, die Archive und Sammlungen, die Fachschulen und Seminare, das Glasperlenspiel geschaffen, und wir sind es, die heute als Erben und Nutznießer in dem beinahe allzu prachtvollen Gebäude wohnen. Und, es sei nochmals gesagt, wir wohnen darin als ziemlich ahnungslose und ziemlich bequem gewordene Gäste, wir wollen nichts mehr wissen von den ungeheuren Menschenopfern, über welchen unsre Grundmauern errichtet sind, nichts von den leidvollen Erfahrungen, deren Erben wir sind, und nichts von der Weltgeschichte, welche unseren Bau errichtet oder geduldet hat, welche uns trägt und duldet und vielleicht noch manche Kastalier und Magister nach uns Heutigen, welche aber einmal unsern Bau wieder stürzen und verschlingen wird, wie sie alles wieder stürzt und verschlingt, was sie hat wachsen lassen. Ich kehre aus der Historie zurück, und das Ergebnis, die Anwendung auf heute und auf uns ist diese: unser System und Orden hat den Höhepunkt der Blüte und des Glückes, welche das rätselhafte Spiel des Weltgeschehens zuweilen dem Schönen und Wünschenswerten gestattet, schon überschritten. Wir sind im Niedergang, der sich vielleicht noch sehr lange hinziehen kann, aber in jedem Falle kann uns nichts Höheres, Schöneres und Wünschenswerteres mehr zufallen, als was wir schon besessen haben, der Weg führt abwärts; wir sind geschichtlich, glaube ich, reif zum Abbau, und er wird unzweifelhaft erfolgen, nicht heut und morgen, aber übermorgen. Ich schließe dies nicht etwa nur aus einer allzu moralischen Beurteilung unserer Leistungen und Fähigkeiten, ich schließe es noch weit mehr aus den Bewegungen, die ich in der Außenwelt sich vorbereiten sehe. Es nähern sich kritische Zeiten, überall spürt man die Vorzeichen, die Welt will wieder einmal ihren Schwerpunkt verlegen. Machtverschiebungen bereiten sich vor, sie werden nicht ohne Krieg und Gewalt sich vollziehen, eine Bedrohung des Friedens nicht nur, sondern auch des Lebens und der Freiheit droht vom fernen Osten her. Mag unser Land und seine Politik sich neutral halten, mag unser ganzes Volk einstimmig (was es jedoch nicht tut) beim Bisherigen verharren und uns und den kastalischen Idealen treu bleiben wollen, es wird vergeblich sein. Schon jetzt sprechen manche unsrer Parlamentarier gelegentlich recht deutlich davon, daß Kastalien ein etwas teurer Luxus für unser Land sei. Sobald es zu ernstlichen kriegerischen Rüstungen, Rüstungen zur Abwehr nur, genötigt sein wird, und das kann bald geschehen, wird es zu großen Sparmaßnahmen kommen, und trotz aller Wohlgesinntheit der Regierung für uns wird ein großer Teil davon uns treffen. Wir sind stolz darauf, daß unser Orden und die Stetigkeit der geistigen Kultur, die er gewährleistet, vom Lande verhältnismäßig bescheidene Opfer verlangen. Im Vergleich mit andern Zeitaltern, namentlich der feuilletonistischen Frühzeit mit ihren üppig dotierten Hochschulen, ihren zahllosen Geheimräten und luxuriösen Instituten sind diese Opfer in der Tat nicht groß, und verschwindend klein sind sie verglichen mit denen, welche im kriegerischen Jahrhundert der Krieg und die Rüstung verschlang. Aber eben diese Rüstung wird vielleicht in Bälde wieder oberstes Gebot sein, im Parlament werden die Generäle wieder dominieren, und wenn das Volk vor die Wahl gestellt wird, Kastalien zu opfern oder sich der Gefahr von Krieg und Untergang auszusetzen, so wissen wir, wie es stimmen wird. Es wird alsdann auch ohne Zweifel sofort eine kriegerische Ideologie in Schwung kommen und namentlich die Jugend ergreifen, eine Schlagwort-Weltanschauung, nach welcher Gelehrte und Gelehrtentum, Latein und Mathematik, Bildung und Geistespflege nur soweit als lebensberechtigt gelten, als sie kriegerischen Zwecken zu dienen vermögen. Die Woge ist schon unterwegs, einmal wird sie uns wegspülen. Vielleicht wird das gut und notwendig sein. Vorerst aber steht uns, sehr zu verehrende Kollegen, nach dem Maß unserer Einsicht in das Geschehen, nach dem Maß unseres Erwachtseins und unsrer Tapferkeit jene beschränkte Freiheit des Entschließens und Handelns zu, welche dem Menschen gegönnt ist und welche die Weltgeschichte zur Menschengeschichte macht. Wir können, wenn wir wollen, die Augen schließen, denn die Gefahr ist noch einigermaßen fern; vermutlich werden wir, die wir heute Magister sind, alle noch m Ruhe zu Ende amten und uns in Ruhe zum Sterben legen können, ehe die Gefahr nahe kommt und allen sichtbar wird. Für mich jedoch, und wohl nicht für mich allein, würde diese Ruhe nicht die des guten Gewissens sein. Ich möchte nicht in Ruhe weiter mein Amt verwalten und Glasperlenspiele spielen, zufrieden damit, daß das Kommende ja wohl mich nicht mehr am Leben treffen werde. Nein, sondern mir scheint es notwendig, mich zu erinnern, daß auch wir Unpolitischen der Weltgeschichte angehören und sie machen helfen. Darum sagte ich am Eingang meines Schreibens, daß meine Amtstüchtigkeit geschmälert oder doch bedroht sei, denn ich kann nicht hindern, daß ein großer Teil meiner Gedanken und Sorgen durch die zukünftige Gefahr in Anspruch genommen ist. Ich versage es zwar meiner Phantasie, mit den Formen zu spielen, welche das Unheil für uns und mich etwa annehmen könnte. Aber ich kann mich der Frage nicht verschließen: was haben wir und was habe ich zu tun, um der Gefahr zu begegnen? Darüber sei mir noch ein Wort erlaubt. Den Anspruch Platons, daß der Gelehrte, vielmehr der Weise, im Staate zu herrschen habe, möchte ich nicht vertreten. Die Welt war damals jünger. Und Platon, obwohl der Stifter einer Art von Kastalien, ist keineswegs ein Kastalier gewesen, sondern ein geborener Aristokrat, von königlicher Herkunft. Auch wir sind zwar Aristokraten und bilden einen Adel, doch ist es einer des Geistes, nicht des Blutes. Ich glaube nicht daran, daß es den Menschen jemals gelingen werde, einen Blutadel zugleich mit dem geistigen Adel zu züchten, er wäre die ideale Aristokratie, sie bleibt aber ein Traum. Wir Kastalier sind, obwohl gesittete und ganz kluge Leute, zum Herrschen nicht geeignet; wir würden, wenn wir regieren müßten, es nicht mit der Kraft und Naivität tun, deren der echte Regent bedarf, auch würde dabei unser eigentliches Feld und unsre eigenste Sorge, die Pflege eines vorbildlichen geistigen Lebens, schnell vernachlässigt werden. Zum Herrschen braucht man keineswegs dumm und brutal zu sein, wie eitle Intellektuelle zuweilen meinten, wohl aber bedarf es zum Herrschen einer ungebrochenen Freude an einer nach außen gewendeten Aktivität, einer Leidenschaft des sich Identifizierens mit Zielen und Zwecken, und gewiß auch einer gewissen Raschheit und Unbedenklichkeit in der Wahl der Wege zum Erfolg. Lauter Eigenschaften also, welche ein Gelehrter – denn Weise wollen wir uns nicht nennen – nicht haben darf und nicht hat, denn für uns ist Betrachtung wichtiger als Tat, und in der Wahl der Mittel und Methoden, um zu unsern Zielen zu gelangen, haben wir ja gelernt, so skrupulös und mißtrauisch wie nur möglich zu sein. Also wir haben nicht zu regieren und haben nicht Politik zu machen. Wir sind Fachleute des Untersuchens, Zerlegens und Messens, wir sind die Erhalter und beständigen Nachprüfer aller Alphabete, Einmaleinse und Methoden, wir sind die Eichmeister der geistigen Maße und Gewichte. Gewiß sind wir auch noch vieles andre, können unter Umständen auch Neuerer, Entdecker, Abenteurer, Eroberer und Umdeuter sein, unsre erste und wichtigste Funktion aber, derentwegen das Volk unser bedarf und uns erhält, ist jene Sauberhaltung aller Wissensquellen. Es kann im Handel, in der Politik und wo immer vielleicht gelegentlich eine Leistung und Genialität bedeuten, aus einem U ein X zu machen, bei uns aber niemals. In früheren Epochen verlangte man bei aufgeregten, sogenannten »großen« Zeiten, bei Krieg und Umsturz, gelegentlich von den Intellektuellen, sie sollten sich politisieren. Namentlich im spätfeuilletonistischen Zeitalter war dies der Fall. Zu seinen Forderungen gehörte auch die nach der Politisierung oder Militarisierung des Geistes. So wie die Kirchenglocken zum Guß von Kanonenrohren, wie die noch unreife Schuljugend zum Nachfüllen der dezimierten Truppen, so sollte der Geist als Kriegsmittel beschlagnahmt und verbraucht werden. Natürlich können wir diese Forderung nicht anerkennen. Daß ein Gelehrter im Notfall vom Katheder oder Studiertisch weggeholt und zum Soldaten gemacht werde, auch daß er unter Umständen sich freiwillig dazu melde, daß ferner in einem vom Krieg ausgesogenen Lande der Gelehrte sich in allem Materiellen bis zum Äußersten und bis zum Hunger zu bescheiden habe, darüber ist kein Wort zu verlieren. Je höher die Bildung eines Menschen, je größer die Privilegien, die er genoß, desto größer sollen im Fall der Not die Opfer sein, die er bringt; wir hoffen, dies werde einst jedem Kastalier selbstverständlich sein. Wenn wir aber bereit sind, unser Wohlsein, unsre Bequemlichkeit, unser Leben dem Volk zu opfern, wenn es in Gefahr ist, so schließt das nicht mit ein, daß wir den Geist selbst, die Tradition und Moral unsrer Geistigkeit, den Interessen des Tages, des Volkes oder der Generäle zu opfern bereit wären. Ein Feigling, wer sich den Leistungen, Opfern und Gefahren entzieht, die sein Volk zu bestehen hat. Aber ein Feigling und Verräter nicht minder, wer die Prinzipien des geistigen Lebens an materielle Interessen verrät, wer also z. B. die Entscheidung darüber, was zweimal zwei sei, den Machthabern zu überlassen bereit ist! Den Sinn für die Wahrheit, die intellektuelle Redlichkeit, die Treue gegen die Gesetze und Methoden des Geistes irgendeinem andern Interesse opfern, auch dem des Vaterlands, ist Verrat. Wenn im Kampf der Interessen und Schlagworte die Wahrheit in Gefahr kommt, ebenso entwertet, entstellt und vergewaltigt zu werden wie der Einzelmensch, wie die Sprache, wie die Künste, wie alles Organische und kunstvoll Hochgezüchtete, dann ist es unsre einzige Pflicht, zu widerstreben und die Wahrheit, das heißt das Streben nach Wahrheit, als unsern obersten Glaubenssatz zu retten. Der Gelehrte, der als Redner, als Autor, als Lehrer wissentlich das Falsche sagt, wissentlich Lügen und Fälschungen unterstützt, handelt nicht nur gegen organische Grundgesetze, er tut außerdem, jedem aktuellen Anschein zum Trotz, seinem Volke keinen Nutzen, sondern schweren Schaden, er verdirbt ihm Luft und Erde, Speise und Trank, er vergiftet das Denken und das Recht und hilft allem Bösen und Feindlichen, das dem Volke Vernichtung droht. Der Kastalier soll also nicht Politiker werden; er soll zwar im Notfall seine Person, niemals aber die Treue gegen den Geist opfern. Geist ist wohltätig und edel nur im Gehorsam gegen die Wahrheit; sobald er sie verrät, sobald er die Ehrfurcht ablegt, käuflich und beliebig biegsam wird, ist er das Teuflische in Potenz, ist sehr viel schlimmer als die animalische, triebhafte Bestialität, welche immer noch etwas von der Unschuld der Natur behält. Ich überlasse es jedem von Ihnen, verehrte Kollegen, sich seine Gedanken darüber zu machen, worin die Pflichten des Ordens bestehen, wenn das Land und der Orden selbst gefährdet sind. Es wird da verschiedene Auffassungen geben. Auch ich habe die meinige, und im vielen Erwägen aller hier angeregten Fragen bin ich für meine Person zu einer klaren Vorstellung dessen gekommen, was für mich Pflicht und erstrebenswert sei. Dies nun führt mich zu einem persönlichen Gesuch an die verehrliche Behörde, mit welchem mein Memorandum schließen soll. Von den Magistern, aus welchen unsre Behörde besteht, stehe ich als Magister Ludi wohl meinem Amte nach der Außenwelt am fernsten. Der Mathematiker, der Philologe, der Physiker, der Pädagoge und alle anderen Magister arbeiten auf Gebieten, welche sie mit der profanen Welt gemein haben; auch in den nichtkastalischen, den gewöhnlichen Schulen unsres und jedes Landes bilden Mathematik und Sprachlehre die Grundlagen des Unterrichts, auch an den weltlichen Hochschulen wird Astronomie, Physik, auch von völlig Ungelehrten wird Musik getrieben; alle diese Disziplinen sind uralt, viel älter als unser Orden, sie waren lange vor ihm da und werden ihn überleben. Einzig das Glasperlenspiel ist unsre eigene Erfindung, unsre Spezialität, unser Liebling, unser Spielzeug, es ist der letzte differenzierteste Ausdruck unsrer speziell kastalischen Art von Geistigkeit. Es ist zugleich das kostbarste und das unnützeste, das geliebteste und zugleich das zerbrechlichste Kleinod in unserem Schatz. Es ist das erste, das zugrunde gehen wird, wenn der Fortbestand von Kastalien in Frage gestellt wird; nicht nur, weil es in sich das gebrechlichste unserer Besitztümer ist, sondern auch schon, weil es für die Laien ohne Zweifel das entbehrlichste Stück von Kastalien ist. Wenn es sich darum handeln wird, jede entbehrliche Ausgabe dem Lande zu ersparen, so wird man die Eliteschulen einschränken, die Fonds zur Erhaltung und Vermehrung der Bibliotheken und Sammlungen kürzen und schließlich streichen, unsre Mahlzeiten reduzieren, unsre Kleidung nicht mehr erneuern, aber man wird sämtliche Hauptdisziplinen unsrer Universitas Litterarum fortbestehen lassen, nur nicht das Glasperlenspiel. Mathematik braucht man auch, um neue Schußwaffen zu erfinden, aber daß aus der Schließung des Vicus Lusorum und der Abschaffung unsres Spieles dem Land und Volke der geringste Schaden erwachsen könne, wird niemand glauben, am wenigsten die Militärs. Das Glasperlenspiel ist der extremste und gefährdetste Teil unsres Gebäudes. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß es gerade der Magister Ludi, der Vorsteher unsrer weltfremdesten Disziplin, ist, der die kommenden Erdbeben als erster vorausfühlt oder dies Gefühl doch als erster vor der Behörde ausspricht. Also ich betrachte für den Fall politischer und namentlich kriegerischer Umwälzungen das Glasperlenspiel als verloren. Es wird rasch verkommen, auch wenn noch so viele Einzelne ihm die Anhänglichkeit bewahren, und es wird nicht wiederhergestellt werden. Die Atmosphäre, die einer neuen Kriegsepoche folgen wird, wird es nicht dulden. Es wird ebenso verschwinden wie gewisse höchstkultivierte Gepflogenheiten in der Geschichte der Musik, etwa die Chöre von Berufssängern um 1600 oder die sonntäglichen Figuralmusiken in den Kirchen um 1700. Damals sind von Menschenohren Klänge gehört worden, die keine Wissenschaft und kein Zauber in ihrer engelhaft strahlenden Reinheit zurückbeschwören können. Und so wird auch das Glasperlenspiel nicht vergessen werden, aber unwiederbringlich sein, und die, welche alsdann seine Geschichte, sein Entstehen, seine Blüte und sein Ende studieren, werden seufzen und uns darum beneiden, daß wir in einer so friedlichen, so gepflegten, so reingestimmten geistigen Welt haben leben dürfen. Obwohl ich nun Magister Ludi bin, halte ich es keineswegs für meine (oder unsre) Aufgabe, das Ende unsres Spieles zu verhindern oder hinauszuschieben. Auch das Schöne und Schönste ist vergänglich, sobald es Geschichte und Erscheinung auf Erden geworden ist. Wir wissen es und können darüber Wehmut empfinden, aber nicht im Ernst es zu ändern versuchen; denn es ist unabänderlich. Wenn das Glasperlenspiel zu Fall kommt, wird Kastalien und wird die Welt einen Verlust erleiden, aber sie wird ihn im Augenblick kaum empfinden, so sehr wird sie in der großen Krise damit beschäftigt sein, das zu retten, was noch zu retten ist. Es ist ein Kastalien ohne Glasperlenspiel denkbar, aber nicht ein Kastalien ohne Ehrfurcht vor der Wahrheit, ohne Treue gegen den Geist. Eine Erziehungsbehörde kann ohne Magister Ludi auskommen. Aber dieses »Magister Ludi« bedeutet ja, was wir beinah vergessen haben, ursprünglich und wesentlich nicht die Spezialität, die wir mit dem Wort bezeichnen. Magister Ludi bedeutet ursprünglich ganz einfach Schulmeister. Und der Schulmeister, der guten und tapferen Schulmeister, wird unser Land desto mehr bedürfen, je gefährdeter Kastalien ist und je mehr von seinen Kostbarkeiten überständig werden und abbröckeln. Lehrer brauchen wir nötiger als alles andre, Männer, die der Jugend die Fähigkeit des Messens und Urteilens beibringen und ihr Vorbilder sind in der Ehrfurcht vor der Wahrheit, im Gehorsam gegen den Geist, im Dienst am Wort. Und das gilt nicht allein und nicht zuerst für unsre Eliteschulen, deren Existenz ja auch einmal ein Ende haben wird, sondern es gilt für die weltlichen Schulen draußen, wo die Bürger und Bauern, die Handwerker und Soldaten, die Politiker, Offiziere und Herrscher erzogen und gebildet werden, solange sie noch Kinder und bildsam sind. Dort ist die Basis des geistigen Lebens im Lande, nicht in den Seminaren oder im Glasperlenspiel. Wir haben stets das Land mit Lehrern und Erziehern versorgt, ich sagte es schon: sie sind die besten von uns. Wir müssen aber weit mehr tun, als bisher geschehen ist. Wir dürfen uns nicht mehr darauf verlassen, daß aus den Schulen draußen uns ja immer wieder die Elite der Begabten zuströmt und unser Kastalien erhalten hilft. Wir müssen den demütigen, an Verantwortung schweren Dienst an den Schulen, den weltlichen Schulen, immer mehr als den wichtigsten und ehrenvollsten Teil unserer Aufgabe erkennen und ausbauen. Damit bin ich nun auch bei dem persönlichen Gesuch angelangt, das ich an die verehrliche Behörde richten möchte. Ich bitte hiermit die Behörde, mich meines Amtes als Magister Ludi zu entheben und mir draußen im Lande eine gewöhnliche Schule anzuvertrauen, eine große oder kleine, und mir zu erlauben, an diese Schule allmählich einen Stab von jungen Ordensbrüdern als Lehrer mir nachzuziehen, Leute, zu welchen ich das Vertrauen habe, daß sie mir treulich helfen werden, unsre Grundsätze in jungen Weltmenschen zu Fleisch und Blut werden zu lassen. Es möge der verehrlichen Behörde belieben, mein Gesuch und dessen Begründung mit Wohlwollen zu prüfen und mir alsdann ihre Befehle zuzustellen. Nachschrift: Man erlaube mir, ein Wort des verehrten Pater Jakobus anzuführen, das ich mir bei einem seiner unvergeßlichen Privatissima notiert habe: »Es können Zeiten des Schreckens und tiefsten Elends kommen. Wenn aber beim Elend noch ein Glück sein soll, so kann es nur ein geistiges sein, rückwärts gewandt zur Rettung der Bildung früherer Zeit, vorwärts gewandt zur heitern und unverdrossenen Vertretung des Geistes in einer Zeit, die sonst gänzlich dem Stoff anheimfallen könnte.« Tegularius wußte nicht, wie wenig in diesem Schriftstück von seiner Arbeit übriggeblieben war; er hat es in dieser seiner letzten Fassung nicht zu sehen bekommen. Wohl aber hat ihm Knecht zwei frühere, viel ausführlichere Fassungen zu lesen gegeben. Er sandte das Schreiben ab und wartete auf die Antwort der Behörde mit weit geringerer Ungeduld als sein Freund. Er war zum Entschluß gekommen, diesen nicht fernerhin zum Mitwisser seiner Schritte zu machen; so verwies er ihm ein weiteres Bereden der Angelegenheit und deutete nur an, daß ohne Zweifel bis zum Eintreffen einer Antwort eine lange Zeit vergehen werde. Und als sodann in kürzerer Frist, als er selbst gedacht hätte, diese Antwort einlief, erfuhr Tegularius nichts davon. Das Schreiben aus Hirsland lautete: Hochgeschätzter Kollege! Mit nicht gewöhnlichem Interesse hat sowohl die Ordensleitung wie das Magisterkollegium von Eurem so warmherzigen wie geistvollen Rundschreiben Kenntnis genommen. Die historischen Rückblicke in diesem Schreiben nicht weniger als dessen sorgenvolle Blicke in die Zukunft haben unsre Aufmerksamkeit gefesselt, und gewiß wird mancher von uns diesen aufregenden und gewiß zum Teil nicht unberechtigten Erwägungen noch weiterhin Raum in seinen Gedanken gewähren, um Nutzen aus ihnen zu ziehen. Mit Freude und Anerkennung haben wir alle die Gesinnung erkannt, welche Euch beseelt, die Gesinnung eines echten und selbstlosen Kastaliertums, einer innigen und zur zweiten Natur gewordenen Liebe zu unsrer Provinz und deren Leben und Sitten, einer besorgten und zur Zeit etwas beängstigten Liebe. Mit Freude und Anerkennung nicht minder lernten wir die persönliche und momentane Note und Stimmung dieser Liebe kennen, ihre Opferbereitschaft, ihren Tätigkeitsdrang, ihren Ernst und Eifer und ihren Zug zum Heldischen. In allen diesen Zügen erkennen wir den Charakter unsres Glasperlenspielmeisters wieder, seine Tatkraft, sein Feuer, seinen Wagemut. Wie sehr paßt es doch zu ihm, dem Schüler des berühmten Benediktiners, daß er die Historie nicht zu rein gelehrtem Endzweck und gewissermaßen in ästhetischem Spiel als affektloser Betrachter studieren mag, sondern daß seine Geschichtskenntnis unmittelbar zur Anwendung auf den Augenblick, zur Tat, zur Hilfsbereitschaft drängt! Und wie sehr auch, verehrter Kollege, entspricht es diesem Eurem Charakter, daß das Ziel Eurer persönlichen Wünsche ein so bescheidenes ist, daß Ihr Euch nicht zu politischen Aufgaben und Missionen, zu einflußreichen und ehrenvollen Posten hingezogen fühlet, sondern nichts andres zu sein begehret als ein Ludi Magister, ein Schulmeister! Dies sind einige der Eindrücke und Gedanken, welche schon beim ersten Lesen Eures Rundschreibens sich ungesucht einstellten. Sie sind bei den meisten Kollegen dieselben oder doch ähnliche gewesen. In der weiteren Beurteilung Eurer Mitteilungen, Mahnungen und Bitten hingegen vermochte die Behörde zu einer so einmütigen Stellungnahme nicht zu gelangen. In der darüber abgehaltenen Sitzung wurde namentlich die Frage, wieweit Eure Ansicht von der Bedrohtheit unsrer Existenz annehmbar sei, sowie die Frage nach der Art, dem Umfang und der etwaigen zeitlichen Nähe der Gefahren lebhaft besprochen, und der größere Teil der Mitglieder hat diese Fragen sichtlich ernst genommen und sich für sie erwärmt. Doch hat sich, wie wir Euch mitteilen müssen, in keiner dieser Fragen eine Mehrheit der Stimmen zugunsten Eurer Auffassung ergeben. Anerkannt wurden lediglich die Vorstellungskraft und der Weitblick Eurer historisch-politischen Betrachtungen, im einzelnen aber wurde keine Eurer Vermutungen, oder sollen wir sagen Prophezeiungen, in ihrem vollen Umfang gebilligt und als überzeugend angenommen. Auch in der Frage, wieweit der Orden und die kastalische Ordnung an der Erhaltung der ungewöhnlich langen Friedensperiode mitbeteiligt seien, ja wieweit sie überhaupt und grundsätzlich als Faktoren der politischen Geschichte und Zustände gelten könnten, wurde Euch nur von wenigen, und auch da mit Vorbehalten, zugestimmt. Es sei, so etwa lautete die Meinung der Majorität, die nach Ablauf der kriegerischen Epochen in unsrem Erdteil eingetretene Ruhe zum Teil der allgemeinen Erschöpfung und Ausblutung als Folge der vorangegangenen furchtbaren Kriege zuzuschreiben, weit mehr aber noch dem Umstande, daß damals das Abendland aufgehört habe, Brennpunkt der Weltgeschichte und Kampfplatz der Hegemonieansprüche zu sein. Ohne die Verdienste des Ordens im mindesten in Zweifel zu ziehen, könne man dem kastalischen Gedanken, dem Gedanken einer hohen Geistesbildung unter dem Zeichen kontemplativer Seelenzucht, eine eigentlich geschichtsbildende Kraft, das heißt einen lebendigen Einfluß auf die politischen Weltzustände nicht zuerkennen, wie denn ein Antrieb und Ehrgeiz dieser Art dem ganzen Charakter des kastalischen Geistes denkbar fernliege. Es sei, so wurde in einigen sehr ernsten Ausführungen zum Thema betont, weder der Wille, noch sei es die Bestimmung Kastaliens, politisch zu wirken und auf Frieden und Krieg Einfluß zu nehmen, und es könne von solcher Bestimmung schon darum nicht die Rede sein, weil alles Kastalische sich auf die Vernunft beziehe und sich innerhalb des Vernünftigen abspiele, was doch wohl von dr Weltgeschichte nicht gesagt werden könne, es sei denn, man falle in die theologisch-dichterischen Schwärmereien der romantischen Geschichtsphilosophie zurück und erkläre den ganzen Mord- und Vernichtungsapparat der Mächte, welche die Geschichte machen, als Methoden der Weltvernunft. Auch sei es ja schon bei flüchtigstem Überblick über die Geistesgeschichte einleuchtend, daß die hohen Blütezeiten des Geistes sich im Grunde niemals aus den politischen Zuständen erklären ließen, vielmehr die Kultur oder der Geist oder die Seele ihre eigene Geschichte habe, welche neben der sogenannten Weltgeschichte, das heißt den nie ruhenden Kämpfen um die materielle Macht, wie eine zweite, heimliche, unblutige und heilige Geschichte einherlaufe. Einzig mit dieser heiligen und heimlichen, nicht mit der »wirklichen« brutalen Weltgeschichte habe unser Orden es zu tun, und niemals könne es seine Aufgabe sein, die politische Geschichte zu bewachen oder gar sie machen zu helfen. Es möge nun also die weltpolitische Konstellation wirklich so sein, wie Euer Rundschreiben sie andeutet, oder nicht, in jedem Falle stehe es dem Orden nicht zu, anders als abwartend und duldend dazu Stellung zu nehmen. Und so wurde, gegen einige Stimmen, Eure Meinung, wir sollten diese Konstellation als einen Aufruf zu aktiver Stellungnahme betrachten, von der Majorität entschieden abgelehnt. Was Eure Auffassung der heutigen Weltlage und Eure Andeutungen über die nächste Zukunft betrifft, so haben sie zwar sichtlich auf die Mehrzahl der Kollegen einen gewissen Eindruck gemacht, auf einige der Herren sogar wie eine Sensation gewirkt, doch konnte auch in diesem Punkte, so sehr die meisten Redner ihren Respekt vor Euren Kenntnissen und Eurem Scharfsinn bezeugten, eine Übereinstimmung der Mehrheit mit Euch nicht festgestellt werden, im Gegenteil. Es herrschte vielmehr die Neigung vor, Eure Äußerungen hierüber zwar als bemerkenswert und in hohem Maße interessant, jedoch als übertrieben pessimistisch zu beurteilen. Es meldete sich auch eine Stimme, welche fragte, ob es denn nicht gefährlich, ja frevelhaft, zumindest aber als leichtsinnig zu bezeichnen sei, wenn ein Magister es unternimmt, seine Behörde durch so düstere Bilder angeblich nahender Gefahren und Prüfungen zu erschrecken. Gewiß sei eine gelegentliche Mahnung an die Vergänglichkeit aller Dinge erlaubt, und müsse jedermann, und gar jeder auf hohem und verantwortlichen Posten Stehende, sich je und je das Memento mori zurufen; so verallgemeinernd jedoch und nihilistisch dem gesamten Stande der Magister, dem gesamten Orden, der gesamten Hierarchie ein angeblich nahe bevorstehendes Ende zu verkündigen, sei nicht nur eine unwürdige Attacke auf die Seelenruhe und Phantasie der Kollegen, es sei auch eine Gefährdung der Behörde selbst und ihrer Leistungsfähigkeit. Unmöglich könne die Tätigkeit eines Magisters dadurch gewinnen, daß er jeden Morgen an seine Arbeit gehe mit dem Gedanken, daß sein Amt, seine Arbeit, seine Schüler, seine Verantwortlichkeit vor dem Orden, sein Leben für und in Kastalien – daß dies alles morgen oder übermorgen dahin und nichtig sein werde. Wenn auch diese Stimme nicht von der Mehrheit bekräftigt wurde, so fand sie doch einigen Beifall. Wir halten unsre Mitteilung kurz, stehen aber für mündliche Aussprache zur Verfügung. Aus unsrer knappen Wiedergabe sehet Ihr ja schon, Verehrenswerter, daß Euer Rundschreiben nicht jene Wirkung getan hat, welche Ihr Euch von ihm möget versprochen haben. Zum größern Teil beruht der Mißerfolg wohl auf sachlichen Gründen, auf tatsächlichen Differenzen zwischen Euren derzeitigen Ansichten und Wünschen und denen der Mehrheit. Doch sprechen auch formale Gründe mit. Wenigstens will uns scheinen, es wäre eine direkte mündliche Auseinandersetzung zwischen Euch und den Kollegen wesentlich harmonischer und positiver verlaufen. Und nicht nur diese Form einer schriftlichen Rundfrage ist, so glauben wir, Eurem Anliegen hinderlich gewesen; noch viel mehr war es die in unsrem Verkehr sonst nicht übliche Verbindung einer kollegialen Mitteilung mit einem persönlichen Anliegen, einem Gesuch. Die meisten sehen in dieser Verquickung einen unglücklichen Neuerungsversuch, einige bezeichneten sie direkt als unstatthaft. Damit kommen wir zum heikelsten Punkt Eurer Angelegenheit, zu Eurem Gesuch um Amtsentlassung und um Verwendung Eurer Person im weltlichen Schuldienst. Daß die Behörde auf ein so abrupt gestelltes und so eigenartig begründetes Gesuch nicht eingehen, daß sie es unmöglich gutheißen und annehmen kann, hätte der Gesuchsteller von vornherein wissen müssen. Selbstverständlich beantwortet die Behörde es mit Nein. Was würde aus unsrer Hierarchie, wenn es nicht mehr der Orden und der Auftrag der Behörde wäre, der jeden an seinen Platz stellt! Was würde aus Kastalien, wenn jeder seine Person, seine Gaben und Eignungen selber einschätzen und sich seinen Posten danach aussuchen wollte! Wir empfehlen dem Glasperlenspielmeister, hierüber einige Augenblicke nachzudenken, und tragen ihm auf, das ehrenvolle Amt weiter zu verwalten, mit dessen Führung wir ihn betraut haben. Damit wäre Eure Bitte um Antwort auf Euer Schreiben erfüllt. Wir konnten nicht die Antwort geben, die Ihr möget erhofft haben. Doch möchten wir auch unsre Anerkennung für den anregenden und mahnenden Wert Eures Dokumentes nicht verschweigen. Wir rechnen darauf, uns über dessen Inhalt noch mündlich mit Euch zu unterhalten, und zwar bald, denn wenn auch die Ordensleitung sich auf Euch verlassen zu können glaubt, ist ihr dennoch jener Punkt Eures Schriftstückes, an dem Ihr von einer Verminderung oder Gefährdung Eurer Eignung zur ferneren Amtsführung sprechet, ein Grund zur Besorgnis. Knecht las das Schreiben ohne besondere Erwartungen, aber mit größter Aufmerksamkeit. Daß man bei der Behörde »Grund zur Besorgnis« habe, hatte er sich wohl denken können, und außerdem glaubte er es aus einem bestimmten Anzeichen schließen zu müssen. Es war neulich im Spielerdorf ein Gast aus Hirsland erschienen mit regulärem Ausweis und einer Empfehlung von der Ordensleitung, er hatte um Gastrecht für einige Tage gebeten, angeblich zu Arbeiten in Archiv und Bibliothek, hatte auch darum ersucht, gastweise einige Vorlesungen Knechts mithören zu dürfen, war still und aufmerksam, ein schon älterer Mann, in fast allen Abteilungen und Räumen der Siedlung aufgetaucht, hatte sich nach Tegularius erkundigt und mehrmals den in der Nähe wohnenden Direktor der Waldzeller Eliteschule aufgesucht; es konnte kaum ein Zweifel herrschen, der Mann war ein Beobachter, abgesandt, um festzustellen, wie es im Spielerdorf stehe, ob Vernachlässigung zu spüren sei, ob der Magister gesund und auf dem Posten, die Beamtenschaft fleißig, die Schülerschaft nicht etwa beunruhigt sei. Eine volle Woche war er dageblieben, von Knechts Vorlesungen hatte er keine versäumt, sein Beobachten und seine stille Allgegenwärtigkeit war zweien der Beamten aufgefallen. Den Bericht dieses Spähers hatte also die Ordensleitung noch abgewartet, ehe sie ihre Antwort an den Magister gesandt hatte. Was war nun von dem Antwortschreiben zu halten, und wer mochte sein Verfasser sein? Der Stil verriet ihn nicht, es war der gangbare, unpersönliche Behördenstil, wie der Anlaß ihn forderte. Bei zarterem Abtasten ergab jedoch das Schreiben mehr an Eigenart und Persönlichkeit, als man beim ersten Lesen vermutet hätte. Die Grundlage des ganzen Dokumentes war hierarchischer Ordensgeist, Gerechtigkeit und Ordnungsliebe. Man konnte deutlich sehen, wie unwillkommen, unbequem, ja lästig und ärgerniserweckend Knechts Gesuch gewirkt hatte, seine Ablehnung war sicher vom Verfasser dieser Antwort schon bei der ersten Kenntnisnahme und unbeeinflußt von den Urteilen anderer beschlossen worden. Dagegen stand dem Unwillen und der Abwehr doch eine andre Bewegung und Stimmung entgegen, eine spürbare Sympathie, ein Betonen aller milden und freundschaftlichen Urteile und Äußerungen, die in der Sitzung über Knechts Gesuch gefallen waren. Knecht zweifelte nicht daran, daß Alexander, der Vorstand der Ordensleitung, der Verfasser der Antwort sei. Wir haben hier das Ende unseres Weges erreicht und hoffen, alles Wesentliche von Josef Knechts Lebenslauf berichtet zu haben. Über das Ende dieses Lebenslaufes wird ein späterer Biograph ohne Zweifel noch manche Einzelheit feststellen und mitteilen können. Wir verzichten darauf, eine eigene Darstellung von des Magisters letzten Tagen zu geben, wir wissen über sie nicht mehr als jeder Waldzeller Student und könnten es auch nicht besser machen als die »Legende vom Glasperlenspielmeister,« welche bei uns in vielen Abschriften zirkuliert und vermutlich ein paar bevorzugte Schüler des Dahingegangenen zu Verfassern hat. Diese Legende möge unser Buch beschließen. |
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