"Das Glasperlenspiel" - читать интересную книгу автора (Hesse Hermann)VorbereitungenEs war Knecht gelungen, das Eis zu brechen, ein lebendiger und für beide erfrischender Verkehr und Austausch begann zwischen ihm und Designori. Dieser Mann, der seit langen Jahren in resignierender Melancholie gelebt hatte, mußte seinem Freunde recht geben: es war in der Tat die Sehnsucht nach Heilung, nach Helligkeit, nach kastalischer Heiterkeit gewesen, was ihn nach der pädagogischen Provinz zurückgezogen hatte. Er kam nun des öfteren auch ohne Kommission und Amtsgeschäfte, von Tegularius mit eifersüchtigem Mißtrauen beobachtet, und bald wußte Magister Knecht über ihn und sein Leben alles, was er brauchte. Designoris Leben war nicht so außerordentlich und war nicht so kompliziert gewesen, wie Knecht nach dessen ersten Enthüllungen vermutet hatte. Plinio hatte in der Jugend die uns schon bekannte Enttäuschung und Demütigung seines enthusiastischen und tatendurstigen Wesens erlitten, er war zwischen Welt und Kastalien nicht zum Mittler und Versöhner, sondern zum vereinsamten und vergrämten Außenseiter geworden und hatte eine Synthese aus den weltlichen und den kastalischen Bestandteilen seiner Herkunft und seines Charakters nicht zustande gebracht. Und doch war er nicht einfach ein Gescheiterter, sondern hatte im Unterliegen und Verzichten trotz allem ein eigenes Gesicht und ein besonderes Schicksal erworben. Die Erziehung in Kastalien schien sich an ihm durchaus nicht zu bewähren, wenigstens brachte sie ihm vorerst nichts als Konflikte und Enttäuschungen und eine tiefe, seiner Natur schwer erträgliche Vereinzelung und Vereinsamung. Und es schien, als müsse er, nun einmal auf diesen dornenvollen Weg der Vereinzelten und Nichtangepaßten geraten, auch selber noch allerlei tun, um sich abzusondern und seine Schwierigkeiten zu vergrößern. Namentlich brachte er sich schon als Student in unversöhnlichen Gegensatz zu seiner Familie, seinem Vater vor allem. Dieser war, wenn auch in der Politik nicht zu den eigentlichen Führern zählend, doch gleich allen Designoris sein Leben lang eine Stütze der konservativen, regierungstreuen Politik und Partei gewesen, ein Feind aller Neuerungen, ein Gegner aller Ansprüche der Benachteiligten auf Rechte und Anteile, mißtrauisch gegen Menschen ohne Namen und Rang, treu und opferbereit für die alte Ordnung, für alles, was ihm legitim und geheiligt erschien. So war er, ohne doch religiöse Bedürfnisse zu haben, ein Freund der Kirche und sperrte sich, obwohl es ihm an Gerechtigkeitssinn, an Wohlwollen und Bereitwilligkeit zum Wohltun und Helfen durchaus nicht fehlte, hartnäckig und grundsätzlich gegen die Bestrebungen der Landpächter zur Verbesserung ihrer Lage. Er rechtfertigte diese Härte scheinlogisch mit den Programm- und Schlagworten seiner Partei, in Wirklichkeit leitete ihn freilich nicht Überzeugung und Einsicht, sondern blinde Gefolgstreue seinen Standesgenossen und den Traditionen seines Hauses gegenüber, wie denn eine gewisse Ritterlichkeit und Ritterehre und eine betonte Geringschätzung dessen, was sich als modern, fortschrittlich und zeitgemäß gab, für seinen Charakter bezeichnend waren. Diesen Mann nun enttäuschte, reizte und erbitterte sein Sohn Plinio dadurch, daß er als Student sich einer ausgesprochen oppositionellen und modernistischen Partei näherte und anschloß. Es hatte sich damals ein linker, jugendlicher Flügel einer alten bürgerlich-liberalen Partei gebildet, geführt von Veraguth, einem Publizisten, Abgeordneten und Volksredner von großer, blendender Wirkung, einem temperamentvollen, gelegentlich ein wenig von sich selbst entzückten und gerührten Volksfreund und Freiheitshelden, dessen Werben um die akademische Jugend durch öffentliche Vorträge in den Hochschulstädten nicht erfolglos blieb und ihm unter andern begeisterten Hörern und Anhängern auch den jungen Designori zuführte. Der Jüngling, von der Hochschule enttäuscht und auf der Suche nach einem Halt, einem Ersatz für die ihm wesenlos gewordene Moral Kastaliens, nach irgendeinem neuen Idealismus und Programm, war von den Vorträgen Veraguths hingerissen, bewunderte dessen Pathos und Angriffsmut, seinen Witz, sein anklägerisches Auftreten, seine schöne Erscheinung und Sprache und schloß sich einer Gruppe von Studenten an, die aus Veraguths Zuhörern hervorgegangen war und für dessen Partei und Ziele warb. Als Plinios Vater es erfuhr, reiste er alsbald zu seinem Sohne, donnerte ihn zum ersten Male im Leben im höchsten Zorne an, warf ihm Verschwörertum, Verrat an Vater, Familie und Tradition des Hauses vor, und gab ihm bündig den Befehl, sofort seine Fehler wiedergutzumachen und seine Verbindung mit Veraguth und dessen Partei zu lösen. Dies war nun nicht die richtige Art, Einfluß auf den Jüngling zu nehmen, dem jetzt aus seiner Haltung sogar eine Art von Martyrium zu erwachsen schien. Plinio hielt dem Donner stand und erklärte seinem Vater, er habe nicht darum zehn Jahre die Eliteschulen und einige Jahre die Universität besucht, um auf eigene Einsicht und eigenes Urteil zu verzichten und seine Auffassung von Staat, Wirtschaft und Gerechtigkeit sich von einem Klüngel eigensüchtiger Landbarone vorschreiben zu lassen. Es kam ihm dabei die Schule Veraguths zugute, der nach dem Vorbild großer Tribunen niemals von eigenen oder Standesinteressen wußte und nichts anderes in der Welt erstrebte als die reine, absolute Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Der alte Designori brach in ein bitteres Gelächter aus und lud seinen Sohn ein, wenigstens erst sein Studium zu beenden, ehe er sich in Männerdinge einmische und sich einbilde, vom Menschenleben und der Gerechtigkeit mehr zu verstehen als ehrwürdige Generationenreihen edler Geschlechter, deren verkommener Sproß er sei und denen er mit seinem Verrat nun in den Rücken falle. Die beiden zerstritten, erbitterten und beleidigten sich mit jedem Worte mehr, bis der Alte plötzlich, als habe er sein eigenes zornverzerrtes Gesicht im Spiegel erblickt, in kalter Beschämung verstummte und schweigend davonging. Von da an kehrte das alte harmlos vertrauliche Verhältnis zum Vaterhaus für Plinio nie mehr wieder, denn nicht nur blieb er seiner Gruppe und ihrem Neuliberalismus treu, er wurde sogar noch vor dem Abschluß seiner Studien Veraguths unmittelbarer Schüler, Gehilfe und Mitarbeiter und wenige Jahre später sein Schwiegersohn. War nun schon durch die Erziehung in den Eliteschulen oder doch durch die Schwierigkeiten der Rückgewöhnung an Welt und Heimat das Gleichgewicht in Designoris Seele zerstört und sein Leben mit einer zehrenden Problematik durchsetzt worden, so brachten diese neuen Verhältnisse ihn vollends in eine exponierte, schwierige und heikle Lage. Er gewann etwas ohne Zweifel Wertvolles, eine Art von Glauben nämlich, eine politische Überzeugung und Parteizugehörigkeit, die seinem jugendlichen Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Fortschrittlichkeit entgegenkam, und in der Person Veraguths einen Lehrer, Führer und ältern Freund, den er vorerst kritiklos bewunderte und liebte, der ihn überdies zu brauchen und zu schätzen schien, er gewann eine Richtung und Zielsetzung, eine Arbeit und Lebensaufgabe. Dies war nicht wenig, aber es mußte teuer bezahlt werden. Hatte sich der junge Mensch mit dem Verlust seiner natürlichen und ererbten Stellung im Vaterhaus und unter seinen Standesgenossen abgefunden, hatte er das Ausgestoßensein aus einer bevorzugten Kaste und deren Gegnerschaft mit einer gewissen fanatischen Märtyrerfreude zu ertragen gewußt, so blieb doch manches, was er nie ganz verwinden konnte, am wenigsten das nagende Gefühl, seiner sehr geliebten Mutter Schmerz zugefügt, sie zwischen dem Vater und sich in eine höchst unbequeme und heikle Lage gebracht und wahrscheinlich dadurch ihr Leben verkürzt zu haben. Sie starb bald nach seiner Verheiratung; nach ihrem Tode wurde Plinio im Haus seines Vaters kaum mehr gesehen und hat dies Haus, einen alten Familiensitz, nach des Vaters Tode verkauft. Es gibt Naturen, welche es zustande bringen, eine mit Opfern bezahlte Stellung im Leben, ein Amt, eine Ehe, einen Beruf, gerade um dieser Opfer willen so zu lieben und sich zu eigen zu machen, daß sie ihr Glück wird und sie befriedigt. Bei Designori war es anders. Er blieb zwar seiner Partei und deren Führer, seiner politischen Richtung und Tätigkeit, seiner Ehe, seinem Idealismus treu, allein mit der Zeit wurden sie alle ihm doch ebenso problematisch, wie sein ganzes Wesen es nun einmal geworden war. Der politische und weltanschauliche Enthusiasmus der Jugend beruhigte sich, das Kämpfen um des Rechthabens willen war auf die Dauer so wenig beglückend wie das Leiden und Opfern um des Trotzes willen, hinzu kamen Erfahrung und Ernüchterung im beruflichen Leben; schließlich wurde es ihm zweifelhaft, ob wirklich allein der Sinn für Wahrheit und Recht es gewesen sei, der ihn zum Anhänger Veraguths gemacht hatte, ob nicht dessen Redner- und Volkstribunentum, sein Reiz und seine Geschicklichkeit beim öffentlichen Auftreten, ob nicht der sonore Klang seiner Stimme, sein männlich prächtiges Lachen, die Klugheit und Schönheit seiner Tochter daran mindestens zur Hälfte mitgewirkt hätten. Zweifelhaft wurde mehr und mehr, ob der alte Designori mit seiner Standestreue und seiner Härte gegen die Pächter wirklich den unedleren Standpunkt innegehabt habe, zweifelhaft wurde auch, ob es ein Gut und Schlecht, ein Recht und Unrecht überhaupt gebe, ob nicht die Sprache des eigenen Gewissens am Ende der einzige gültige Richter sei, und wenn es so war, dann war er, Plinio, im Unrecht, denn er lebte ja nicht im Glück, in der Ruhe und Bejahung, im Vertrauen und der Sicherheit, sondern im Unsichern, im Zweifel, im schlechten Gewissen. Seine Ehe war zwar nicht im groben Sinne unglücklich und verfehlt, aber doch voll Spannungen, Komplikationen und Widerständen, sie war vielleicht das Beste, was er hatte, aber jene Ruhe, jenes Glück, jene Unschuld, jenes gute Gewissen, die er so sehr entbehrte, gab sie ihm nicht, sie verlangte viel Umsicht und Haltung, kostete viel Anstrengung, und auch der hübsche und schön veranlagte kleine Sohn Tito wurde schon früh ein Anlaß zu Kampf und Diplomatie, zu Werbung und Eifersucht, bis der von beiden Eltern allzusehr Geliebte und Verwöhnte mehr und mehr der Mutter zufiel und ihr Parteigänger wurde. Dies war der letzte und, wie es schien, der am bittersten empfundene Schmerz und Verlust in Designoris Leben. Es hatte ihn nicht gebrochen, er hatte es bewältigt und seine Art von Haltung gefunden und bewahrt, es war eine würdige Haltung, aber eine ernste, schwere, melancholische. Während Knecht dies alles von seinem Freunde allmählich erfuhr, in manchen Besuchen und Begegnungen, hatte er ihm im Austausch auch von seinen eigenen Erfahrungen und Problemen vieles mitgeteilt, er ließ den andern nie in die Lage dessen kommen, der gebeichtet hat und mit dem Wechsel der Stunde und Stimmung dies wieder bereut und zurückzunehmen wünscht, sondern erhielt und stärkte das Vertrauen Plinios durch seine eigene Offenheit und Hingabe. Allmählich tat sich sein Leben vor dem Freunde auf, ein anscheinend einfaches, gradliniges, musterhaftes, geregeltes Leben innerhalb einer klar aufgebauten hierarchischen Ordnung, eine Laufbahn voll Erfolg und Anerkennung, und dennoch eher ein hartes, opferreiches und recht einsames Leben, und wenn vieles in ihm für den Mann von draußen nicht ganz verständlich war, so waren es doch die Hauptströmungen und Grundstimmungen, und nichts vermochte er besser zu verstehen und mitzufühlen als Knechts Verlangen nach Jugend, nach jungen unverbildeten Schülern, nach einer bescheidenen Tätigkeit ohne Glanz und ohne den ewigen Zwang zur Repräsentation, nach der Tätigkeit etwa eines Latein- oder Musiklehrers an einer niederen Schule. Und es war ganz im Stil von Knechts heilkünstlerischer und erzieherischer Methode, daß er diesen Patienten nicht nur durch seine große Offenheit gewann, sondern ihm auch die Suggestion gab, ihm helfen und dienen zu können, und damit den Antrieb, es wirklich zu tun. Auch konnte in der Tat Designori dem Magister von manchem Nutzen sein, weniger in der Hauptfrage, desto mehr aber bei der Befriedigung von dessen Neugierde und Wissensdurst nach hundert Einzelheiten des Weltlebens. Warum Knecht die nicht leichte Aufgabe auf sich nahm, seinen melancholischen Jugendfreund wieder lächeln und lachen zu lehren, und ob dabei die Erwägung, daß jener ihm durch Gegendienste nützlich werden könne, überhaupt eine Rolle spielte, wissen wir nicht. Designori, also derjenige, der es am ehesten wissen mußte, hat nicht daran geglaubt. Er hat später erzählt: »Wenn ich mir darüber klarzuwerden versuche, wie es Freund Knecht angefangen hat, auf einen so resignierten und in sich verschlossenen Menschen wie mich zu wirken, so sehe ich immer deutlicher, daß es zum größten Teil auf Zauberei beruhte, und ich muß sagen, auch auf Schelmerei. Er war ein viel größerer Schelm, als seine Leute ahnten, voll Spiel, voll Witz, voll Durchtriebenheit, voll Spaß am Zaubern, am Sichverstellen, am überraschenden Verschwinden und Auftauchen. Ich glaube, schon im Augenblick meines ersten Erscheinens bei der kastalischen Behörde hat er beschlossen, mich zu fangen und auf seine Art zu beeinflussen, das heißt aufzuwecken und in bessere Form zu bringen. Wenigstens gab er sich gleich von der ersten Stunde an Mühe, mich zu gewinnen. Warum er es tat, warum er sich mit mir belud, das kann ich nicht sagen. Ich glaube, Menschen von seiner Art tun das meiste unbewußt, wie reflektorisch, sie fühlen sich vor eine Aufgabe gestellt, hören sich von einer Not angerufen und geben sich dem Anruf ohne weiteres hin. Er fand mich mißtrauisch und scheu, keineswegs bereit, ihm in die Arme zu sinken oder gar ihn um Hilfe zu bitten; er fand mich, den einst so offenen und mitteilsamen Freund, enttäuscht und zugeschlossen, und dieses Hindernis, diese nicht geringe Schwierigkeit schien es nun gerade zu sein, was ihn reizte. Er ließ nicht nach, so spröde ich auch war, und er hat denn ja auch erreicht, was er wollte. Dabei bediente er sich unter andrem des Kunstgriffs, unser Verhältnis zueinander als ein gegenseitiges erscheinen zu lassen, so als entspräche seiner Kraft die meine, seinem Wert der meine, als entspräche meiner Hilfsbedürftigkeit eine ebensolche bei ihm. Schon beim ersten längeren Gespräch deutete er mir an, daß er auf so etwas wie mein Erscheinen gewartet, ja sich danach gesehnt habe, und allmählich weihte er mich dann in seinen Plan ein, das Amt niederzulegen und die Provinz zu verlassen, und ließ stets merken, wie sehr er dabei auf meinen Rat, meinen Beistand, meine Verschwiegenheit rechne, da er außer mir in der Welt draußen keine Freunde und keinerlei Erfahrung besitze. Ich gestehe, daß ich das gerne hörte und daß es nicht wenig dazu beigetragen hat, ihm mein volles Vertrauen zu gewinnen und mich gewissermaßen ihm auszuliefern; ich glaubte ihm vollkommen. Aber später, im Laufe der Zeit, ist es mir dennoch wieder vollkommen zweifelhaft und unwahrscheinlich geworden, und ich hätte durchaus nicht sagen können, ob und wieweit er wirklich etwas von mir erwartete, und auch nicht, ob seine Art und Weise, mich einzufangen, unschuldig oder diplomatisch, naiv oder hintergründig, aufrichtig oder künstlich und spielerisch war. Er war mir zu weit überlegen, und er hat mir zu viel Gutes erwiesen, als daß ich solche Untersuchungen überhaupt gewagt hätte. Auf jeden Fall halte ich heute die Fiktion, seine Lage sei der meinen ähnlich und er auf meine Sympathie und Dienstbereitschaft ebenso angewiesen wie ich auf die seine, für nichts als eine Artigkeit, für eine gewinnende und angenehme Suggestion, in die er mich einspann; nur wüßte ich nicht zu sagen, wieweit sein Spiel mit mir bewußt, erdacht und gewollt und wieweit es trotz allem naiv und Natur war. Denn Magister Josef ist ja ein großer Künstler gewesen; einerseits konnte er dem Drang zum Erziehen, zum Beeinflussen, Heilen, Helfen, Entfalten so wenig widerstehen, daß ihm die Mittel nahezu gleichgültig wurden, andrerseits war es ihm ja unmöglich, auch das Kleinste ohne volle Hingabe zu tun. Gewiß aber ist das eine, daß er sich damals meiner wie ein Freund und wie ein großer Arzt und Führer angenommen, daß er mich nicht mehr losgelassen und schließlich soweit geweckt und geheilt hat, als dies überhaupt möglich war. Und es war merkwürdig und paßte ganz zu ihm: während er tat, als nähme er meine Hilfe zu seinem Entkommen aus dem Amt in Anspruch, und während er meine oft derben und naiven Kritiken, ja Anzweiflungen und Beschimpfungen gegen Kastalien gelassen und oft sogar mit Beifall anhörte, während er selbst darum kämpfte, sich von Kastalien freizumachen, hat er mich doch in Tat und Wahrheit dorthin zurückgelockt und geführt, er hat mich wieder zur Meditation gebracht, er hat mich durch kastalische Musik und Versenkung, kastalische Heiterkeit, kastalische Tapferkeit erzogen und umgeformt, er hat mich, der ich trotz meiner Sehnsucht nach euch so ganz un- und antikastalisch war, wieder zu euresgleichen, er hat aus meiner unglücklichen Liebe zu euch eine glückliche gemacht.« So hat Designori sich geäußert, und er hatte wohl Grund für seine bewundernde Dankbarkeit. Mag es bei Knaben und Jünglingen nicht allzu schwer sein, sie mit Hilfe unsrer altbewährten Methoden zum Lebensstil des Ordens zu erziehen, bei einem Manne, der schon gegen fünfzigjährig war, war es gewiß eine schwere Aufgabe, auch wenn dieser Mann viel guten Willen mitbrachte. Nicht daß Designori ein Voll-oder gar ein Musterkastalier geworden wäre. Aber was Knecht sich vorgesetzt hatte, ist ihm voll gelungen: den Trotz und die bittere Schwere seiner Traurigkeit aufzulösen, die überempfindlich und scheu gewordene Seele der Harmonie und Heiterkeit wieder näherzubringen, eine Anzahl seiner schlechten Gewohnheiten durch gute zu ersetzen. Natürlich konnte der Glasperlenspielmeister die Menge von Kleinarbeit, deren es dabei bedurfte, nicht alle selber leisten; er nahm den Apparat und die Kräfte Waldzells und des Ordens für den Ehrengast in Anspruch, für eine gewisse Zeit gab er ihm sogar einen Meditationsmeister aus Hirsland, dem Sitz der Ordensleitung, zur ständigen Kontrolle seiner Übungen mit nach Hause. Plan und Leitung aber blieben in seiner Hand. Es war im achten Jahre seines Magisteramtes, daß er zum erstenmal den so oft wiederholten Einladungen seines Freundes folgte und ihn in seinem Hause in der Hauptstadt besuchte. Mit Erlaubnis der Ordensleitung, deren Vorsteher Alexander seinem Herzen nahe stand, benutzte er einen Feiertag für diesen Besuch, von dem er sich viel versprach und den er doch seit einem Jahre immer wieder hinausgezögert hatte, teils weil er seines Freundes erst sicher sein wollte, teils wohl auch aus einer natürlichen Bangigkeit, es war ja sein erster Schritt in jene Welt hinüber, aus welcher sein Kamerad Plinio diese starre Traurigkeit mitgebracht und die für ihn so viele wichtige Geheimnisse hatte. Er fand das moderne Haus, das sein Freund gegen das alte Stadthaus der Designori eingetauscht hatte, von einer stattlichen, sehr klugen, zurückhaltenden Dame regiert, die Dame aber von ihrem hübschen, vorlauten und eher unartigen Söhnchen beherrscht, um dessen Person sich hier alles zu drehen schien und das von seiner Mutter die rechthaberisch präpotente, etwas demütigende Haltung gegen den Vater gelernt zu haben schien. Übrigens war man hier kühl und mißtrauisch gegen alles Kastalische, doch widerstanden Mutter und Sohn der Persönlichkeit des Magisters, dessen Amt für sie außerdem etwas von Geheimnis, Weihe und Legendenhaftigkeit hatte, nicht sehr lange. Immerhin ging es beim ersten Besuche äußerst steif und gezwungen zu. Knecht verhielt sich beobachtend, abwartend und schweigsam, die Dame empfing ihn mit kühler formeller Höflichkeit und innerer Ablehnung, so etwa wie einen feindlichen hohen Offizier in Einquartierung, der Sohn Tito war der am wenigsten Befangene, er mochte schon oft genug beobachtender, vielleicht amüsierter Zeuge und Nutznießer ähnlicher Situationen gewesen sein. Sein Vater schien den Herrn im Hause mehr zu spielen, als er es war. Zwischen ihm und der Frau herrschte ein Ton sanfter, behutsamer, etwas ängstlicher, wie auf Zehenspitzen gehender Höflichkeit, von der Frau weit leichter und natürlicher innegehalten als von ihrem Mann. Seinem Sohn gegenüber zeigte dieser eine Bemühung um Kameradschaftlichkeit, welche der Junge bald auszunützen, bald patzig zurückzuweisen gewohnt schien. Kurz, es war ein mühevolles, unschuldloses, von unterdrückten Trieben schwül geheiztes Beisammensein, voll von Furcht vor Störungen und Ausbrüchen, voll von Spannungen, und der Stil von Benehmen und Rede war, wie der Stil des ganzen Hauses, ein wenig allzu gepflegt und gewollt, als könne man den Schutzwall gegen etwaige Einbrüche und Überfälle gar nicht fest, nicht dicht und sicher genug aufbauen. Und noch eine Beobachtung Knechts, die er sich merkte: ein großer Teil der wiedergewonnenen Heiterkeit war aus Plinios Gesicht wieder geschwunden; er, der in Waldzell oder im Haus der Ordensleitung in Hirsland seine Schwere und Traurigkeit schon beinahe ganz verloren zu haben schien, stand hier in seinem eigenen Hause wieder ganz im Schatten und forderte Kritik sowohl wie Mitleid heraus. Das Haus war schön und zeugte von Reichtum und Verwöhntheit, jeder Raum war seinen Dimensionen gemäß eingerichtet, jeder zu einem angenehmen Zwei- oder Dreiklang von Farben gestimmt, da und dort ein Kunstwerk von Wert, mit Vergnügen ließ Knecht seine Blicke wandern; doch wollte alle diese Augenweide ihm am Ende um einen Grad allzu schön erscheinen, allzu vollkommen und wohlbedacht, ohne Werden, ohne Geschehen, ohne Erneuerung, und er spürte, daß auch diese Schönheit der Räume und Gegenstände den Sinn einer Beschwörung, einer schutzsuchenden Gebärde habe, und daß diese Zimmer, Bilder, Vasen und Blumen ein Leben umschlossen und begleiteten, das sich nach Harmonie und Schönheit sehnte, ohne sie anders erreichen zu können als eben in der Pflege solch abgestimmter Umgebung. In der Zeit nach diesem Besuche mit seinen zum Teil unerquicklichen Eindrücken war es, daß Knecht seinem Freunde einen Meditationslehrer mit nach Hause gab. Seit er einen Tag in der so merkwürdig gepreßten und geladenen Atmosphäre dieses Hauses zugebracht hatte, war ihm manches Wissen zugekommen, dessen er gar nicht begehrt, aber auch manches, das ihm gefehlt und nach dem er des Freundes wegen gesucht hatte. Und es blieb nicht bei diesem ersten Besuch, er wurde mehrmals wiederholt und führte zu Gesprächen über Erziehung und über den jungen Tito, an welchen auch dessen Mutter lebhaften Anteil nahm. Der Magister gewann allmählich Vertrauen und Sympathie dieser klugen und mißtrauischen Frau. Als er einst, halb im Scherze, sagte, es sei doch schade, daß ihr Söhnchen nicht rechtzeitig zur Erziehung nach Kastalien geschickt worden sei, nahm sie die Bemerkung ernst wie einen Vorwurf und verteidigte sich: es wäre doch höchst zweifelhaft gewesen, ob Tito wirklich dort hätte Aufnahme finden können, er sei ja zwar begabt genug, aber schwierig zu behandeln, und gegen den eigenen Willen des Knaben so in sein Leben einzugreifen, würde sie sich niemals erlaubt haben, sei doch eben dieser selbe Versuch einst bei seinem Vater keineswegs geglückt. Auch hätten sie und ihr Mann nicht daran gedacht, ein Vorrecht der alten Familie Designori für ihren Sohn in Anspruch zu nehmen, da sie doch mit dem Vater Plinios und der ganzen Tradition des alten Hauses gebrochen hätten. Und ganz zuletzt fügte sie, schmerzlich lächelnd, hinzu, überdies hätte sie auch unter ganz anderen Umständen sich nicht von ihrem Kinde trennen können, denn außer ihm habe sie ja nichts, was ihr das Leben lebenswert mache. Über diese mehr unwillkürliche als überlegte Bemerkung mußte Knecht viel nachdenken. Also ihr schönes Haus, in dem alles so vornehm, prächtig und wohl abgestimmt war, und ihr Mann und ihre Politik und Partei, das Erbe ihres einst von ihr angebeteten Vaters, waren alle nicht genügend, ihrem Leben Sinn und Wert zu geben, das vermochte nur ihr Kind. Und lieber ließ sie dies Kind unter so schlechten und schädigenden Bedingungen aufwachsen, wie sie hier im Hause und in ihrer Ehe bestanden, als daß sie sich zu seinem Heil von ihm getrennt hätte. Für eine so kluge, anscheinend so kühle, so intellektuelle Frau war dies ein erstaunliches Bekenntnis. Knecht konnte ihr nicht in so unmittelbarer Weise helfen wie ihrem Manne, dachte auch gar nicht daran, es zu versuchen. Aber durch seine seltenen Besuche und dadurch, daß Plinio unter seinem Einfluß stand, kam doch ein Maß und eine Mahnung in die verbogenen und verschrobenen Familienzustände. Für den Magister aber, während er von Mal zu Mal im Hause Designori an Einfluß und Autorität gewann, wurde das Leben dieser Weltleute immer reicher an Rätseln, je besser er es kennenlernte. Doch wissen wir über seine Besuche in der Hauptstadt und das, was er dort sah und erlebte, recht wenig und begnügen uns mit dem hier Angedeuteten. Dem Vorsteher der Ordensleitung in Hirsland war Knecht bisher nicht nähergetreten, als die amtlichen Funktionen es erforderten. Er sah ihn wohl nur bei denjenigen Vollsitzungen der Erziehungsbehörde, die in Hirsland stattfanden, und auch da nahm der Vorsteher meistens nur die mehr formelhaften und dekorativen Amtshandlungen vor, den Empfang und die Verabschiedung der Kollegen, während die Hauptarbeit der Sitzungsleitung dem Sprecher zufiel. Der bisherige Vorsteher, zur Zeit von Knechts Amtsantritt schon ein Mann in ehrwürdigem Alter, wurde vom Magister Ludi zwar sehr verehrt, gab ihm aber niemals Anlaß, die Distanz zu verringern, er war für ihn schon nahezu kein Mensch, keine Person mehr, sondern schwebte, ein Hoherpriester, ein Symbol der Würde und Sammlung, als schweigsame Spitze und Bekrönung über dem Bau der Behörde und der ganzen Hierarchie. Dieser ehrwürdige Mann war gestorben, und an seine Stelle hatte der Orden den neuen Vorsteher Alexander gewählt. Alexander war eben jener Meditationsmeister, den die Ordensleitung vor Jahren unserem Josef Knecht für die erste Zeit seiner Amtsführung beigegeben hatte, und seit damals hatte der Magister diesen vorbildlichen Ordensmann bewundert und dankbar geliebt, aber auch dieser hatte den Glasperlenspielmeister während jener Zeit, da dieser täglich Gegenstand seiner Sorge und gewissermaßen sein Beichtkind gewesen war, nahe genug in seinem persönlichen Wesen und Gehaben beobachten und kennenlernen können, um ihn zu lieben. Die bis dahin latent gebliebene Freundschaft wurde beiden bewußt und fand ihre Gestalt von dem Augenblicke an, da Alexander Knechts Kollege und Präsident der Behörde wurde, denn nun sahen sie sich des öftern wieder und hatten gemeinsame Arbeit zu tun. Freilich fehlte es dieser Freundschaft an Alltag, wie es ihr auch an gemeinsamen Jugenderlebnissen fehlte, es war eine kollegiale Sympathie unter Hochgestellten, und ihre Äußerungen beschränkten sich auf ein kleines Mehr an Wärme bei Begrüßung und Abschied, ein lückenloseres und rascheres gegenseitiges Verstehen, etwa noch auf ein minutenlanges Plaudern in Sitzungspausen. War auch verfassungsmäßig der Vorsteher der Ordensleitung, auch Ordensmeister genannt, seinen Kollegen, den Magistern, nicht übergeordnet, so war er es doch durch die Tradition, nach welcher der Ordensmeister den Sitzungen der obersten Behörde präsidierte, und je meditativer und mönchischer der Orden in den letzten Jahrzehnten geworden war, desto mehr war seine Autorität gewachsen, freilich nur innerhalb der Hierarchie und Provinz, nicht außerhalb. Es waren in der Erziehungsbehörde mehr und mehr der Ordensvorsteher und der Glasperlenspielmeister die beiden eigentlichen Exponenten und Repräsentanten des kastalischen Geistes geworden; gegenüber den uralten, aus vorkastalischen Epochen überkommenen Disziplinen, wie Grammatik, Astronomie, Mathematik oder Musik, waren meditative Geisteszucht und Glasperlenspiel ja auch die für Kastalien eigentlich charakteristischen Güter. So war es nicht ohne Bedeutung, wenn ihre beiden derzeitigen Vertreter und Leiter in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander standen, es war für beide eine Bestätigung und Erhöhung ihrer Würde, eine Zugabe an Wärme und Zufriedenheit im Leben, ein Ansporn mehr zur Erfüllung ihrer Aufgabe; in ihren Personen die beiden innersten, die sakralen Güter und Kräfte der kastalischen Welt darzustellen und vorzuleben. Für Knecht also bedeutete das eine Bindung mehr, ein Gegengewicht mehr gegen die in ihm großgewordene Tendenz zum Verzicht auf dies alles und zum Durchbruch in eine andre, neue Lebenssphäre. Dennoch entwickelte diese Tendenz sich unaufhaltsam weiter. Seit sie ihm selbst völlig bewußt geworden war, dies mag etwa im sechsten oder siebenten Jahr seines Magistrates gewesen sein, hatte sie sich erkräftigt und war von ihm, dem Mann des »Erwachens,« ohne Scheu in sein bewußtes Leben und Denken aufgenommen worden. Seit jener Zeit etwa, glauben wir sagen zu dürfen, war der Gedanke an den kommenden Abschied von seinem Amte und von der Provinz ihm vertraut – manchmal in der Art, wie einem Gefangenen der Glaube an Befreiung es ist, manchmal auch so, wie einem Schwerkranken das Wissen um den Tod es sein mag. In jener ersten Aussprache mit dem wiedergekehrten Jugendkameraden Plinio hatte er ihm zum erstenmal Ausdruck in Worten gegeben, möglicherweise nur um den schweigsam und verschlossen gewordenen Freund zu gewinnen und aufzuschließen, vielleicht aber auch, um mit dieser ersten Mitteilung an einen andern seinem neuen Erwachen, seiner neuen Lebensstimmung einen Mitwisser, eine erste Wendung nach außen, einen ersten Anstoß zur Verwirklichung zu geben. In den weiteren Gesprächen mit Designori nahm Knechts Wunsch, irgendeinmal seine jetzige Lebensform abzulegen und den Sprung in eine neue zu wagen, schon den Rang eines Entschlusses ein. Inzwischen baute er die Freundschaft mit Plinio, der nun nicht mehr nur durch Bewunderung, sondern ebensosehr durch die Dankbarkeit des Genesenden und Geheilten an ihn gebunden war, sorgfältig aus und besaß in ihr eine Brücke zur Außenwelt und ihrem mit Rätseln beladenen Leben. Daß der Magister seinem Freunde Tegularius erst sehr spät Einblick in sein Geheimnis und seinen Plan eines Ausbruches gegönnt hat, darf uns nicht wundern. So wohlwollend und fördernd er jede seiner Freundschaften gestaltet hat, so selbständig und diplomatisch hat er sie doch zu überblicken und zu leiten gewußt. Nun war mit dem Wiedereintritt von Plinio in sein Leben für Fritz ein Nebenbuhler auf den Plan getreten, ein neu-alter Freund mit Ansprüchen an Knechts Interesse und Herz, und dieser konnte wohl kaum darüber erstaunt sein, daß Tegularius darauf zunächst mit heftiger Eifersucht reagierte; ja für eine Weile, bis er nämlich Designori vollends gewonnen und richtig eingeordnet hatte, mag dem Magister die schmollende Zurückhaltung des andern eher willkommen gewesen sein. Auf die Dauer freilich war eine andere Erwägung wichtiger. Wie war sein Wunsch, sich Waldzell und der Magisterwürde sachte zu entziehen, einer Natur wie Tegularius mundgerecht und verdaulich zu machen? Wenn Knecht einmal Waldzell verließ, so ging er diesem Freunde für immer verloren; ihn auf den schmalen und gefährlichen Weg, der vor ihm lag, mitzunehmen, daran war nicht zu denken, selbst wenn jener wider alles Erwarten die Lust und den Wagemut dazu aufbringen sollte. Knecht wartete, überlegte und zögerte sehr lange, ehe er ihn zum Mitwisser seiner Absichten machte. Schließlich tat er es doch, als sein Entschluß zum Aufbruch längst fest geworden war. Es wäre ihm allzusehr gegen die Natur gewesen, den Freund bis zuletzt blind zu lassen und gewissermaßen hinter seinem Rücken Pläne zu betreiben und Schritte vorzubereiten, deren Folgen ja auch jener würde mitzutragen haben. Womöglich wollte er ihn, ebenso wie Plinio, nicht nur zum Mitwisser, sondern zum wirklichen oder doch eingebildeten Mithelfer und Mittäter machen, da Aktivität jede Lage leichter nehmen hilft. Knechts Gedanken über einen drohenden Niedergang des kastalischen Wesens waren seinem Freunde natürlich längst bekannt, soweit eben er sie mitzuteilen gewillt und jener sie aufzunehmen bereit war. An sie knüpfte der Magister an, als er entschlossen war, sich dem andern zu eröffnen. Wider sein Erwarten und zu seiner großen Erleichterung nahm Fritz das ihm vertraulich Mitgeteilte nicht tragisch, vielmehr schien ihn die Vorstellung, daß ein Magister seine Würde der Behörde wieder hinwerfe, den Staub Kastaliens von den Füßen schüttle und sich ein Leben nach seinem eigenen Geschmacke wähle, angenehm anzuregen, ja zu belustigen. Als Einzelgänger und Feind aller Normierung war Tegularius stets auf selten des einzelnen gegen die Behörde gewesen; die offizielle Macht auf geistreiche Art zu bekämpfen, zu necken, zu überlisten, dazu war er stets zu haben. Damit war Knecht der Weg gewiesen, und aufatmend, mit einem Innern Lachen, ging er alsbald auf des Freundes Reaktion ein. Er ließ ihn bei der Auffassung, es handle sich um eine Art von Handstreich gegen die Behörde und den Beamtenzopf, und wies ihm bei diesem Streich die Rolle eines Mitwissers, Mitarbeiters und Mitverschworenen zu. Es sollte ein Gesuch des Magisters an die Behörde ausgearbeitet werden, eine Aufstellung und Erläuterung all der Gründe, welche ihm den Rücktritt von seinem Amte nahelegten, und die Vorbereitung und Ausarbeitung dieses Gesuches sollte hauptsächlich Tegularius« Aufgabe sein. Vor allem sollte er sich Knechts geschichtliche Auffassung vom Entstehen, Großwerden und jetzigen Stand Kastaliens zu eigen machen, sodann historisches Material sammeln und Knechts Wünsche und Vorschläge daraus belegen. Daß er damit auf ein bisher von ihm abgelehntes und verachtetes Gebiet eingehen mußte, auf die Beschäftigung mit der Historie, schien ihn nicht zu stören, und Knecht beeilte sich, ihm dazu die nötigen Anweisungen zu geben. Und so vertiefte sich denn Tegularius mit dem Eifer und der Zähigkeit, die er für abseitige und einsame Unternehmungen aufzubringen vermochte, in seine neue Aufgabe. Ihm, dem hartnäckigen Individualisten, erwuchs ein merkwürdig grimmiges Vergnügen aus diesen Studien, die ihn in den Stand setzen sollten, den Bonzen und der Hierarchie ihre Mängel und Fragwürdigkeiten nachzuweisen oder doch sie zu reizen. An diesem Vergnügen hatte Josef Knecht ebensowenig teil, wie er an einen Erfolg der Bemühungen seines Freundes glaubte. Er war entschlossen, sich aus den Fesseln seiner jetzigen Lage zu lösen und für Aufgaben, die er auf sich warten fühlte, frei zu machen, aber es war ihm klar, daß er weder die Behörde durch Vernunftgründe überwinden noch einen Teil des hier zu Leistenden auf Tegularius abladen könne. Diesen beschäftigt und abgelenkt zu wissen für die Zeit, da er noch in seiner Nähe leben würde, war ihm jedoch sehr willkommen. Nachdem er beim nächsten Zusammenkommen Plinio Designori davon erzählt hatte, fügte er hinzu: »Freund Tegularius ist nun beschäftigt und für das entschädigt, was er durch deine Wiederkehr meint verloren zu haben. Seine Eifersucht ist schon beinahe geheilt, und die Arbeit an seiner Aktion für mich und gegen meine Kollegen bekommt ihm gut, er ist nahezu glücklich. Aber glaube nicht, Plinio, daß ich mir von seiner Aktion irgend etwas verspreche, außer eben dem Guten, das sie für ihn selber hat. Daß unsre oberste Behörde dem geplanten Gesuch Folge geben wird, ist völlig unwahrscheinlich, ja unmöglich, höchstens wird sie mir mit einer sanft rügenden Vermahnung antworten. Was zwischen meinen Absichten und deren Verwirklichung steht, ist das Grundgesetz unsrer Hierarchie selbst, und eine Behörde, die ihren Glasperlenspielmeister auf ein noch so überzeugend begründetes Gesuch hin entläßt und ihm eine Tätigkeit außerhalb Kastaliens zuweist, würde mir auch gar nicht gefallen. Außerdem ist Meister Alexander von der Ordensleitung da, ein Mann, der durch nichts zu beugen ist. Nein, diesen Kampf werde ich schon allein ausfechten müssen. Aber lassen wir also erst Tegularius seinen Scharfsinn üben! Wir verlieren dadurch nichts als ein wenig Zeit, und die brauche ich ohnehin, um hier alles so geordnet zurückzulassen, daß mein Abgang ohne Schaden für Waldzell erfolgen kann. Du aber mußt mir inzwischen drüben bei euch eine Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit schaffen, sei es noch so bescheiden, im Notfall bin ich mit einer Stelle etwa als Musiklehrer zufrieden, es braucht nur ein Anfang, ein Sprungbrett zu sein.« Designori meinte, das werde sich schon finden, und wenn der Augenblick gekommen sei, stehe sein Haus dem Freunde für beliebige Zeit offen. Aber damit war Knecht nicht zufrieden. »Nein,« sagte er, »als Gast bin ich nicht zu gebrauchen, ich muß Arbeit haben. Auch würde ein Aufenthalt in deinem Hause, so schön es ist, wenn er länger als Tage dauerte, die Spannungen und Schwierigkeiten dort nur vermehren. Ich habe viel Vertrauen zu dir, und auch deine Frau hat sich ja an meine Besuche freundlich gewöhnt, aber dies alles hätte sofort ein anderes Gesicht, wenn ich nicht mehr Besucher und Magister Ludi, sondern ein Flüchtling und Dauergast wäre.« »Du nimmst das doch wohl allzu genau,« meinte Plinio. »Daß du, wenn du dich erst hier frei gemacht und deinen Wohnsitz in der Hauptstadt hast, sehr bald eine deiner würdige Berufung bekommen wirst, mindestens als Professor an einer Hochschule – damit kannst du mit Gewißheit rechnen. Doch brauchen solche Dinge Zeit, das weißt du ja, und ich kann natürlich erst dann etwas für dich unternehmen, wenn deine Loslösung von hier vollzogen ist.« »Gewiß,« sagte der Meister, »bis dahin muß mein Entschluß Geheimnis bleiben. Ich kann mich nicht euren Behörden zur Verfügung stellen, ehe meine eigene Behörde unterrichtet ist und entschieden hat; das ist selbstverständlich. Aber ich suche ja auch vorerst gar nicht eine öffentliche Anstellung. Meine Bedürfnisse sind klein, kleiner als du dir vermutlich vorzustellen vermagst. Ich brauche ein Zimmerchen und das tägliche Brot, vor allem aber eine Arbeit und Aufgabe als Lehrer und Erzieher, ich brauche einen oder einige Schüler und Zöglinge, mit denen ich lebe und auf die ich wirken kann; an eine Hochschule denke ich dabei am allerwenigsten, ich würde ebenso gerne, nein, weit lieber, Hauslehrer bei einem Knaben oder dergleichen. Was ich suche und brauche, ist eine einfache, natürliche Aufgabe, ein Mensch, der mich braucht. Die Berufung an eine Hochschule würde mich von Anfang an wieder in einen traditionellen, geheiligten und mechanisierten Amtsapparat einordnen, und was ich begehre, ist das Gegenteil davon.« Zögernd rückte nun Designori mit einem Anliegen heraus, das er schon eine Weile mit sich herumgetragen hatte. »Ich hätte einen Vorschlag zu machen,« sagte er, »und bitte dich, ihn wenigstens anzuhören und wohlwollend zu prüfen. Vielleicht kannst du ihn annehmen, dann tätest du auch mir einen Dienst. Du hast mir seit jenem ersten Tag, an dem ich hier dein Gast war, in vielem weitergeholfen. Du hast auch mein Leben und mein Haus kennengelernt und weißt, wie es dort steht. Es steht nicht gut, aber es steht besser als seit Jahren. Das schwierigste ist das Verhältnis zwischen mir und meinem Sohn. Er ist verwöhnt und vorlaut, er hat sich eine bevorzugte und geschonte Stellung in unsrem Haus geschaffen, das wurde ihm ja nahegelegt und leichtgemacht in den Jahren, in denen er, noch ein Kind, von seiner Mutter ebenso wie von mir umworben wurde. Er hat sich dann entschieden zur Partei der Mutter geschlagen, und mir sind allmählich alle wirksamen Erziehungsmittel aus den Händen gespielt worden. Ich hatte mich damit abgefunden, so wie mit meinem etwas mißglückten Leben überhaupt. Ich hatte resigniert. Aber jetzt, wo ich mit deiner Hilfe wieder einigermaßen genesen bin, habe ich doch wieder Hoffnung geschöpft. Du siehst, worauf ich hinauswill; ich würde mir sehr viel davon versprechen, wenn Tito, der ohnehin in seiner Schule Schwierigkeiten hat, eine Weile einen Lehrer und Erzieher bekäme, der sich seiner annimmt. Es ist ein egoistisches Anliegen, ich weiß es, und ob die Aufgabe dich anziehen könnte, weiß ich nicht. Aber du hast mir Mut gemacht, den Vorschlag zur Sprache zu bringen.« Knecht lächelte und reichte ihm die Hand. »Ich danke dir, Plinio. Kein Vorschlag könnte mir willkommener sein. Nur fehlt noch das Einverständnis deiner Frau. Und weiter müßtet ihr euch beide dazu entschließen, mir euren Sohn fürs erste ganz zu überlassen. Damit ich ihn in die Hand bekomme, muß der tägliche Einfluß des Elternhauses ausgeschaltet werden. Du mußt mit deiner Frau darüber sprechen und sie dahin bringen, diese Bedingung anzunehmen. Fasse es behutsam an, laßt euch Zeit!« »Und du glaubst,« fragte Designori, »daß du mit Tito etwas erreichen könntest?« »O ja, warum denn nicht? Er hat gute Rasse und gute Gaben von beiden Eltern her, es fehlt nur die Harmonie dieser Kräfte. Das Verlangen nach dieser Harmonie in ihm zu wecken, vielmehr zu stärken und schließlich bewußt zu machen, wird meine Aufgabe sein, die ich gern übernehme.« So wußte nun Josef Knecht seine beiden Freunde, jeden in ganz anderer Weise, mit seiner Angelegenheit beschäftigt. Während Designori in der Hauptstadt seiner Frau die neuen Pläne vorlegte und sie ihr annehmbar zu machen suchte, saß in Waldzell Tegularius in einer Arbeitszelle der Bibliothek und stellte nach Knechts Hinweisen Material für das beabsichtigte Schriftstück zusammen. Der Magister hatte ihn mit der Lektüre, die er ihm vorlegen ließ, gut geködert; Fritz Tegularius, der große Verächter der Historie, verbiß und verliebte sich in die Geschichte der kriegerischen Epoche. Im Spielen stets ein großer Arbeiter, sammelte er mit wachsendem Appetit symptomatische Anekdoten aus jener Epoche, der düstern Vorzeit des Ordens, und häufte ihrer so viele an, daß sein Freund, als er nach Monaten die Arbeit vorgelegt bekam, kaum den zehnten Teil stehenlassen konnte. In dieser Zeit wiederholte Knecht seinen Besuch in der Hauptstadt mehrmals. Frau Designori gewann immer mehr Vertrauen zu ihm, wie ja ein gesunder und harmonischer Mensch bei den Schwierigen und Belasteten oft so leichten Eingang findet, und bald war sie für den Plan ihres Mannes gewonnen. Von Tito wissen wir, daß er bei einem dieser Besuche den Magister etwas patzig wissen ließ, daß er von ihm nicht mit du angeredet zu werden wünsche, da ihn jedermann, auch die Lehrer seiner Schule, mit Sie ansprächen. Knecht dankte ihm mit großer Höflichkeit und entschuldigte sich, er erzählte ihm, daß in seiner Provinz die Lehrer zu allen Schülern und Studenten, auch zu längst erwachsenen, du sagten. Und nach Tische bat er den Knaben, ein wenig mit ihm auszugehen und ihm etwas von der Stadt zu zeigen. Auf diesem Spaziergang führte ihn Tito auch durch eine stattliche Gasse der Altstadt, wo in beinahe lückenloser Reihe die jahrhundertalten Häuser der vornehmen, begüterten patrizischen Familien standen. Vor einem dieser festen, schmalen und hohen Häuser blieb Tito stehen, deutete auf ein Schild über dem Portal und fragte: »Kennen Sie das?« Und als Knecht verneinte, sagte er: »Dies hier ist das Wappen der Designori, und es ist unser altes Stammhaus, dreihundert Jahre hat es der Familie gehört. Wir aber sitzen in unsrem gleichgültigen Allerweltshause, bloß weil mein Vater nach des Großvaters Tode die Laune gehabt hat, dies schöne ehrwürdige Stammhaus zu verkaufen und sich ein Modehaus zu bauen, das übriges schon jetzt nicht mehr so recht modern ist. Können Sie so etwas begreifen?« »Es tut Ihnen sehr leid um das alte Haus?« fragte Knecht freundlich, und als Tito leidenschaftlich bejahte und seine Frage wiederholte: »Können Sie so etwas begreifen?« sagte er: »Man kann alles begreifen, wenn man es ins Licht rückt. Ein altes Haus ist eine schöne Sache, und wenn das neue daneben gestanden wäre und er die Wahl gehabt hätte, so hätte er doch wohl das alte behalten. Ja, alte Häuser sind schön und ehrwürdig, zumal ein so schönes wie dieses hier. Aber ein Haus selber zu bauen, ist ebenfalls etwas Schönes, und wenn ein strebsamer und ehrgeiziger junger Mann die Wahl hat, ob er sich bequem und ergeben in ein fertiges Nest setzen oder sich ein ganz neues bauen wolle, dann kann man ganz wohl verstehen, daß seine Wahl auch auf das Bauen fallen kann. So wie ich Ihren Vater kenne, und ich habe ihn gekannt, als er noch in Ihrem Alter und ein leidenschaftlicher Draufgänger war, hat übrigens der Verkauf und Verlust des Hauses keinem so weh getan wie ihm selber. Er hatte einen schweren Konflikt mit seinem Vater und seiner Familie, und wie es scheint, war seine Erziehung bei uns in Kastalien nicht ganz die richtige für ihn, wenigstens konnte sie ihn nicht vor einigen leidenschaftlichen Voreiligkeiten behüten. Eine von ihnen ist wohl der Verkauf des Hauses gewesen. Er hat damit der Tradition der Familie, dem Vater, der ganzen Vergangenheit und Abhängigkeit ins Gesicht schlagen und Krieg ansagen wollen, wenigstens schiene mir das ganz begreiflich. Aber der Mensch ist wunderlich, und so würde mir auch ein andrer Gedanke gar nicht ganz unwahrscheinlich vorkommen, der Gedanke, daß der Verkäufer des alten Hauses mit diesem Verkaufe gar nicht nur der Familie, sondern vor allem sich selber weh tun wollte. Die Familie hatte ihn enttäuscht, sie hatte ihn in unsre Eliteschulen geschickt, ihn dort auf unsre Art erziehen lassen und ihn dann bei seiner Rückkehr mit Aufgaben, Forderungen und Ansprüchen empfangen, denen er nicht gewachsen sein konnte. Aber weiter möchte ich mit der psychologischen Deutung nicht gehen. Jedenfalls zeigt die Geschichte mit diesem Hausverkauf, eine wie starke Macht der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen ist, dieser Haß, diese in Haß umgeschlagene Liebe. Bei lebhaften und begabten Naturen bleibt dieser Konflikt selten aus, die Weltgeschichte ist voll von Beispielen. Übrigens könnte ich mir ganz wohl einen späteren jungen Designori denken, der es sich zur Lebensaufgabe setzen würde, das Haus um jeden Preis zurück in den Besitz der Familie zu bringen.« »Nun,« rief Tito, »und würden Sie ihm nicht recht geben, wenn er es täte?« »Ich möchte mich nicht zu seinem Richter machen, junger Herr. Wenn ein späterer Designori sich der Größe seines Geschlechts und der Verpflichtung besinnt, die ihm damit ins Leben mitgegeben ist, wenn er der Stadt, dem Staat, dem Volk, dem Recht, der Wohlfahrt mit seinen Kräften dient und daran so stark wird, daß er nebenher auch die Rückerwerbung des Hauses fertigbringt, dann ist er ein respektabler Mann, und wir wollen den Hut vor ihm abnehmen. Wenn er aber kein anderes Ziel im Leben kennt als diese Hausgeschichte, dann ist er eben nichts als ein Besessener und Verliebter, ein Mann der Leidenschaft, höchst wahrscheinlich einer, der solche jugendlichen Vaterkonflikte nie in ihrem Sinn erkannt und sie zeitlebens, auch noch als Mann, mit sich herumgeschleppt hat. Wir können ihn verstehen, auch bedauern, aber den Ruhm seines Hauses wird er nicht vermehren. Es ist schön, wenn eine alte Familie an ihrem Hause mit Liebe hängt, aber Verjüngung und neue Größe kommen ihr immer nur davon, daß ihre Söhne größeren Zielen als denen der Familie dienen.« Wenn bei diesem Spaziergange Tito dem Gast seines Vaters aufmerksam und ziemlich willig zuhörte, so zeigte er ihm bei anderen Anlässen doch wieder Ablehnung und Trotz, er witterte in dem Mann, auf den seine beiden sonst so uneinigen Eltern so viel zu halten schienen, eine Macht, die seiner eigenen verwöhnten Ungebundenheit gefährlich werden könnte, und zeigte sich gelegentlich ausgesprochen unartig; freilich folgte darauf jedesmal ein Bedauern und Gutmachenwollen, denn es kränkte sein Selbstgefühl, sich vor der heitern Höflichkeit, die den Magister wie ein blanker Panzer umgab, eine Blöße gegeben zu haben. Und insgeheim spürte er auch in seinem unerfahrenen und ein wenig verwilderten Herzen, daß dies ein Mann sei, den man vielleicht sehr lieben und verehren könnte. Er spürte dies besonders in einer halben Stunde, da er Knecht allein und auf den von Geschäften festgehaltenen Vater wartend angetroffen hatte. Bei seinem Eintritt in das Zimmer sah Tito den Gast mit halbgeschlossenen Augen regungslos in einer statuenhaften Haltung sitzen, Stille und Ruhe ausstrahlend in einer Versenkung, so daß der Knabe unwillkürlich seine Schritte leise machte und auf Zehenspitzen wieder hinausschleichen wollte. Aber da schlug der Sitzende die Augen auf, grüßte ihn freundlich, erhob sich, deutete auf ein Klavier, das im Zimmer stand, und fragte ihn, ob er Freude an der Musik habe. Ja, sagte Tito, er habe zwar schon längere Zeit keine Musikstunden mehr und auch nie mehr geübt, denn er stehe in der Schule nicht glänzend und werde dort von den Paukern genügend geplagt, aber Musik zu hören sei ihm immer ein Vergnügen gewesen. Knecht öffnete das Klavier, setzte sich davor, stellte fest, daß es gestimmt sei, und spielte einen Andantesatz von Scarlatti, den er dieser Tage einer Glasperlenspielübung zugrunde gelegt hatte. Dann hielt er inne, und da er den Knaben aufmerksam und hingegeben fand, begann er ihm in kurzen Worten zu erklären, was in einer solchen Glasperlenspielübung ungefähr vor sich gehe, zerlegte die Musik in ihre Glieder, zeigte einige der Arten von Analyse auf, die man auf sie anwenden könne, und deutete die Wege zur Übersetzung der Musik in die Spiel-Hieroglyphen an. Zum erstenmal sah Tito den Meister nicht als Gast, nicht als eine gelehrte Berühmtheit, die er ablehnte, weil sie sein Selbstgefühl drückte, sondern sah ihn bei seiner Arbeit, einen Mann, der eine sehr subtile und genaue Kunst gelernt hat und als Meister ausübt, eine Kunst, deren Sinn Tito zwar nur ahnen konnte, die aber einen ganzen Mann und seine Hingabe zu fordern schien. Auch tat es seiner Selbstachtung wohl, daß man ihn für erwachsen und gescheit genug nahm, um ihn für diese verwickelten Dinge zu interessieren. Er wurde still und begann in dieser halben Stunde zu ahnen, aus welchen Quellen die Heiterkeit und sichere Ruhe dieses merkwürdigen Mannes komme. Knechts amtliche Tätigkeit war in dieser letzten Zeit beinahe so intensiv wie einst in der schwierigen Zeit seiner Amtsübernahme. Ihm lag daran, alle Ressorts seiner Verpflichtungen in einem musterhaften Zustande zu hinterlassen. Dies Ziel hat er auch erreicht, wennschon er das mitgemeinte Ziel verfehlte, seine Person als entbehrlich oder doch leicht ersetzbar erscheinen zu lassen. Es ist ja bei unseren höchsten Ämtern beinahe immer so: der Magister schwebt, beinahe nur wie ein oberstes Schmuckstück, eine blanke Insignie, über dem komplizierten Vielerlei seines Amtsbereiches; er kommt und geht rasch, leicht wie ein freundlicher Geist, sagt zwei Worte, nickt ein Ja, deutet einen Auftrag durch eine Gebärde an und ist schon fort, schon beim Nächsten, er spielt auf seinem Amtsapparat wie ein Musikant auf seinem Instrument, scheint keine Kraft und kaum ein Nachdenken zu brauchen, und alles läuft, wie es laufen soll. Aber jeder Beamte in diesem Apparat weiß, was es heißen will, wenn der Magister verreist oder krank ist, was es heißt, auch nur für Stunden oder für einen Tag ihn zu ersetzen! Während Knecht noch einmal den ganzen Kleinstaat des Vicus Lusorum prüfend durchlief und namentlich alle Sorgfalt darauf verwandte, seinen »Schatten« unauffällig der Aufgabe entgegenzuführen, ihn nächstens allen Ernstes zu vertreten, konnte er zugleich feststellen, wie sein Innerstes sich schon von alledem gelöst und entfernt hatte, wie die ganze Kostbarkeit dieser wohldurchdachten kleinen Welt ihn nicht mehr beglückte und fesselte. Er sah Waldzell und sein Magisteramt schon beinahe wie etwas hinter ihm Liegendes an, einen Bezirk, den er durchschritten, der ihm vieles gegeben und ihn vieles gelehrt hatte, der aber nun keine neuen Kräfte und Taten mehr aus ihm locken konnte. Mehr und mehr auch wurde ihm in der Zeit dieses langsamen Sichlösens und Abschiednehmens klar, daß der eigentliche Grund seines Fremdwerdens und Fortwollens wohl nicht das Wissen um die für Kastalien bestehenden Gefahren und die Sorge um dessen Zukunft sei, sondern daß es einfach ein leer und unbeschäftigt gebliebenes Stück seiner selbst, seines Herzens, seiner Seele sei, das nun sein Recht begehrte und sich erfüllen wollte. Er studierte damals auch die Verfassung und Statuten des Ordens noch einmal gründlich und sah, daß sein Entkommen aus der Provinz im Grunde nicht so schwer, nicht so beinahe unmöglich zu erreichen sei, wie er es sich anfangs vorgestellt hatte. Sein Amt aus Gewissensgründen niederzulegen, stand ihm frei, den Orden zu verlassen ebenfalls, das Ordensgelübde war keines auf Lebenszeit, wennschon nur selten ein Mitglied, und niemals ein Glied der höchsten Behörde, von dieser Freiheit Gebrauch gemacht hatte. Nein, was ihm den Schritt so schwer erscheinen ließ, war nicht die Strenge des Gesetzes, es war der hierarchische Geist selbst, die Loyalität und Bundestreue in seinem eigenen Herzen. Gewiß, er wollte ja nicht heimlich entlaufen, er bereitete ein umständliches Gesuch zur Erlangung seiner Freiheit vor, das Kind Tegularius schrieb sich daran die Finger schwarz. Aber er glaubte an den Erfolg dieses Gesuches nicht. Man würde ihn begütigen, ihn ermahnen, ihm vielleicht einen Erholungsurlaub anbieten, nach Mariafels, wo Pater Jakobus vor kurzem gestorben war, oder vielleicht nach Rom. Aber loslassen würde man ihn nicht, das glaubte er immer sicherer zu wissen. Ihn loszulassen, würde aller Tradition des Ordens widersprechen. Täte es die Behörde, so würde sie damit zugeben, daß sein Verlangen berechtigt sei, sie würde zugeben, daß das Leben in Kastalien, und gar auf so hohem Posten, unter Umständen einem Menschen nicht genügen, ihm Verzicht und Gefangenschaft bedeuten könne. |
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