"Die vergessene Insel" - читать интересную книгу автора (Wolfgang Hohlbein)
Diese Ferienwochen soll Mike nie vergessen. Bei einem Schiffsausflug geraten er und seine Freunde in die Gewalt von Kapit#228;n Winterfeld, der in den Besitz von Mikes Erbschaft gelangen will.Doch Mike hat keine Ahnung, was ihmsein Vater hinterlassen haben k#246;nnte und weshalb er es auf einer kleinen Insel verborgen hat. Nun sind die f#252;nf Jungen Gefangene des Kapit#228;ns und m#252;ssen um ihr Lebenbangen.In dieser ausweglos scheinenden Situation taucht ein geheimnisvoller Inder auf, der ihnen die Flucht erm#246;glicht. Mit seiner Hilfe gelingt es ihnen auch, nach Wochen voller Gefahren auf hoher See die Vergessene Insel zu finden. Doch Kapit#228;n Winterfeld ist ihnen gefolgt. In letzter Minute k#246;nnen sie ihm entkommen und dringen ins Innere der Insel vor. Dort erwartet sie eine phantastische #220;berraschung - und Mike erf#228;hrt, wer sein Vater wirklich war. In der Reihe »Kapit#228;n Nemos Kinder«: Die Vergessene Insel Das M#228;dchen von Atlantis Weitere B#228;nde in Vorbereitung KAPIT#196;N NEMOS KINDER ••P ( WOLFGANGHOHLBEIN DIE VERGESSENE INSEL UEBERREUTER Die Deutsche Bibliothek CIP Einheitsaufnahme Hohlbein, Wolfgang: Kapit#228;n Nemos Kinder: die vergessene Insel/ Wolfgans Hohlbein. - Wien: Ueberreuter, 1993 ISBN 3-8000-2373-3 J 2038/1 Alle Rechte vorbehalten Copyright (C) 1993 by Verlag Carl Ueberreuter, Wien Printed in Germany3 5 7 6 42 Es hatte in diesem Jahr fr#252;h zu schneien begonnen. Schon vor zehn Tagen waren die ersten wei#223;en Flocken lautlos vom Himmel gefallen, und jetzt, einige Tage vor Weihnachten und zwei Tage vor dem Beginn der Ferien, hatten sich die Wiesen, der nahe gelegene Wald und die ineinandergeschachtelten Geb#228;ude des altehrw#252;rdigen Internats in eine wei#223;e Zuckerb#228;ckerlandschaft verwandelt, #252;ber die ein eisiger Wind fegte. Der kleine See, der zu den L#228;ndereien von Andara-House geh#246;rte und in dem die Sch#252;ler im Sommer schwammen, war zugefroren. Bald w#252;rde die Eisdecke fest genug sein, um Schlittschuh darauf zu laufen. Nachts r#252;ttelte der Sturm an den Fenstern, brach sich heulend an Erkern und Simsen und klapperte mit den Fensterl#228;den, und selbst tags#252;ber blieb der Himmel meistens grau; es schien gar nicht mehr richtig hell zu werden. Mike stand am Fenster seines Zimmers und blickte hinaus. Die tr#252;be Stimmung dort drau#223;en pa#223;te zu seiner eigenen. Er f#252;hlte sich niedergeschlagen, einsam und so zornig wie der Wind, der zwar seit einiger Zeit innegehalten hatte, zweifellos aber mit dem Hereinbrechen der D#228;mmerung wieder zu einem neuen Angriff auf die zweihundert Jahre alten Mauern des ehemaligen Schlosses ansetzen w#252;rde, das die vornehme Privatschule beherbergte. Durch das geschlossene Fenster drangen L#228;rm und lautes Gel#228;chter herein. Mike pre#223;te die Nase gegen das kalte Glas und sah nach unten. Die Atempause, die der Sturm einlegte, hatte einige der anderen Sch#252;ler auf den Hof gelockt. Sie tollten herum, bewarfen sich mit Schneeb#228;llen und waren von einer selten ausgelassenen Stimmung. Mike versetzte der Anblick seiner im Schnee herumspringenden Mitsch#252;ler einen schmerzhaften Stich. Mit einem tiefen Seufzer wandte er sich vom Fenster ab und lie#223; seinen Blick durch das gro#223;e Zimmer schweifen, das er mit zwei anderen Internatsz#246;glingen teilte und das in den letzten sechs Jahren sein Zuhause gewesen war. Der Raum war gro#223; und hell, in freundlichen Farben gehalten und mit allem ausgestattet, was ein sechzehnj#228;hriger Junge braucht, um sich wohl zu f#252;hlen: Au#223;er dem gemeinsamen Kleiderschrank, den Betten und dem gro#223;en, ebenfalls gemeinsam genutzten Schreibtisch hatte jeder noch einen nur f#252;r seine privaten Dinge bestimmten Schrank, f#252;r den nicht einmal die Lehrer einen Schl#252;ssel hatten. #220;ber jedem Bett hing ein offenes Regal f#252;r B#252;cher, Spielzeug und andere Dinge. Nach ein paar Augenblicken wandte sich Mike vom Fenster ab und ging zum Schreibtisch. Sein Blick blieb f#252;r eine Sekunde an dem Kalender h#228;ngen, der dar#252;ber an der Wand angebracht war. Er zeigte den neunzehnten Dezember neunzehnhundertdreizehn den heutigen Tag -, und jemand hatte das Datum rot eingekreist. Niedergeschlagen setzte sich Mike an den Schreibtisch und nahm den Brief zur Hand, den er gestern morgen bekommen hatte. Er hatte ihn seither mindestens zwanzigmal gelesen, fast als glaubte er, ihn nur oft genug studieren zu m#252;ssen, um seinen Inhalt ung#252;ltig zu machen. Mclntire hatte ihm den Brief ausgeh#228;ndigt, und obwohl es unter den Z#246;glingen von Andara-House als sicher galt, da#223; der Direktor des Internats Kinder als seine nat#252;rlichen Feinde betrachtete, hatte er echtes Mitleid gezeigt. Und so hatte Mike den schmalen wei#223;en Umschlag mit einem flauen Gef#252;hl im Magen ge#246;ffnet, das sich nur zu sehr best#228;tigte. Um es kurz zu machen: Mike w#252;rde die Weihnachtsferien und auch den Silvesterabend dieses Jahres auf Andara-House verbringen, statt zu seinem Vormund nach Indien zu reisen, wie er es in den letzten sechs Jahren immer in den Ferien getan hatte. In dem Brief hatte auch eine wortreiche und umst#228;ndliche Erkl#228;rung f#252;r diese bedauerlichen Umst#228;nde gestanden - irgend etwas von politischen Wirren und einer unguten Entwicklung im Lande, die es f#252;r ihn nicht ratsam erscheinen lie#223;e, in seine Heimat zur#252;ckzukehren; zumindest nicht im Moment. Wie immer, wenn er in Gedanken versunken war, spielten Mikes Finger unbewu#223;t mit dem durchbrochenen Goldamulett, das er an einer d#252;nnen Kette um den Hals trug - das einzig pers#246;nliche Andenken an seinen Vater, das er besa#223;. Nicht ratsam! Mike hatte vor lauter Entt#228;uschung und Zorn am liebsten laut losgeheult. Was interessierten ihn politische Wirren und eine allgemeine ungute Entwicklung der Dinge?! Er wollte #252;ber die Feiertage nach Hause, wie es alle anderen Sch#252;ler hier durften, und er konnte und wollte auch nicht einsehen, was ein sechzehnj#228;hriger Junge mit politischen Wirren zu schaffen hatte! W#228;re sein Vater noch am Leben gewesen oder irgendein anderer Verwandter, der vielleicht eine wichtige Rolle in Politik und Wirtschaft seines Landes spielte, ja, dann h#228;tte er das vielleicht verstanden. Aber so... Mike war ein Waisenkind. Seine Eltern waren bei einem Unfall ums Leben gekommen, als Mike noch nicht einmal zwei Jahre alt war. Sein Vater war Inder und als hoher Beamter im britischen Dienst t#228;tig ge wesen. Er hatte seine Frau, eine mittellose Engl#228;nderin, auf einem Wohlt#228;tigkeitsfest kennengelernt und sich auf der Stelle in sie verliebt. Nach dem Tod seiner Eltern lebte Mike bei seinem Vormund, einem Bekannten seines Vaters, bis er alt genug war, um erkundigte sich Paul. Er grinste. Es wirkte nicht ganz echt, und es diente genau wie sein lockerer Ton nur dazu, Mike aufzuheitern. Leider funktionierte es nicht. »Wie kommst du darauf?« knurrte Mike und stand so heftig auf, da#223; sein Stuhl scharrend #252;ber den Boden fuhr und beinahe umgekippt w#228;re. »Ich platze gleich vor Freude. Kannst du dir etwas Sch#246;neres vorstelen, als Weihnachten hier zu verbringen und Silvester mit einem Glas Erdbeersaft mit Mclntire anzusto#223;en?« »Du bist ja nicht ganz allein«, sagte Paul. Was f#252;r ein Trost, dachte Mike sarkastisch. Tats#228;chlich waren sie in diesem Jahr zu f#252;nft, was die Zahl der Sch#252;ler anging, die aus dem einen oder anderen Grund nicht nach Hause konnten und die Ferien hier verbrachten. Mike h#228;tte allerdings auf die Ehre, dazu zu geh#246;ren, liebend gern verzichtet. Er ersparte sich deshalb jede Antwort. Paul ging zu seinem Bett und nahm den Koffer auf, der schon seit dem gestrigen Abend fertig gepackt dort stand. Der Anblick gab Mike einen neuerlichen Stich. Nat#252;rlich hatte er gewu#223;t, da#223; Paul heute abreiste -aber es jetzt zu sehen gab ihm f#252;r eine Sekunde das absurde Gef#252;hl, von seinem Freund im Stich gelassen zu werden. »Ist dein Vater schon da?« fragte er. Paul nickte. »Schon seit einer ganzen Weile. Er spricht noch mit Mclntire.« Paul war kein besonders guter Sch#252;ler. Er machte auch gar kein Hehl daraus, da#223; er nicht viel von Schule und Lernen hielt, und wahrscheinlich war der einzige Grund, aus dem er noch immer hier war, der, da#223; sein Vater ein sehr einflu#223;reicher Mann war. Nebenbei auch ziemlich verm#246;gend -aber das waren die Eltern der allermeisten Kinder hier. Paul sah ihn noch einen Moment lang mitleidig an, da#223; Mike schon wieder in Zorn geriet, dann zuckte er mit den Schultern, drehte sich um und ging unter dem Gewicht seines Koffers etwas schief zur T#252;r. Dort wandte er sich noch einmal an Mike: »Willst du nicht wenigstens mitkommen und hallo sagen? Mein Vater w#252;rde sich bestimmt freuen.« Mike wollte im ersten Moment ablehnen, weil er einen tiefen Groll auf die ganze Welt versp#252;rte. Aber dann begegnete er Pauls Blick, und was er darin las, machte ihm klar, da#223; er seinen Freund damit verletzt h#228;tte. Au#223;erdem mochte er Hieronymus Winterfeld. Pauls Vater war Kapit#228;n der Kaiserlich Deutschen Kriegsmarine, der nicht das erste Mal einen Aufenthalt seines Schiffes vor der englischen K#252;ste dazu nutzte, einen Abstecher nach Andara-House zu machen und seinen Sohn zu besuchen. Kapit#228;n Winterfeld erfreutesich nicht nur bei Mike, sondern auch bei allen anderen Sch#252;lern des Internats gro#223;er Beliebtheit. Zwar entsprach er #228;u#223;erlich durchaus dem Bild eines steifen deutschen Marineoffiziers: er war gro#223;, von imposanter Statur, hielt sich stets gerade in seiner dunkelblauen Marineuniform, an deren Brust viele Medaillen und Ordensspangen befestigt waren, und hatte einen stets forschen Gang. Ganz im Gegensatz zu diesem ehrfurchtgebietenden #196;u#223;eren jedoch stand sein Verhalten. Er war nicht nur sehr freundlich, sondern auch ein #252;beraus lustiger und redseliger Mann, der immer eine freundliche Bemerkung parat hatte und kaum eine Gelegenheit auslie#223;, eine Anekdote aus sei nem Leben zur See oder irgendein Abenteuer zu erz#228;hlen. Manchmal brachte er kleine Geschenke f#252;r Pauls Zimmerkameraden mit, und im vergangenen Jahr hatte er sogar auf eigene Kosten eine Barkasse gechartert und Paul und eine Anzahl anderer Jungen zu einer Rundfahrt im Hafen eingeladen. »Wie ist es?« fragte Paul, als Mike noch immer z#246;gerte. Mike gab sich einen Ruck und stand auf. »Warum nicht?« fragte er. »Vielleicht kann ich deinen Vater #252;berreden, mich als blinden Passagier an Bord seines Schiffes zu schmuggeln.« Auch in den R#228;umen des Direktors warfen die kommenden Ferien ihre Schatten voraus. Der Schreibtisch im Vorzimmer war verwaist und v#246;llig aufger#228;umt. Mclntires Sekret#228;rin war eine #252;beraus t#252;chtige Person, aber das genaue Gegenteil des Direktors. Sie war lustig, immer zu einem Scherz aufgelegt, redete ununterbrochen und verbreitete Chaos, wo immer sie auftauchte. Wie auf ein Stichwort hin erschien sie in diesem Moment, bereits mit Mantel, dicken Winterstiefeln und einem jener breitkrempigen H#252;te mit einem Gazeschleier, wie sie jetzt in Mode gekommen waren. Als sie die beiden erblickte, l#228;chelte sie. »Ah, der junge Herr Winterfeld«, sagte sie h#246;flich. »Du bist bestimmt gekommen, um M#228;uschen zu spielen und zu h#246;ren, was der Herr Direktor mit deinem Vater zu besprechen hat, wie?« Sie blinzelte Paul zu, ging zum Schreibtisch und warf einen letzten Blick auf die blankpolierte Platte, wie um sich zu #252;berzeu gen, da#223; ihr auch kein St#228;ubchen entgangen war, das den Schreibtisch w#228;hrend ihrer Abwesenheit verun zieren mochte. »Aber daraus wird nichts.« Paul und Mike tauschten einen verwirrten Blick. Sie waren nicht hierhergekommen, um irgend etwas in Erfahrung zu bringen. Au#223;erdem war die gepolsterte T#252;r zu Mclntires Allerheiligstem so dick, da#223; man dahinter schon eine Kanone h#228;tte abschie#223;en m#252;ssen, um auf der anderen Seite einen Laut zu h#246;ren. In diesem Augenblick wurde diese T#252;r ge#246;ffnet, und der Direktor von Andara-House trat heraus, dicht gefolgt von Kapit#228;n Winterfeld. Die beiden waren in ein Gespr#228;ch vertieft, und McIntire lachte sogar, als er Pauls Vater die T#252;r aufhielt, und das war etwas, was nun wirklich h#246;chst selten vorkam; es war beinahe Anla#223; genug, auf dem Kalender in Mikes Zimmer das heutige Datum mit einem zweiten roten Kringel zu markieren. Kapit#228;n Winterfeld sah beeindruckend aus wie immer. #220;ber seiner makellosen Paradeuniform trug er einen wei#223;en Mantel mit Fellkragen, und die Kapit#228;nsm#252;tze mit dem goldenen Emblem seines Schiffes verlieh ihm etwas fast Majest#228;tisches. Sein Schnurrbart war sorgsam gezwirbelt und stand so steif von seinem Gesicht ab, als w#228;re er aus Draht geflochten, und unter dem Mantel klapperte bei jedem Schritt der Offizierss#228;bel gegen sein Bein. Als er seinen Sohn und Mike erblickte, unterbrach er sein Gespr#228;ch mit McIntire f#252;r eine Sekunde, um ihnen ein freundliches Nicken zuzuwerfen, dann streckte er dem Direktor zum Abschied die Hand entgegen. »Also dann sehen wir uns nach den Weihnachtsferien wie der.« »Frisch ausgeruht und bester Dinge«, best#228;tigte McIntire. »Und machen Sie sich keine Sorgen. #220;ber die paar Kleinigkeiten - « Bei diesen beiden Worten warf er einen unheilschwangeren Blick in Pauls Richtung. » - werden wir uns schon einig.« Paul schien pl#246;tzlich etwas ungemein Interessantes am Fenster entdeckt zu haben, denn seine ganze Aufmerksamkeit war auf einen imagin#228;ren Punkt irgendwo hinter Mi#223; McCrooder gerichtet. Kapit#228;n Winterfeld dr#252;ckte McIntire noch einmal die Hand und wandte sich dann zu ihnen um. McIntire blieb mit der Hand auf der Klinke unter der T#252;r stehen, aber Winterfeld beachtete ihn nicht mehr. »Michael!« sagte er mit einem erfreuten L#228;cheln. »Wie sch#246;n, da#223; wir uns wieder einmal sehen.« Mike erwiderte Winterfelds festen H#228;ndedruck und l#228;chelte ebenfalls. Winterfeld schien aber sofort aufzufallen, da#223; irgend etwas mit Mike nicht stimmte. Er legte den Kopf schr#228;g und blickte ihn eindringlich an. »Was ist los mit dir?« fragte er geradeheraus. »Du siehst nicht aus wie ein Junge, der sich auf die Ferien freut.« Das liegt vielleicht daran, da#223; ich kein Junge bin, der sich auf die Ferien freut, dachte Mike. Er sprach das aber nicht aus, sondern zuckte nur mit den Schultern. »#196;rger?« erkundigte sich Winterfeld. »Nein«, antwortete Mike, und Paul sagte im gleichen Atemzug: »Ja.« Der Blick seines Vaters wanderte f#252;r einen Moment zwischen seinem und Mikes Gesicht hin und her. »Mike hat keinen besonderen Grund, sich zu freuen«, erkl#228;rte Paul. »Er kann in diesen Ferien nicht nach Hause.« »Ist das wahr?« Winterfeld blinzelte. »Was ist passiert?« »Es ist so«, schaltete sich der Direktor ein. »Gestern kam ein Brief aus seiner Heimat. Wie es scheint, herrschen in Indien wieder einmal Unruhen. Jedenfalls ist sein Vormund der Meinung, da#223; es sicherer f#252;r Mike ist, wenn er die Feiertage hier bei uns verbringt, statt sich auf die gefahrvolle Reise in eine Provinz zu begeben, in der jeden Moment ein B#252;rgerkrieg ausbrechen kann.« Kapit#228;n Winterfeld runzelte bei diesen Worten die Stirn, schwieg aber. Allein die Tatsache, da#223; Hieronymus Winterfeld -der immerhin ein hoher deutscher Marineoffizier war -seinen Sohn auf ein englisches Internat schickte, bewies zweifelsfrei, wie sehr er seine privaten Dinge von politischen R#252;cksichtnahmen zu trennen wu#223;te. Aber er blieb trotz allem ein deutscher Offizier, und selbst Mike, der sich nicht die Bohne um Politik k#252;mmerte, war nicht verborgen geblieben, wie angespannt die Lage in Europa war. W#228;hrend der letzten Monate hatte sich das Verh#228;ltnis zwischen Deutschland und #214;sterreich auf der einen und so ziemlich dem ganzen Rest Europas auf der anderen Seite drastisch verschlechtert. Man munkelte sogar von Krieg, aber das hielt Mike f#252;r #252;bertrieben. »Das tut mir sehr leid«, sagte Winterfeld weich. »Ich wei#223;, wie das ist, ich bin ebenfalls in einem Internat gewesen, wei#223;t du? Und die Vorstellung, auch noch die wohlverdienten Ferien dort verbringen zu m#252;ssen...« Er sch#252;ttelte den Kopf. »Hast du sonst keine Verwandten, zu denen du gehen k#246;nntest?« »Nein«, antwortete Mike. Der europ#228;ische Zweig seiner Familie war mit seiner Mutter ausgestorben; das wu#223;te er von seinem Vormund. »Mike ist nicht ganz allein«, sagte McIntire. »Au#223;er ihm werden noch vier weitere Sch#252;ler hierbleiben, und es gibt ja auch noch mich und einen Teil des Lehrpersonals, das Weihnachten und Neujahr auf Andara-House verbringt.« Leider, f#252;gte Mike in Gedanken hinzu, zwang sichaber gleichzeitig zu einem L#228;cheln und sagte: »Essind ja nur drei Wochen.« »Drei Wochen k#246;nnen eine Ewigkeit sein«, sagte Winterfeld. Ein nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinen Z#252;gen. »Vielleicht g#228;be es da doch noch eine M#246;glichkeit«, meinte er etwas unschl#252;ssig. »Welche?« fragte McIntire. »Nun, es ist ungew#246;hnlich, aber...« Er z#246;gerte einen Moment, dann sprach er weiter. »Michael k#246;nnte uns begleiten. Wenigstens f#252;r ein paar Tage.« Mike horchte auf, und McIntire legte den Kopf schr#228;g und die Stirn in Falten, wodurch er ein wenig wie ein #252;berraschter Dackel aussah, ohne jedoch die nat#252;rliche Freundlichkeit dieser kleinen Hunde auszustrahlen. »Wie meinen Sie das?« »Nun, des einen Leid ist des anderen Freud, das wissen Sie ja«, antwortete Winterfeld. »An sich hatte ich vor, Paul gleich mit nach Hause zu nehmen. Aber wie es scheint, werden auch wir zumindest die Weihnachtstage noch auf Ihrer freundlichen Insel verbringen. Die LEOPOLD liegt mit einem Maschinenschaden im Hafen, und wie mir mein Erster Ingenieur versicherte, wird die Reparatur mindestens sechs Tage in Anspruch nehmen. Wenn Michael es m#246;chte und Sie einverstanden sind, selbstverst#228;ndlich, dann k#246;nnte er Paul und mich begleiten und an Bord des Schiffes bleiben, bis wir auslaufen.« Mike ri#223; erstaunt Mund und Augen auf. Aus seiner gerade noch abgrundtiefen Betr#252;bnis wurde ein himmelhohes Jauchzen, das allerdings sofort wieder einen kr#228;ftigen D#228;mpfer bekam, als er McIntire ansah. Das Stirnrunzeln des Direktors zeigte, da#223; er wenig begei stert von Winterfelds Vorschlag war. Schlie#223;lich war Hieronymus Winterfeld Soldat und die LEOPOLD ein Kriegsschiff. Sein Vorschlag verstie#223; wahrscheinlich gegen so ziemlich jede Regel, die McIntire kannte, und wahrscheinlich auch gegen alle, die er nicht kannte. »Ich bin nicht ganz sicher, ob...« begann McIntire, aber Winterfeld unterbrach ihn sofort. »Ich #252;bernehme nat#252;rlich die volle Verantwortung«, sagte er. »Und es besteht wirklich kein Grund zur Sor ge. Wie gesagt: die LEOPOLD liegt man#246;vrierunf#228;higim Hafen, und ich verb#252;rge mich daf#252;r, da#223; Michael sicher wieder zur#252;ckgebracht wird, bevor wir auslaufen.« »Ich zweifle nicht an Ihrem Wort, Kapit#228;n Winterfeld«, antwortete McIntire hastig. »Es ist nur...« Er r#228;usperte sich, dann gab er sich einen Ruck und fuhr ein wenig fester fort: »Ich will ganz ehrlich sein: Die Lage ist nicht nur in Indien gespannt. Ich bin nicht sicher, ob es wirklich klug ist, wenn sich Mike im Moment an Bord eines deutschen Kriegsschiffes begibt.« »Sir, ich bitte Sie!« sagte Winterfeld kopfsch#252;ttelnd. »Ich wei#223; ja nicht, was die Zeitungen hier in Gro#223;britannien f#252;r einen Unsinn verbreiten, aber wenn er auch nur halb so gro#223; ist wie der, den sie bei uns schreiben, dann kann ich Sie beruhigen. Weder das Deutsche Kaiserreich noch #214;sterreich-Ungarn tragen sich im Moment mit dem Gedanken an Krieg. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, da#223; es Ihrem King anders ergeht. Immerhin leben wir im zwanzigsten Jahrhundert.« »Was nichts daran #228;ndert, da#223; die LEOPOLD ein Kriegsschiff ist.« Kapit#228;n Winterfeld nahm die Worte gar nicht zur Kenntnis. »Und au#223;erdem«, fuhr er unbeeindruckt fort, »bin ich nicht als Kapit#228;n der Kaiserlichen Kriegsmarine hier, sondern als Vater eines Ihrer Sch#252;ler.« McIntire wirkte noch immer unentschlossen, und Mikes Herz begann vor Aufregung immer schneller zu klopfen. McIntire mu#223;te einfach ja sagen. Nach Winterfelds #252;berraschendem Angebot w#252;rde er eine weitere Entt#228;uschung nicht #252;berleben, da war er ganz sicher. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte Winterfeld. »Wenn ich mich nicht irre, wird der Schulbetrieb mit dem heutigen Abend sowieso eingestellt. Ich lade Sie, Michael und die vier anderen Sch#252;ler, von denen Sie erz#228;hlten, zu einem Besuch auf meinem Schiff ein. Sie k#246;nnen sich mit eigenen Augen davon #252;berzeugen, da#223; die Jungen dort sicher sind.« »Ist das denn gestattet?« fragte McIntire #252;berrascht. Winterfeld sch#252;ttelte den Kopf und grinste pl#246;tzlich so breit wie ein Sch#252;ler der dritten Klasse, der beobachtet, wie sein Lehrer sich auf den Schwamm setzt, den er auf seinen Stuhl gelegt hat. »Betrachten Sie es als einen Akt der V#246;lkerverst#228;ndigung«, sagte er. »In einer Zeit wie dieser k#246;nnen auch kleine Gesten gro#223;e Dinge bewirken - und f#252;r Michael und die vier anderen ist es wenigstens ein kleiner Trost.« McIntire z#246;gerte noch immer, aber Mike sp#252;rte, da#223; sein Widerstand mit jeder Sekunde weiter br#246;ckelte. Vermutlich fand auch er selbst die Vorstellung #228;u#223;erst verlockend, Winterfelds m#228;chtiges Kriegsschiff aus der N#228;he sehen zu k#246;nnen. Mike selbst wurde allein bei dem Gedanken schon fast schwindelig. Paul hatte ihm genug von der LEOPOLD erz#228;hlt,um ihn ganz kribbelig werden zu lassen. WelchemJungen in seinem Alter h#228;tte auch nicht das Herz h#246;her geschlagen bei dem Gedanken, ein paar Tage auf einem richtigen Kriegsschiff zu verbringen? McIntire mu#223;te einfach ja sagen!Und er tat es. »Also gut«, sagte er. Er drehte sich zuMike herum. »Ich nehme die Einladung f#252;r mich unddie Jungen an.«»Prima«, sagte Winterfeld aufger#228;umt, »dann schicke ich morgen fr#252;h einen Wagen. Sagen wir um neunUhr?« wandte er sich an McIntire.Mike war #252;ber diese unerwartete erfreuliche Wendung der Dinge so aufgeregt, da#223; er verga#223;, sich bei Pauls Vater zu bedanken. Sein Herz klopfte noch im mer heftig, als Paul und sein Vater gegangen waren und er wieder in sein Zimmer zur#252;ckkehrte. Da#223; er in diesem Jahr nicht nach Indien reisen konnte, erwies sich pl#246;tzlich als unerwarteter Gl#252;cksfall. Indien, so gern er seine Heimat mochte, lief ihm nicht davon, wohl aber vielleicht die LEOPOLD. Er erreichte sein Zimmer, trat ein - und blieb an der T#252;r stehen. Irgend etwas war nicht so, wie es sein sollte. Aufmerksam sah er sich im Zimmer um. Auf den ersten Blick schien alles zu sein wie vorhin, aber dann gewahrte er doch eine Anzahl kleiner Ver#228;nderungen: eine Schublade des Schreibtisches war aufgezogen und nicht wieder v#246;llig geschlossen worden, so da#223; ihre Kante einen Zentimeter #252;ber die Front des M#246;bels herausragte, der Brief lag ein wenig anders da als vorhin. Auf dem Regal #252;ber seinem Bett hatten zwei B#252;cher seit Wochen auf dem Kopf gestanden, jetzt standen sie richtig herum. Dann sah er, da#223; sein Schrank halb offenstand. Er selbst hatte ihn gestern abend abgeschlossen, und der Schl#252;ssel befand sich in seiner rechten Hosentasche, wie er mit einem raschen Griff feststellte. Er musterte aufmerksam den Inhalt. Von den wenigen Dingen, die Mike f#252;r wert befunden hatte, eingeschlossen zu werden, fehlte kein einziges. Aber es war auch hier wie auf dem Schreibtisch oder dem Regal: es gab winzige Ver#228;nderungen, die Mikes Verdacht endg#252;ltig zur Gewi#223;heit machten. Jemand war hiergewesen und hatte seine Sachen durchsucht. Mike dr#252;ckte die T#252;r wieder zu und schlo#223; sorgf#228;ltig ab. Wer um alles in der Welt mochte hiergewesen sein, und vor allem: warum? Er wu#223;te nat#252;rlich, da#223; selbst hier schon Diebst#228;hle vorgekommen waren, aber das war doch die Ausnahme - und au#223;erdem be sa#223; er rein gar nichts, was des Stehlens wert gewesen w#228;re. Er ging zum Schreibtisch, #246;ffnete die Schublade, die ihm vorhin aufgefallen war, und es war dasselbe: ganz offensichtlich hatte jemand seine Habseligkeiten durchsucht. Aber auch hier fehlte nichts. Die Sache wurde immer r#228;tselhafter. Trotzdem - es gab an diesem Tag nichts, was Mikes gute Laune wirklich h#228;tte verderben k#246;nnen. Der Wagen rollte am n#228;chsten Morgen um Schlag neun die verschneite Zufahrt von Andara-House hinauf. Obwohl weder Paul noch sein Vater mitgekommen waren und es sich um einen sehr gro#223;en Wagen handelte, herrschte w#228;hrend der fast anderthalbst#252;ndigen Fahrt doch eine dr#252;ckende Enge, denn au#223;er Mike und seinen vier Kameraden hatten sich nicht nur McIntire, sondern auch noch Mi#223; McCrooder zu ihnen gesellt, so da#223; sie alle froh waren, als sie endlich den Hafen erreichten und aussteigen konnten. Nat#252;rlich war Mike der erste, der vom Trittbrett des Wagens herunter in den braunen Morast sprang, in den sich der #252;ber Nacht gefallene Schnee verwandelt hatte, und beinahe w#228;re er auf dem schl#252;pfrigen Boden ausgeglitten und konnte sich nur im letzten Moment am Kotfl#252;gel des Wagens festhalten -was ihm nicht nur das schadenfrohe Gel#228;chter seiner Kameraden, sondern auch ein mi#223;billigendes Stirnrunzeln McIntires einbrachte. Aber das st#246;rte ihn im Moment herzlich wenig. Er grinste nur fr#246;hlich, trat einen Schritt beiseite, um den anderen Platz zu machen, die hinter ihm aus dem Wagen herausdr#228;ngten, und zog den Kragen seiner pelzgef#252;tterten Jacke enger zusammen, w#228;hrend er sich umsah. Der Teil des Hafens, in den sie der Fahrer gebracht hatte, war eine einzige Entt#228;uschung: Zur Rechten des schmalen Kais, der mit aufgeweichtem schmutzigem Schnee bedeckt war, reihten sich eine Anzahl niedriger, sch#228;big aussehender Lagerschuppen, die zum Gro#223;teil nicht benutzt zu werden schienen -einige Fenster waren eingeschlagen oder mit Brettern vernagelt, manche der gro#223;en Rolltore standen offen, so da#223; man einen Blick in die leeren, dem Verfall anheimgegebenen R#228;ume dahinter werfen konnte. Aus dem Schornstein eines Geb#228;udes vielleicht f#252;nfzig Meter vor ihnen stieg wei#223;er Rauch, und noch etwas weiter hinten war eine Anzahl M#228;nner damit besch#228;ftigt, einen Lastkarren zu entladen, davon abgesehen jedoch machte die Gegend einen ziemlich verlassenen Eindruck. Das Bild auf der anderen Seite war noch trostloser. Das Wasser der Themse schwappte tr#228;ge gegen den Kai, und statt der erwarteten Ozeanriesen schwammen nur einige Abf#228;lle auf den braunen, #246;ligen Wellen. »Nun, wo ist denn dein famoses Schlachtschiff?« h#246;rte er Juans Stimme hinter sich fragen. Mike unterdr#252;ckte den #196;rger, mit dem ihn diese Worte erf#252;llten. Sicher, er war auf der Fahrt hierher nicht m#252;de geworden, ihnen allen von der LEOPOLD vorzuschw#228;rmen, die er ja aus Pauls Erz#228;hlungen zumindest theoretisch kannte, und wenn sie seinen Worten auch nur halbwegs Glauben schenkten, dann mu#223;ten sie zu der #220;berzeugung gelangt sein, da#223; das gr#246;#223;te Abenteuer ihres Lebens auf sie wartete. Und alles, was sie im Moment sahen, waren ein schmuddeliger Kai, ein halbes Dutzend leerstehender Lagerschuppen und einige Hafenarbeiter. »Es ist nicht mein Schlachtschiff«, antwortete er betont und drehte sich um. »Au#223;erdem ist die LEO-POLD man#246;vrierunf#228;hig, wie du sehr wohl wei#223;t. Sie schicken ein Boot, das uns abholt.« »Und an Bord eines deutschen Kriegsschiffes bringt, das vor der Themsem#252;ndung liegt?« f#252;gte Juan in herablassendem Tonfall hinzu. »Und das glaubst du sogar, wie?« Er hatte die Arme vor der Brust verschr#228;nkt und blickte ihn sp#246;ttisch an, und hinter ihm hatten jetzt Ben und Andr#233; Aufstellung genommen. Nur Chris, mit seinen neun Jahren der J#252;ngste von ihnen, hatte sich ein paar Schritte weit vom Wagen entfernt und sah auf den Flu#223; hinaus. Dabei trat er unentwegt von einem Fu#223; auf den anderen. »Wir haben gestern abend dar#252;ber gesprochen«, fuhr Juan mit einer Geste fort, die sowohl die beiden anderen als auch Chris einschlo#223;. »Wie selbst dir nicht entgangen sein d#252;rfte, kriselt es zwischen England und Deutschland, und du glaubst im Ernst, da#223; in dieser Zeit die englische Regierung zusieht, wie ein deutsches Kriegsschiff vor der Themsem#252;ndung herumschippert?« Mike w#228;re nie auf die Idee gekommen, Politik mit seinen pers#246;nlichen Gef#252;hlen einem anderen Menschen gegen#252;ber in Verbindung zu bringen. Aber er wu#223;te, da#223; das nicht bei allen Sch#252;lern des Internats so war. Gerade in den letzten Monaten hatte Paul sich einige b#246;se Bemerkungen anh#246;ren m#252;ssen, weil sein Vater Kapit#228;n der deutschen Kriegsmarine war. »Was hat das eine mit dem anderen zu tun?« fragte er m#252;rrisch. »Kapit#228;n Winterfeld ist ganz privat hier, um Paul abzuholen.« »0 ja, und zu diesem Zweck bringt er gleich sein gro#223;artiges Schiff mit, wie?« fragte Juan sp#246;ttisch. Mikes Blick glitt #252;ber die Gesichter der anderen. Ben sah ihn schadenfroh an, und selbst Andr#233; l#228;chelte abf#228;llig. Mike kannte den jungen Franzosen kaum. Er lebte zwar seit zwei Jahren auf Andara-House, und #252;berseine Herkunft gab es verschiedene Ger#252;chte, nach denen er mal der letzte Spro#223; eines im Aussterben begriffenen franz#246;sischen Adelsgeschlechtes war, dann wieder der Sohn eines Pariser Million#228;rs, dessen Vater keine Zeit hatte, sich um ihn zu k#252;mmern, oder auch das uneheliche Kind einer weltbekannten Schauspielerin. Andr#233; sprach zwar ein fast akzentfreies Englisch - aber nur, wenn es unbedingt notwendig war. Mike wandte sich wieder Juan zu. Im Gegensatz zu Andr#233; macht der Spanier kein Geheimnis um seine Herkunft. Er war tats#228;chlich der Sohn eines andalusischen F#252;rsten; und er machte keinen Hehl daraus, da#223; er sich eine Menge auf das blaue Blut seiner Familie einbildete -und vor allem deren Geld. »Wenn ihr das glaubt, warum seid ihr dann #252;berhaupt mitgekommen?« frage Mike scharf. »Vielleicht, um rauszufinden, was hier wirklich los ist«, antwortete Juan mit einem Achselzucken. Er vergrub die H#228;nde in den Jackentaschen und begann auf den Abs#228;tzen zu wippen. »Au#223;erdem ist es immer noch besser, als im Internat rumzusitzen und sich zu langweilen«, f#252;gte Ben hinzu. »Wenn dein Freund nicht kommt, sehen wir uns eben den Hafen an.« Mike funkelte ihn #228;rgerlich an. Juan und Ben hatten vielleicht #228;u#223;erlich nicht viel gemein, aber eines war bei beiden gleich: Mike konnte sie nicht besonders gut leiden. »He, was ist denn da los?« McIntires Stimme drang scharf an Mikes Ohr und hinderte ihn an einer w#252;tenden Antwort. Der Direktor von Andara-House kam mit weit ausgreifenden Schritten n#228;her, blieb zwischen Mike und den drei anderen Jungen stehen und musterte sie nicht besonders freundlich. »Keinen Streit, wenn ich bitten darf, meine Herren.« »Wir streiten nicht«, sagte Juan. Er machte sich nicht einmal die M#252;he, McIntire bei diesen Worten anzusehen, sondern hielt seinen Blick fest auf Mikes Gesicht gerichtet. »Wir haben nur #252;berlegt, wo das Boot bleibt, das ist alles.« McIntires Gesichtsausdruck machte sehr deutlich, was er von dieser Antwort hielt. Juan und er waren schon mehr als einmal in aller #214;ffentlichkeit aneinandergeraten. Doch diesmal zuckte der Direktor nur mit den Schultern, kramte umst#228;ndlich seine Taschenuhr unter dem Mantel hervor und lie#223; den Deckel aufschnappen. »Es ist in der Tat schon ziemlich sp#228;t«, sagte er, nachdem er einen Blick auf das Zifferblatt geworfen hatte. »Aber das Wetter ist schlecht, und das Boot wird eine ganze Weile brauchen, um hierherzukommen. Vielleicht sollten wir uns noch ein wenig gedulden, ehe wir anfangen, irgendwelche Verschw#246;rertheorien zu entwickeln. Meinen Sie nicht auch, Se#241;or del Gado?« Er lie#223; den Deckel seiner Uhr mit einem h#246;rbaren Ger#228;usch zuschnappen und behielt Juan eine Sekunde lang scharf im Auge, ehe er die Uhr wieder einsteckte. Juan lie#223; sich nun doch dazu herab, McIntire anzublicken, und er war klug genug, nichts zu sagen, sondern nur stumm mit dem Kopf zu nicken. Rasch wandte sich Mike um und ging zu Chris hin #252;ber, der auf der anderen Seite des Wagens stand. Er wollte Juan keine Gelegenheit zu einer weiteren spit zen Bemerkung geben. Der Tag war ohnehin schon halb verdorben. »#196;rger?« fragte Chris, als Mike neben ihm anlangte. Mike zuckte mit den Achseln. »Das #220;bliche«, antwor tete er. »Juan.« »Mach dir nichts draus«, sagte Chris. »Er kocht vor Wut, die Ferien im Internat verbringen zu m#252;ssen, und sucht jemanden, an dem er seinen Zorn auslassen kann. Er war schon immer ein Bl#246;dmann.« Mike lachte leise. Wahrscheinlich hatte Chris recht. Das Dumme war nur, da#223; Juans Bemerkung ihn unsicher gemacht hatte. Aber weshalb h#228;tte Winterfeld sie zu einem Besuch auf der LEOPOLD einladen sollen, wenn sie gar nicht hier war? Und au#223;erdem... Als w#228;ren seine Gedanken das Stichwort gewesen, ert#246;nte in diesem Moment das ged#228;mpfte Tuckern eines Dieselmotors, und als Chris und Mike sich herumdrehten und in die Richtung sahen, aus der das Ger#228;usch kam, erblickten sie eine wei#223;gestrichene Barkasse, die genau auf sie zuhielt. Das Boot war viel kleiner, als Mike erwartet hatte, und der kurze Flaggenmast an seinem Heck war leer; auch konnte Mike weder einen Namen noch irgendeine andere Bezeichnung am Bug des Bootes entdecken. Trotzdem zweifelte er keine Sekunde daran, da#223; dies die Barkasse war, die sie zur LEOPOLD bringen sollte. »Na also«, sagte McIntire, »da kommt das Boot ja. Es besteht also gar kein Grund zur Aufregung.« Gemeinsam mit Mi#223; McCrooder -die #252;brigens ganz gegen ihre sonstige Art bisher kaum ein Wort gesprochen hatte -scheuchte er Juan und die beiden anderen vor sich her zum Wasser. Das Boot kam schnell n#228;her. Mike sah, da#223; sich mit Ausnahme des Steuermannes, der hinter dem blinden Glas des Ruderhauses nur als verschwommener Schemen zu erkennen war, noch zwei weitere Matrosen an Bord befanden; M#228;nner mit schwarzen Pudelm#252;tzen und schweren Arbeitsjacken. Er war ein wenig entt#228;uscht, da#223; weder Kapit#228;n Winterfeld selbst noch Paul mitgekommen waren, um sie abzuholen. »Auf dem Kahn brauchen wir Stunden, um das Schiffzu erreichen«, maulte Juan. McIntire warf ihm einen #228;rgerlichen Blick zu und wollte etwas erwidern, doch in diesem Moment geschah etwas, was ihre Aufmerksamkeit auf sich zog: Am anderen Ende der Stra#223;e wurden aufgeregte Stimmen laut, und als Mike sich umdrehte, sah er, da#223; die Arbeiter, die vorhin Kisten von dem Lastkarren in den Schuppen transportiert hatten, in eine lautstarke Auseinandersetzung mit einem Fremden verstrickt waren. Sehr schnell wurde aus der Debatte eine heftige Rangelei: »He!« rief Ben. »Da ist was los! Kommt, das sehen wir uns an!« Er wollte loslaufen, aber McIntire ergriff ihn mit einer schnellen Bewegung am Arm und hielt ihn zur#252;ck. »Nichts da!« sagte er scharf. »Ihr bleibt sch#246;n hier! Das fehlt mir noch, da#223; ich euren Eltern erkl#228;ren mu#223;, wieso ihr in eine Hafenschl#228;gerei verwickelt worden seid!« Ben machte ein entt#228;uschtes Gesicht, aber er versuchte nicht, sich aus McIntires Griff zu l#246;sen, sondern trat gehorsam wieder zur#252;ck. McIntires Besorgnis war berechtigt -die Rauferei hatte sich in eine ordentliche Schl#228;gerei verwandelt. Schreie wurden laut, und Mike sah, wie sich gleich vier M#228;nner auf einmal auf den Fremden st#252;rzten, um ihn niederzuringen. Sein Schrecken wandelte sich schon nach wenigen Sekunden in Erstaunen, als er sah, wie erfolgreich sich der Mann zur Wehr setzte. Nat#252;rlich konnte er die vierfache #220;bermacht seiner Gegner nicht wirklich besiegen; so etwas klappte vielleicht in B#252;chern, aber selten in Wirklichkeit. Doch er hielt sich tapfer. Die vier Burschen hatten ihn eingekreist und attackierten ihn mit Boxhieben und Tritten, aber irgendwie gelang es ihm immer wieder, den Angriffen auszuweichen und selbst mit blitzschnellen Schl#228;gen zu kontern, die mehr als einmal einen der Angreiferzu Boden schickten. Dabei war er nicht besonders gro#223; oder von kr#228;ftigem Wuchs. Der Mann, der schwarzes Haar und einen dunklen Teint hatte, war schlank und nur von durchschnittlicher Gr#246;#223;e. Aber er bewegte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit und so schnell, da#223; Mike einige der Hiebe, die er seinen Gegnern versetzte, nicht einmal richtig sah. Trotzdem wurde der Fremde mehr und mehr in die Enge getrieben, und am Ausgang des ungleichen Kampfes bestand kein Zweifel. Die #220;bermacht war zu gro#223;. »Jemand sollte ihm helfen«, sagte Juan pl#246;tzlich. »Vier gegen einen ist nicht fair.« »Nichts da!« antwortete McIntire streng. »Ihr bleibt hier, verstanden? Habt ihr Lust, da hineingezogen zu werden und den Rest des Tages auf einer Polizeiwache zu verbringen statt auf dem Schiff?« Nerv#246;s sah er sich nach der Barkasse um. Das Boot war mittlerweile n#228;her gekommen und begann tr#228;ge auf der Stelle zu wenden, um am Kai l#228;ngsseits zu gehen. Einer der beiden Matrosen hatte eine Planke ergriffen, der andere stand im Bug des Bootes und sah neugierig der Pr#252;gelei auf dem Kai zu. Auch Mike blickte wieder zum Schuppen hin. Der Kampf war mittlerweile entschieden. Der Fremde war zu Boden gegangen, und zwei der Burschen waren gerade dabei, seine Arme zu packen und festzuhalten, w#228;hrend ein dritter neben ihm stand und ihm mehr mals hintereinander fest in den Leib trat. Pl#246;tzlich kam sich Mike erb#228;rmlich feige vor, einfach dazustehen und tatenlos zu bleiben. »Wir m#252;ssen doch irgend etwas tun«, sagte er. »Sie bringen ihn um.« »Unsinn!« antwortete McIntire. »So schnell bringt man niemanden um. Wer wei#223;, was er getan hat.« Aber er sah nicht so drein, als w#228;re er von seinen eigenen Worten #252;berzeugt, und nach einem Z#246;gern f#252;gte er hinzu: »Ich werde die Angelegenheit melden, sobald wir zur#252;ck sind.«Mike starrte den Direktor von Andara-House verbl#252;fftan. Bis sie zur#252;ck waren, w#252;rde es sp#228;ter Nachmittag sein, wenn nicht Abend. Was um alles in der Welt glaubte McIntire dann noch melden zu k#246;nnen? Er kam nicht dazu, etwas zu sagen, denn in diesem Moment hatte die Barkasse das Ufer erreicht. Der Bootsrumpf schlug mit einem dumpfen Laut gegen den Kai, und im selben Moment wurde die Planke zu ihnen heruntergeworfen; der zweite Matrose sprang von Bord und wickelte das Ende eines handstarken Taues um einen der eisernen Poller, die in regelm#228;#223;igen Abst#228;nden #252;ber dem Ufer aufragten. »Beeilt euch«, sagte McIntire mit einer ungeduldigen Geste. »Wir haben genug Zeit verloren.« Als keiner der Jungen reagierte, trat Mi#223; McCrooder als erste auf die schmale Planke, um mit kleinen, vorsichtigen Schritten zum Boot #252;berzuwechseln. Sie wirkte sehr nerv#246;s, und Mike war sicher, da#223; das nicht nur an dem schmalen Steg lag, #252;ber den sie balancieren mu#223;te. Auf ihrem Gesicht lag ein angespannter Ausdruck. Von ihrer gewohnten Fr#246;hlichkeit war nichts mehr zu entdecken, und jetzt fiel ihm auch wieder ein, wie schweigsam sie auf dem Weg hierher gewesen war. Juan stemmte die behandschuhten F#228;uste in die H#252;ften und ma#223; das Boot mit einem stirnrunzelnden Blick. »Keine Hoheitszeichen«, sagte er m#252;rrisch. »Sie haben den Namen und die Kennung #252;berpinselt, seht euch das an. Was soll denn der Unfug?« »Juan, Ben - bitte«, seufzte McIntire. »La#223;t euch doch nicht zu jeder einzelnen Bewegung auffordern! Wenn ihr hierbleiben wollt, dann sagt es, und wir fahren auf der Stelle ins Internat zur#252;ck!« Das gab den Ausschlag. Die beiden beeilten sich, hinter Mi#223; McCrooder in die Barkasse hinabzusteigen, und auch Andr#233; und Chris worden war. McIntire hatte das kleine Ruderhaus betreten und unterhielt sich halblaut, aber heftig mit dem Steuermann. Und auch er deutete immer wieder zur#252;ck; zum Ufer und in die Richtung, in der der Lagerschuppen lag. Pl#246;tzlich hatte Mike das sichere Gef#252;hl, da#223; hier irgend etwas nicht stimmte. Er sollte recht behalten. Als sie sich weiter in das Hafenbecken hineinbeweg ten, wurde es empfindlich kalt. Vom Wasser stieg ein eisiger Hauch empor, und w#228;hrend ihnen am Ufer die Lagerschuppen noch ein wenig Schutz vor dem Wind gew#228;hrt hatten, schlug er ihnen nun eisig ins Gesicht, so da#223; Mike nicht der einzige war, der fr#246;stelnd die H#228;nde in den Jackentaschen vergrub und den Kopf einzog. Das Boot nahm Kurs auf die Themsem#252;ndung und wurde nur wenig schneller. Wenn sie die ganze Strecke bis zur LEOPOLD in diesem Schneckentempo zur#252;cklegten, dachte Mike, dann konnte es Mittag werden, ehe sie das Schiff auch nur sahen. Er ging zum Bug des Bootes, blieb jedoch sofort wieder stehen, als er Juan, Ben und Andr#233; gewahrte, die dort vorne standen und sich lautstark #252;ber das Boot und den bevorstehenden Besuch auf der LEOPOLD unterhielten, wobei sie an beiden kein gutes Haar lie#223;en. Mike war f#252;r einen Moment nahe daran, ihnen geh#246;rig die Meinung zu sagen. Aber wenn er Juan und den anderen jetzt auch noch einen Vorwand lieferte, tats#228;chlich einen Streit vom Zaun zu brechen, dann war dieser Tag, auf den er sich so gefreut hatte, vermutlich gar nicht mehr zu retten. Also machte er kehrt, trat an die Reling und sah auf das Wasser hinab, das sich sch#228;umend am Bug brach. Das Boot war tats#228;chlich erst vor ganz kurzer Zeit gestrichen worden, wie er beil#228;ufig registrierte. Allerdings war das noch lange kein Grund, dachte er, gleich Verschw#246;rung und Verrat zu wittern. Das intensive Gef#252;hl, angestarrt zu werden, lie#223; Mike aufsehen. Er drehte sich herum und begegnete f#252;r eine Sekunde Mi#223; McCrooders Blick. Sie sah noch immer so nerv#246;s aus wie vorhin, als sie an Bord gegangen waren. Doch nun gab sie sich einen Ruck, und auf ihren Z#252;gen erschien wieder das gewohnte, freundliche L#228;cheln. Das Gesicht aus dem Wind gedreht, trat sie neben ihn, steckte die H#228;nde unter die Achseln und schauderte #252;bertrieben. »Ich wu#223;te gar nicht, da#223; es auf dem Wasser so kalt ist«, sagte sie. »Hoffentlich gibt es auf Kapit#228;n Winterfelds Schiff eine vern#252;nftige Heizung.« Mike l#228;chelte h#246;flich, sagte aber nichts, sondern blickte Mi#223; McCrooder nur aufmerksam von der Seite her an. Sie gab sich gro#223;e M#252;he, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen, doch ihr Blick huschte unentwegt #252;ber das Wasser, und ihre Haltung verriet eine Anspannung, die nicht allein auf die K#228;lte zur#252;ckzuf#252;hren war. Vor ihnen verbreiterte sich nun die Fahrrinne, und rechts und links des Beckens erhoben sich Schuppen und Geb#228;ude in monotoner Gleichf#246;rmigkeit. Mike gewahrte nirgends irgendeine Bewegung oder gar Menschen. Nur von rechts n#228;herte sich ein Schlepper, ein wahres Unget#252;m aus rostigem Eisen und Holz, dessen Umrisse eher an einen schwimmenden Berg erinnerten als an ein Schiff. Mike verl#228;ngerte den Kurs des Schiffes in Gedanken und stellte fest, da#223; es ihnen ziemlich nahe kommen mu#223;te, wenn sie ihre momentane Geschwindigkeit beibehielten. »Ich h#228;tte doch meinen Mantel anziehen sollen«, sagte Mi#223; McCrooder und seufzte. »Aber was tut man nicht alles aus Eitelkeit.« Mike sah sie abermals an und stellte fest, da#223; sie tats#228;chlich am ganzen Leib zitterte und kreidebleich geworden war. »Soll ich Ihnen meinen Schal leihen?« fragte er mitf#252;hlend. Mi#223; McCrooder z#246;gerte eine Sekunde, dann sch#252;ttelte sie den Kopf. »Nein. Ich ... wenn ich ehrlich sein soll - ich f#252;rchte mich.« »Wovor?« fragte Mike verwirrt. »Na, vor allem hier«, gestand sie verlegen. »Wasser macht mich nerv#246;s. Ich bin noch nie gerne auf Schiffen gewesen. Sie machen mir angst. Ich wei#223; zwar, da#223; es Unsinn ist, aber ich habe immer das Gef#252;hl, da#223; sie jeden Augenblick untergehen m#252;ssen. Jetzt wirst du wahrscheinlich #252;ber mich lachen und mich f#252;r eine zimperliche alte Jungfer halten.« »Bestimmt nicht«, sagte Mike, und er meinte das auch so. Er wu#223;te, da#223; jeder Mensch seinen schwachen Punkt hatte; irgend etwas, das ihm einfach angst machte, ob es nun begr#252;ndet war oder nicht. »Bestimmt nicht«, sagte er. »Ich verstehe das. Bei mir sind es gro#223;e H#246;hen, wissen Sie? Mir wird schon schwindelig, wenn ich aus dem Fenster im dritten Stock sehe.« Mi#223; McCrooder sah ihn eine Sekunde lang zweifelnd an. Pl#246;tzlich l#228;chelte sie. »Ich glaube dir zwar kein Wort«, sagte sie, »aber es ist trotzdem nett gemeint.« Mike l#228;chelte ein wenig verlegen. Er f#252;hlte sich ertappt. Seine Worte waren zwar nicht gelogen gewesen, wohl aber geh#246;rig #252;bertrieben. Mike war tats#228;chlich nicht schwindelfrei, aber es geh#246;rten schon ein wenig mehr als zwei Treppen dazu, ihm den Schwei#223; auf die Stirn zu treiben. Doch Mi#223; McCrooder verstand die gute Absicht, die hinter seinen Worten steckte, denn sie l#228;chelte abermals, ehe sie sich wieder herumdrehte und aufs Wasser hinaussah. Sie n#228;herten sich der Themsem#252;ndung jetzt schneller, aber auch der Schlepper war deutlich n#228;her gekommen und bewegte sich genau auf sie zu. Er war nicht sehr schnell, und die kleine Barkasse w#252;rde ihm mit Leichtigkeit ausweichen k#246;nnen. Sie machte jedoch keine Anstalten dazu. Mike blickte erstaunt zum Ruderhaus hin#252;ber, und im selben Augenblick rief einer der Matrosen dem Steuermann etwas zu, worauf dieser auch reagierte: er h#246;rte auf, mit McIntire zu diskutieren, und drehte hastig am Steuerruder. Mike registrierte, da#223; der Matrose nicht englisch gesprochen hatte. Das Boot begann unter ihren F#252;#223;en zu bocken, als es schwerf#228;llig seinen Kurs #228;nderte, um dem Schlepper auszuweichen. Allerdings nicht sehr weit. Sie w#252;rden dem gro#223;en Schiff trotz allem gef#228;hrlich nahe kommen. »Ist der Kerl verr#252;ckt geworden?« fragte Juan. Damit meinte er den Steuermann, der das n#228;her kommende Schiff scharf im Auge behielt, w#228;hrend er immer hektischer am Ruder drehte. Der Erfolg lie#223; allerdings zu w#252;nschen #252;brig, fand Mike. Sie n#228;herten sich dem riesigen Schlepper zwar jetzt im Zickzack, was aber nichts daran #228;nderte, da#223; sie sich ihm immer noch n#228;herten. Auch McIntire redete mit schriller Stimme auf den Steuermann ein, wobei er immer wieder auf den Schlepper deutete; mit dem einzigen Ergebnis wahrscheinlich, dachte Mike, da#223; er den Mann noch nerv#246;ser machte. Er sah wieder nach vorne. Juan, Ben und Andr#233; waren instinktiv ein St#252;ck vom Bug zur#252;ckgewichen, und Mi#223; McCrooder hatte den kleinen Chris sch#252;tzend an sich gepre#223;t. Der Matrose tat etwas, was Mike v#246;llig sinnlos vorkam: Er zog seine Jacke aus, obwohl es schneidend kalt war. Nat#252;rlich waren sie nicht wirklich in Gefahr. Ihre Kurs#228;nderung war vielleicht nicht dramatisch, aber Mike erkannte bald, da#223; sie durchaus reichte, sie in geringer Entfernung an dem gr#246;#223;eren Schiff vorbeizubringen. Sie w#252;rden ein bi#223;chen durchgesch#252;ttelt werden, das war alles. Doch es kam anders. Sie hatten sich dem Schlepper auf weniger als f#252;nfzig Meter gen#228;hert, als dieserpl#246;tzlich den Kurs #228;nderte. Sein gewaltiger, runder Bug schwenkte in einer tr#228;ge wirkenden Bewegung herum - und zielte mit einem Mal genau auf die kleine Barkasse! Mikes #252;berraschtes Keuchen ging in den Schreckensschreien der anderen unter. Juan, Ben und Andr#233; begannen wild und ziellos durcheinanderzulaufen, w#228;hrend Mi#223; McCrooder stocksteif und mit entsetzt vor das Gesicht geschlagenen H#228;nden dastand und aus Leibeskr#228;ften schrie. Der Matrose, der seine Jacke ausgezogen hatte, war mit zwei gewaltigen Schritten auf der anderen Seite des Schiffes und sprang kurzerhand #252;ber Bord, und Mike h#246;rte, wie hinter ihm die T#252;r des Ruderhauses aufgerissen wurde und McIntire irgend etwas schrie. Doch auch er selbst stand da und starrte das n#228;herkommende Schiff an, als k#246;nnte er einfach nicht glauben, was er sah. Das Schiff schien pl#246;tzlich mit unheimlicher Schnelligkeit auf sie zuzuschie#223;en. Mike sah, wie sich das Wasser sch#228;umend an seinem Bug brach, der immer gr#246;#223;er und gr#246;#223;er zu werden schien, bis er den ganzen Himmel vor ihnen ausf#252;llte und immer noch gr#246;#223;er wurde. Dann kam der Aufprall. Mike versuchte, sich dagegen zu wappnen, doch der Schlag war hundertmal schlimmer, als er erwartet hatte. Die kleine Barkasse wurde wie von einem Axthieb in zwei Teile gespalten und zugleich auf die Seite geworfen, und Mike selbst f#252;hlte sich wie von einer unsichtbaren Hand gepackt und hoch in die Luft geschleudert. Die Schreie der anderen gingen im Bersten und Splittern des auseinanderbrechenden Bootes unter, w#228;hrend Mike sich zweimal in der Luft #252;berschlug und dann auf das Wasser hinabst#252;rzte. Eine Sekunde, bevor er aufschlug, sah er, wie sich der Bug der in zwei Teile zerschmetterten Barkasse aufb#228;umte und seine Passagiere absch#252;ttelte wie ein bockendes Pferd, w#228;hrend das Heck vom Bug des Schleppers wie von einer eisernen Faust unter Wasser gedr#252;ckt wurde und sprudelnd versank. Die Wucht seines Sturzes schien die Wasseroberfl#228;che in eine Glasscheibe verwandelt zu haben, durch die er mit grausamer Kraft hindurchgepr#252;gelt wurde. Er hatte das Gef#252;hl, sich jeden einzelnen Knochen im Leib gebrochen zu haben, aber noch schlimmer war die K#228;lte, die mit dem Wasser #252;ber ihm zusammenschlug und eine Million gl#252;hender Nadeln in seine Haut zu bohren schien. Um ein Haar h#228;tte er aufgeschrien, was hier unter Wasser vermutlich seinen sicheren Tod bedeutet h#228;tte. Sein Herz setzte tats#228;chlich f#252;r eine Sekunde aus, ehe es mit solcher Kraft und so schnell weiterh#228;mmerte, da#223; er es bis in die Finger- und Zehenspitzen f#252;hlen konnte. Mike sank tiefer. Die Wucht seines Sturzes hatte ihn sicher zwei Meter ins Wasser hinabgedr#252;ckt, und seine Kleider begannen sich sofort mit Wasser vollzusaugen. Und pl#246;tzlich erschien #252;ber ihm ein gigantischer schwarzer Schatten, und das Wasser war mit einem Male von einem dumpfen Brausen und Rauschen erf#252;llt. Der Schlepper, der die Barkasse wie ein Spielzeugschiffchen versenkt hatte, fuhr nun direkt #252;ber ihn hinweg! Mike begriff die Gefahr, in der er schwebte, im allerletzten Moment. Obwohl er schon jetzt an Atemnot litt, drehte er sich herum und versuchte mit verzweifelter Kraft weiter zu tauchen, um dem Verh#228;ngnis zu entgehen, das #252;ber ihm herangerast kam. Der muschelbesetzte Rumpf des Schiffes verfehlte ihn nur um Zentimeter, und die Druckwelle pre#223;te ihn noch wei ter nach unten, rettete ihm aber wohl auch zugleich das Leben, denn schon die geringste Ber#252;hrung des Schiffsrumpfes, der mit seinem Panzer aus Muschelkalk wie ein #252;bergro#223;es Reibeisen wirken mu#223;te, h#228;tte ihn wahrscheinlich auf der Stelle get#246;tet oder ihm zumindest entsetzliche Verletzungen zugef#252;gt. Aber die Gefahr war noch keineswegs vor#252;ber. Mikes Atem wurde wirklich knapp, und die K#228;lte begann seine Muskeln zu lahmen. Es war ihm gelungen, nicht nur nach unten, sondern auch ein St#252;ck zur Seite wegzuschwimmen, so da#223; er an die Oberfl#228;che h#228;tte zur#252;cktauchen k#246;nnen, ohne Gefahr zu laufen, vom Schiff oder gar der rasenden Schraube an dessen Heck erfa#223;t zu werden. Mike trat aus Leibeskr#228;ften Wasser und bewegte wild die Arme, doch statt sich wieder nach oben zu bewegen, sank er im Gegenteil immer schneller in die Tiefe, wobei er sich langsam um seine eigene Achse drehte. Seine Kleider -vor allem die dicke, pelzgef#252;tterte Jacke -hatten sich mittlerweile so mit Wasser vollgesogen, da#223; sie ihn wie steinerne Gewichte in die Tiefe zerrten. Er mu#223;te aus der Jacke heraus! Ungeschickt begann Mike, die Kn#246;pfe zu #246;ffnen und das schwere Kleidungsst#252;ck abzustreifen, w#228;hrend er immer noch weiter sank. Es war ein Wettlauf mit der Zeit. Ihm blieben nur noch Sekunden, bis er entweder das Bewu#223;tsein verlor oder die Atemnot so schlimm wurde, da#223; er den Mund #246;ffnete und einfach zu atmen versuchte - und das w#228;re dann das sichere Ende. Vor ihm bewegte sich etwas. Ein Schatten scho#223; durch den Vorhang aus silbernen Luftperlen auf ihn zu, der ihn umgab, und f#252;r eine Sekunde glaubte Mike, in ein riesiges, bizarres Zyklopengesicht zu blicken, aus dem ihn ein einzelnes, ausdrucksloses Auge anstarrte. Gewaltige H#228;nde, viel zu gro#223; f#252;r einen Menschen und mit nur drei Fingern, streckten sich nach ihm aus. Of fensichtlich hatte er schon Halluzinationen. Im buchst#228;blich allerletzten Moment gelang es ihm, sich von der Jacke zu befreien. Sie sank wie ein Stein auf den Grund des Hafenbeckens hinab, der jetzt nur noch drei oder vier Meter unter ihm lag, w#228;hrend Mike mit wilden Schwimmbewegungen wieder in die H#246;he scho#223;. Die Wasseroberfl#228;che n#228;herte sich ihm wie ein zitternder Silberspiegel, aber der Druck in seiner Brust wurde immer st#228;rker, #252;berstieg die Grenzen des Ertr#228;glichen und dann konnte er atmen. Mike scho#223;, von seinem eigenen Schwung getragen, aus dem Wasser heraus, klatschte zur#252;ck und sog gierig die Lungen voller frischer, herrlich k#252;hler Luft. Er war dem Tode buchst#228;blich um einen Atemzug entronnen. F#252;r eine ganze Weile tat Mike nichts anderes, als m#252;hsam Wasser tretend auf der Stelle zu schwimmen und zu atmen, ehe er wieder so weit bei Bewu#223;tsein war, da#223; er den Kopf heben und sich umsehen konnte. Der Anblick, der sich ihm bot, war schrecklich. Der Schlepper war weitergefahren und machte nicht einmal Anstalten, beizudrehen oder auch nur seine Geschwindigkeit zu verringern. Auf dem Wasser schwammen Hunderte von Tr#252;mmerst#252;cken; allen voran das vordere zerschmetterte Drittel der Barkasse, das kieloben trieb, aber nicht sank, und dazwischen erblickte er die K#246;pfe der anderen, die wie Korken auf dem aufgew#252;hlten Wasser h#252;pften. Er h#246;rte Juan und Mi#223; McCrooder schreien, und gleich darauf erkannte er auch Ben, Chris und schlie#223;lich auch Andr#233;. Von McIntire und den drei Besatzungsmitgliedern der Barkasse war keine Spur zu entdecken. Mike hoffte inst#228;ndig, da#223; sie nicht ertrunken oder bei dem Zusammensto#223; ums Leben gekommen waren. Doch auch er selbst befand sich keineswegs au#223;er Ge fahr. Zwar konnte er sich im Moment m#252;hsam an der Oberfl#228;che halten, aber die K#228;lte drang weiter in seinen K#246;rper ein und lahmte seine Muskeln. Er wu#223;te, da#223; er nicht die Kraft haben w#252;rde, bis zum Ufer zur#252;ckzuschwimmen. Also hielt er nach einem gr#246;#223;eren Tr#252;mmerst#252;ck Ausschau und kraulte los. Etwas zupfte an seinem Bein, und Mikes Herz machte einen erschrockenen Sprung in seiner Brust. Pl#246;tzlich mu#223;te er wieder an das Zyklopengesicht denken, das er f#252;r eine Sekunde zu sehen geglaubt hatte. Er bem#252;hte sich, noch schneller zu schwimmen. Nur ein kleines St#252;ck von ihm entfernt tauchte Juan auf und nahm Kurs auf das gleiche Tr#252;mmerst#252;ck. Der junge Spanier hatte tats#228;chlich die Kraft, den Arm aus dem Wasser zu heben und ihm zuzuwinken. Wieder ber#252;hrte etwas seinen Fu#223;. Mike sah nach hinten - und schrie entsetzt auf! Es war keine Halluzination gewesen! Aus dem Wasser tauchte eine dreifingrige Pranke auf und schmiegte sich um sein rechtes Fu#223;gelenk, und dann wurde er auch schon mit einem so harten Ruck in die Tiefe gezerrt, da#223; er wieder aufschrie und seine kostbare Atemluft in einem Strom silberner Blasen vor seinem Gesicht in die H#246;he stieg. Unbarmherzig wurde er weiter nach unten gezerrt. Mike schlug und trat wie von Sinnen um sich. Sein freier Fu#223; traf den Kopf des riesenhaften Ungeheuers, das sein rechtes Bein umklammert hielt, mehrmals hintereinander, aber ohne das allergeringste Ergebnis. Im Gegenteil - es war, als h#228;tte er gegen Stahl getreten. Ein scharfer Schmerz zuckte durch seinen Fu#223;.Alles begann sich um Mike zu drehen. In seinen Ohren rauschte das Blut, und sein Herz pochte so hart, als wollte es aus seiner Brust herausspringen. Sein Blick begann sich zu verschleiern. Wie durch einen immer dichter werdenden Nebel sah er, da#223; pl#246;tzlich ein zweites, zyklopen#228;ugiges Ungeheuer neben ihm auftauchte und die H#228;nde ausstreckte. Etwas Dunkles, Unf#246;rmiges n#228;herte sich seinem Gesicht. Mike erkannte nicht mehr, was es war. Er verlor das Bewu#223;tsein. Seine Arme und Beine h#246;rten auf, wild durch das Wasser zu peitschen, w#228;hrend sein K#246;rper reglos auf den schlammbedeckten Grund des Hafenbeckens hinabsank. Wenn er gestorben war, dann war der Tod vollkommen anders, als man ihn sich im allgemeinen vorstellte. Mike erwachte nicht auf Wolken gebettet und zu den Kl#228;ngen einer himmlischen Laute, sondern auf einer unbequemen Pritsche aus Metall liegend, und in seinen Ohren war das Dr#246;hnen eines schweren Motors. Der Geruch von hei#223;em #214;l und frischer Farbe lag in der Luft, und er hatte erb#228;rmliche Kopfschmerzen. Nein -im Himmel war er nicht. Mike #246;ffnete st#246;hnend die Augen und blickte gegen eine Decke aus wei#223;gestrichenem Metall, von der hier und da schon die Farbe abbl#228;tterte. Das n#228;chste, was er sah, war Mi#223; McCrooders Gesicht, aus dem ein Paar dunkler, sehr besorgter Augen auf ihn herabblickte. Ihr Haar war na#223;, und sie trug nicht mehr das wollene Winterkleid und die modische, allerdings viel zu d#252;nne Jacke, sondern war in eine grobe graue Decke eingeh#252;llt. Sie zitterte am ganzen Leib. Mike richtete sich mit einem so pl#246;tzlichen Ruck auf, da#223; ihm prompt schwindelig wurde und er mit einem St#246;hnen wieder zur#252;cksank. Seine Kopfschmerzen wurden schlimmer. Ertrinken war offensichtlich kein sehr angenehmer Tod, dachte er. Wenigstens nicht, wenn man ihn #252;berlebte. »Beweg dich nicht«, sagte Mi#223; McCrooder. »Du w#228;rst fast ertrunken, wei#223;t du das?« Die Warnung kommt ein wenig sp#228;t, dachte Mike, w#228;hrend er mit zusammengebissenen Z#228;hnen darauf wartete, da#223; seine Kopfschmerzen wieder auf ein ertr#228;gliches Ma#223; sanken. Dann setzte er sich ein zweites Mal auf; diesmal aber entsprechend vorsichtiger. Er sah, da#223; sie sich in einem winzigen Raum befanden, der keine Fenster hatte und kaum Platz f#252;r sein Bett und den niedrigen Hocker bot, auf dem Mi#223; McCrooder sa#223;. W#228;nde, Decken und Fu#223;boden bestanden aus Metall. Offensichtlich waren sie an Bord eines Schiffes. »Wo sind wir?« murmelte er verwirrt. »Wie sind wir hierhergekommen, und wie -« Pl#246;tzlich funktionierten seine Erinnerungen wieder, und Mike fuhr erschrocken zusammen. »Haben die Ungeheuer Sie auch erwischt?« stie#223; er hervor. »Und was ist mit den anderen?« »Ungeheuer? Was f#252;r Unge -« Mi#223; McCrooder verstummte mitten im Wort, dann l#228;chelte sie kurz. »Ja, vermutlich k#246;nnte man sie so nennen«, fuhr sie fort. Sie seufzte. »Wo wir sind, kann ich dir auch nicht genau sagen. Aber deine Freunde sind ganz in der N#228;he.« Nun verstand Mike #252;berhaupt nichts mehr. Doch bevor er eine entsprechende Frage stellen konnte, wurde die T#252;r ihres Gef#228;ngnisses ge#246;ffnet, und eine hochgewachsene Gestalt in dunkelblauer Kapit#228;nsuniform betrat den Raum. Hinter ihm erschienen zwei Matrosen in gestreiften Hemden, die aber nicht hereinka men. Mike ri#223; erstaunt die Augen auf, als er den Mann erkannte. »Kapit#228;n Winterfeld!« rief er. »Gott sei Dank, da#223; Sie -« Er sprach nicht weiter, als er den Ausdruck auf Winterfelds Gesicht gewahrte. Allm#228;hlich d#228;mmerte ein schrecklicher Verdacht in ihm. Daf#252;r fuhr Mi#223; McCrooder w#252;tend auf ihn los. »Sie Wahnsinniger! Wissen Sie, da#223; er um ein Haar ums Leben gekommen w#228;re? Es ist ein reines Wunder, da#223; wir nicht alle umgekommen sind!« »Ich wei#223;«, antwortete Winterfeld. »Ich bedauere die Umst#228;nde. Glauben Sie mir, da#223; ich andere Befehle erteilt hatte. Niemand sollte in Gefahr gebracht werden.« »Das haben wir gemerkt«, sagte Mi#223; McCrooder spitz. »Die Verantwortlichen werden bestraft werden«, sagte Winterfeld ruhig. »Dar#252;ber hinaus kann ich Ihnen versichern, da#223; niemand ernstlichen Schaden genommen hat.« Er wandte sich zu Mike. »Nun zu dir, mein junger Freund. F#252;hlst du dich in der Lage, ein paar Fragen zu beantworten?« »Ist das ... wahr?« fl#252;sterte Mike fassungslos. »Stimmt das, da#223; Sie hinter allem stecken?« Er konnte es nicht glauben. Nicht Kapit#228;n Winterfeld! Warum um alles in der Welt sollte ausgerechnet Kapit#228;n Winterfeld versuchen, sie umzubringen? »Ich sehe, du bist in der Lage dazu«, sagte Winterfeld kalt, ohne auf seine Frage einzugehen. »Dann komm mit!« Mike schwang die Beine von der Liege. Sich zu widersetzen hatte nach alledem wohl kaum einen Sinn. Auch Mi#223; McCrooder wollte sich erheben, doch Winterfeld winkte ab. »Ich denke, Michael und ich kommen f#252;r einen Moment allein klar«, sagte er. »Danke.« Sie verlie#223;en die Kabine und traten auf einen schmalen Gang hinaus. Das Pochen schwerer Maschinen wurde lauter, und Mike, der wie Mi#223; McCrooder statt seiner nassen Sachen nur eine grobe Wolldecke trug, sp#252;rte ihr m#228;chtiges Vibrieren durch die nackten Fu#223;sohlen hindurch wie das Schlagen eines gro#223;en, eisernen Herzens. Auch hier gab es keine Fenster. Das Licht kam von einer Anzahl elektrischer Gl#252;hbirnen unter der Decke. Mike fragte sich, wo sie waren, Winterfelds Anblick hatte ihn im ersten Moment glauben lassen, er w#228;re an Bord der LEOPOLD aufgewacht -aber daf#252;r war hier alles viel zu klein und beengt und die Luft zu stickig. Der Korridor war nicht sehr lang. Mehrmals mu#223;ten sie sich durch niedrige, aus schweren Eisenplatten bestehende T#252;ren ducken, doch Mike begriff erst, wo sie sich befanden, als sie an einer offenstehenden T#252;r vorbeikamen - und er sich unversehens den beiden Ungeheuern gegen#252;bersah, auf die er im Hafen gesto#223;en war! Sie waren noch gr#246;#223;er, als er geglaubt hatte, gute zwei Meter, und mit einer unglaublichen Schulterbreite. Ihre Haut war rauh wie gegerbtes Leder, die K#246;pfe selbst f#252;r die riesigen Gestalten viel zu gro#223; und kugelrund, und sie hatten tats#228;chlich nur ein einziges, wenn auch gute zwanzig Zentimeter durchmessendes Auge. Und nat#252;rlich waren es keine Riesen oder irgendwelche Ungeheuer. In der kleinen Kammer, in die Mike blickte, hingen zwei Taucheranz#252;ge; schwere, R#252;stungen mit wuchtigen Kupferhelmen, in die eine runde Glasscheibe eingelassen war. Und im selben Augenblick, in dem Mike dies begriff, wu#223;te er auch, wo er war. »Das ... das ist ein Unterseeboot!« sagte er erstaunt. »Wir sind aufeinem Tauchboot, nicht wahr?« Kapit#228;n Winterfeld l#228;chelte anerkennend. »Ich habe immer gewu#223;t, da#223; du ein kluger Bursche bist«, sagteer.Sie gingen weiter, durchquerten einen runden, mit allerlei technischen Apparaturen vollgestopften Raum, der wohl die Br#252;cke des Tauchbootes darstellte, und betraten schlie#223;lich eine winzige Kabine, die gerade Platz f#252;r ein Bett, einen Stuhl und einen Schreibtisch bot. Winterfeld setzte sich und schickte die beiden Matrosen fort. Mike mu#223;te stehen bleiben, allerdings nicht aus Unh#246;flichkeit: die Kabine war einfach nicht gro#223; genug f#252;r einen zweiten Stuhl. »Schlie#223; die T#252;r, Michael«, sagte Winterfeld. »Mein Name ist Mike«, sagte Michael #228;rgerlich, »nicht Michael.« Trotzdem tat er, was Winterfeld von ihm verlangte. »Nein«, antwortete Winterfeld mit einem sonderbaren L#228;cheln, »das ist er nicht. Aber dazu sp#228;ter.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zur#252;ck, verschr#228;nkte die Arme vor der Brust und ma#223; Mike mit einem nachdenklichen Blick. »Ich will es kurz machen«, begann er schlie#223;lich. »Ich habe dich entf#252;hren lassen, weil ich etwas Bestimmtes von dir will. Ich nehme an, du wei#223;t nicht, da#223; dein Vater bei einem Notar in London Papiere f#252;r dich hinterlegt hat, die dir an deinem einundzwanzigsten Geburtstag #252;bergeben werden sollen. Ich bin nun in den Besitz dieser Dokumente gelangt -wie, das ist jetzt nebens#228;chlich.« Er senkte den Blick auf den mit Papieren und Bl#228;ttern #252;bers#228;ten Schreibtisch, und Mike versuchte zu erkennen, was auf ihnen geschrieben stand. Die meisten Bl#228;tter waren eng mit einer unleserlichen Handschrift bekritzelt und schienen au#223;er Text auch eine Unzahl komplizierter Formeln und Glei chungen zu enthalten. Bei einigen wenigen Bl#228;ttern handelte es sich ganz offensichtlich um Seekarten. »Wie es scheint«, fuhr Winterfeld nach einer kurzen Pause fort und seufzte, »n#252;tzen mir diese Papiere allein gar nichts. Dein Vater hat sie n#228;mlich in einem Code abgefa#223;t, den wohl nur du lesen kannst. Du verstehst jetzt mein Problem?« »Ja«, antwortete Mike, »aber ich mu#223; Sie entt#228;uschen. Ich wei#223; nichts von einem Code.« Er nahm eines der Bl#228;tter zur Hand und studierte es ein paar Sekunden lang aufmerksam. Dann verbi#223; er sich mit M#252;he ein Grinsen. Tats#228;chlich war die Schrift scheinbar unleserlich - aber eben nur scheinbar. Was Winterfeld f#252;r einen Code hielt, das war nichts anderes als Sanskrit, die indische Schrift, deren Buchstaben dem unkundigen Auge tats#228;chlich wie die verschlungenen Symbole einer Geheimschrift erscheinen mochten. Es handelte sich um einen kaum bekannten -und fast ausgestorbenen -Dialekt. Sein Vormund hatte darauf bestanden, da#223; er ihn lernte, und bis zu diesem Moment hatte Mike niemals eingesehen, wozu das gut sein sollte. Jetzt glaubte er es allm#228;hlich zu begreifen. Als er das Blatt wieder senkte, begegnete er Winterfelds Blick, und was er darin las, das lie#223; ihn seine Schadenfreude auf der Stelle wieder vergessen. »Versuche bitte nicht, mich f#252;r dumm zu verkaufen, Michael«, sagte Winterfeld. »Ich wei#223; sehr wohl, da#223; diese Papiere in deiner Muttersprache abgefa#223;t sind. F#252;r so etwas gibt es Dolmetscher, die sie mir m#252;helos #252;bersetzen. Aber die Dolmetscher sagen, die Texte ergeben keinen Sinn. Sie sind in einem Code abgefa#223;t.« Mike sah noch einmal genau hin und mu#223;te zugeben, da#223; Winterfeld recht hatte. Er verstand zwar die Sprache, in der die Papiere abgefa#223;t waren -aber der Text war trotzdemein einzigesDurcheinander. »Ich wei#223; wirklich nichts von einem Code«, sagte er. »Ich kann das auch nicht lesen.« »L#252;g mich nicht an!« sagte Winterfeld streng. »Dein Vater wird sich kaum all diese M#252;he gemacht haben, wenn er wu#223;te, da#223; du es nicht lesen kannst!« »Vielleicht ... ist er nicht mehr dazu gekommen, mir alles zu erz#228;hlen«, meinte Mike. »Er und meine Mutter kamen bei einem Unfall ums Leben, als ich -« »Das wei#223; ich«, unterbrach ihn Winterfeld ungeduldig. »Er hat diese Papiere ein Jahr vor seinem Tod hinterlegt. Jemand, der so umsichtig ist, wird dann kaum vergessen, dem, f#252;r den sie bestimmt sind, die Schl#252;ssel auszuh#228;ndigen, oder?« Winterfelds Worte klangen so logisch, da#223; Mike nicht mehr widersprach. Er f#252;hlte sich hilflos. Er hatte die Wahrheit gesagt, aber er wu#223;te auch, da#223; Winterfeld ihm gar nicht glauben konnte, so wie die Dinge lagen. Pl#246;tzlich fiel ihm etwas ein. »An dem Tag, als Sie Paul abholten, sind meine Sachen durchsucht worden«, sagte er. »Das geschah in Ihrem Auftrag, nicht wahr?« »Ja«, gab Winterfeld unger#252;hrt zu. »Aber nun etwas anderes.« Er beugte sich vor, grub eine Karte aus dem Papierstapel auf dem Tisch aus und hielt sie Mike hin. »Ich nehme an, das hier sagt dir auch nichts?« blaffte er. Mike nahm die Karte z#246;gernd entgegen und studierte sie aufmerksam. Er erkannte, da#223; es sich um eine Seekarte handelte, die ein St#252;ck einer K#252;stenlinie und eine Anzahl kleiner Inseln zeigte, aber damit h#246;rte es auch schon auf. Das einzig Auff#228;llige daran war vielleicht das Material, auf dem sie gezeichnet war. Anstelle von Papier hatte der Zeichner d#252;nnes, beinahe durchsichtiges Pergament verwendet, das unter den Fingern knisterte und so br#252;chig war, da#223; Mike fast bef#252;rchtete, es w#252;rde unter seiner Ber#252;hrung einfach zerkr#252;meln. Sehr behutsam legte er die Karte auf den Tisch zur#252;ck und sch#252;ttelte den Kopf. Winterfeld beherrschte sich jetzt nur noch m#252;hsam. So zornig, als wolle er ein Loch hineinbohren, stie#223; er mit dem Zeigefinger auf die Karte herab. »Das hier ist Kuba, und diese Linie hier stellt die s#252;damerikanische Ostk#252;ste dar. Sagt dir das vielleicht etwas?« »Nein«, antwortete Mike. »Wirklich nicht.« Mike begriff tats#228;chlich nicht, was all diese Papiere und Karten zu bedeuten hatten. Er wu#223;te zwar, da#223; sein Vater zweimal im Leben zur See gefahren war, aber doch nur als Passagier auf einem Schiff, um von Indien nach England zu gelangen und zur#252;ck. Was sollte er mit all diesen Seekarten und geheimnisvollen Formeln? »Du machst es mir wirklich nicht leicht, Michael«, sagte Winterfeld w#252;tend. »Bei den Papieren war ein Brief deines Vaters an dich, der besagte, da#223; du diese Karte entschl#252;sseln kannst. Also sollte deine Vernunft dir sagen, da#223; es vollkommen sinnlos ist, mich zu bel#252;gen. Fr#252;her oder sp#228;ter finde ich doch heraus, was diese Karten bedeuten. Einen Unterschied macht es nur f#252;r dich und deine Freunde. Mir ist es ziemlich gleich, ob ich euch irgendwo in England wieder an Land setze oder auf einer einsamen Insel in der Karibik.« »Die anderen?« Mike erschrak. »Sie haben die anderen auch entf#252;hrt?« »Mir blieb keine andere Wahl«, sagte Winterfeld ruhig, »nachdem sich der Kapit#228;n des Schleppers so ungeschickt anstellte, mu#223;te alles auch offiziell nach einem Unfall aussehen. Nur du solltest von den anderen abgesondert und aufgenommen werden. Aber so ... ungl#252;ckseligerweise hat einer deiner Kameraden den Taucher gesehen.« »Und was haben Sie mit uns vor?« fragte Mike. »Nichts«, antwortete Winterfeld. »Ihr bleibt f#252;r eineWeile meine G#228;ste, das ist alles. Wenige Monate, vielleicht sogar nur noch Wochen.« »Aber ich wei#223; doch nichts!« protestierte Mike. Winterfeld sch#252;ttelte den Kopf und begann die Papiere zusammenzusortieren. »Vielleicht sagst du sogar die Wahrheit«, sagte er etwas ruhiger. »Vielleicht wei#223;t du wirklich nichts. Aber ich bin sicher, da#223; du herausfinden kannst, was das alles bedeutet. Nun, du wirst Zeit genug haben, dar#252;ber nachzudenken. Ich werde dich hierbehalten, bis ich diese Karten entschl#252;sselt habe -egal, ob allein oder mit deiner Hilfe.«»Ich w#252;rde es nicht einmal tun, wenn ich es k#246;nnte«, sagte Mike zornig. »Das glaube ich dir sogar«, antwortete Winterfeld. »Und ich verstehe es. Aber wenn dir dein eigenes Schicksal schon gleich ist, dann denk doch wenigstens an deine Freunde.« Mike sp#252;rte, wie ihm das Blut ins Gesicht scho#223;. »Sie sind ein -« Winterfeld hob befehlend die Hand. »Bitte, Michael! Es nutzt keinem von uns, wenn du mich beleidigst. Geh jetzt zur#252;ck zu deinen Freunden. Ihr k#246;nnt ja gemeinsam dar#252;ber nachdenken, ob ihr unbedingt Lust habt, mich und dieses Schiff in die Karibik zu begleiten oder nicht.« Winterfeld machte eine ungeduldige Handbewegung, und Mike wandte sich zur T#252;r, drehte sich aber wieder zu Winterfeld um. »Darf ich noch eine Frage stellen?« Winterfeld sah von seinen Papieren auf. Er schwieg. »Was ist mit Paul?« fragte Mike. »Hat er von alledem hier gewu#223;t?« »Paul?« Winterfeld l#228;chelte. »Nein. Ich habe ihm erz#228;hlt, da#223; aus dem geplanten Ausflug nichts gewordenist. Er war ziemlich traurig. Aber er wei#223; nichts. Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.« Mi#223; McCrooder war nicht mehr in der Kabine, als Mike zur#252;ckgebracht wurde. Daf#252;r lagen auf der Pritsche trockene, sauber zusammengefaltete Kleider, die Mike anzog, froh, endlich mit mehr als nur einer Decke bekleidet zu sein. Einige Augenblicke sp#228;ter wurde ihm etwas zu essen gebracht, und noch bevor er seine Mahlzeit v#246;llig beendet hatte, nahm das Unterseeboot f#252;hlbar Fahrt auf. Eine Viertelstunde sp#228;ter wurde die T#252;r ge#246;ffnet, und die beiden Matrosen kamen, um ihn abzuholen. Auf dem Weg nach obenbegegnete er auch Mi#223; McCrooder wieder, doch alles ging viel zu schnell, als da#223; sie Gelegenheit gefunden h#228;tten, auch nur ein Wort miteinander zu wechseln. Ihre Bewacher bugsierten sie zu einer Leiter, #252;ber die sie steil in die H#246;he und durch einen kurzen, metallenen Turm kletterten.Es war dunkel, als sie aus der Luke herausstiegen. Mike hatte erwartet, an Bord der LEOPOLD gebracht zu werden, doch das Tauchboot war neben einem uralten, rostigen Frachter l#228;ngsseits gegangen. Obwohl Mike vor K#228;lte und Aufregung zitterte, sah er sich aufmerksam um, w#228;hrend er #252;ber die schmale Strickleiter zum Deck des gr#246;#223;eren Schiffes hinaufstieg. Viel gab es allerdings nicht zu entdecken. Es war sp#228;t in der Nacht, und sie befanden sich mehr als eine Meile von der K#252;ste entfernt. Winterfeld konnte nicht riskieren, einer Patrouille in die H#228;nde zu fallen. Allein das Risiko, mit diesem Tauchboot die Themse hinauf bis in den Hafen von London zu fahren, mu#223;te ungeheuer gro#223; gewesen sein. Die Geschichte kam Mike immer r#228;tselhafter vor. Nat#252;rlich hatte er schon von Unterseebooten geh#246;rtnicht nur die deutsche Kriegsmarine, sondern auch die einiger anderer Staaten verf#252;gten #252;ber einige dieser gepanzerten Schiffe, die zwanzig oder auch f#252;nfzig Meter unter der Wasseroberfl#228;che zu fahren vermochten und tagelang dort bleiben konnten, wenn es sein mu#223;te. Ein solches Schiff mu#223;te unvorstellbar kostbar sein. Was um alles in der Welt glaubte Winterfeld in diesen Papieren zu finden, da#223; er tats#228;chlich eines dieser Schiffe aufs Spiel setzte, nur um Mike habhaft zu werden? Kr#228;ftige H#228;nde streckten sich ihm entgegen und halfen ihm, die letzten anderthalb Meter zu #252;berwinden. Mike wurde wenig sanft auf dem Deck abgesetzt und auf eine T#252;r zugesto#223;en, hinter der eine eiserne Treppe steil in die Tiefe f#252;hrte. Die wenigen Blicke, die er zuvor in die Runde hatte werfen k#246;nnen, best#228;tigten seinen ersten Eindruck: sie befanden sich auf einem gro#223;en, schon etwas betagten Frachter, der durchdringend nach Fisch stank und sichtbar schon bessere Zeiten erlebt hatte. Einige der Aufbauten waren unter Planen versteckt und hatten Formen, die nicht besonders friedlich aussahen, und die Worte, die sich die Matrosen zuwarfen, waren deutsch. Sie wurden die Treppe hinunter und in einen Raum am Ende eines langen Korridors getrieben, wo Mike eine #220;berraschung erlebte: An einem kleinen Tisch in der Mitte des Raumes sa#223;en Juan, Andr#233; und Ben, und in einer Ecke hockte, in eine Decke eingerollt, zitternd und die Knie an den K#246;rper gezogen, aber unverletzt, Chris. Die Wiedersehensfreude hielt sich in Grenzen. Vor allem Juan beschr#228;nkte sich darauf, Mike die Hand zu sch#252;tteln und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Und er war auch der erste, der sein Mi#223;trauen ganz offen in Worte kleidete. »Wo bist du die ganze Zeit #252;ber gewesen?« fragte er. »Uns haben sie alle zusammen hergebracht »Das reicht jetzt!« fiel Mi#223; McCrooder scharf ein. »Mike hat gesagt, da#223; er es nicht wei#223;, und ich glaube ihm. Warum sollte er uns etwas vormachen?« Juan starrte trotzig zu ihr hoch und setzte zu einer Entgegnung an, aber in diesem Moment erhielten sie von unerwarteter Seite Sch#252;tzenhilfe: Chris, der bis jetzt v#246;llig reglos in seiner Ecke gesessen und scheinbar gar nicht mitbekommen hatte, worum es bei dem Streit #252;berhaupt ging. »Mi#223; McCrooder hat recht!« sagte er heftig. »La#223; Mike in Ruhe. Er kann nichts daf#252;r. Um ein Haar w#228;re er selber ums Leben gekommen »Unsinn!« widersprach Mike. Er begann nerv#246;s mit dem kleinen Amulett zu spielen, das an einer Kette um seinen Hals hing. »McIntire hat -« »McIntire«, unterbrach ihn Andr#233;, nun mit fester Stimme, »geh#246;rt wahrscheinlich dazu.« »Quatsch!« entfuhr es Mike. Ben lachte schrill, aber Juan, Chris und Mi#223; McCrooder starrten den jungen Franzosen aus erschrocken aufgerissenen Augen an. »Wie kannst du das wissen?« fragte Mi#223; McCrooder. »H#246;rt zu«, sagte Andr#233;. »Ich habe mir nichts dabei gedacht, deshalb habe ich bisher nichts davon gesagt aber heute morgen habe ich geh#246;rt, wie McIntire dem Fahrer erz#228;hlt hat, da#223; er mit uns eine Hafenrundfahrt machen will. Kein Wort von Winterfeld oder der LEOPOLD. Wenn er das allen erz#228;hlt hat, dann ... dann denken sie jetzt, es w#228;re ein ganz normaler Unfall gewesen. Niemand wird auch nur auf die Idee kommen, da#223; wir entf#252;hrt worden sind.« Ein erschrockenes, fast atemloses Schweigen breitete sich in der Kabine aus. Es war Juan, der dieses Schweigen schlie#223;lich brach. »Wi#223;t ihr, was das bedeutet?« fragte er. Niemand antwortete, und Juan fuhr mit leiser, zitternder Stimme fort: »Wenn Winterfeld daf#252;r gesorgt hat, da#223; niemand wei#223;, was wirklich mit uns passiert ist, dann wird er auch daf#252;r sorgen, da#223; das so bleibt. Er kann uns gar nicht wieder gehen lassen.« Er #252;berlegte einen Moment. »Vielleicht besa#223; dein Vater irgend etwas, was f#252;r die Deutschen von gro#223;em Wert ist«, sagte er dann zu Mike zugewandt. »Immerhin k#246;nnte es sein, da#223; demn#228;chst ein Krieg ausbricht.« »Jetzt fang nicht schon wieder damit an!« beschwerte sich Andr#233;. Mike sch#252;ttelte den Kopf: »Das kann nicht sein«, sag te er. »Mein Vater war ein friedlicher Mann, der be stimmt nichts mit Krieg oder Waffen im Sinn gehabt hat.« »Woher willst du das wissen?« fragte Ben. »Du hast ihn doch #252;berhaupt nicht gekannt.« »Ich wei#223; es eben«, antwortete Mike scharf. »Au#223;erdem habe ich genug #252;ber ihn geh#246;rt. Was soll er schon besessen oder erfunden haben? Irgendeine Geheimwaffe vielleicht?« »M#246;glich«, sagte Ben gelassen. »Auf jeden Fall ist da eine ganz gro#223;e Sache im Gange, das k#246;nnt ihr mir glauben. Winterfeld hat bestimmt nicht umsonst so viel riskiert.« Mike blickte ihn niedergeschlagen an. Bens Worte trafen den Kern der Sache. Seine Gedanken drehten sich immer schneller im Kreis. Er verstand einfach nicht, warum Winterfeld ihn hatte entf#252;hren lassen. Und dabei blieb es f#252;r die n#228;chsten beinahe f#252;nf Wochen. Es war einer jener Tage gewesen, an denen sie unter Deck zu bleiben hatten. Winterfeld hatte Mike durch einen der Matrosen ausrichten lassen, da#223; er ihn am Abend zu sehen w#252;nsche, um - wie er es ausdr#252;ckte die neueste Entwicklung der ganzen Angelegenheit mit ihm zu er#246;rtern, was bedeutete, da#223; er ihn wieder nach dem Code fragen und Mike ihm neuerlich versichern w#252;rde, da#223; er nach wie vor keine Ahnung habe, was die Papiere seines Vaters bedeuteten, und Winterfeld damit konterte, den Moment ihrer Freilassung erneut in unbekannte Fernen zu verschieben. Zweimal hatte in den vergangenen Wochen so ein Gespr#228;chstattgefunden. Von diesen unerfreulichen Episoden einmal abgesehen, hatte sich ihre »Gefangenschaft« jedoch v#246;llig anders entwickelt, als Mike oder die anderen erwartet hatten. Im Grunde wurden sie #252;berhaupt nicht als Gefangene behandelt. Ganz im Gegenteil. Nachdem das Schiff die britischen Hoheitsgew#228;sser verlassen und seine unfreiwilligen Passagiere den Schock des Entf#252;hrtwerdens #252;berwunden hatten, begannen sie ihren Aufenthalt an Bord beinahe zu genie#223;en. Mit Ausnahme weniger Gelegenheiten, bei denen sie den Kurs eines anderen Schiffes gekreuzt oder einen Hafen angelaufen hatten, um frische Vorr#228;te oder Kohle zu bunkern, durften sie sich an Bord nahezu frei bewegen. Sie verbrachten viel Zeit an Deck, und je weiter sie nach S#252;den kamen, desto mehr holten sie den Sommer wieder ein. Auch die Mannschaft, von der die meisten vermutlich Elitesoldaten waren, die Winterfeld vermutlich h#246;chstpers#246;nlich f#252;r dieses Unternehmen ausgesucht hatte, erwies sich als unerwartet freundlich. Ganz eindeutig hatte Winterfeld Anweisung gegeben, sie so zuvorkommend wie m#246;glich zu behandeln. Von diesen wenigen Einschr#228;nkungen einmal abgesehen, waren Mike die letzten f#252;nf Wochen beinahe wie Ferien vorgekommen, und er wu#223;te, da#223; es auch den anderen so erging. Selbst Mi#223; McCrooder, die w#228;hrend der ersten Tage sehr schweigsam und besorgt gewesen war, hatte sich zunehmend entspannt. In den letzten Tagen hatte Mike sie immer #246;fter an Deck gesehen und ein paarmal sogar lachen geh#246;rt. Auch wenn Mike sich dieses Gedankens beinahe selbst sch#228;mte -sie h#228;tten es weit schlimmer treffen k#246;nnen. Mike schrak f#252;r eine Sekunde aus seinen mehr oder weniger d#252;steren Gedanken hoch, als er das Ger#228;usch der T#252;r h#246;rte, warf einen Blick #252;ber die Schulter zur#252;ck und wandte sich dann wieder dem Bild vor dem Bullauge zu, als er sah, da#223; es nur einer der Matrosen war, der das Essen gebracht hatte. Sein Blick glitt #252;ber die wei#223;en Fassaden der Hafengeb#228;ude, die drau#223;en im Licht der Mittagssonne schimmerten. Er fragte sich, welche Stadt es wohl sein mochte: Rio de Janeiro, Caracas, Panama... Aus aufgeschnappten Bemerkungen der Mannschaft und eigenen Beobachtungen -vor allem hatte das immer w#228;rmer werdende Wetter dazu beigetragen -hatten sie sich zwar zusammengereimt, da#223; das Schiff in irgendeinem s#252;damerikanischen Hafen vor Anker lag, aber nat#252;rlich hatten die M#228;nner auf ihre diesbez#252;glichen Fragen beharrlich geschwiegen. Und seit zwei Tagen standen wieder Wachen vor der T#252;r ihrer Quartiere, die sie nicht verlassen durften, ehe das Schiff nicht wieder ausgelaufen war und eine geh#246;rige Distanz zwischen sich und die K#252;ste gebracht hatte.Der Matrose klapperte hinter ihm immer heftiger mit dem Geschirr, und Mike wandte abermals den Blick und stutzte. Der Mann war gerade zum dritten Mal dabei, unter heftigem Klirren und L#228;rmen Tassen und Teller vom Tablett auf den Tisch und zur#252;ck zu stellen. Er hatte den Kopf gesenkt, versuchte aber trotzdem, Mike einen beschw#246;renden Blick zuzuwerfen. Mike wurde schlagartig klar, da#223; der Mann versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen, aber es nicht wagte, ihn einfach anzusprechen, denn vor der T#252;r der Kabine, die offen stand wie immer, wenn jemand hereinkam, um ihnen Essen zu servieren, das gebrauchte Geschirr abzuholen oder eine Nachricht zu #252;berbringen, standen zwei Soldaten Wache. Sie unterhielten sich lautstark und lachten, aber trotzdem mu#223;ten sie jedes Wort h#246;ren, das hier drinnen gesprochen wurde. Mike warf einen raschen Blick zu Chris hin#252;ber, mit dem er sich die Kabine teilte, stellte fest, da#223; er zusammengerollt auf seiner Liege lag und fest schlief, und drehte sich dann herum, um mit langsamen Schritten zum Tisch zu gehen. Dabei behielt er unauff#228;llig die T#252;r im Auge. Die beiden M#228;nner dort drau#223;en redeten noch immer, aber einem von ihnen war aufgefallen, da#223; das Servieren des Mittagessens etwas lange dauerte, denn er sah genau in diesem Moment mi#223;trauisch zu ihm herein. »Was gibt es denn heute?« fragte Mike, w#228;hrend er sich dem Tisch n#228;herte. »Schon wieder Gem#252;sesuppe?« fragte er #252;bertrieben laut und mi#223;mutig. Er hob den Deckel von der Suppenterrine und schnupperte h#246;rbar. »F#228;llt dem Koch eigentlich gar nichts Neues mehr ein?« Der Mann an der T#252;r grinste und wandte sich wieder seinem Kameraden zu, und Mike wagte es, dem Steward vor sich direkt ins Gesicht zu blicken. Seltsam er war sicher, den Mann noch nie zuvor hier an Bord gesehen zu haben; und trotzdem kam er ihm irgendwie bekannt vor. Mike runzelte fragend die Stirn. »Heute abend«, fl#252;sterte der Matrose, w#228;hrend er vom Tisch zur#252;cktrat und sich das leere Tablett unter den Arm klemmte. »Eine Stunde nach Mitternacht. Seid bereit.« Mike ri#223; verwirrt die Augen auf, aber er bekam keine Gelegenheit zu einer Frage, denn der Matrose drehte sich schnell herum und verlie#223; mit gesenktem Blick die Kabine. Mike fiel auf, da#223; seine Haut merklichdunkler war als die der beiden Posten vor der T#252;r.Eine Stunde nach Mitternacht, wiederholte Mike in Gedanken. Das konnte doch nur hei#223;en...Kaum hatten die beiden Soldaten die T#252;r hinter demvermeintlichen Steward geschlossen, da fuhr Mike herum, lief zu Chris' Koje und sch#252;ttelte seinen Mitgefangenen wach.Chris schlug seine Hand zur Seite, versuchte sich her umzudrehen, um weiterzuschlafen. Mike hatte nie zuvor einen Menschen getroffen, der so viel schlafen konnte wie Chris und trotzdem ununterbrochen m#252;de war. Aber Mike lie#223; nicht locker, sondern packte Chris kurzerhand bei den Schultern und zerrte ihn mit sanfter Gewalt in die H#246;he. »Verdammt!« fl#252;sterte er hastig. »Mach endlich die Augen auf! Wir m#252;ssen zu den anderen! Es ist etwas passiert!« »Hm?« machte Chris. Mike versuchte nicht Chris irgend etwas zu erkl#228;ren, sondern zerrte ihn vollends in die H#246;he und schubste ihn vor sich her zur T#252;r. »Komm mit!« Irgendwo auf halbem Weg schien Chris dann wohl doch aufzuwachen, denn er streifte Mikes Hand ab und blieb vor dem Tisch stehen. »Das Essen ist ja schon da!« sagte er #252;berrascht. »Ist es schon so sp#228;t?« »Ja«, antwortete Mike ungeduldig und zerrte ihn weiter. »Aber daf#252;r ist jetzt keine Zeit. Wir m#252;ssen zu den anderen. Und kein Wort!« Chris blinzelte verwirrt, aber Mike hatte schon die T#252;r erreicht und ri#223; sie auf. Die beiden Wachen drau#223;en unterbrachen #252;berrascht ihr Gespr#228;ch und drehten sich zu ihm herum, aber Mike ignorierte sie einfach. »Das lasse ich mir nicht l#228;nger gefallen!« sagte er laut und in so zornigem Tonfall, wie er nur konnte. »Den Fra#223; kriegt ja keiner herunter! Ich spreche mit den anderen, und danach kn#246;pfen wir uns diesen K#252;chenknaben vor! Auch ein Gefangener hat ein Recht auf vern#252;nftigesEssen!« Der Soldat grinste breit, wobei er eine gewaltige Zahnl#252;cke entbl#246;#223;te, machte aber dann eine auffordernde Bewegung, und Mike eilte weiter, Chris noch immer am Arm haltend. Er h#246;rte, wie der Mann hinter ihm eine sp#246;ttische Bemerkung auf deutsch zu seinem Kameraden machte, worauf beide in schallendes Gel#228;chter ausbrachen. Wahrscheinlich hielten die beiden ihn jetzt f#252;r v#246;llig #252;bergeschnappt. Ohne anzuklopfen, platzte er in die gegen#252;berliegende Kabine, wo die drei anderen bereits zum Essen Platz genommen hatten. Alle sahen #252;berrascht auf, als Mike so hereinpolterte, aber er machte eine hastige Bewegung, schlo#223; die T#252;r hinter sich und atmete erst einmal tiefdurch. »Was ist denn los?« fragte Juan sp#246;ttisch. »Du siehst aus, als h#228;ttest du ein Gespenst gesehen.« »Ich glaube, das habe ich auch«, sagte Mike leise und bedeutsam. »Hat er es euch auch gesagt?« »Hat wer uns was gesagt?« fragte Juan betont. »Was ist los mit dir? Bekommt dir die Sonne nicht, oder kriegst du den Gef#228;ngniskoller?« Mike ignorierte die spitze Bemerkung. Rasch und mit knappen Worten berichtete er, was gerade in seiner Kabine geschehen war. Juan und die beiden anderen h#246;rten ihm mit wachsender Aufregung zu. »Bist du sicher, da#223; du dich nicht get#228;uscht hast?« fragte Andr#233; schlie#223;lich. »Nat#252;rlich nicht«, antwortete Mike giftig. »Ich habe ein Schl#228;fchen gehalten und das alles nur getr#228;umt, was denkst du denn?« Andr#233; funkelte ihn zornig an, aber Juan gebot ihm mit einer Handbewegung zu schweigen. »Hast du das auch geh#246;rt?« wandte er sich an Chris. »Nein«, sagte Chris. Er starrte Mike aus gro#223;en Augen an, und Mike f#252;gte hinzu: »Er hatwirklich geschlafen.« »Wie #252;blich«, seufzte Juan. Er #252;berlegte einen Moment. »Und du hast den Mann wirklich noch nie an Bord gesehen?« fragte er schlie#223;lich. Mike verneinte. »Ganz bestimmt nicht«, sagte er. »Aber er kam mir trotzdem irgendwie bekannt...« Er brach mitten im Wort ab. »Ich bin ein Idiot!« sagte er dann. Juan nickte. »Meine Rede«, sagte er unger#252;hrt. »Aber w#252;rdest du uns vielleicht erkl#228;ren, wieso dir das erst jetzt auff#228;llt - und in diesem speziellen Fall?« »Ich wei#223;, woher ich ihn kenne!« sagte Mike. »Erinnert ihr euch an den Morgen im Hafen? Als das Schiff uns gerammt hat? Er war da!« »Auf dem Schiff?« fragte Ben zweifelnd. »Auf dem Kai!« antwortete Mike aufgeregt. »Die Schl#228;gerei! Erinnert euch! Ich bin ganz sicher, da#223; es derselbe Mann ist, #252;ber den die Arbeiter hergefallen sind!« »Das ist unm#246;glich!« sagte Ben. »Sie haben ihn weggezerrt. Selbst wenn sie ihn am Leben gelassen haben, war er bestimmt nicht mehr in der Lage, an Bord dieses Schiffes zu schleichen. Und au#223;erdem - warum sollte er uns helfen?« »Warum nicht?« erwiderte Mike. »Er k#246;nnte immerhin -«Die T#252;r wurde aufgerissen, und Mike verstummte erschrocken mitten im Wort und drehte sich herum. Es war einer der beiden Soldaten, die drau#223;en auf dem Gang Wache gehalten hatten. Der Mann warf einen mi#223;trauischen Blick in die Runde, dann wandte er sich an Mike, und auf seinem Gesicht erschien ein sp#246;ttisches L#228;cheln. »Wenn ihr mit eurer kleinen Revolution fertig seid, dann komm bitte mit. Der Kapit#228;n will dich sprechen«, sagte er in ausgezeichnetem Englisch. Mike gehorchte, widerstrebend und von dem sicheren Gef#252;hl erf#252;llt, da#223; die M#228;nner genau wu#223;ten, was gerade in seiner Kabine geschehen war. Er warf noch einen Blick zu Juan und den anderen zur#252;ck. Keiner sagte ein Wort, aber sie sahen sehr erschrocken drein. Vielleicht war es das erste Mal seit langer Zeit, dachte Mike, da#223; ihnen wieder ins Bewu#223;tsein zur#252;ckgerufen wurde, was sie wirklich waren: nichts als Gefangene, die nicht den geringsten Einflu#223; auf ihr eigenes Schicksalnehmen konnten. Kapit#228;n Winterfeld erwartete ihn wie immer in der Kapit#228;nskaj#252;te. Er trug auch heute nicht seine Uniform, sondern einen einfachen grauen Anzug, der Mike f#252;r die fast hochsommerlichen Temperaturen drau#223;en viel zu warm erschien -aber etwas war doch anders: sein Gesichtsausdruck. Winterfeld wirkte sehr zufrieden. Mike nahm sich vor, auf der Hut zu sein. »Setz dich, Michael!« sagte Winterfeld aufger#228;umt. »Wie geht es dir? Alles in Ordnung bei dir und deinen Freunden?« Mike setzte sich gehorsam, antwortete aber nicht. Winterfeld stellte diese Fragen jedes Mal, wenn sie sich sahen, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Wahrscheinlich waren sie nur Ausdruck seines schlechten Gewissens. Statt dessen sah er neugierig auf den Schreibtisch des Kapit#228;ns. Anstelle des #252;blichen Durcheinanders von Papieren lag diesmal nur ein einziges, engbeschriebenes Blatt darauf -und die Seekarte, die Winterfeld ihm schon in England gezeigt hatte. »Ich habe gute Nachrichten, denke ich«, begann Winterfeld, nachdem auch er Platz genommen hatte. »Vielleicht dauert eure Gefangenschaft jetzt nicht mehr sehr lange.« Mike sagte noch immer nichts, sah aber Winterfeld sehr aufmerksam an. Ihm fiel auf, da#223; das Aussehen des Offiziers in krassem Gegensatz zu seinem fr#246;hlichen Benehmen stand: Winterfeld war bla#223;. Unter seinen Augen lagen Ringe, und seine Bewegungen waren ein wenig fahrig. »Es ist uns gelungen, den Code zu entschl#252;sseln«, fuhr Winterfeld fort. »Ich mu#223; mich bei dir entschuldigen. Wie mir die Spezialisten versichert haben, konntest du unm#246;glich wissen, wie die Geheimschrift zu entziffern ist.« Eine winzige Pause, in der drei tiefe, parallele Falten auf seiner Stirn erschienen, dann sagte er: »Trotzdem sollte ich b#246;se auf dich sein.« »So?« fragte Mike. Winterfeld nickte heftig. »Ja. Du hast mich belogen. Aber irgendwie kann ich das sogar verstehen.« Er lachte leise. »Ich glaube, ich w#228;re sogar ein bi#223;chen entt#228;uscht gewesen, wenn du es nicht versucht h#228;ttest.« »Ich ... verstehe nicht -« begann Mike, aber Winterfeld unterbrach ihn sofort wieder: »Das hat jetzt aber wirklich keinen Sinn mehr, Michael. Du hast versucht, mich hinzuhalten, und es ist dir gelungen, aber nun mu#223; es gut sein.« Er beugte sich vor, drehte die Karte auf dem Tisch herum und schob sie Mike zu. Verst#228;ndnislos blickte Mike darauf hin und dann wieder hoch. »Was ... was soll ich damit?« fragte er. Winterfelds Tonfall war nicht mehr so freundlich. »Wir haben die Papiere entziffert«, sagte er. »Aber jetzt mu#223;t du uns helfen.« »Aber wie denn?« murmelte Mike. »Ich habe keine Ahnung, was -« »Hast du vergessen, was ich dir gerade gesagt habe?« unterbrach ihn Winterfeld. Er r#228;usperte sich. »Wir wissen, was in den Papieren steht. Es war ein Brief an dich dabei - auch das habe ich dir schon einmal gesagt -, und in dem stand ganz eindeutig, da#223; du wei#223;t, wie diese Karte zu entschl#252;sseln ist. Also mach es bitte f#252;r uns beide nicht unn#246;tig schwer und sei vern#252;nftig.« Mike verstand rein gar nichts mehr. Er schwieg, und auf Winterfelds Gesicht erschien ein Ausdruck von Ungeduld. »Du verlierst nur Zeit«, sagte er. »Ich finde die Insel, von der in den Papieren deines Vaters die Rede ist, auch ohne deine Hilfe, glaub mir. Es wird eben etwas l#228;nger dauern. Aber solange wir sie nicht gefunden haben, bleiben du und deine Freunde auf diesem Schiff gefangen.« Insel? dachte Mike verwirrt. Was f#252;r eine Insel? Er tat Winterfeld den Gefallen, die Karte zur Hand zu nehmen und sie einige Augenblicke lang zu studieren -aber die Linien, Buchstaben und Zahlen ergaben jetzt f#252;r ihn ebensowenig Sinn wie damals in London. »Ich kann Ihnen wirklich nicht helfen«, sagte er nach einer Weile. »Mein Vater hat nie etwas von einer Insel erw#228;hnt. Was soll auf dieser Insel sein?« Winterfeld seufzte. »Du machst es mir wirklich nicht leicht, Michael«, sagte er. »Ich will doch nichts weiterals -«Drau#223;en auf der Br#252;cke wurden aufgeregte Stimmen laut, und eine Sekunde sp#228;ter wurde die T#252;r aufgerissen. Winterfeld verstummte mitten im Wort, und auf seinem Gesicht erschien ein Ausdruck solchen Schreckens, da#223; Mike in seinem Stuhl herumfuhr und ebenfalls verbl#252;fft die Augen aufri#223;. Unter der T#252;r war niemand anders als Paul erschienen. Hinter ihm st#252;rmte ein Mann in einer blauen Uniform herein, der offenbar vergeblich versucht hatte, ihn zur#252;ckzuhalten. Auf Pauls Gesicht lag ein schelmisches L#228;cheln. »Hallo Vater!« sagte er fr#246;hlich. »Na, ist mir die #220;berraschung ... gelungen?« Seine Augen wurden gro#223;. Er erstarrte mitten in der Bewegung, und Mike konnte sehen, wie jeder TropfenBlut aus seinem Gesicht wich. Das letzte Wort hatte er nur noch gefl#252;stert. Er hatte Mike gesehen. Kapit#228;n Winterfeld hatte seine #220;berraschung endlich #252;berwunden. Mit einem so heftigen Ruck, da#223; sein Stuhl umfiel, sprang er auf und beugte sich #252;ber den Tisch. »Paul!« donnerte er. »Was tust du hier? Ich hatte dir doch befohlen, an Land auf mich zu warten!« Paul schien die Worte seines Vaters gar nicht zu h#246;ren. Fassungslos starrte er Mike an, und Mike seinerseits blickte Paul mit kaum weniger gro#223;er Verwirrung an. Paul hier? Was hatte das jetzt wieder zu bedeuten? Geh#246;rte er am Ende vielleicht doch dazu, auch wenn sein Vater das Gegenteil behauptet hatte? »Mike?« murmelte Paul in einem Tonfall, als k#246;nnte er einfach nicht glauben, was seine Augen sahen. »Mike? Aber wie ... was ... was machst du denn hier?« Es fiel Mike schwer, #252;berhaupt zu antworten. »Das fragst du am besten deinen Vater«, sagte er leise. Paul ri#223; sich mit sichtbarer M#252;he von seinem Anblick los und wandte sich an seinen Vater, aber der lie#223; ihm gar keine Gelegenheit, irgendeine Frage zu stellen, sondern fuhr ihn an: »Was tust du hier?! Wieso zum Teufel -« Er brach ab, atmete h#246;rbar ein und wandte sich dann an den Mann, der hinter Paul stehengebliebenwar. »Sind Sie wahnsinnig geworden? Ich hatte Ihnen befohlen, ihn auf keinen Fall aus den Augen zu lassen!« Der Mann schrumpfte unter den Worten in sich zusammen. »Ich ... es tut mir leid, Herr Kapit#228;n«, stotterte er. »Ich ... ich dachte -« »Sie sollen nicht denken, sondern gehorchen, Sie Idiot!« br#252;llte Winterfeld. Er ballte die H#228;nde zu F#228;usten. F#252;r eine Sekunde sah es wirklich so aus, als wollte er sich einfach auf seinen ungl#252;ckseligen Untergebenen st#252;rzen. Aber er beherrschte sich. »Verschwinden Sie!« zischte er. »Herr Kapit#228;n, ich ... ich kann wirklich nichts -« »Gehen Sie mir aus den Augen, Sie Trottel!« fauchte Winterfeld. »Ich erwarte Sie in zwei Stunden in meiner Kabine.« Der Mann starrte ihn noch eine Sekunde lang mit schierem Entsetzen an, dann drehte er sich um und schlich wie ein gepr#252;gelter Hund davon. »Was hat das zu bedeuten?« fragte Paul scharf. Er deutete auf Mike. »Was tut Mike hier? Was ... was geht hier vor?« Winterfeld begann nerv#246;s seinen Schnurrbart zu zwirbeln. Seine Finger zitterten. »Das ist eine komplizierte Geschichte«, antwortete er, »die ich dir nicht so rasch erkl#228;ren kann. Es sollte ... eine #220;berraschung sein.« »Die ist Ihnen gelungen«, sagte Mike, noch ehe Paul Gelegenheit bekam, zu antworten. »Warum sagen Sie ihm nicht die Wahrheit? Oder soll ich es tun?« Er drehte sich in seinem Stuhl herum und sah wieder zu Paul hoch. »Dein Vater hat mich und die anderen -« »Das reicht!« unterbrach ihn Winterfeld scharf. Er machte eine befehlende Geste zu Mike, aufzustehen. »Vielleicht ist es besser, wenn du jetzt gehst«, sagte er. »Ich werde Paul alles erkl#228;ren.« »Ich m#246;chte, da#223; er bleibt!« mischte sich Paul ein. Mike hatte ihn niemals so aufgebracht und w#252;tend erlebt wie in diesem Moment. »Ich will die Wahrheit wissen!« Kapit#228;n Winterfeld schwieg, w#228;hrend Paul ihn durchdringend anstarrte, und -es kam Mike fast absurd vor, nach allem, was er mit diesem Mann erlebt hatte - fast schien es, als w#228;re es diesmal er, der das stumme Blickduell zu verlieren drohte. Aber dann gab er sich einen Ruck, straffte sich und br#252;llte, da#223; Mike die Ohren klangen:»LeutnantStrecker!« Die T#252;r wurde aufgerissen, und der Soldat, der Mike hergef#252;hrt hatte, kam herein. Er wirkte sehr unruhig. »Herr Kapit#228;n?« Winterfeld deutete auf Mike. »Bringen Sie Michael zur#252;ck zu seinen Freunden!« sagte er. »Mein Sohn bleibt noch einen Moment hier. Ich habe mit ihm zu reden.« Mike hatte nach seiner R#252;ckkehr nicht nur Chris und die drei anderen, sondern auch Mi#223; McCrooder in seiner Kabine angetroffen und hatte sie von der neuesten Entwicklung unterrichtet. Danach schmiedeten sie Fluchtpl#228;ne - wie sie es schon so oft getan hatten, seit ihre Reise ins Ungewisse begonnen hatte, aber doch mit dem Wissen, da#223; sie allesamt zum Scheitern verurteilt waren. Diesmal aber war es anders: Wenn der geheimnisvolle Fremde, den Mike wiedererkannt zu haben glaubte, tats#228;chlich auf ihrer Seite stand, dann hatten sie m#246;glicherweise zum ersten Mal eine wirkliche Chance, Winterfelds Gefangenschaft zu entkommen.Es war Mi#223; McCrooder, die einen Wermutstropfen in ihre zuversichtliche Stimmung fallen lie#223;; und zwar einen geh#246;rigen. »Wer sagt euch eigentlich, da#223; dieser Fremde tats#228;chlich hier ist, um uns zu befreien?« fragte sie, nachdem sie ihren immer abenteuerlicher werdenden Wenn-wir-erst-einmal-hier-raus-sind-Geschichten wortlos zugeh#246;rt hatte. F#252;r eine Sekunde wurde es still. Alle blickten Mi#223; McCrooder verwirrt an. »Aber ... aber was soll er denn sonst wollen?« fragte Chris schlie#223;lich. »Das wei#223; ich nicht«, antwortete Mi#223; McCrooder. »Aber ich w#252;rde nicht zu optimistisch sein. Er hat nur gesagt: eine Stunde nach Mitternacht. Nicht mehr. Woher wollt ihr so genau wissen, was dann passiert?« Schweigen breitete sich nach diesen Worten zwischen ihnen aus. Auf allen Gesichtern stand die gleiche Entt#228;uschung geschrieben. Mi#223; McCrooder fuhr hastig fort: »Versteht mich nicht falsch - ich selbst glaube auch, da#223; uns dieser Mann helfen will; schon, weil ich es einfach glauben m#246;chte. Aber selbst wenn ein Wunder geschieht und wir irgendwie von diesem Schiff entkommen, ist damit noch lange nicht alles vorbei. Wir wissen nicht einmalgenau, wo wir sind. Aufjeden Fall in einem fremden Land, in dem wir ganz auf uns allein gestellt sein werden.« »Das ist kein Problem«, sagte Juan gro#223;spurig. »Wir m#252;ssen irgendwo in S#252;damerika sein. Da wird Spanisch gesprochen. Und sobald wir eine spanische Botschaft finden, reicht ein einziges Telegramm an meinen Vater, und dieser Winterfeld wird sich w#252;nschen, niemals geboren zu sein.«Ehe jemand etwas darauf erwidern konnte, wurde dieT#252;r aufgerissen, und Leutnant Strecker und der zweite Soldat f#252;hrten den sich heftig str#228;ubenden Paul herein, der die beiden M#228;nner aus Leibeskr#228;ften in seiner Muttersprache beschimpfte. Sie mu#223;ten ihn an beiden Handgelenken festhalten, sonst h#228;tte er sich wahrscheinlich auf der Stelle losgerissen und w#228;re wieder auf den Gang hinausgest#252;rmt. Unsanft bugsierten sie ihn bis zur Mitte des Raumes, dann wandten sie sich um, verlie#223;en die Kabine und schlossen rasch die T#252;r. Paul eilte ihnen, noch immer schimpfend, nach, r#252;ttelte ein paarmal vergeblich an der Klinke und versetzte der T#252;r schlie#223;lich einen zornigen Tritt,Als er sich herumdrehte, starrten ihn alle an, und f#252;r ein paar Augenblicke breitete sich eine eigenartige Stimmung in der kleinen Kabine aus. Paul wirkte zor nig und verlegen zugleich, w#228;hrend die Jungen - Mike und Mi#223; McCrooder ausgenommen - keinen Hehl daraus machten, da#223; sein Erscheinen nicht unbedingt eine angenehme #220;berraschung bedeutete. »Was tust du denn hier?« fragte Ben schlie#223;lich. »Hat dich dein Vater zum Spionieren hergeschickt?« Pauls Augen blitzten, aber er behielt die Ruhe. »Ich habe es ja nicht geglaubt«, sagte er, w#228;hrend er seinen Blick von einem zum anderen wandern lie#223;. »Ihr ... ihr wart tats#228;chlich die ganze Zeit #252;ber hier? Hier an Bord? Was ist nun wirklich geschehen?« Er fuhr zusammen, als er jetzt auch Mi#223; McCrooder sah. »Sie sind auch hier? Wo ist McIntire? Ist er auch an Bord?« »Das solltest du eigentlich besser wissen als wir«, grollte Ben, bevor Mi#223; McCrooder antworten konnte. »Wahrscheinlich habt ihr doch die ganze Zeit #252;ber uns Idioten gelacht, da#223; euch die B#228;uche weh taten, oder?« Pauls Blick spiegelte vollkommenes Unverst#228;ndnis, und Mi#223; McCrooder fragte rasch: »Ist McIntire denn nicht bei euch?« »Bei uns?« Paul sch#252;ttelte den Kopf. »Aber wieso denn? Er -« »L#252;g uns nicht auch noch an!« unterbrach ihn Ben aufgebracht. »Er geh#246;rt doch zu euch!« »Jetzt reicht es aber!« antwortete Paul. »Wenn du jetzt nicht aufh#246;rst, dann...« »Dann?« fragte Ben, als Paul nicht weitersprach. Er stand auf und trat herausfordernd auf Paul zu. »Was dann?« Paul funkelte ihn an. Er war fast einen Kopf kleiner als Ben und wog sicherlich zwanzig Pfund weniger. Und au#223;erdem kannte er wie alle anderen den Ruf, der dem jungen Engl#228;nder vorauseilte - n#228;mlich, kei ner Pr#252;gelei aus dem Weg zu gehen und die meisten auch zu gewinnen. Und trotzdem sah es f#252;r einen Moment so aus, als wollte Paul sich einfach auf ihn st#252;rzen, um die Diskussion mit seinen F#228;usten fortzusetzen.Es war Juan, der den drohenden Streit schlichtete. Hastig sprang er auf, trat zwischen die beiden Kampfh#228;hne und breitete die Arme aus. »Bitte, Leute!« sagte er. »Seid vern#252;nftig! Das hat doch keinen Zweck!« Ben schob kampflustig die Schultern vor. »La#223; mich zehn Minuten mit ihm allein, und ich zeige dir, was Zweck hat«, sagte er drohend. »Vielleicht brauche ich auch nur f#252;nf, und er wird uns alles erz#228;hlen, was wir wissen wollen.« »Das tut er bestimmt auch so«, sagte Juan. Er bedachte Ben mit einem mahnenden Blick, ehe er sich vollends zu Paul herumdrehte. »Oder?« Paul sah Ben weiterhin herausfordernd an, aber nach ein paar Sekunden nickte er. »Ich wei#223; wirklich nicht, was das alles bedeutet«, sagte er. »Bis vor einer Stunde wu#223;te ich nicht einmal, da#223; ihr #252;berhaupt hier seid! Ich dachte, ihr w#228;rt in London, nicht in Rio.« »Rio de Janeiro?« vergewisserte sich Mike. Paul nickte.»Na ja, jetzt wissen wir wenigstens, wo wir sind«, stellte Juan fest. Zu Paul gewandt, fuhr er fort. »Aber wie kommst du hierher?« »Mit der LEOPOLD«, antwortete Paul. »Sie liegt ein paar Meilen von hier vor Anker. Mein Vater hat mich heute morgen abgeholt und ist mit mir an Land gegangen. Er wollte mir die Stadt zeigen. Danach ist er weggegangen, um noch irgendwas Gesch#228;ftliches zu erledigen -wenigstens hat er das gesagt. Ich sollte am Hafen warten, bis er zur#252;ckk#228;me. Aber ich hatte kei ne Lust, den Tag in der Gesellschaft seines Adjutanten zu verbringen. Der Kerl ist ungef#228;hr so gespr#228;chig wie eine Rolle Schlaftabletten. Also bin ich ausgeb#252;chst und habe ein Boot gechartert, das mich hierher brachte. Ich wollte ihn #252;berraschen.« »Das ist dir gelungen«, sagte Mike. Paul verzog das Gesicht, enthielt sich aber jeden Kommentars. Mike konnte sich lebhaft vorstellen, welches Donnerwetter auf Paul herabgegangen war, nachdem er ihn mit seinem Vater alleingelassen hatte. »Wieso ist die LEOPOLD hier?« fragte er dann. Paul zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, antwortete er. »Mein Vater spricht nicht mit mir #252;ber milit#228;rische Dinge. Wahrscheinlich ist es sowieso geheim. Aber mir ist aufgefallen, da#223; wir ziemlich #252;berhastet aufgebrochen sind. Eigentlich sollten die Reparaturen ja noch sechs Tage dauern, aber die LEO-POLD ist schon am n#228;chsten Morgen ausgelaufen. Mein Vater und ich haben auf euch gewartet. Als ihr zwei Stunden nach dem verabredeten Zeitpunkt immer noch nicht da wart, ist mein Vater mit einemBoot losgefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Erkam erst nach einer ganzen Weile zur#252;ck und erz#228;hlte, da#223; es einen Unfall im Hafen gegeben hat.« »Ja«, sagte Ben, »so kann man es auch nennen.« Paul durchbohrte ihn mit Blicken, fuhr aber in unver#228;ndertem Ton fort: »Ich war ziemlich besorgt, aber er beruhigte mich und sagte, da#223; niemandem etwas passiert sei. Nur w#228;rt ihr alle bis auf die Knochen na#223; geworden und zu Tode erschrocken, so da#223; McIntire den Ausflug abgesagt h#228;tte und mit euch nach Andara-House zur#252;ckgefahren sei.« Er hob die H#228;nde. »Nat#252;rlich habe ich ihm geglaubt. Woher sollte ich denn wissen, was wirklich passiert war?«»Na, daf#252;r wei#223;t du es jetzt«, sagte Mike. »Gar nichts wei#223; ich«, erwiderte Paul. »Du kennst meinen Vater schlecht, wenn du glaubst, er h#228;tte mir auch nur eine einzige Frage beantwortet. Er hat mich angeschrien und mir einen Vortrag #252;ber die Bedeutung der Worte Gehorsam und Befehl gehalten, aber das war auch alles. Aber ich wei#223; immer noch nicht, warum ihr hier seid.« »Dann sollte es ihm jemand erkl#228;ren«, sagte Juan. Er wandte sich mit einer auffordernden Geste an Mike. »Und wer w#228;re besser dazu geeignet als der, dem wir dieses ganze Schlamassel zu verdanken haben?« Nun war es an Mike, Juan einen w#252;tenden Blick zuzuwerfen. Aber dann begann er ruhig zu erz#228;hlen, was an jenem Morgen in London und danach wirklich passiert war. Pauls Gesichtsausdruck wurde immer entsetzter, w#228;hrend er ihm zuh#246;rte. »... und jetzt sind wir hier«, schlo#223; Mike. »Bis vor zehn Minuten wu#223;ten wir nicht einmal, wo dieses Hier#252;berhauptist.« »Das ... klingt unglaublich«, murmelte Paul. Er sah Mike nicht an, sondern hatte den Blick gesenkt. Doch Mike glaubte genau zu sp#252;ren, wie es in seinem Freund aussah. Schlie#223;lich war der B#246;sewicht in der Geschichte niemand anders als Pauls Vater. »Du kannst es ruhig glauben«, sagte Ben giftig. »Genauso wie wir glauben, da#223; dein liebes V#228;terchen dich nur zum Spionieren hergeschickt hat!« Mike warf Ben einen drohenden Blick zu, aber Paul schien den letzten Satz gar nicht geh#246;rt zu haben. »Aber das ... das pa#223;t #252;berhaupt nicht zu ihm!« sagte er. »Ich sage das bestimmt nicht nur, weil er mein Vater ist. Er ist ... der pflichtbewu#223;teste Mann, den ich kenne, Er w#252;rde so etwas nie tun!« »Au#223;er vielleicht, jemand befiehlt es ihm«, sagte Juan leise. Paul starrte ihn erschrocken an, aber dann sch#252;ttelte er den Kopf. »Quatsch!« sagte er #252;berzeugt. »Ich wei#223;, ich wei#223; - England und das Kaiserreich sind im Moment nicht gut aufeinander zu sprechen. Aber warum sollte die deutsche Kriegsmarine ein halbes Dutzend Kinder entf#252;hren und dabei riesige diplomatische-Verwicklungen riskieren?« »Sie haben Mike entf#252;hrt«, erinnerte Mi#223; McCrooder. »Wir anderen sind nur aus Versehen mit dabei, vergi#223; das nicht.« »Es ergibt trotzdem keinen Sinn!« beharrte Paul. »Was soll er schon wissen, was so wichtig ist?« »Anscheinend hat mein Vater irgend etwas besessen, was f#252;r eure Leute von gro#223;em Wert ist«, sagte Mike. »Er mu#223; es auf irgendeiner einsamen Insel in der Karibik versteckt haben - und dein Vater ist der Meinung, da#223; ich wei#223;, wo diese Insel liegt. Aber ich wei#223; es nicht.« »Verrat ihm lieber nicht zu viel«, sagte Ben. »Sonst kannst du es ebensogut gleich seinem Vater erz#228;hlen.« »Jetzt h#246;rt aber endlich auf!« mischte sich Mi#223; McCrooder ein. Sie stand auf und wandte sich an Paul. »Wieso hat er dich herbringen lassen?« fragte sie geradeheraus. »Das wei#223; ich nicht«, antwortete Paul. »Er hat gesagt, ich w#228;re selbst schuld, wenn er mich jetzt genau wie die anderen behandeln m#252;sse.« »Wie die anderen?« Mi#223; McCrooder runzelte die Stirn. »Soll das hei#223;en, da#223; du hier bleiben sollst? Als Gefangener? Genau wie wir?« »Bis alles vorbei ist, ja«, antwortete Paul. »Aber er hat gesagt, da#223; es jetzt nicht mehr lange dauern kann.« »Was f#252;r eine hervorragende Idee!« sagte Ben vom Fenster her. »Warum zieht er nicht gleich selbst hierein. Dann h#246;rt er aus erster Hand, was wir miteinander reden.« Selbst Mike fiel es f#252;r einen Moment schwer, den Worten seines Freundes Glauben zu schenken. Er zweifelte nicht daran, da#223; Paul bis zum heutigen Tage keine Ahnung vom Schicksal seiner Mitsch#252;ler gehabt hatte -aber die Vorstellung, da#223; Kapit#228;n Winterfeld so weit ging, seinen eigenen Sohn gefangenzusetzen, erschien ihm doch zu verr#252;ckt. Es sei denn, fl#252;sterte eine Stimme in seinen Gedanken, das, was er auf jener geheimnisvollen Karibikinsel zu finden hoffte, war noch viel, viel wertvoller, als sie alle bisher angenommen hatten. Mitternacht kam und ging, und an Bord kehrte allm#228;hlich eine gewisse Ruhe ein. Sie hatten noch lange zusammengesessen und geredet, bis es schlie#223;lich Zeit zum Abendessen war und sich Ben, Juan und Andr#233; in ihre eigene Kabine zur#252;ckzogen. Auch Mi#223; Mc-Crooder -die als einzige eine Kabine f#252;r sich allein hatte - war gegangen, wobei sie Chris mitgenommen und erkl#228;rt hatte, es mache ihr nichts aus, sich f#252;r diese Nacht das Zimmer mit ihm zu teilen; am n#228;chsten Morgen w#252;rde man weitersehen und zur Not ein drittes Bett in Mikes Kaj#252;te aufschlagen lassen. Da#223; sie in dieser Nacht nicht schlafen w#252;rden und allesamt hofften, da#223; es ohnehin ihr letzter Abend auf diesem Schiff war, wu#223;te Paul nicht - und sie h#252;teten sich, auch nur eine Andeutung in dieser Richtung zu machen. Sie hatten die Zeit, in der Paul einmal zwischendurch die Toilette aufgesucht hatte, genutzt, um sich zu einigen, ihn in diesem Punkt im unklaren zu lassen. Wenn er tats#228;chlich im Auftrag seines Vaters hier war, um sie auszuspionieren, durfte er auf keinen Fall etwas von ihrem Vorhaben erfahren. Undwenn nicht -nun, dann schadete es nichts, wenn er erst in allerletzter Sekunde davon erfuhr. Mike hatte ein schlechtes Gewissen bei dieser Vorstellung, aber er beugte sich schlie#223;lich dem Willen der Mehrheit und tr#246;stete sich damit, da#223; Paul ihre Vorsicht verstehen w#252;rde. Sie waren #252;bereingekommen, sich zwei Minuten vor der verabredeten Zeit in Mikes Kabine zu treffen, wobei Mi#223; McCrooder der gef#228;hrlichste Teil des Planes zukommen w#252;rde -n#228;mlich, die Wachen abzulenken, die sonst mi#223;trauisch werden konnten. Nun ging es allm#228;hlich auf eins zu. Mike mu#223;te sich beherrschen, um nicht immer #246;fter auf die Uhr zu sehen, w#228;hrend er mit Paul zusammensa#223; und redete. Er hatte gehofft, da#223; Paul irgendwann m#252;de werden und einschlafen w#252;rde, aber das Gegenteil war der Fall -er wurde immer munterer und lie#223; sich von Mike #252;ber die Gespr#228;che mit seinem Vater in allen Einzelheiten berichten. »Wei#223;t du«, sagte er dann, »irgendwie glaube ich, da#223; Vater recht hat mit seiner Vermutung, da#223; du den Schl#252;ssel zu dem Geheimnis besitzt.« Mike sah seinen Freund einen Augenblick lang durchdringend und verwirrt an, dann begriff er, da#223; Paul diesen Blick ebensogut als mi#223;trauisch deuten konnte, und zwang sich zu einem L#228;cheln. »Bestimmt nicht«, sagte er. »Ich h#228;tte es ihm l#228;ngst gesagt, wenn es so w#228;re. In einer Sache stimme ich ihm n#228;mlich zu - ich bin sicher, da#223; er die Insel fr#252;her oder sp#228;ter sowieso findet, ob mit oder ohne meine Hilfe. Ich will nur noch hier raus und die anderen auch. Es interessiert mich mittlerweile gar nicht mehr, was er auf dieser Insel zu finden hofft.« »Aber mich«, entgegnete Paul. »Und zwar brennend. Egal, was die anderen von meinem Vater halten: Er ist ein ehrlicher Mann. Wenn er sich zu so etwas hinrei#223;en l#228;#223;t, dann mu#223; es sich um etwas wirklich Kolossales handeln.« Er legte den Kopf schr#228;g und sah Mike aus eng zusammengekniffenen Augen an. »#220;berleg noch mal«, sagte er. »Dein Vater mu#223; doch irgendeine Andeutung gemacht haben.« »Ich habe ihn ja nicht mal gekannt«, erinnerte Mike. »Ich wei#223; nicht einmal genau, wie er ausgesehen hat. Aber ich wei#223;, da#223; er nichts mit Politik oder Krieg im Sinn gehabt hat. Er war ein Beamter, das ist alles.« »Das mag schon sein«, wiederholte Paul. »Aber irgend etwas - hat er dir rein gar nichts hinterlassen? Keinen Brief, kein Andenken?« »Doch«, antwortete Mike spitz. »Eine ganze Mappe mit Briefen sogar. Dein Vater hat sie.« Paul fuhr bei diesen Worten zusammen. Ein Schatten huschte #252;ber sein Gesicht, und Mike kam sich gemein vor, da#223; er sich diesen billigen Triumph nicht hatte verkneifen k#246;nnen. Hastig zog er den Anh#228;nger unter dem Hemd hervor, den er an einer Kette um den Hals trug. »Und das hier«, sagte er. Paul beugte sich neugierig vor, nahm das Amulett in die Hand und betrachtete es sehr lange und sehr interessiert. Mike lie#223; ihn gew#228;hren. Auch er hatte den Anh#228;nger in den letzten Wochen unz#228;hlige Male angesehen schlie#223;lich war Pauls #220;berlegung nicht so weit hergeholt, da#223; nicht auch er und die anderen darauf ge kommen w#228;ren, in diesem Amulett den Schl#252;ssel zu vermuten, hinter dem Winterfeld her war. Aber das konnte nicht sein. Das Amulett enthielt kein Geheimfach, keine verschl#252;sselte Botschaft, keine Schriftzeichen, nichts. Es war ein unglaublich kunstfertiges St#252;ck Goldschmiedearbeit, das die sechsarmige G#246;ttin Kali darstellte - ein durchaus g#228;ngiges Motiv der indischen Mythologie -, nicht mehr und nicht weniger. Schlie#223;lich lie#223; Paul das Amulett wieder sinken und sch#252;ttelte den Kopf. »Wenn das Ding irgend etwas zu bedeuten hat«, sagte er entt#228;uscht, »dann ist diese Bedeutung wirklich gut getarnt.« Mike verstaute das Amulett wieder unter seinem Hemd, aber er kam nicht mehr dazu, zu antworten. Drau#223;en auf dem Gang erscholl pl#246;tzlich ein halblauter, kr#228;chzender Schrei, und eine Sekunde sp#228;ter polterte etwas schwer gegen die geschlossene T#252;r. Paul sah #252;berrascht hoch, w#228;hrend Mike aufstand, zur T#252;r ging und mit klopfendem Herzen einen Schritt davor stehenblieb. Es war f#252;nf Minuten vor eins. »Was ist denn los?« fragte Paul fl#252;sternd. Bevor Mike antworten konnte, wurde die T#252;r aufgerissen K#246;rper drau#223;en auf dem Gang gerichtet. Der Soldat lag auf dem R#252;cken, und auch sein Hals und das Hemd darunter waren rot. Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten. Sein M#246;rder stand mit gespreizten Beinen #252;ber ihm. Er trug nicht mehr die Matrosenuniform, in der Mike ihn auch am Morgen gesehen hatte, sondern ein weites Gewand und einen kunstvoll gewickelten Turban, unter dem ein rabenschwarzer Pferdeschwanz bis weit #252;ber seine Schultern herabhing. In der rechten Hand hielt er den Dolch, mit dem er die beiden Wachen get#246;tet hatte. »Was -?« begann Mike, wurde aber sofort von dem Fremden unterbrochen. »Still!« zischte er. »Zum Reden ist jetzt keine Zeit! Wir m#252;ssen weg! Wo sind die anderen?« Mike deutete auf die gegen#252;berliegende T#252;r, und der Mann fuhr mit einer katzenhaften Bewegung herum und #246;ffnete sie. Mike h#246;rte einen #252;berraschten Ausruf in dem Raum auf der anderen Seite, und der Mann antwortete wohl auch, aber er verstand die Worte nicht. Wie hypnotisiert starrte er abwechselnd die beiden Toten an. Er f#252;hlte einen eisigen Schrecken, der alles #252;berstieg, was er jemals empfunden hatte; selbst die Todesangst, als er damals im Hafen beinahe ertrunken w#228;re. Es war das erste Mal, da#223; Mike so direkt mit dem Tod konfrontiert wurde. Er hatte tote Tiere gesehen undvom Tod von Menschen geh#246;rt und gelesen - aber erhatte sich noch nie einer Leiche gegen#252;bergesehen. Die beiden M#228;nner waren tot - sie waren ermordet worden, vor seinen Augen und wohl auch irgendwie seinetwegen. Zweifelsfreiwaren diese beiden Soldaten seine Feinde gewesen, die vielleicht nicht einmal gez#246;gert h#228;tten, ihn und die anderen umzubringen, h#228;tten sie den Befehl dazu erhalten, und doch ersch#252;tterte Mike ihr Anblick zutiefst. Der Fremde, der gekommen war, um ihn zu retten, hatte sie seinetwegen get#246;tet. Ebensogut h#228;tte er selbst ein Messer nehmen und ihnen die Kehle durchschneiden k#246;nnen. Auf dem Gang wurde es wieder laut, als der Fremde in Begleitung Juans und der beiden anderen zur#252;ckkam. Einer der drei mu#223;te ihm wohl den Weg zu Mi#223; McCrooders Kabine gewiesen haben, denn er eilte unverz#252;glich hin und betrat auch sie, ohne anzuklopfen. Juan erstarrte mitten in der Bewegung, als er den toten Soldaten sah, und Andr#233; schlug erschrocken die Hand vor den Mund. Ben blickte den Leichnam nur kurz an und wirkte zufrieden, wie Mike schaudernd registrierte. Wenige Sekunden sp#228;ter erschienen auch Mi#223; Mc-Crooder und Chris auf dem Gang. Mi#223; McCrooder sog erschrocken die Luft ein, zog Chris an sich und bedeckte seine Augen mit der Hand, w#228;hrend der Fremde sich wieder an Mike wandte. »Schnell jetzt, Herr«, sagte er. »Wir m#252;ssen -« Er stockte mitten im Wort. Seine Augen wurden schmal, als er Paul erblickte, der hinter Mike unter der T#252;r erschienen war. Dann spannte sich seine Gestalt. Mike sah, wie sich seine Hand fester um den Dolch schlo#223;, den er noch immer in der Rechten trug. »Wer ist das?« fragte er. »Ein Freund«, sagte Mike hastig. »Er geh#246;rt zu uns.« Der Fremde warf ihm einen mi#223;trauischen Blick zu. Mike sah, wie es in seinem dunklen Gesicht arbeitete. Dann nickte er. »Er kommt mit uns«, sagte er. »Ich gehe nirgendwohin, ehe ich nicht wei#223;, was hier gespielt wird!« erwiderte Paul, und Ben sagte: »Er kommt auf keinen Fall mit! Da k#246;nnen wir ja genausogut Winterfeld selbst einladen, uns zu begleiten!« »Aber er kann auch nicht hierbleiben«, f#252;gte Juan ruhig hinzu. »Er w#252;rde uns verraten.« Mike wies auf die Toten. »Warum ... haben Sie das getan?« fragte er leise. »Es mu#223;te sein, Herr«, antwortete der Fremde. »Sie h#228;tten Alarm geschlagen. Wenn mein Eindringen bemerkt wird, sind wir alle verloren.« In dr#228;ngenderem Ton f#252;gte er hinzu: »Wir m#252;ssen gehen, Herr. Die Deckwache dreht gleich ihre Runde. Wenn sie das Boot bemerken, ist es um uns geschehen.« »Ich r#252;hre mich nicht von der Stelle!« sagte Paul. Er sprach sehr laut, aber seine Stimme zitterte auch h#246;rbar. Das Entsetzen mu#223;te ihm ebenso in die Knochen gefahren sein wie allen anderen. »Dann werden wir dich wohl fesseln und knebeln m#252;ssen«, sagte Ben grinsend. »Ich #252;bernehme das gern.« Er trat einen Schritt vor, aber der Fremde hielt ihn mit einer hastigen Bewegung zur#252;ck. »Er wei#223; schon zuviel«, sagte er. »Er kommt mit oder stirbt.« Mike zweifelte keine Sekunde daran, da#223; der Fremde seine Worte auch ausf#252;hren w#252;rde. »Bitte, Paul«, sagte er, »sei vern#252;nftig. Er meint es ernst.« Paul schien das wohl ebenso zu sehen, denn von seiner Entschlossenheit war nicht mehr viel geblieben. »Was ... was geht hier #252;berhaupt vor?« sagte er stockend. »Wer ist das?« »Wir ziehen aus, das geht vor, Schlaumeier«, sagte Ben fr#246;hlich. »Mit oder ohne dich, das ist egal. Und wenn du dort oben auch nur einen Mucks von dir gibst, dann drehe ich dir h#246;chstpers#246;nlich den Hals um, das verspreche ich dir.« »Schnell jetzt, Herr«, dr#228;ngte der Fremde. »Sie d#252;rfendas Boot nicht entdecken!« Alles in Mike str#228;ubte sich dagegen, #252;ber den Leich nam des Soldaten hinwegzusteigen, aber das mu#223;te er, um die Treppe auf der anderen Seite des Ganges zu erreichen. Eng an die Wand gepre#223;t und mit geschlossenen Augen machte er einen Schritt #252;ber den reglosen K#246;rper hinweg und dann noch zwei, drei weitere, hastige Schritte, um sich m#246;glichst schnell von ihm zu entfernen. Pl#246;tzlich begann sein Herz zu h#228;mmern, und er zitterte am ganzen Leib. Angef#252;hrt von dem geheimnisvollen Fremden bewegten sie sich die Treppe hinauf. Mike und Paul gingen unmittelbar hinter ihm, dicht gefolgt von Mi#223; McCrooder und Chris, w#228;hrend Juan Ben vorsichtshalber ans Ende der kleinen Kolonne verbannt hatte. Ihr F#252;hrer #246;ffnete lautlos die T#252;r, gab ihnen ein Handzeichen,zur#252;ckzubleiben, und huschte hindurch. Schon nach einer Sekunde kam er zur#252;ck und winkte. »Keinen Laut!« fl#252;sterte er, w#228;hrend Mike und Paul sich an ihm vorbeischoben. Es war dunkel, als sie an Deck hinaustraten -aber l#228;ngst nicht so dunkel, wie Mike gehofft hatte. Die Nacht war sternenklar, und als h#228;tten Winterfeld und seine M#228;nner selbst die Natur auf ihrer Seite, stand auf dem Himmel ein fast vollkommen gerundeter Mond, der den Hafen wie ein #252;bergro#223;er, bleicher Scheinwerfer beschien. Zudem brannten hinter den Fenstern der Br#252;cke noch etliche Lichter, so da#223; jeder, der dort oben stand und zuf#228;llig herabsah, sie bemerken mu#223;te. Ihr F#252;hrer deutete auf den schwarzen Schlagschatten der erh#246;hten Frachtluke, einige Schritte entfernt. Mike zeigte ihm mit einem stummen Nicken, da#223; er verstanden hatte, sah noch einmal mit klopfendem Herzen zu den hellerleuchteten Fenstern der Br#252;cke hinauf, sammelte all seinen Mut -und huschte los. In wenig mehr als einer Sekunde gelangte Mike in den schwarzen Schatten des Lukenrandes, aber er war pl#246;tzlich felsenfest davon #252;berzeugt, da#223; man ihn einfach entdecken mu#223;te. Und wenn schon nicht das, so mu#223;ten seine Schritte, deren Dr#246;hnen in seinen eigenen Ohren wie das Stampfen einer Elefantenherde klang, im ganzen Hafen zu h#246;ren sein. Aber das Wunder geschah - sowohl er und Paul als auch alle anderen erreichten unbehelligt die Luke und kauerten sich in den Schutz des Schattens. Niemand rief ihnen zu, stehenzubleiben. Nirgends gellte eine Alarmsirene. »Bleibt einen Moment hier«, fl#252;sterte der Fremde, der als letzter geduckt #252;ber das Deck herangeeilt kam und sich neben Mike niederkauerte. »Ich sehe nach den Wachen.« Mike wollte ihn zur#252;ckhalten, aber er verschwand so schnell wie ein Schatten, der schon nach einer Sekunde von der Nacht aufgesogen wurde. Mike hatte nie einen Menschen getroffen, der sich so geschmeidig und lautlos zu bewegen vermochte wie er. »Wer ist das?« fl#252;sterte Paul neben ihm. »Ich habe keine Ahnung«, murmelte Mike. »So, du hast keine Ahnung? Und wieso hat er dich dann Herr genannt?« Mike schwieg. Er h#228;tte eine Menge darum gegeben, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Er sp#252;rte, da#223; sein Schweigen Pauls Mi#223;trauen nur noch sch#252;ren mu#223;te. Es vergingen nur Sekunden, bis der Fremde zur#252;ckkam. »Die Wache ist auf der anderen Seite«, fl#252;sterte er. »Wir haben Gl#252;ck.« Er deutete nach rechts. »Mein Boot liegt dort unten. Lauft zur Reling. Einzeln und nacheinander. Ich passe hier auf.« Da Juan der entsprechenden Bordseite am n#228;chsten war, huschte er als erster los. Nach wenigen Schritten erreichte er die Reling, beugte sich hin#252;ber -und kletterte ohne zu z#246;gern auf der anderen Seite in die Tiefe. Erst als ihm auch Ben auf die gleiche Weise folgte, erkannte Mike die Strickleiter, die an der Reling verknotet war. Geduckt lief er los, erreichte die Reling und schwang das Bein dar#252;ber. In diesem Moment erscholl in der Dunkelheit hinter ihm ein lautstarkes Scheppern und Klirren. Irgend etwas fiel mit einem geh#246;rigen Krach um, der nun wirklich bis zum Ufer zu h#246;ren sein mu#223;te. Mike erstarrte mitten in der Bewegung. Fast in der gleichen Sekunde erschien neben der Br#252;cke eine Gestalt. »Wer ist da?« rief eine Stimme. Dann wurde sie schrill. »He - du da an der Reling! R#252;hr dich nicht! Keine Bewegung!« Mikes Herz schlug bis in seinen Hals hinauf, als der Wachtposten die Arme in die H#246;he ri#223; und ein Gewehr auf ihn anlegte. Er h#246;rte das Klicken der Sicherung, die herumgelegt wurde. Er w#252;rde sterben. Jetzt. Doch der Schu#223;, auf den er wartete, kam nicht. Statt dessen sah er aus den Augenwinkeln, wie hinter der Ladeluke pl#246;tzlich eine zweite, schlanke Gestalt in die H#246;he wuchs und eine blitzartige Bewegung mit dem Arm machte. Der Posten schien die Gefahr im letzten Moment zu sp#252;ren, denn er fuhr herum und versuchte, mit seinem Gewehr auf die Gestalt zu zielen, aber er war nicht schnell genug. Etwas flog wie ein silberner, sich irrsinnig schnell drehender Blitz durch die Luft, bohrte sich mit einem dumpfen Schlag in seine Brust und schmetterte ihn gegen die Decksaufbauten. Der Mann schrie auf, lie#223; sein Gewehr fallen und brach zusammen. Paul und die anderen sprangen hinter ihrer Deckung hervor und rannten zur Reling, ohne auch noch die geringste Vorsicht zu wahren. Mike kletterte so hastig weiter hinunter, da#223; er ein paarmal Gefahr lief, den Halt zu verlieren und abzust#252;rzen. Was ihr geheimnisvoller Retter als Boot bezeichnet hatte, das entpuppte sich als Segeljacht, als Mike die Strickleiter loslie#223; und die letzten anderthalb Meter einfach in die Tiefe sprang. Er verlor auf den rutschigen Planken das Gleichgewicht, fiel auf die Knie und kroch hastig ein St#252;ck zur Seite, damit ihm Andr#233; nicht in den Nacken sprang -was zweifellos geschehen w#228;re, denn hinter diesem dr#228;ngten bereits Chris und Mi#223; McCrooder heran. Doch auch ihre Verfolger hatten nicht aufgegeben. Als die Gestalt ihres Retters #252;ber der Reling erschien, erscholl oben an Deck ein zorniger Schrei; gleich darauf gellte das Schrillen einer Alarmpfeife durch die Nacht, und dann krachte ein Schu#223;. Keine zehn Zenti meter neben dem Fremden stoben Funken aus dem Metall der Reling, und die Kugel jaulte als Querschl#228;ger davon. Der Fremde schwang sich mit einer kraftvollen Bewegung #252;ber die Reling - und sprang in die Tiefe, ohne zu z#246;gern! Mike schrie erschrocken auf. Das Deck des gr#246;#223;eren Schiffes lag gute f#252;nf Meter #252;ber ihnen, vielleicht sogar mehr. Aber wieder bewies ihr geheimnisvoller Freund seine au#223;erordentliche Geschicklichkeit. Er prallte dicht neben ihm auf, kam mit einer eleganten Rolle wieder auf die F#252;#223;e und fuhr noch in der gleichen Bewegung herum. Mit beiden Armen versuchte er, die kleine Jacht vom Rumpf des Frachters wegzusto#223;en. Das Schiff zitterte, bewegtesich aber nicht. »Helft mir!« sagte er. »Schnell!« Mit vereinten Kr#228;ften gelang es ihnen, das Schiff abzusto#223;en - doch in diesem Moment erschienen bereits die Schatten der Verfolger an der Reling #252;ber ihnen. Irgend jemand schrie eine Warnung, und da krachte auch schon wieder ein Schu#223;. Mike zog den Kopf ein und warf sich herum. Die Kugel klatschte neben dem Schiff ins Wasser, aber schon krachte der n#228;chste Schu#223;, und dann wieder einer und wieder einer. Die Kugeln lie#223;en das Wasser aufspritzen, aber einige Geschosse fetzten auch Splitter aus den Decksplanken oder zerschmetterten Glas. W#228;hrend Mike mit Riesens#228;tzen und im Zickzack #252;ber das Deck sprang und verzweifelt nach irgendeiner Deckung Ausschau hielt, sah er aus den Augenwinkeln, wie sich zwei Matrosen hintereinander auf die Strickleiter schwangen, #252;ber die sie selbst geflohen waren, um in die Tiefe zu klettern. Die Jacht drehte sich scheinbar schwerf#228;llig von dem gr#246;#223;eren Schiff weg, nahm aber nun sichtbar Fahrt auf, und die Distanz zwischen den beiden Schiffen wuchs rasch. Die Soldaten schossen jetzt ununterbrochen, und die Kugeln sirrten so dicht um Mikes Ohren und die der anderen, da#223; sie das Gef#252;hl hatten, mitten in einen zornigen Hornissenschwarm hineingeraten zu sein, doch niemand wurde getroffen. Schlie#223;lich h#246;rte das Gewehrfeuer auf. Mike, der sich wie alle anderen angstvoll an Deck zusammengekauert hatte, sa#223; noch einige Sekunden mit eingezogenem Kopf da, ehe er es auch nur wagte, die Augen zu #246;ffnen und wieder zu dem Frachter hin#252;berzublicken. Er war #252;berrascht, wie gro#223; der Abstand in den wenigen Augenblicken geworden war, die seit ihrer Flucht vergangen waren. Das Schiff war sicherlich schon f#252;nfzig Meter entfernt, und die Distanz wuchs mit jeder Sekunde. Mike h#246;rte ein schweres, flappendes Ger#228;usch, sah hoch und gewahrte ein riesiges, gebl#228;htes Segel, das sich pl#246;tzlich #252;ber ihren K#246;pfen spannte. Er konnte h#246;ren, wie der Schiffsrumpf unter den Kr#228;ften #228;chzte, die pl#246;tzlich auf ihn einwirkten. Das Schiff war nicht nur viel gr#246;#223;er, als er bisher angenommen hatte, sondern auch sehr schnell. Pl#246;tzlich wu#223;te er, da#223; sie in Sicherheit waren. Selbst wenn der Frachter mit seinen schweren Motoren schneller sein sollte als dieses Schiff -er w#252;rde eine halbe Stunde oder mehr brauchen, um #252;berhaupt Fahrt aufzunehmen, und bis dahin waren sie l#228;ngst in der Nacht verschwunden. Langsam stand er auf, atmete ein paarmal tief und langsam ein und aus und versuchte sich dann einen#220;berblick zu verschaffen. In den Planken g#228;hnten Dutzende von gro#223;en, schwarz ger#228;nderten L#246;chern, wo die Gewehrkugeln eingeschlagen hatten. Zwei Fenster des flachen Ruderhauses waren zerbrochen, die Reling auf der linken Seite an gleich drei Stellen zerschmettert, und bei genauem Hinsehen glaubte Mike auch in den gro#223;en Segeln etliche Einschu#223;l#246;cher zu erkennen - aber wie durch ein Wunder schien keiner von ihnen auch nur einen Kratzer abbekommen zu haben. »Seid Ihr unverletzt, Herr?« Mike drehte sich herum und sah sich ihrem Retter gegen#252;ber. Zum ersten Mal hatte er jetzt Gelegenheit, das dunkle, beinahe edel geschnittene Gesicht des Fremden in Ruhe zu betrachten. Was er vorhin schon vermutet hatte, wurde nun zur Gewi#223;heit -der Mann war kein Europ#228;er, sondern Inder wie er selbst. Seine Haut war sehr viel dunkler als die Mikes und Augen und Haar tief schwarz. »Mir ist nichts passiert«, antwortete Mike. »Und den anderen auch nicht. Aber es war verdammt knapp.« »Die G#246;tter waren auf unserer Seite«, best#228;tigte der Fremde. »Ja -und die Deutschen sind noch miserablere Sch#252;tzen, als man sich erz#228;hlt«, sagte Bens Stimme hinter Mike. »Wer sind Sie?« fragte Mike. »Warum haben Sie uns geholfen? Sie h#228;tten selbst dabei draufgehen k#246;nnen!« »Und wir auch«, sagte Ben. »Mein Name ist Ghunda Singh, Herr«, sagte der Fremde. Er legte die Handfl#228;chen vor dem Gesicht aneinander, ber#252;hrte mit den Fingerspitzen seine Stirn und verbeugte sich fast bis zu den Schuhspitzen: »Es ist meine Aufgabe, f#252;r Eure Sicherheit zu sorgen. Bitte verzeiht mir, da#223; ich Euch nicht eher zu Hilfe eilen konnte. Aber es war unm#246;glich, sich dem Schiff auf hoher See zu n#228;hern. Die Soldaten waren sehr wachsam.« »Ihre ... Aufgabe?« wiederholte Mike perplex. »Aber wieso? Ich ... ich meine ... ich kenne Sie ja nicht einmal.« »Daf#252;r kenne ich Euch um so besser, Herr«, antwortete Singh mit einem geheimnisvollen L#228;cheln. »W#228;hrend der letzten sechs Jahre habe ich #252;ber Euch gewacht, so gut ich konnte.« »Das haben wir gemerkt«, sp#246;ttelte Ben. »Vor allem in London, als wir um ein Haar umgebracht wordenw#228;ren.«»Halt endlich die Klappe, Ben!« sagte Mike zornig und ohne den Blick von Singh zu wenden. »Der Mann am Hafen? Der waren Sie, nicht wahr?« Singhs Gesicht verd#252;sterte sich. »Ja, Herr«, sagte er. »Bitte verzeiht mir. Ich versuchte Euch zu warnen, aber ich hatte unsere Feinde untersch#228;tzt. Sie stellten mir eine Falle. Ich konnte ihnen entkommen, aber da wart Ihr und Eure Freunde bereits an Bord dieses Schiffes gebracht worden. Wenn Ihr mich daf#252;r bestrafen wollt, werde ich die Strafe mit Freuden entgegennehmen.« »Bestrafen?« wiederholte Mike verwirrt. »Wie kommen Sie auf die Idee? Sie haben uns gerade das Leben gerettet, oder?« Singh verbeugte sich abermals auf jene sonderbare Weise. »Die G#246;tter waren mir gn#228;dig«, sagte er. Mike seufzte. »Meinetwegen«, sagte er. »Dann waren es eben die G#246;tter. Aber tun Sie mir einen gro#223;en Gefallen, Singh?« »Euer Wunsch ist mir Befehl, Herr«, antwortete Singh. »Gut«, sagte Mike. »Dann h#246;ren Sie um Himmels willen auf, mich Herr zu nennen.« Auch in dieser Nacht fand Mike kaum Schlaf, obwohl Singh ihm eine Kaj#252;te ganz f#252;r sich allein zugewiesen hatte. Es war nicht die Aufregung #252;ber ihre abenteuerliche Flucht, die ihn sich bis in die fr#252;hen Morgenstunden hinein auf dem Bett herumw#228;lzen lie#223;, sondern die Erinnerung an den Tod der beiden Soldaten, f#252;r den er sich immer noch die Schuld gab. Und die absurde Furcht, da#223; die Welt, die er bei seinem Aufwachen vorfinden w#252;rde, wieder nicht mehr dieselbe warwie am Abend. Noch vor wenig mehr als einem Monat war er nichts anderes als ein ganz normaler Sch#252;ler unter zweihundert anderen gewesen, und nun befand er sich am anderen Ende der Welt, war aus wochenlanger Gefangenschaft geflohen, man hatte auf ihn und seine Freunde geschossen, und er hatte erfahren, da#223; er seit sechs Jahren einen Schutzengel besa#223;, der unbemerkt #252;ber ihn gewacht hatte. Und um das Ma#223; voll zu machen, wu#223;te er immer noch nicht, warum all dies #252;berhauptgeschehen war! Er drehte sich auf der schmalen Koje herum und g#246;nnte sich noch einige Sekunden, in denen er in dem grauen Zwielicht zwischen Schlaf und Wachsein dahind#228;mmerte. Aber dann sp#252;rte er, da#223; er wieder einzuschlafen drohte, und im gleichen Moment erinnerte er sich an einen Traum, den er in dieser Nacht gehabt hatte; einen Traum, in dem zwei tote M#228;nner an sein Bett getreten waren und vorwurfsvoll auf ihn herabgeblickt hatten. Ihre Kehlen waren durchschnitten gewesen, so da#223; in ihren H#228;lsen gro#223;e, blutige Wunden wie zus#228;tzliche M#252;nder mit leuchtendroten Lippen klafften, sie hatten immer wieder auf ihn gedeutet, und schlie#223;lich hatte er an sich herabgesehen und erkannt, da#223; er einen Dolch in der Hand hielt, an dessen Klinge frisches Blut klebte. An dieser Stelle war zwar der Traum nicht abgebrochen, aber dumpfe, polternde Ger#228;usche und Stimmengewirr drangen in sein Bewu#223;tsein und lie#223;en ihn g#228;nzlich wach werden. Das war ihm nur recht, denn er hatte Angst davor, wieder einzuschlafen. Er fragte sich, ob er jemals wieder w#252;rde schlafen k#246;nnen, ohne die Gesichter der beiden M#228;nner zu sehen. Mike setzte sich auf, g#228;hnte hinter vorgehaltener Hand und rieb sich die Augen. Er h#246;rte jetzt Bens Stimme aus dem Durcheinander heraus, dann die Juans und die Mi#223; McCrooders. Sie alle klangen sehr aufgeregt. F#252;r einen Moment war Mike ernsthaft versucht, sich wieder hinzulegen. Er war es einfach leid, sich zu streiten, zu diskutieren oder auch einfach nur irgendeine Entscheidung zu treffen. F#252;r eine Sekunde w#252;nschte er sich nichts mehr, als die Augen aufzuschlagen und festzustellen, da#223; alles nichts als ein Traum gewesen war. Der Streit in der benachbarten Kabine wurde lauter. Widerstrebend schwang Mike die Beine von der Liege und stand auf. Prompt stie#223; er sich den Kopf an der niedrigen Decke. Mike rieb sich den schmerzenden Sch#228;del. Das Privileg, als einziger eine Kabine f#252;r sich allein zu haben, hatte er mit dem Nachteil bezahlen m#252;ssen, da#223; es der kleinste Raum an Bord war und auch der niedrigste.Lautlos vor sich hin fluchend, #246;ffnete er die T#252;r, trat auf den Gang hinaus und nur einen Augenblick sp#228;ter in das, was Singh am vergangenen Abend in einem Anfall von Gr#246;#223;enwahn als Messe bezeichnet hatte. Er platzte mitten in eine Rauferei hinein. Ben und Paul waren aufeinander losgegangen. Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, hatte Paul bei dem ungleichen Kampf den k#252;rzeren gezogen. Er lag auf dem R#252;cken, mitten in den Tr#252;mmern eines Stuhles, den er bei seinem Sturz offensichtlich zerbrochen hatte, und der einzige Grund, aus dem Ben sich nicht wieder auf ihn st#252;rzte, war wohl Juan, der ihn am Arm gepackt hatte und ihn zur#252;ckhielt. Aber Ben war so aufgebracht, da#223; er sich neuerlich auf ihn st#252;rzen wollte, da trat Mi#223; McCrooder dazu. »H#246;rt sofort auf«, sagte sie scharf. »Gewalt und Streit bringen uns nicht weiter.« Mike ahnte den Grund der Auseinandersetzung. »Was war hier los?« fragte er. »Ben wollte, da#223; Paul aus dem Zimmer geht, wenn wir miteinander reden«, antwortete Juan. »Was soll denn der Unsinn?« fragte Mike. »Stimmt das?« »Es ist kein Unsinn!« antwortete Ben gereizt. Er fuhr sich mit dem Handr#252;cken #252;ber das Gesicht, um das Blut wegzuwischen, das aus seiner Nase lief. »Ich bleibe nicht in einem Raum mit diesem Spion.« »Ich dachte, das Thema w#228;re bereits erledigt«, sagte Mike. Ben schnaubte. »Und? Ich traue dem Kerl keinen Schritt #252;ber den Weg! Hat er uns gestern abend nicht beinahe ans Messer geliefert?« »Wie kommst du auf die Idee?« fragte Mike. Ben zog eine Grimasse, dann deutete er auf Paul. »Dann frag ihn doch einmal, wer gestern abend einen solchen Krach gemacht hat, da#223; die Wachen auf uns aufmerksam geworden sind!« »Ich war es jedenfalls nicht!« sagte Paul aufgebracht, der sich in der Zwischenzeit vom Boden erhoben hatte.»Aber das ist doch Unsinn«, widersprach Mike. »#220;berleg doch mal! Sie haben auf uns geschossen! Genausogut h#228;tten sie auch Paul treffen k#246;nnen.« »Haben sie aber nicht!« gab Ben unger#252;hrt zur#252;ck. »Sie haben #252;berhaupt niemanden getroffen. Ein Dutzend gut ausgebildeter Soldaten schie#223;t aus allen Rohren auf uns, und keiner kriegt auch nur eine Schramme ab -findet ihr das nicht auch komisch? Seht euch mal das Deck drau#223;en an. Es sieht aus wie ein Schweizer K#228;se! Sie m#252;ssen ein paar hundert Schu#223; abgefeuert haben!« »Vielleicht sind sie miserable Sch#252;tzen«, sagte Mike. Aber die Worte klangen selbst in seinen eigenen Ohren nicht ganz so #252;berzeugend, wie er es gerne gehabt h#228;tte. »Oder ganz ausgezeichnete«, antwortete Ben. Mike blinzelte. »Wie meinst du das?« »Vielleicht haben sie ja absichtlich danebengeschossen«, knurrte Ben. »Wer wei#223; -vielleicht sollten wir ja entkommen.« »Also, das ist nun wirklich Quatsch«, sagte Juan. »Warum sollte Winterfeld uns entkommen lassen nach aller M#252;he, die er sich gemacht hat, uns gefangenzunehmen?« »Damit wir ihn freiwillig an den Ort f#252;hren, den er mit Gewalt nicht von Mike erfahren hat«, sagte Ben. »Solange jemand bei uns ist, der uns auf Schritt und Tritt beobachtet, kann er uns getrost an der langen Leine laufen lassen, nicht wahr?« »Allm#228;hlich reicht es mir«, grollte Paul. Mike hob beruhigend die Hand, aber Paul schob ihn einfach zur Seite, ballte die F#228;uste und baute sich herausfordernd vor dem gr#246;#223;eren Jungen auf. »Wenn du das wirklich glaubst, dann komm mit mir an Deck, und wir bringen die Sache hinter uns.« Bens Augen glitzerten t#252;ckisch. »Gern«, sagte er. »Kommst du allein, oder bringst du deinen Aufpasser mit?« Er deutete auf Mike. »Ich nehm's auch mit euch beiden auf, wenn es sein mu#223;.« Pl#246;tzlich lag eine Stimmung von Gewaltt#228;tigkeit in der Luft, die Mike fast anfassen zu k#246;nnen glaubte. »Jetzt ist es endg#252;ltig genug!« mischte sich Mi#223; Mc-Crooder energisch ein. »Wir wollen lieber #252;berlegen, was wir als n#228;chstes tun.« »Wir fahren nach Hause, denke ich«, antwortete Juan schnell. Auch er war froh, da#223; jemand von dem Streit ablenkte. »Das dachte ich bis vorhin auch«, sagte Mi#223; McCrooder. »War einer von euch heute morgen schon an Deck?« Ein allgemeines Kopfsch#252;tteln antwortete ihr. »Das dachte ich mir. Ich verstehe nicht viel von Nautik, wi#223;t ihr, aber die Himmelsrichtungen kann ich zur Not noch erkennen. Und wenn mich nicht alles t#228;uscht, dann fahren wir auf nord#246;stlichem Kurs.« Aus dem ernsten Ausdruck auf ihrem Gesicht wurde Sorge. »Und?« fragte Andr#233;. »Nord#246;stlicher Kurs, von Rio de Janeiro aus«, erkl#228;r te Mike, »bedeutet Kurs aufs offene Meer - nicht wahr?« Die beiden letzten Worte galten Mi#223; McCrooder, die nur stumm nickte. »Aber das ist doch Unsinn!« protestierte Juan. »Dieses Schiff ist viel zu klein, um den Atlantik zu #252;berqueren. Wenn Singh vorhat, damit nach England zur#252;ckzusegeln, mu#223; er verr#252;ckt sein!« »Ich f#252;rchte, das hat er nicht vor«, sagte Mi#223; McCrooder. »Ich habe ihn gefragt, wohin wir segeln, aber er hat mir nicht geantwortet.« »Das war mir leider nicht m#246;glich, Mylady«, sagte Singh von der T#252;r aus. »Es war mir nicht erlaubt, einem anderen als meinem Herrn das Ziel unserer Reise mitzuteilen.« Mi#223; McCrooder und die Jungen fuhren erschrocken zusammen. Sie hatten gar nicht gemerkt, da#223; der Inder die Messe betreten hatte. Es war Mi#223; McCrooder anzusehen, wie peinlich es ihr war, da#223; der Inder ihre Worte geh#246;rt hatte -und auch das verstanden haben mu#223;te, was sie nicht ausgesprochen hatte. »Na, dann erlaube ich es Ihnen jetzt«, sagte Mike, um das unangenehme Schweigen zu brechen. »Wohin segeln wir? Sie haben doch nicht vor, in dieser Nu#223;schale den Atlantik zu #252;berqueren?« Singh l#228;chelte geheimnisvoll. »Nein, Herr«, sagte er. »Obwohl es durchaus m#246;glich w#228;re. So eine Reise ist schon von kleineren Schiffen bew#228;ltigt worden. Doch unser Ziel liegt auf dieser Seite des Ozeans.« »Dann k#246;nnten Sie ja so freundlich sein, es uns zu verraten«, grollte Ben. »Es sei denn, Sie haben uns nur befreit, um uns zu einer kleinen Kreuzfahrt einzuladen.« Singh z#246;gerte. Er l#228;chelte noch immer, aber Mike erkannte auch deutlich die Unentschlossenheit, die sich hinter diesem L#228;cheln verbarg. »Ich ... f#252;rchte, das darf ich nicht«, sagte er schlie#223;lich. »Das Ziel unserer Reise ist geheim.« »He, he!« protestierte Mike. »Ich habe Ihnen schon gesagt, da#223; Sie reden d#252;rfen. Ich habe keine Geheimnisse vor meinen Freunden.« Singhs Gesichtsausdruck sah pl#246;tzlich gequ#228;lt aus. »Verzeiht mir, Herr«, sagte er. »Aber ich f#252;rchte, ich kann Eurem Befehl nicht gehorchen. Die Anweisungen, die Euer Vater f#252;r mich hinterlie#223;, sind eindeutig.« Mike mu#223;te sich beherrschen, um nicht herauszuplatzen. »Nun h#246;ren Sie endlich mit dem bl#246;dsinnigen Herr auf!« sagte er. »Mein Name ist Mike Kamala -« »Nein, Herr«, unterbrach ihn Singh sanft, »das ist er nicht.« Mike blinzelte. »Nicht?« Singh sch#252;ttelte den Kopf. »Unter diesem Namen seid Ihr in England aufgewachsen, doch er ist falsch. Euer Vater w#228;hlte ihn, um Euch zu sch#252;tzen, denn er f#252;rchtete, da#223; seine Feinde Euch als Druckmittel benutzen w#252;rden, w#252;#223;ten sie von Eurer wahren Identit#228;t. Nicht zu Unrecht, wie sich gezeigt hat. Euer wirklicher Name ist Dakkar. Ihr seid Prinz Dakkar.« Mike sah aus den Augenwinkeln, wie Paul zusammenfuhr und sein Gesicht jede Farbe verlor, Ben und Andr#233; rissen verbl#252;fft die Augen auf, w#228;hrend Juan nach einer ersten Sekunde der #220;berraschung auf eine sonderbare Weise zu l#228;cheln begann und Chris ihn mit offenem Mund und un#252;bersehbarer Ehrfurcht anstarrte. »Prinz Dakkar?« wiederholte Mike ungl#228;ubig. Singh legte wieder die H#228;nde aneinander und verbeugte sich auf die gleiche Weise wie am Abend zuvor. »Wie Euer Vater vor Euch und dessen Vater vorihm«, antwortete er. »Und Euer Sohn, solltet Ihr Kinder zeugen und die Linie fortsetzen.« »Und Sie sind -« »Euer Diener und Leibw#228;chter«, sagte Singh. »Wie mein Vater der Leibw#228;chter Eures Vaters war und mein Gro#223;vater der des Ihren.« Er l#228;chelte fl#252;chtig. »Wie Ihr bin auch ich der letzte meines Geschlechtes.« »Na, dann haben wir ja wenigstens etwas gemein«, murmelte Mike. Er f#252;hlte sich noch immer wie vor den Kopf geschlagen. Prinz? Er sollte ein leibhaftiger Prinz sein? Das war unfa#223;bar - aber auch ziemlich aufregend. Pl#246;tzlich f#252;hlte er ein fast ehrf#252;rchtiges Schaudern. »Ihr ehrt mich, Herr«, sagte Singh, »doch wir haben nichts gemein. Ihr seid der Sohn eines Radschahs, der den G#246;ttern n#228;her steht als den Menschen, w#228;hrend ich nur ein unbedeutender Krieger aus der Kaste der Sikhs bin. Mein Leben z#228;hlt nichts, wenn Ihr es befehlt.« »Dann habe ich gleich den ersten Befehl f#252;r dich«, sagte Mike. »N#228;mlich, da#223; du in Zukunft keine Befehle mehr von mir annehmen wirst. Du kannst meinetwegen weiter meinen Leibw#228;chter spielen oder unseren Kapit#228;n und Steuermann, aber ich will nicht, da#223; du dich benimmst, als w#252;rdest du mir geh#246;ren.« Singh nickte dem#252;tig. Er widersprach nicht, aber Mike sp#252;rte auch so, da#223; er sich diesem Befehl nicht so einfach beugen w#252;rde. »Also gut«, fuhr Mike fort. »Und jetzt kannst du uns endlich verraten, wohin wir fahren.« Singh seufzte. »Es tut mir leid, Herr«, sagte er. »Doch ich f#252;rchte, da#223; ich das nicht kann. Auch ich kenne das Ziel unserer Reise nicht genau. Mein Auftrag war, bis zu Eurem einundzwanzigsten Geburtstag #252;ber Euch zu wachen und Euch dann zur Seite zu stehen, um die Vergessene Insel zu finden.« »Die Vergessene Insel?« »Der Name, den Euer Vater f#252;r dieses Eiland w#228;hlte«, erkl#228;rte Singh. »Sie ist auf keiner Seekarte verzeichnet. Niemand wei#223; von ihrer Existenz. Auch ich wei#223; nur ungef#228;hr, wo sie zu suchen ist. Das Seegebiet, das Euer Vater mir nannte, ist gro#223; genug, um ein Leben lang darin nach ihr suchen zu k#246;nnen. Und es hei#223;t, da#223; ein Zauber sie besch#252;tzt. Die G#246;ttin Kali selbst wacht #252;ber das Erbe, das Euer Vater Euch hinterlie#223;.« Mike gab sich M#252;he, sich seine Entt#228;uschung nicht allzu deutlich anmerken zu lassen. »Aber welchen Sinn soll dieses Erbe haben, wenn niemand wei#223;, wo es zu finden ist?« beschwerte er sich. Singh machte eine entt#228;uschte Handbewegung. »Der Weg war in den Papieren beschrieben, die Euer Vater f#252;r Euch hinterlegt hat«, sagte er. »Ohne sie, f#252;rchte ich, wird es uns kaum m#246;glich sein, die Vergessene Insel zu finden.« »Ja, und die Papiere hat Winterfeld«, sagte Juan. »Also lange Rede, kurzer Sinn -wir k#246;nnen genausogut aufgeben. Du hast es selbst gesagt - wir k#246;nnen ein Leben lang nach dieser Insel suchen, ohne sie zu finden. Also ist es nur vern#252;nftig, wenn du uns im n#228;chsten Hafen an Land setzt.« »Ich f#252;rchte, das wird nicht gehen«, antwortete Singh in einem Tonfall echten Bedauerns, der aber zugleich auch keinen Widerspruch zulie#223;. Er deutete auf Paul. »Sein Vater besitzt die Papiere meines Herrn. Die Gefahr, da#223; er sie entschl#252;sselt und die Position des Eilandes herausfindet, ist zu gro#223;. Das Geheimnis der Vergessenen Insel darf auf keinen Fall in die falschen H#228;nde geraten.« »Was ist auf dieser Insel verborgen?« fragte Mike. »Wei#223;t du es?« Singh nickte. »Aber du wirst es uns nicht sagen«, fuhr Mike fort, als er begriff, da#223; der Sikh von sich aus nicht weiterreden w#252;rde. »Das darf ich nicht«, antwortete Singh. »Auch nicht, wenn ich es dir befehle?« frage Mike. »Auch dann nicht«, antwortete Singh. »Es tut mir leid. Bitte verzeiht mir.« »Was zum Teufel ist denn das f#252;r ein merkw#252;rdiges Geheimnis?« begehrte Andr#233; auf. »Du tust ja so, als st#252;nde das Schicksal der ganzen Welt auf dem Spiel.« »Vielleicht ist das auch so«, antwortete Singh mitgro#223;em Ernst.Mike schauderte. Und er war ganz offensichtlich nicht der einzige, den Singhs Worte mit einem Gef#252;hl eisigen Fr#246;stelns erf#252;llten. Auch die anderen blickten den Inder #252;berrascht, aber auch entsetzt an. In Singhs Worten war etwas gewesen, was sie zu einer d#252;steren Prophezeiung hatte werden lassen. Und ganz pl#246;tzlich hatte Mike Angst. Singh stand im Heck des Schiffes, hatte ein Fernrohr an das rechte Auge gehoben und blickte konzentriert nach S#252;den. Es war nicht das erste Mal an diesem Abend, da#223; er das tat, und es war auch nicht das ersteMal, da#223; Mike ihn dabei beobachtete und sich fragte,wonach der Sikh eigentlich suchte. W#228;hrend der letzten drei Tage hatte Mike ihn sehr oft so dastehen sehen.Mike beschattete die Augen mit der Hand und blinzelte angestrengt in die gleiche Richtung, ohne allerdings mehr als Wolken und das monotone Silberblau des Ozeans zu erkennen. Sie fuhren jetzt seit drei Ta gen nach Norden, wobei sie die meiste Zeit vor dem Wind kreuzten, manchmal aber auch den kleinen Hilfsmotor der Jacht benutzt hatten, und er hatte in diesen drei Tagen nicht viel mehr als eben dies erblickt; vom gelegentlichen Schemen einer Insel oder der d#252;nnen Linie der K#252;ste, der sie sich ein paarmal gen#228;hert hatten, abgesehen. W#228;hrend der ersten beiden Tage hatte Mike den Anblick genossen. Er war ihm gewaltig vorgekommen, ehrfurchtgebietend und manchmal -wie jetzt, wenn die D#228;mmerung hereinzubrechen und die Sonne das Meer mit fl#252;ssigem Gold und Rot zu #252;bersch#252;tten begann - auch ein bi#223;chen romantisch. Aber all diese Gef#252;hle hatten eines gemeinsam: sie nutzten sich rasch ab. Mittlerweile ging ihm die Monotonie des Meeres geh#246;rig auf die Nerven. Singhs Schweigen #252;brigens auch. Der Sikh redete nur, wenn er angesprochen wurde, und er antwortete auch dann nur mit knappen Worten. »Wonach suchst du eigentlich die ganze Zeit?« fragte Mike. Singh setzte das Fernrohr ab, drehte sich halb zu dem Jungen herum und sah ihn ohne #220;berraschung an. Mike hatte sich alle M#252;he gegeben, leise zu sein. Er hatte sogar darauf geachtet, da#223; sein Schatten nicht in Singhs Gesichtsfeld fiel, damit er ihn nicht verriet. Trotzdem mu#223;te Singh schon die ganze Zeit #252;ber gewu#223;t haben, da#223; er da war. Beharrlich an seiner Schweigsamkeit festhaltend,reichte Singh ihm das Fernrohr und deutete mit deranderen Hand in die Richtung, in die er zuvor geblickt hatte. Mike setzte das Fernrohr an.Im ersten Moment sah er so gut wie nichts. Der Horizont h#252;pfte so wild in dem runden, vergr#246;#223;erten Ausschnitt der Welt auf und ab, den er durch das Glas sah, da#223; ihm fast schwindelig wurde, und er mu#223;te die andere Hand zu Hilfe nehmen, um das Fernrohr ruhig zu halten. Aber auch danach erkannte er nichts anderes als den Horizont - nur etwas n#228;her. Singh ber#252;hrte das Fernrohr mit den Fingerspitzen und dr#252;ckte es ein St#252;ckchen nach rechts, und f#252;r eine Sekunde blitzte etwas vor Mike auf. Er verlor den Gegenstand sofort wieder aus den Augen, aber nun wu#223;te er, wo er zu suchen hatte, schwenkte das Glas wieder zur#252;ck - und erstarrte vor Schrecken. Das Schiff war selbst durch das Fernrohr betrachtet kaum gr#246;#223;er als ein Fingernagel; nur ein Umri#223;, der im regelm#228;#223;igen Auf und Ab der Wellen auf dem Horizont erschien und wieder dahinter verschwand, aber Mike wu#223;te trotzdem sofort, was er da sah. »Die LEOPOLD!« Seine H#228;nde zitterten, als er dasFernrohr wieder absetzte und an Singh zur#252;ckgab.Singh schob das Fernrohr zusammen und verstaute es unter seiner Jacke. »Ich beobachte sie schon seit einer Stunde«, sagte er. »Sie holt auf. Allerdings nicht sehr schnell.« »Wie lange verfolgen sie uns schon?« fragte Mike. Er war sehr beunruhigt. »Die ganze Zeit«, antwortete Singh. Er l#228;chelte fl#252;chtig. »Und wir folgen ihnen.« »Indem wir vor ihnen hersegeln?« fragte Mike zweifelnd. »Das ist ja gerade der Trick«, antwortete Singh. »Es ist unsere einzige Chance, die Vergessene Insel zu finden, wenn wir uns an Winterfelds Fersen heften. Denn seine Aussichten, die Papiere Eures Vaters zu entschl#252;sseln und die Position der Insel herauszufinden, sind etwa hundertmal besser als unsere, durchblindes Suchen ans Ziel zu gelangen.« »Was verschweigst du uns noch, Singh?« fragte Mike. Sing l#228;chelte - und schwieg. Mike wollte seine Frage wiederholen, als er das Ger#228;usch der sich #246;ffnenden T#252;r vernahm. Etwas ver#228;rgert drehte er sich herum und gewahrte Paul, der geb#252;ckt aus der Kaj#252;te trat und gr#252;#223;end die Hand hob. Mike erwiderte die Geste automatisch, w#228;hrend Singh die Gelegenheit ergriff, sich aus dem Staub zu machen. Allm#228;hlich begann Mike das Geschick des Inders zu bewundern, ihm immer wieder auszuweichen, ehe er Gelegenheit fand, ihn wirklich auf ein Thema festzunageln »Gleich«, seufzte Mike mit einem Ausdruck #252;bertriebener Verzweiflung in der Stimme. »La#223; mich nur noch ein wenig Kraft sammeln. Au#223;erdem ist der Sonnenuntergang so pr#228;chtig.« Das war allerdings nicht der ganze Grund, aus dem Mike z#246;gerte. Was er durch das Fernrohr gesehen hatte, hatte ihn doch mehr erschreckt, als er zugeben wollte. Fast ohne sein Zutun ging sein Blick wieder nach S#252;den und irrte #252;ber den Horizont. Wahrscheinlich w#252;rden noch Stunden vergehen, bis das Schiff nahe genug herangekommen war, um es mit blo#223;em Auge zu entdecken. Aber er wu#223;te, da#223; es da war, und dieses Wissen allein bereitete ihm Unbehagen. »Wonach h#228;ltst du Ausschau?« fragte Paul. Er kniff die Augen zusammen und blickte konzentriert in die gleiche Richtung wie er, und f#252;r einen Moment war Mike fast sicher, da#223; er das Schiff seines Vaters sah. Oder wu#223;te, da#223; es da war. Der Gedanke gab Mike einen scharfen Stich »Stimmt«, sagte Paul. »Sogar solchen, die man noch gar nicht gestellt hat.« Sie lachten beide. Es war ein sehr entspanntes, befreiendes Lachen, und vielleicht war es auch der Grund, aus dem Mike pl#246;tzlich den Mut aufbrachte, Paul die Frage zu stellen, die ihm seit drei Tagen auf der Seele brannte: »Sag mal -tut es dir #252;berhaupt nicht leid, da#223; du jetzt bei uns bist, statt bei deinem Vater?« »Du traust mir auch nicht, wie?« antwortete Paul leise. Mikes Frage schien ihn sehr getroffen zu haben. »Unsinn!« erwiderte Mike. »Ich versuche nur, mir vorzustellen, wie es sein mu#223; ... immerhin ist er dein Vater, und -« »Und du bist mein Freund!« fiel ihm Paul ins Wort, so unerwartet heftig, da#223; Mike ihn #252;berrascht ansah. Paul schwieg eine Sekunde, bi#223; sich auf die Unterlippe und fuhr dann leiser fort: »Ach zum Teufel! Ich wei#223; allm#228;hlich selbst nicht mehr, was ich glauben soll! Wenn ich an eurer Stelle w#228;re, dann w#252;rde ich mir wahrscheinlich auch nicht trauen. Wenn du mir die Geschichte vor vier Tagen erz#228;hlt h#228;ttest, h#228;tte ich dich einfach ausgelacht. Mein Vater als Entf#252;hrer und Attent#228;ter?« Er sch#252;ttelte den Kopf. »Was immer auf dieser Insel ist, mu#223; unvorstellbar wertvoll sein, da#223; er sich so weit hinrei#223;en l#228;#223;t. Hast du denn wirklich keine Ahnung, was es sein kann?« Mike verneinte. »Wie war das?« sagte er mit einem gequ#228;lten L#228;cheln. »Wenn du mir die Geschichte vor vier Tagen erz#228;hlt h#228;ttest, h#228;tte ich dich einfach ausgelacht?« Sie lachten wieder, aber viel leiser als vorhin, und es klang ein wenig unecht. Mike verfluchte sich in Gedanken daf#252;r, diese ganz und gar #252;berfl#252;ssige Frage #252;berhaupt gestellt zu haben. Wenn diese Geschichte vorbei war, dachte er, dann w#252;rde es wohl eine Menge geben, wof#252;r er sich bei Paul entschuldigen mu#223;te. Mike drehte sich zur Reling und blickte wieder auf die See hinaus, diesmal aber ganz bewu#223;t nicht in Richtung der noch unsichtbaren, aber n#228;her kommenden LEOPOLD. Und vielleicht zum ersten Mal, seit dieses Abenteuer begonnen hatte, begann er zu begreifen, da#223; sich nicht nur die #228;u#223;eren Umst#228;nde seines Lebens ver#228;ndert hatten. Selbst wenn alles doch noch ein gutes Ende nahm - Mike w#252;rde nie mehr derselbe sein wie vorher. Ganz pl#246;tzlich wu#223;te er, da#223; er nie wieder nach Andara-House zur#252;ckkehren w#252;rde, ganz gleich, wie diese Reise auch endete, ja vielleicht nicht einmal mehr nach England. Der Gedanke erf#252;llte ihn mit einer sonderbaren Wehmut. An jenem Morgen in London, als sie das Boot bestiegen und zu der verh#228;ngnisvollen Fahrt aufgebrochen waren, war ein Abschnitt seines Lebens zu Ende gegangen, den er nie wieder zur#252;ckholen konnte. Was nun vor ihm lag, das war vielleicht aufregend, vielleicht gef#228;hrlich, vielleicht sogar besser als die Jahre vorher - aber es war auf jeden Fall unbekannt, und aus diesem Grund machte es ihm angst. Dieses Gef#252;hl mu#223;te deutlich auf seinem Gesicht zu sehen sein, denn Paul legte ihm pl#246;tzlich die Hand auf die Schulter und sagte in mitf#252;hlendem Tonfall: »Es wird schon nicht so schlimm werden. Wei#223;t du, ich habe trotz allem ein gutes Gef#252;hl bei der Geschichte. Es gibt Tausende von kleinen Inseln in dieser Gegend. Wahrscheinlich schippern wir noch eine Weile durch die Gegend, und irgendwann gibt mein Vater auf.« »Das glaube ich nicht«, sagte Mike. »So schnell gibt dein Vater nicht auf. Er hat zu viel riskiert, um jetzt die Flinte ins Korn zu werfen. Und er ist seinem Ziel ja schon ziemlich nahe.« »Falls es dieses Ziel wirklich gibt, ja«, sagte Paul. »Wie meinst du das?« »So, wie ich es sage«, antwortete Paul. »Wei#223;t du, ich habe nichts gesagt, als die anderen dabei waren, aber ein bi#223;chen verr#252;ckt kam mir die Geschichte schon vor, die dein schwarz#228;ugiger Schutzengel da erz#228;hlt hat. Eine Insel, die von Zauberei gesch#252;tzt wird! Etwas, was so kostbar ist, da#223; er es nicht einmal dir verraten darf, worum es sich handelt, obwohl es dir geh#246;rt. Irgendwie klingt das alles nach einer Abenteuergeschichte, die sich jemand ausgedacht hat, findest du nicht?« Er lachte. »Am Ende wird er noch behaupten, da#223; diese G#246;ttin selbst sie besch#252;tzt, von der er immer spricht... wie hie#223; sie doch gleich?« Mike starrte ihn an. »Kali«, fl#252;sterte er. Und dann f#252;gte er mit leiser Stimme hinzu: »Das hat er gesagt, Paul. Mein Gott, ganz genau das hat er gesagt!« »Ich wei#223;«, sagte Paul. »Und?« »Ja, verstehst du denn nicht?« Pl#246;tzlich schrie Mike fast. »Es hei#223;t, da#223; Kali selbst #252;ber ihr Geheimnis wacht! Und das hier ist Kali!« Er zerrte den Anh#228;nger unter dem Hemd hervor. Pauls Unterkiefer klappte vor Staunen herab, als er begriff. Er starrte das goldene Abbild der G#246;ttin Kalian. »Du meinst -«»Ich meine«, unterbrach ihn Mike aufgeregt, »da#223; wir alle blind gewesen sind. Ich hatte das Ding die ganze Zeit bei mir, und Singh hat es sogar gesagt!« »Aber was soll es uns helfen?« fragte Paul. »Wir haben es doch schon so oft untersucht.« Das stimmte. Aber Mike wu#223;te, da#223; er auf der richtigen Spur war. »Schnell«, sagte er aufgeregt. »Gehenwir zu Singh.« Sie fanden den Sikh in der Messe, wo er Mi#223; McCrooder dabei zur Hand ging, das Geschirr aufzutragen. Singh war ein unerm#252;dlicher Arbeiter. Wenn er nicht mit den Segeln hantierte, das Ruder bediente oder #252;ber seinen Seekarten br#252;tete, machte er sich auf hundert andere Arten n#252;tzlich und half Mi#223; McCrooder sogar beim Kochen. »Singh!« rief Mike aufgeregt, ohne auf die fragenden Blicke der anderen Jungen zu achten, die #252;berrascht in ihren Gespr#228;chen innehielten, als Paul und er hereingepoltert kamen. »Ich glaube, ich wei#223; es jetzt!« sagte er atemlos. »Hier! Es hei#223;t, Kali selbst wacht #252;ber das Geheimnis, erinnerst du dich?« Er streifte die Kette ab und gab Singh den Anh#228;nger. Der Sikh nahm ihn entgegen, legte ihn auf seine ausgestreckte Handfl#228;che und betrachtete ihn ehrf#252;rchtig. »Kali!« fl#252;sterte er. »Mein Vater hat es mir hinterlassen«, antwortete Mike. »Es ist das einzige, was ich #252;berhaupt von ihm habe.«Zum ersten Mal, seit Mike den Inder kennengelernt hatte, war Singh aufgeregt. »Kali«, murmelte er noch einmal. Dann sah er mit einem Ruck auf. »Die Karte«, sagte er. »Ihr habt mir erz#228;hlt, da#223; bei den Papieren Eures Vaters auch eine Seekarte war - erinnert Ihr Euch?« »Ja, warum?« »Glaubt Ihr, da#223; Ihr sie wiedererkennt?« fragte Singh. Mike nickte z#246;gernd. Er verstand #252;berhaupt nichts vom Kartenlesen, aber schlie#223;lich hatte Winterfeld ihm recht genau erkl#228;rt, was darauf zu sehen war. »Ich glaube schon - aber wieso?« Singh schlo#223; die Hand sch#252;tzend um das Amulett. »Wir brauchen den Tisch«, sagte er dann. »Schnell!« Nat#252;rlich lie#223;en sich die Jungen das nicht zweimal sagen. Unter beif#228;lligen Bemerkungen verschwanden Teller und Besteck in Windeseile. »Aber ... aber dasEssen!« protestierte Mi#223; McCrooder. »Was ist denn mit dem Essen? Ich habe mir solche M#252;he gegeben!« Niemand schenkte ihr Beachtung. Nach kaum einer Minute war der gro#223;e Tisch frei, und Singh schleppte einen ganzen Arm voll zusammengerollter Seekarten an, die er darauf ablud und eine nach der anderen glattzustreichen begann. Mikes Mut sank, als er das Durcheinander von Linien, Zahlen, Markierungen, L#228;ngen-und Breitengraden sah. Obwohl er noch immer davon #252;berzeugt war, da#223; des R#228;tsels L#246;sung tats#228;chlich irgendwie mit seinem Amulett zu tun hatte, fragte er sich, wie um alles in der Welt sie die Darstellung der G#246;ttin Kali zur Vergessenen Insel f#252;hren sollte. »Also gut«, begann Singh, nachdem er die Karten nacheinander ausgerollt und auf dem Tisch #252;bereinandergestapelt hatte. »Versuchen wir die Karte zu finden, die Winterfeld Euch gezeigt hat.« Was so leicht gesagt war, erwies sich als zeitaufwendiges und anstrengendes Unterfangen. Singh sortiertezuerst alle Karten, die andere Seegebiete als die Karibik zeigten, aus. Aber es verblieb immer noch ein gro#223;er Rest, und als vor Mike nur noch drei Karten lagen, hatte er rasende Kopfschmerzen und brennende Augen. Aber damit fing die eigentliche Arbeit erst an. Irgendeine Beziehung zwischen dem Amulett und der Karte mu#223;te es geben. Sie versuchten, die Gr#246;#223;e des Anh#228;ngers mit der irgendeiner Insel in Beziehung zu setzen. Nichts. Sie suchten nach einem Eiland oder einer Inselgruppe, die der Form des Amuletts #228;hnelte. Ohne Ergebnis. Sie suchten nach einer Insel, deren Name ungef#228;hr so klang wie Kali, ohne sie zu finden. Sie lie#223;en das Amulett wie eine M#252;nze auf der Schmalseite #252;ber die Karte rollen und hofften, siew#252;rde sie wie durch Zauberei zu ihrem Ziel f#252;hren,und taten noch viele andere Dinge, die auf blo#223;es Herumraten hinausliefen. Schlie#223;lich sprach Juan aus, was sie sich insgeheim alle schon dachten. »Das hat doch keinen Zweck«, sagte er m#252;de. »Wir k#246;nnen noch Jahre suchen, ohnediese verdammte Insel zu finden. Wahrscheinlich istsie gar nicht auf dieser Karte verzeichnet, sondern nur auf der, die dein Vater dir hinterlassen hat.« »Wenn das so w#228;re, h#228;tte mein Vater sie l#228;ngst gefunden«, sagte Paul. »Wenn es eine Insel g#228;be, die nur auf dieser einen Karte verzeichnet ist, dann brauchte er sie nur mit einer x-beliebigen anderen Seekarte zu vergleichen, und schon h#228;tte er sie. Nein, ich wette, da#223; diese Insel auf keiner Karte der Welt zu finden ist.« »Welchen Sinn sollte diese Karte dann #252;berhaupt haben?« fragte Andr#233;. An Pauls Stelle antwortete Mike. »Ich wei#223; es nicht. Aber irgend etwas ... war anders als hier.« Er nahm eine der drei #252;briggebliebenen Karten zur Hand und blickte sie konzentriert an. Er hatte immer mehr das Gef#252;hl - nein, er wu#223;te! -, da#223; er die L#246;sung im wahrsten Sinne des Wortes in den H#228;nden hielt. Aber sie schien etwas von einem glitschigen Fisch an sich zu haben, immer, wenn er sie wirklich ergreifen wollte, glitt sie ihm zwischen den Fingern hindurch. »Vielleicht hat dein Vater sie aus dem Ged#228;chtnis gezeichnet und deshalb nicht ganz richtig?« vermuteteMi#223; McCrooder.Mike sch#252;ttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Sie sah genau aus wie diese, aber sie war...« Ganz pl#246;tzlich fiel es ihm wieder ein. »Sie war auf Pergament gezeichnet«, sagte er. »Auf ganz d#252;nnem Pergament, das fast durchsichtig war!« Der Inder sah pl#246;tzlich sehr angespannt drein. »Pergament?« vergewisserte er sich. »Beinahe durchsichtiges Papier?« Mike nickte, und Singh fuhr fort: »Erinnert Ihr Euch, wie gro#223; sie war?« »Nicht besonders gro#223;«, antwortete Mike. »Viel kleiner als diese hier. Ich habe mich noch gewundert, warum sie so klein war. Er mu#223; manche von den Zahlen und Buchstaben mit der Lupe geschrieben haben.« »Das ist es!« sagte Singh. »Ich glaube, Ihr habt die L#246;sung gefunden.« »So?« murmelte Mike. »Na, wenigstens einer glaubt das.« Singh l#228;chelte fl#252;chtig. Er stand auf. »Wir haben kein Pergament an Bord«, sagte er, »und auch nicht das n#246;tige Werkzeug, um eine wirklich genaue Karte zu zeichnen. Aber vielleicht geht es auch anders herum.« Er trat an den Kartenschrank und kam gleich darauf mit Schere, Klebstoff, Rei#223;n#228;geln und einigen starken Kartons zur#252;ck. »Was hast du vor?« fragte Mike. Singh l#228;chelte abermals, antwortete aber auch jetzt nicht, sondern wandte sich an Juan. »Darf ich Euch bitten, mir eine der Laternen von Deck zu bringen?« Als Juan sich gehorsam entfernte, deutete Singh auf die Karte und reichte Andr#233; die Rei#223;n#228;gel. »Befestigt sie an der Wand«, sagte er. »Direkt #252;ber dem Tisch. Und m#246;glichst gerade.« F#252;r jemanden, dessen Lebensinhalt das Dienen und Gehorchen war, dachte Mike, verstand sich Singh ziemlich gut aufs Befehle-Erteilen. Aber er sagte nichts, sondern sah wortlos weiter zu, was geschah. Juan brachte die Laterne, und w#228;hrend Andr#233; mit Bens Hilfe die Karte an der Wand befestigte, begann Singh aus dem Karton einen rechteckigen Kasten zu falten, in dessen Vorderseite er ein kleines, rundes Loch schnitt. Behutsam plazierte er die Laterne in der Mitte der Tischplatte, z#252;ndete sie an und st#252;lpte den schwarzen Kasten dar#252;ber, so da#223; ihr Licht fast vollkommen abgeschirmt wurde. Schlie#223;lich bat er Mi#223; McCrooder, die Gaslampe herunterzudrehen, die die Messe erhellte. Mike sog #252;berrascht die Luft zwischen die Z#228;hne, als das Licht matter wurde und schlie#223;lich ganz erlosch. Es wurde nicht vollst#228;ndig dunkel. Durch das Loch, das Singh in den Karton geschnitten hatte, fiel ein kegelf#246;rmiger Lichtstrahl auf die Karte an der Wand. Singh r#252;ckte die Lampe ein paarmal hin und her, bis der gelbe Kreis aus Licht genau auf das Zentrum der Karte gerichtet war. Dann nahm er das Amulett und setzte es in den ausgeschnittenen Kreis in der Pappe, der genau der Gr#246;#223;e des Schmuckst#252;ckes entsprach. Das Ergebnis war verbl#252;ffend. Singhs improvisierte Laterna magica projizierte die Umrisse des Amuletts zigfach vergr#246;#223;ert auf die Karte an der Wand. Singh bewegte das Amulett noch ein paarmal vorsichtig, um es endg#252;ltig auszurichten, aber pl#246;tzlich war es, als glitte es ganz von selbst in die richtige Position. Und obgleich Mike bereits geahnt hatte, was geschehen w#252;rde, f#252;hlte er doch ein fast ehrf#252;rchtiges Schaudern, als Singh die Hand endg#252;ltig zur#252;ckzog. Der Schatten der G#246;ttin war #252;ber eine Gruppe von sieben kleinen Inseln gefallen. Ihre F#252;#223;e ruhten auf zwei langgestreckten Atollen, die genau nebeneinander angeordnet waren, und f#252;nf ihrer sechs H#228;nde ber#252;hrten jeweils eine winzige Insel. Nur die sechste, linke obere Hand deutete ins Leere. Aber pl#246;tzlich wu#223;te Mike, da#223; das gar nicht stimmte. Die Karte war nicht korrekt. In diesem einen Punkt stimmten alle Karten der Welt nicht. Denn dort, wohin Kalis sechste Hand wies, lag die Vergessene Insel Prinz Dakkars. Sie brauchten vier Tage, um die Position zu erreichen, die ihnen der Schatten Kalis verraten hatte. Das Wetter war g#252;nstig, und die ganze Zeit #252;ber wehte ein kr#228;ftiger Wind, so da#223; sie sich nur mit Hilfe der Segel fortbewegen und so kostbaren Treibstoff sparen konnten. Wahrscheinlich h#228;tten sie die Insel bereits am Abend des vierten Tages erreichen k#246;nnen, doch Singh entschied, da#223; es sicherer war, bis zum n#228;chsten Sonnenaufgang zu warten. Sie ankerten am westlichen Rand einer Inselgruppe, die aus drei gro#223;en und Dutzenden von kleinen Atollen bestand, zwischen denen sich ein wahres Labyrinth gef#228;hrlicher Riffe erhob. Niemand hatte Einw#228;nde dagegen gehabt, dieses Hindernis erst am n#228;chsten Morgen zu durchqueren, denn dieses Unternehmen war wahrscheinlich schon bei Tageslicht lebensgef#228;hrlich. Bei Dunkelheit war es purer Selbstmord. So gingen sie zeitig schlafen, um am n#228;chsten Tag in aller Herrgottsfr#252;he weiterzusegeln. Trotz aller Aufregung bei dem Gedanken an das, was sie am n#228;chsten Tag erwarten mochte, schliefen sie alle bald ein. Ihren Verfolger hatten sie beinahe vergessen. Aber dieser sie nicht. Mike wachte mitten in der Nacht auf, und er wu#223;te zwar nicht, was, aber ganz genau, da#223; ihn etwas geweckt hatte. Schritte? Stimmen? Vielleicht auch nur eine Welle, die sich am Rumpf des Bootes gebrochen hatte; oder irgend etwas war umgefallen. Aber er war nicht von selbst wach geworden. Mike lauschte eine ganze Weile in die Dunkelheit hinein. Er h#246;rte jetzt nichts mehr, aber er wu#223;te, da#223; er sowieso keinen Schlaf mehr finden w#252;rde. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, da#223; die Sonne in einer guten halben Stunde bereits wieder aufging, und dann segelten sie ohnehin weiter. Also stand er auf, zog sich an und verlie#223; seine Kaj#252;te, sehr leise, um die anderen nicht zu wecken. Als er auf Zehenspitzen durch den niedrigen Gang schlich, drang ihm ein leichter, brandiger Geruch in die Nase - eine Mischung aus verschmortem Holz und brennendem Gummi, wie ihm schien. Mike verzog das Gesicht zu einem wehleidigen Grinsen auf eine sonderbar distanzierte Art bewu#223;t, fast als w#228;re er nur ein unbeteiligter Zuschauer, und au#223;erdem erschien ihm die Vorstellung, auf einem Schiff auf hoher See zu verbrennen, so absurd, da#223; er M#252;he hatte, gegen ein hysterisches Lachen anzuk#228;mpfen. Mike hatte fast das Heck der Jacht erreicht, als ihm klarwurde, da#223; es gar nicht das Schiff war, das brannte. Die Flammen schlugen aus dem kleinen Beiboot, das an einem Tau achtern angebracht war, aber sie brannten so hoch und mit solch w#252;tender Kraft, da#223; es sich nur noch um Augenblicke handeln konnte, bis sie auf die Jacht selbst #252;bergriffen. Taumelnd und m#252;hsam um jeden Atemzug k#228;mpfend, erreichte er das Heck, fiel auf die Knie und versuchte das Tau zu l#246;sen, mit dem das kleine Ruderboot festgebundenwar.Mike schrie vor Schmerz, als seine Finger das Metall der niedrigen Reling ber#252;hrten. Es war gl#252;hend hei#223;. Eine Sekunde lang hockte er wimmernd da und pre#223;te die versengten Handfl#228;chen gegen den Leib, dann bi#223; er die Z#228;hne zusammen und versuchte es nocheinmal. Es war aussichtslos. Der Knoten hatte sich so festgezogen, da#223; Mike eine Brechstange gebraucht h#228;tte, um ihn aufzubekommen, und er konnte nicht einmal richtig zupacken, denn auch das Tau selbst war mittlerweile so hei#223;, da#223; seine Ber#252;hrung weh tat. Au#223;erdem hatte der Wind gedreht, so da#223; die Flammen nun direkt in seine Richtung z#252;ngelten. Trotzdem ri#223; und zerrte er verzweifelt weiter an dem Tau; mit dem einzigen Ergebnis allerdings, da#223; er sich die Fingern#228;gel abbrach und Blut #252;ber seine versengten H#228;nde lief. Hinter ihm wurden aufgeregte Stimmen laut. Schreie und das hastige Poltern von Schritten drangen durch das Prasseln der Flammen zu ihm. Das Holz unmittel bar vor ihm war bereits schwarz, und in dem gesprungenen Lack begannen sich die ersten kleinen Glutnester festzusetzen. Noch eine Minute, allerh#246;chstens, und die Reling w#252;rde aufflammen wie ein St#252;ck trockener Zunder. Mike raffte noch einmal all seine Kraft zusammen und zerrte mit aller Gewalt an dem Knoten. Aber er wu#223;te, da#223; er es nicht schaffen w#252;rde. Und dann war pl#246;tzlich Singh neben ihm. Mit einer Hand packte er Mike, ri#223; ihn in die H#246;he, in der an deren hielt er einen Dolch. Der Stahl durchtrennte das Tau, und die Str#246;mung, die das Boot bis jetzt unruhig auf der Stelle hatte h#252;pfen lassen, ergriff es sofort und trieb es davon. Die Flammen, die noch vor einer Sekunde wie die gierigen H#228;nde eines tausendfingrigen gl#252;henden Ungeheuers nach dem Schiff gez#252;ngelt hatten, griffen pl#246;tzlich ins Leere, und der Qualm begann sich zu lichten. Mike konnte wieder atmen. Alles begann sich um ihn zu drehen. Er hustete qualvoll, wankte und w#228;re zusammengebrochen, h#228;tte Singh ihn nicht im letzten Moment aufgefangen. Ihm war entsetzlich #252;bel, und er begann die Schmerzen in seinen H#228;nden und die Atemnot erst jetzt richtig zu sp#252;ren. Durch einen Schleier aus Tr#228;nen und Schw#228;che nahm er wahr, wie pl#246;tzlich auch die f#252;nf anderen und Mi#223; McCrooder neben ihm auftauchten und ihn mit Fragen zu best#252;rmen begannen. Aber er war viel zu schwach, um zu antworten. Er verstand nicht einmal die einzelnen Worte. »La#223;t ihn in Ruhe!« sagte Mi#223; McCrooder schlie#223;lich. »Seht ihr denn nicht, wie es ihm geht? Er ist -« Sie brach ab. Mike h#246;rte, wie sie scharf die Luft einsog. »Deine H#228;nde!« sagte sie erschrocken. »Mein Gott, Mike - was ist mit deinen H#228;nden?« Mike antwortete auch darauf nicht -aber er konnte einen Schmerzensschrei nicht unterdr#252;cken, als sie nach seinen H#228;nden griff, um sie zu begutachten. »Schnell!« sagte sie. »Helft mir, ihn unter Deck zu bringen! Wir m#252;ssen ihn versorgen.« Mike wu#223;te nicht, wer es war, der ihn unter den Armen ergriff und mehr unter Deck trug, als er ihn f#252;hrte; er war einer Ohnmacht so nahe, wie es nur ging. Erst endlose Minuten sp#228;ter kam er wieder halbwegs zu sich. Er sa#223; auf der Bank in der Messe, und seineH#228;nde steckten in dicken, wei#223;en Verb#228;nden, die sohinderlich und unpraktisch waren wie Fausthandschuhe. Die Verbrennungen, die er sich zugezogen hatte, waren gottlob nicht ganz so schlimm gewesen, wie es bei all dem Blut und Ru#223; auf seiner Haut ausgesehen hatte; trotzdem w#252;rde er sp#228;testens am n#228;chsten Morgen ein paar geh#246;rige Brandblasen haben und sich wahrscheinlich tagelang jeden Handgriff dreimal #252;berlegen m#252;ssen, den er tat. Aber alles in allem h#228;tte es schlimmer kommen k#246;nnen Mi#223; McCrooder hatte ihm zwar eindringlich erkl#228;rt, da#223; es nicht besonders schlimm war und er nicht einmal eine Narbe zur#252;ckbehalten w#252;rde, aber seine H#228;nde f#252;hlten sich an, als h#228;tte jemand angefangen, ihm die Haut abzuziehen; und zwar jemand, der mit Feuereifer bei der Sache war. »Ihr habt gro#223;es Gl#252;ck gehabt«, fuhr Singh fort. »Ihr h#228;ttet schwer verletzt oder gar get#246;tet werden k#246;nnen. Wir alle haben gro#223;es Gl#252;ck gehabt. W#228;re das Feuer auch nur wenige Minuten sp#228;ter entdeckt worden -« »Das hat nichts mit Gl#252;ck zu tun«, sagte Mike. »Ich habe jemanden geh#246;rt.« Juan, der unmittelbar neben Singh stand, ri#223; ungl#228;ubig die Augen auf, aber der Sikh schien kein bi#223;chen #252;berrascht. »Jemanden geh#246;rt? Wen?« »Keine Ahnung«, sagte Mike. »Aber irgend jemand ist auf Deck herumgeschlichen. Ich bin davon wach geworden. Deshalb habe ich das Feuer rechtzeitig entdeckt.« W#228;hrend er dies sagte, lie#223; er seinen Blick aufmerksam von einem Gesicht zum anderen schweifen. Aber er entdeckte nirgendwo ein verr#228;terisches Blinzeln oder auch nur so etwas wie Verlegenheit. Wer immer es gewesen war, er hatte sich ausgezeichnet in der Gewalt. »Moment mal«, sagte Ben. »Soll das hei#223;en, jemand hat das Feuer ... gelegt?« »Wenn nicht der Blitz auf dem Beiboot eingeschlagen hat, ist das wohl die einzige Erkl#228;rung«, antwortete Mike. »Es war so«, sagte Singh ruhig. »Hier. Das habe ich aus dem Wasser gefischt.« Er warf ein St#252;ck Segeltuch auf den Tisch, das er bis jetzt zusammengekn#252;llt in der Hand gehalten hatte. Mike griff ungeschickt mit seinen bandagierten H#228;nden danach, und sofort fiel ihm der stechende Geruch auf. »Petroleum?« fragte er. Singh nickte. »Ja. Deshalb brannte das Boot wie eine Fackel. Es w#228;re v#246;llig aussichtslos gewesen, es l#246;schen zu wollen.« »Das hei#223;t, wir haben einen Verr#228;ter an Bord«, grollte Ben. Er sah Paul bei diesen Worten durchdringend an, und nat#252;rlich reagierte dieser ganz genau so, wie Mike bef#252;rchtet hatte. »Was starrst du mich so an?« schnappte er. »Glaubst du, da#223; ich es war?« Ben verzog abf#228;llig die Lippen. »Zuerst das kleine Mi#223;geschick bei unserer Flucht, und jetzt das -du mu#223;t uns wirklich f#252;r sehr bl#246;d halten, wie?« »Kaum«, antwortete Paul herausfordernd. »Ausgenommen dich vielleicht. Denkst du, ich bin verr#252;ckt und z#252;nde das Schiff an, auf dem ich selbst bin? Ich w#228;re zusammen mit euch verbrannt oder ertrunken. Denk mal dar#252;ber nach, Schlaumeier.« Singh deutete auf den petroleumgetr#228;nkten Lappen, den Mike wieder auf den Tisch zur#252;ckgelegt hatte. »Ich glaube, da#223; der, der das Feuer gelegt hatte, selbst nicht mit einem solchen Erfolg rechnete.« »Nat#252;rlich nicht«, sagte Paul sarkastisch. »Ich wollte nur das Beiboot versenken, da#223; sich niemand damit aus dem Staub machen konnte. Kann ja sein, da#223; einer vorhat, nach England zur#252;ckzupaddeln.« »Ich denke nicht, da#223; es dem Attent#228;ter darum ging, das Boot zu versenken«, erwiderte Singh, noch immer sehr ruhig. »Worum dann?« fragte Mike. Singh machte eine vage Handbewegung. »Ein solches Feuer sieht man auf dem Meer meilenweit«, sagte er. »Noch dazu nachts.« Er seufzte. »Es wird gleich hell. Wir m#252;ssen die Segel setzen. Ich bin ziemlich sicher, da#223; wir bald Gesellschaft bekommen.« Singh behielt recht. Nicht einmal zehn Minuten sp#228;ter begann der erste graue Schimmer der D#228;mmerung das Samtblau der Nacht zu zersetzen, und sie segelten los. Und als das Licht heller wurde und sie weiter sehen konnten, erblickten sie die LEOPOLD, die weniger als f#252;nf Meilen entfernt war und mit voller Kraft auf die kleine Segeljacht zuhielt. Ungeachtet seiner indischen Abstammung hatte Mike nie an ein vorherbestimmtes Schicksal geglaubt oder gar daran, da#223; es irgendwelche M#228;chte gab, die dieses Schicksal steuerten und sich irgendwie um das Tun und Sein der Menschen k#252;mmerten. Aber wenn es sie gab, dachte er, dann hatten sie einen besonders bizarren Sinn f#252;r Humor und eine Schw#228;che f#252;r grausame Scherze. Ihre verzweifelte Flucht dauerte nunmehr gute vier Stunden. Die LEOPOLD war in dieser Zeit ein halbes dutzendmal so nahe gekommen, da#223; sie die Gestalten an Deck des riesigen Kriegsschiffes erkennen konnten, und ebensooft so weit zur#252;ckgefallen, da#223; sie kaum mehr ein Schatten auf dem Horizont gewesenwar.Das Schlachtschiff war sehr viel schneller als die kleine Segeljacht, aber Singh hatte sich als #252;beraus geschickter Steuermann erwiesen, und es war ihm immer wieder gelungen, eine Fahrrinne in dem Labyrinth aus winzigen Inselchen und Atollen zu entdecken, die zu flach f#252;r den gepanzerten Giganten war, oder eine Passage zwischen zwei Riffen, durch die sie hindurchschl#252;pfen konnten, w#228;hrend ihr Verfolger das Hindernis weitl#228;ufig umschiffen mu#223;te und dabei wertvolle Zeit verlor. Singh hatte mit dem deutschen Kriegsschiff regelrecht Katz und Maus gespielt. Zwei-oder dreimal hatten sie sogar ernsthaft ge glaubt, der LEOPOLD entkommen zu sein, aber das Schiff war stets wie ein Gespenst wieder hinter ihnen erschienen, ein unheimlicher, riesiger Verfolger, den sie einfach nicht absch#252;tteln konnten, ganz egal, wie sehr sie es auch versuchten. Aber nun war ihre Gl#252;cksstr#228;hne endg#252;ltig zu Ende. Sie hatten die Gruppe aus Inseln und Korallenriffen hinter sich gelassen und wieder Kurs auf offene Gew#228;sser genommen, und in diesen war die LEOPOLD mit ihren m#228;chtigen Maschinen der Jacht haushoch #252;berlegen. Sie kam immer n#228;her. Vielleicht h#228;tte Mike den Gedanken, dieses Rennen am Ende doch zu verlieren, sogar noch akzeptiert, denn er bildete sich nicht ernsthaft ein, das Gl#252;ck gepachtet zu haben. Was es ihm -und allen anderen auch - so schwermachte, sich in die scheinbar unvermeidliche Niederlage zu schicken, war der Umstand, da#223; sie ihr Ziel beinahe erreicht hatten. Vor einer halben Stunde hatte Singh wortlos auf einen Schatten gedeutet, der vor ihnen auf dem Horizont erschienen war, und obwohl er kein einziges Wort gesagt hatte, wu#223;te Mike, was vor ihnen lag. Die Vergessene Insel. Der Anblick erf#252;llte Mike mit Zorn und Entt#228;uschung, die ihm fast die Tr#228;nen in die Augen trieb. W#228;hrend der letzten halben Stunde war aus dem Punkt am Horizont eine gewaltige Felseninsel geworden, die sich wie eine von der Hand der Natur erschaffene, uneinnehmbare Festung aus dem Meer erhob. Mike sch#228;tzte ihre Gr#246;#223;e auf eine gute Meile. Ihre Flanken erhoben sich nahezu senkrecht aus dem Wasser, das sich in tosender Gischt an den Felsen brach, und wenn man genau hinsah, konnte man die verr#228;terischen Wellen erkennen, die sich schon etliche Dutzend Meter davor auf der Wasseroberfl#228;che bildeten. Die Insel mu#223;te von einem wahren Schutzwall aus Riffen und unterseeischen Felsen umgeben sein, der es nahezu unm#246;glich machte, sich ihr zu n#228;hern, geschweige denn, an Land zu gehen. Doch selbst, wenn es ihn nicht gegeben h#228;tte -sosehr sich Mike auch anstrengte, er konnte nirgends etwas wie einen Strand erkennen, keine Bucht, kein Fleckchen, an denen die Wellen nicht mit furchtbarer Wucht gegen den Fels brandeten. Jeder Versuch, die Insel anzulaufen, konnte nur in einer Katastrophe enden. Vielleicht gab es auf der anderen Seite des Eilandes eine M#246;glichkeit, es zu erreichen, ohne da#223; das Schiff vorher von Riffen aufgeschlitzt und anschlie#223;end gegen die Steilk#252;ste geworfen und zerschmettert wurde, aber Mike wu#223;te, da#223; ihnen nicht mehr die Zeit blieb, danach zu suchen. Die LEOPOLD hatte sie fast eingeholt. Er drehte sich herum und sah zu Winterfelds Schlachtschiff zur#252;ck, wie er es in den letzten zehn Minuten unz#228;hlige Male getan hatte. Die Jacht scho#223; mit prall gebl#228;hten Segeln vor dem Wind dahin, und Singh hatte den Hilfsmotor eingeschaltet, um auch noch das letzte bi#223;chen Geschwindigkeit aus dem Schiff herauszuholen. Trotzdem n#228;herte sich die LEO-POLD unaufhaltsam. Mike hatte sogar das Gef#252;hl, da#223; das Schiff sein Tempo ein wenig gedrosselt hatte; wahrscheinlich hatte man auch dort die Gefahr bemerkt, die von den verborgenen Riffen ausging, und wollte kein unn#246;tiges Risiko eingehen. Und warum auch? Sie konnten dem Schiff nicht mehr entkommen. Und selbst wenn, dachte Mike -sie hatten Winterfeld schlie#223;lich genau dorthin gef#252;hrt, wo er es gewollt hatte. F#252;r einen Moment fragte er sich allen Ernstes, ob der deutsche Kapit#228;n ihre Flucht nicht im stillen unterst#252;tzt -oder zumindest stillschweigend geduldet - hatte, damit genau das geschah, was nun geschehenwar.Er verscheuchte den Gedanken. Es war m#252;#223;ig, sich den Kopf zu zerbrechen. In sp#228;testens einer Stunde w#252;rden sie alle Antworten erfahren; wahrscheinlich sogar eher. Nun konzentrierte er sich wieder auf das, was vor ihnen lag. Singh hatte den Kurs der Jacht abermals ein wenig korrigiert, so da#223; sie nun beinahe parallel zu der Insel dahinjagten, statt sich ihr in spitzem Winkel zu n#228;hern. Der Anblick war majest#228;tisch und furchterregend zugleich. Die Insel war bar jeglicher Vegetation, und ihre Flanken erhoben sich nicht nur scheinbar, sondern tats#228;chlich vollkommen gerade aus dem Meer. Sie sah aus wie ein titanischer Felspfeiler, den jemand zwanzig oder drei#223;ig Meter #252;ber dem Wasser abgeschnitten hatte. Wahrscheinlich gab es dort oben ein Plateau, auf dem sich das verbarg, was immer das wahre Geheimnis dieser Insel war. Der Gedanke, so kurz vor dem Ziel zu scheitern, machte Mike fast krank. Er wandte sich zu Singh um, der hoch aufgerichtet hinter dem Ruder stand und die Insel und vor allem das Meer an ihrem Fu#223; keine Sekunde aus dem Auge lie#223;. »Gibt es denn gar keine M#246;glichkeit zu entkommen?« fragte er. Er rechnete nicht mit einer Antwort. Vermutlich brachte er sie alle in Gefahr, wenn er Singh ablenkte, denn in diesen t#252;ckischen Gew#228;ssern konnte schon ein Moment der Unaufmerksamkeit zum Verh#228;ngnis werden. Trotzdem antwortete Singh nach einigen Sekunden. »Vielleicht«, sagte er. »Wenn wir die andere Seite erreichen, haben wir eine kleine Chance. Aber es wird gef#228;hrlich.« Mike h#228;tte um ein Haar gelacht. Gef#228;hrlich? Was glaubte Singh denn, was ihre Reise bisher gewesen war? Trotzdem fragte er: »Wie gef#228;hrlich?« »Es k#246;nnte unser aller Leben kosten«, antwortete Singh. Er h#246;rte sich nicht so an, als erschrecke ihn dieser Gedanke sonderlich. »Aber wir haben eine Chance?« vergewisserte sich Mike. »Eine kleine«, sagte Singh. »Wenn unser Vorsprung reicht und die G#246;tter auf unserer Seite sind.« Mike sah wieder zur LEOPOLD zur#252;ck. Was Singhs G#246;tter anging, so ma#223;te er sich kein Urteil an - aber die LEOPOLD war tats#228;chlich langsamer geworden. Sie kam noch immer n#228;her, aber ihr Vorsprung schmolz jetzt nicht mehr so rasch wie bisher. »Dann versuch es«, sagte er. Singh z#246;gerte. »Es ist nicht nur Euer Leben, #252;ber das Ihr entscheidet«, sagte er. »Habt Ihr Eure Freunde gefragt, ob Ihr auch ihres riskieren d#252;rft?« Mike sah ihn betroffen an. Es machte ihn verlegen, da#223; Singh ihn darauf hatte aufmerksam machen m#252;ssen. Aber er mu#223;te gar nicht fragen. Alle anderen standen in H#246;rweite, und er empfand ein Gef#252;hl tiefer Dankbarkeit, als er die Zustimmung in ihren Augen erkannte. Aber er sp#252;rte auch die Last der Verantwortung, die damit auf seine Schultern gelegt wordenwar.»Versuch es«, sagte er leise, aber sehr entschlossen. Das Schiff scho#223; weiter wie ein Pfeil auf den Wellen dahin, und die steinernen Flanken der Felseninsel jagten nur so an ihnen vor#252;ber, und trotzdem hatte Mike pl#246;tzlich das Gef#252;hl, als liefe die Zeit zehnmal langsamer. Die LEOPOLD fiel weiter hinter ihnen zur#252;ck, und die bisher unsichtbare R#252;ckseite der Vergessenen Insel tauchte nun vor ihnen auf. Mike hatte alle M#252;he, seine Entt#228;uschung zu verbergen. Die R#252;ckseite der Insel unterschied sich in nichts von der Vorderseite. Der Fels war wie eine solide Mauer, in der es nicht die kleinste L#252;cke zu geben schien. Pl#246;tzlich wehte ein dumpfer Knall #252;ber das Meer zu ihnen heran. Kaum eine Sekunde sp#228;ter h#246;rten sie ein schrilles, immer lauter werdendes Heulen, und dann scho#223; eine turmhohe, wei#223;e Gischts#228;ule kaum hundert Meter vor dem Bug der Jacht in die H#246;he. Die Druckwelle lie#223; die Jacht erbeben wie ein welkes Blatt im Sturm, und ein ganzer Schwall eiskalten Wassers ergo#223; sich #252;ber das Deck und durchn#228;#223;te sie bis auf die Knochen. Singh fluchte lauthals in seiner Muttersprache und drehte wie wild am Ruder, um das Schiff auf dem pl#246;tzlich kochenden Meer auf Kurs zu halten, und Mike klammerte sich an der Reling fest. »Was war das?« keuchte Andr#233; erschrocken. »Was soll das schon gewesen sein, Schlaumeier?« fragte Ben b#246;se. »Pauls Vater macht Ernst.« Er durchbohrte Paul mit Blicken. »Das war ein Warnschu#223;. Und ich gehe jede Wette ein, der n#228;chste trifft.« Auch Paul war von der Ersch#252;tterung fast von den F#252;#223;en gerissen worden. M#252;hsam rappelte er sich wieder hoch und sah zur LEOPOLD zur#252;ck. Sein Gesicht war v#246;llig wei#223; geworden. »Das kann doch nicht sein!« stammelte er. »Das kann er doch nicht machen!« Als h#228;tte sie nur auf ein Stichwort gewartet, gab die LEOPOLD in diesem Moment einen zweiten Schu#223; auf sie ab. Diesmal lag der Einschlag wesentlich n#228;her. Pl#246;tzlich drehte Singh mit aller Kraft und so schnell am Ruder, da#223; sich das Schiff auf die Seite legte wie ein Radfahrer in einer scharfen Kurve. Der Mast #228;chzte unter der Belastung, und das Segel war pl#246;tzlich so straff gespannt, als wolle es zerrei#223;en. Erschrockene Schreie gellten #252;ber das Deck, und vor Mikes ungl#228;ubig aufgerissenen Augen vollf#252;hrte dieJacht ein Man#246;ver, das er nie f#252;r m#246;glich gehaltenh#228;tte. Sie machte praktisch auf der Stelle kehrt undjagte nun direkt auf die Felseninsel zu - und die gef#228;hrlichen Riffe davor! »Singh!« kreischte Mike entsetzt. »Willst du uns umbringen?« Singh schien seine Worte nicht zu h#246;ren, sondern hielt das Boot mit eiserner Hand weiter auf Kurs. Mike klammerte sich wieder an der Reling fest. Doch der vernichtende Aufprall, auf den er wartete, kam nicht. Rechts und links der Jacht durchstie#223;en immer wieder spitze Felsen die Wasseroberfl#228;che, aber die Fahrrinne unmittelbar vor ihnen war frei. Es gab einen Weg durch die Riffe, und ganz offensichtlich kannte Singh ihn. Allerdings fragte sich Mike, wohin Singh #252;berhaupt wollte. Selbst wenn sie die Riffe #252;berwanden - vor ihnen war nichts als senkrechter, un#252;bersteigbarer Fels, an dessen Fu#223; sich die Wellen mit Urgewalt brachen. Trotzdem hielt Singh immer weiter auf die Insel zu. Die Jacht wurde immer schneller und schwankte manchmal nach rechts oder links, wenn der Inder dem Verlauf der unsichtbaren Fahrrinne folgte. Dann und wann schrammte etwas unter dem Rumpf entlang oder schlug unter Wasser gegen die Bordwand. Mike sah zur LEOPOLD zur#252;ck. Das gro#223;e Schiff war noch weiter zur#252;ckgefallen und verlor jetzt sichtlich mehr und mehr an Tempo. Sein Kapit#228;n hatte wohl eingesehen, da#223; er der Jacht nicht auf demselben Weg folgen konnte, und zog es vor, sein Schiff nicht unn#246;tig in Gefahr zu bringen. Das brauchte er auch nicht. Mike beobachtete voller Entsetzen, wie einer der gro#223;en Gesch#252;tzt#252;rme am Vorderdeck herumschwenkte, sich genau auf die Jacht richtete - und eine grelle Feuerzunge ausstie#223;! Der dumpfe Knall und die wei#223;e Schaumexplosion vor ihnen erfolgten nahezu gleichzeitig. Die Jacht erzitterte wie unter einem Hammerschlag. Holzsplitter und winzige, scharfkantige Steintr#252;mmer regneten auf sie herab, und in dem Segel #252;ber Mikes Kopf g#228;hnte pl#246;tzlich ein fast metergro#223;es, schwarzger#228;ndertes Loch. Winterfeld machte nun tats#228;chlich Ernst. »Der n#228;chste Schu#223; trifft«, sagte Paul. In seinem Gesicht stand das pure Entsetzen geschrieben. »Sie bringen uns um.«Selbst Mike glaubte mittlerweile nicht mehr daran, da#223; die LEOPOLD nur Warnsch#252;sse abgab. Winterfeld wollte sie vielleicht nicht umbringen, aber er schien entschlossen, die Jacht unter allen Umst#228;nden zu stoppen, und nahm dabei in Kauf, sie zu verletzen oder auch einen oder mehrere von ihnen zu t#246;ten. Mike sah, wie das Gesch#252;tzrohr ein wenig herumschwenkte. Verzweifelt blickte er nach vorne. Die Felswand raste regelrecht auf sie zu. Noch ein paar Sekunden, und sie w#252;rden daran zerschellen, falls sie nicht vorher von einer Granate getroffen und in St#252;cke gerissen wurden! Und das Schiff scho#223; weiter auf die Insel zu. Die Felsen kamen n#228;her, immer schneller und schneller, wie eine granitene Faust, die sie zerschmettern w#252;rde und dann waren sie pl#246;tzlich fort, und da, wo vor einer Sekunde noch eine scheinbar un#252;berwindliche Barriere gewesen war, tat sich ein schmaler Kanal auf. Hinter ihnen erscholl wieder ein dumpfer Knall und gleich darauf die Explosion der Granate, die diesmal die Felswand getroffen hatte. Aber sie waren in Sicherheit. Zumindest vorl#228;ufig... Sicher fragst Du Dich voll Spannung, was Mike und seine Freunde auf der Insel erwartet. Gleich kannst Du weiterlesen, wir wollen Dich nur schnell etwas fragen: Hat es Dir Spa#223; gemacht, die Jungen auf ihrer gef#228;hrlichen Flucht zu begleiten? M#246;chtest Du auch weiterhin mit ihnen und der Nautilus die Weltmeere durchqueren und die aufregendsten Abenteuer erleben? 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Singh l#228;chelte. »Ich sagte doch, da#223; die Insel durch einen m#228;chtigen Zauber gesch#252;tzt wird.« Mike widersprach dem Sikh nicht, obwohl er ahnte, da#223; es wohl eher eine optische T#228;uschung als Zauberei war, die die Einfahrt verbarg - aber das #228;nderte nichts am Ergebnis. Und die Wunder waren noch nicht vorbei. Der Kanal war ungef#228;hr hundert Meter lang, dann m#252;ndete er in einen kreisrunden, gut eine Meile messenden See. Die Insel war nicht massiv, sondern eine gewaltige Mauer, die diesen See umgab. Den Strand, den sie auf der #228;u#223;eren Seite der Insel vermi#223;t hatten, fanden sie nun hier - und noch mehr. Das #196;u#223;ere der Insel bot sich als kahler, salzverkrusteter Felsen dar, auf dem kein Leben Fu#223; gefa#223;t hatte -aber ihr Inneres quoll geradezu davon #252;ber. Bis dicht unter die Kanten der nat#252;rlichen Schutzmauer erhob sich das Bl#228;tterdach eines schier undurchdringlichen Dschungels, in dem es #252;berall raschelte, huschte, knisterte, pfiff, kreischte und schrie. V#246;gel erhoben sich aus dem Bl#228;tterdach und begannen schimpfend #252;ber dem Boot zu kreisen, das ihre Ruhe st#246;rte, und Mike sah eine Anzahl kleiner Affen, die sich schnatternd von Ast zu Ast schwangen und ihnen ein St#252;ck weit am Ufer folgten. Es war ein phantastischer, wunderbarer Anblick, ein vergessenes Paradies, das vielleicht seit Jahrmillionen vom Rest der Welt vergessen existierte. Singh deutete schweigend nach vorne. Auf dem flachen, fast wei#223;en Sandstrand erhob sich ein knappes Dutzend gro#223;er Geb#228;ude von sonderbarer Bauweise. Mikes Herz begann schneller zu schlagen. Er ahnte, da#223; das Geheimnis der Vergessenen Insel nun zum Greifen nahe vor ihnen lag. Als sich das Schiff langsam den Bauwerken auf der anderen Seite des Kratersees n#228;herte, sah Mike, da#223; es sich bei vielen nur mehr um Ruinen handelte. Die Geb#228;ude, aus tonnenschweren Felsquadern erbaut und einer sonderbar fremdartigen, auf eine beunruhigende Weise zugleich aber auch vertraut erscheinenden Geometrie folgend, waren zum Teil zerst#246;rt, zum Teil von Schlingpflanzen und Moos #252;berwuchert, mit denen der Dschungel das Gel#228;nde zur#252;ckzuerobern begann, das ihm der Mensch einst abgetrotzt hatte. Nirgends war auch nur die mindeste Spur menschlichen Lebens zu sehen. Vor den T#252;ren und Fenster#246;ffnungen spannten sich gro#223;e Spinnennetze oder Vorh#228;nge aus Schlingpflanzen. Die Ansiedlung war verlassen, begriff Mike, und das schon seit ziemlich langer Zeit. Singh steuerte die Jacht so nahe an den Strand heran, wie er konnte -was ihrer Gr#246;#223;e wegen nicht nahe genug war, um trockenen Fu#223;es an Land zu gehen. Aber da sie ohnehin alle bis auf die Haut durchn#228;#223;t waren, machte es niemandem etwas aus, die letzten Meter an Land zu waten. Mike selbst trat als erster an die Reling heran und wartete ungeduldig, da#223; das Schiff zur Ruhe kam. Doch Singh winkte ihn zur#252;ck. »Wartet«, sagte er. »Es ist besser, wenn wir zusammenbleiben.« »Wieso?« fragte Mike. »Hier lebt doch niemand mehr, oder?« »Die Ruinen sind nicht ungef#228;hrlich«, erwiderte Singh. »Und viel gr#246;#223;er, als es den Anschein hat. Es ist besser, wenn wir vorsichtig sind.« Mike sah den Inder scharf an. Ihm war keineswegs entgangen, da#223; Singh seiner Frage geschickt ausgewichen war, statt sie wirklich zu beantworten. »Jemand sollte beim Schiff zur#252;ckbleiben«, sagte Mi#223; McCrooder. »Was ist, wenn es abgetrieben wird?« Sie klang ziemlich nerv#246;s, und Mike mu#223;te nicht einmal in ihr Gesicht sehen, um die m#252;hsam unterdr#252;ckteFurcht zu erkennen.»Das ist nicht n#246;tig«, antwortete Singh. »Wir brauchen es nicht mehr. Au#223;erdem bleibt uns vielleicht nicht mehr genug Zeit, um zur#252;ckzugehen und den zuholen, der hiergeblieben ist.«»Wieso?« fragte Mi#223; McCrooder erschrocken. »Weil wir die Insel auf einem anderen Wege verlassen«, antwortete Singh geduldig. »Wenn wir Erfolg haben, in Freiheit. Und wenn nicht -als Gefangene auf dem Kriegsschiff.«»Als Gefangene? Aber ... aber sie k#246;nnen doch aufkeinen Fall hierherkommen, oder?« stammelte Mi#223; McCrooder. »Ich meine, sie kennen die Passage nicht, und das Schiff ist viel zu gro#223;, um hier hereinzukommen.« »Die LEOPOLD sicher«, sagte Paul. »Aber sie hat Beiboote. Und sie haben gesehen, wohin wir gefahren sind.« »Ich f#252;rchte, Paul hat recht«, sagte Singh. »Sie werden bestimmt eine Weile brauchen, um die Passage durch die Riffe zu finden. Vielleicht verlieren sie sogar ein Boot dabei oder auch mehr. Trotzdem glaube ich nicht, da#223; wir mehr als zwei oder drei Stunden haben.« »Eher weniger«, sagte Paul d#252;ster. »Untersch#228;tzt mei nen Vater nicht. Ich kenne ihn. Und die M#228;nner, die er bei sich hat, sind verdammt gut.« »Sicher«, h#246;hnte Ben. »Deshalb sind wir ihnen ja bisher auch entkommen, nicht wahr?« »Sei lieber froh, da#223; es so ist«, sagte Mike rasch und ehe Paul antworten konnte. Die Zeit, die ihnen noch blieb, war einfach zu kostbar, um sie mit einem weiteren sinnlosen Streit zu vergeuden. Mit einer beinahe befehlenden Geste wandte er sich an den Sikh. »Also los! Geh voraus, Singh.« Der Sikh war der erste, der #252;ber Bord sprang. Sofort versank er bis an die H#252;ften im glasklaren Wasser, drehte sich noch einmal um und hob die Arme, um den anderen zu helfen. Mike, Paul, Juan, Ben und Andr#233; ignorierten seine angebotene Hilfe, w#228;hrend Mi#223; McCrooder und auch Chris sich von seinen starken Armen #252;ber die Reling heben und so weit zum Ufer hin absetzen lie#223;en, wie es ging. Mike sp#252;rte, wie sich ein sonderbares Gef#252;hl in ihm breitzumachen begann, w#228;hrend sie den flachen Strand hinaufwateten. Es war eine Mischung aus Neugier, m#252;hsam beherrschter Angst vor dem, was sie vielleicht entdecken mochten, und Faszination. In den ersten Minuten jedenfalls gewahrten sie nichts als Ruinen und moosbedeckte Steine. Ein paar kleine Tiere huschten davon, als sie sich vorsichtig dem ersten der gro#223;en Quaderbauten n#228;herten, die den Strand s#228;umten, und einmal glaubte er einen Schatten hinter einem Fenster zu sehen, der hastig zur#252;ckzuckte, als er genauer hinsah, war sich aber nicht sicher. Aus dem Dschungel drang ihnen eine verwirrende Vielfalt von Ger#252;chen und Ger#228;uschen entgegen, doch nichts davon war menschlichen Ursprungs. Und trotzdem... Er konnte es nicht begr#252;nden, aber Mike hatte mit jedem Schritt, der sie den Ruinen n#228;herbrachte, mehr das Gef#252;hl, aus unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Schlie#223;lich wurde es so stark, da#223; er stehenblieb und sich an Singh wandte. »Bist du sicher, da#223; hier niemand mehr ist?« fragte er. »Es ist lange her, da#223; ich hier war«, antwortete Singh. »Du warst schon einmal hier?« fragte Mike #252;berrascht. Singh nickte. »Vor langer Zeit«, sagte er. »Aber du ... hast doch gesagt, du w#252;#223;test nicht, wo die Insel liegt!« sagte Mike. »Das war auch die Wahrheit«, erwiderte Singh mit einem um Verzeihung bittenden L#228;cheln. »Ich war Passagier auf dem Schiff Eures Vaters, damals. M#252;#223;tet Ihr jetzt aus England lossegeln - ohne die Karte und Euer Amulett -, w#252;rdet Ihr diese Insel wiederfinden?« Mike mu#223;te zugeben, da#223; an diesem Argument etwas dran war. Vermutlich w#252;rde er die Vergessene Insel nicht einmal mit der Karte seines Vaters wiederfinden. Singhs Worte erkl#228;rten auch, wieso er von der verborgenen Passage durch die Riffe gewu#223;t hatte. Und doch ... v#246;llig stellte Mike diese Antwort nicht zufrieden. Singh verschwieg ihm etwas, selbst jetzt noch. Das Gef#252;hl, beobachtet zu werden, wurde st#228;rker, als sie in das erste Geb#228;ude eindrangen. Aber was sie im Inneren des leerstehenden Hauses sahen, das war so erstaunlich, da#223; es Mike so sehr in seinen Bann schlug und er seine Furcht beinahe verga#223;. Von au#223;en hatte das Geb#228;ude zwar gro#223; und irgendwie sonderbar gewirkt, ein gigantischer, abereindeutig primitiver Bau, wie er ihn aus seinen Schulb#252;chern und Zeitschriften kannte, am ehesten noch vergleichbar mit den zyklopischen Ruinen, wie sie in #196;gypten oder auch Mexiko gefunden worden waren; Zeugnisse einer untergegangenen Kultur, die riesenhafte Bauwerke zu erschaffen imstande gewesen, aber #252;ber einen gewissen niedrigen Stand der Technik nicht hinausgekommen war. Hier stimmte das nicht. Nicht einmal im entferntesten. Was sich vor Mike und den anderen ausbreitete, als sie durch die halb eingest#252;rzte T#252;r traten, das war einmal eine Maschinenhalle gewesen. Von ihrer ehemaligen Einrichtung war nicht viel geblieben - was nicht fortgeschafft worden war, das hatten Erosion und Zeit zernagt, so da#223; sie im Grunde nur Staub und Rost fanden -aber man konnte noch deutlich sehen, wo einst gigantische Maschinen gestanden haben mu#223;ten. Riesige Fundamente erhoben sich aus dem gr#252;nen Teppich, der den Boden wieder #252;berwuchert hatte. Hier und da ragte ein zerfressenes Rohr aus dem Boden, hingen die zerborstenen Reste einer Rohrleitung von den W#228;nden oder ringelten sich m#228;chtige Kabel wie die zerrissenen Adern eines riesigen metallenen Tieres von der Decke. Es gab eine Anzahl runder, wie geschmolzenes Silber schimmernder Pf#252;tzen, in deren unmittelbarer N#228;he nichts gedieh und denen Singh in respektvollem Bogen auswich, und wenn man erst einmal wu#223;te, wonach man zu suchen hatte, entdeckte man bald die Stellen, an denen Schalttafeln gehangen haben mu#223;ten, L#246;cher in den steinernen W#228;nden, wo einst technische Apparaturen gewesen waren, und gr#252;n #252;berwucherte Konturen, die trotz allem zu regelm#228;#223;ig waren, um von der Hand der Natur erschaffen worden zu sein. Es geh#246;rte tats#228;chlich nur noch ein wenig Phantasie dazu, und man glaubte noch das machtvolle Ger#228;usch der riesigen Maschinen zu h#246;ren, das diesen Raum einst erf#252;llt hatte wie das Schlagen eines metallenen Herzens. »Was ist das hier, Singh?« fragte Mike. Unwillk#252;rlich hatte er die Stimme zu einem Fl#252;stern gesenkt, aber die Akustik dieser Halle war ebenso fremdartig und bizarr wie alles andere -seine Stimme wurde gebrochen und mehrfach verst#228;rkt, so da#223; die Worte als verzerrtes Echo zur#252;ckkamen. Singh antwortete nicht, sondern gab ihm mit einer Geste zu verstehen, da#223; er still sein sollte, und Mike gehorchte. Pl#246;tzlich hatte er das verr#252;ckte Gef#252;hl, an einem Ort zu sein, an dem der Klang menschlicher Stimmen nichts zu suchen hatte. Singh deutete auf eine T#252;r auf der anderen Seite des Raumes. Sie durchquerten die Halle und gelangten in einen zweiten, viel kleineren Raum, dessen Decke eingest#252;rzt war, so da#223; helles Sonnenlicht hereinfiel. Sein Anblick war fast noch bizarrer als der des gro#223;en Maschinenraumes, obgleich die Natur auch hier bereits begonnen hatte, das verlorene Terrain zur#252;ckzuerobern. An einer Wand erhob sich etwas, was wie ein mit Kn#246;pfen und Schaltern #252;bers#228;ter Schreibtisch aussah. Eine Anzahl rechteckiger, matter Glasscheiben von grauer Farbe waren darin eingelassen, und Mike entdeckte Beschriftungen in einer fremdartigen, sonderbar anmutenden Schrift, die nichts #228;hnelte, was er je zuvor gesehen hatte. Neugierig ging er hin und streckte die Hand nach einem der Kn#246;pfe aus. »R#252;hrt nichts an!« sagte Singh, und in seiner Stimme lag ein so erschrockener Ton, da#223; Mike hastig die Hand zur#252;ckzog und einen Schritt zur Seite machte, ehe er sich zu dem Sikh umwandte. »Was ist das hier?« fragte er. »Nichts Besonderes.« Singh versuchte nicht mehr, seine Unruhe zu verbergen. »Aber es ist besser, wenn wir nichts anfassen.« »Wieso bist du so nerv#246;s, wenn es nichts Besonderes ist?« fragte Juan mi#223;trauisch. »Der ganze Kram funktioniert doch nicht mehr, oder? Ich meine, das kann er doch gar nicht.« »Sicher nicht«, antwortete Singh, hastig und in einem Tonfall, der seinen Worten eine Menge von ihrer Glaubhaftigkeit nahm. »Aber es ist besser, vorsichtigzu-«Hinter ihnen polterte etwas, und Singh brach mitten im Wort ab und fuhr herum. Unter der T#252;r, durch die sie gerade gekommen waren, war eine Gestalt erschienen. Mike konnte den Mann nur als Silhouette erkennen, aber er sah ganz deutlich das Gewehr, das er in den H#228;nden hielt. Die M#252;ndung der Waffe schwankte drohend hin und her und richtete sich dann direkt auf Singh, als der Sikh eine Bewegung machte. Mi#223; McCrooder stie#223; einen halblauten Schreckensruf aus und schlug die Hand vor den Mund. Ben spannte sich sprungbereit, w#228;hrend die anderen -Mike eingeschlossen -vor Schreck erstarrten. F#252;r die Dauer von zwei, drei Atemz#252;gen r#252;hrte sich niemand, auch der Mann unter der T#252;r nicht. Dann hob Singh ganz langsam die Arme und drehte die leeren Handfl#228;chen nach au#223;en; eine Geste, die wohl zu allen Zeiten und bei allen V#246;lkern verstanden werden mu#223;te. Sehr vorsichtig machte er einen Schritt auf den Fremden zu, blieb aber sofort wieder stehen, als dieser drohend das Gewehr hob. Mike #252;berdachte blitzschnell ihre Chance, den Fremden zu #252;berw#228;ltigen, bevor er mit seiner Waffe Schaden anrichten konnte. Sie standen nicht sehr gut. Zweifellos konnte er sie nicht alle erwischen - aber seine Position unter der T#252;r war so gut, da#223; er bestimmt zwei oder drei von ihnen niedergeschossen h#228;tte, ehe sie ihn auch nur erreichten. »Trautman?« fragte Singh. Er machte einen weiteren Schritt auf den Fremden zu und blieb wieder stehen, als sich die warnende Bewegung des Gewehres wie derholte. Mike sah den Sikh #252;berrascht an. »Wer ist das, Singh?« fragte er. »Kennst du ihn?« Singh reagierte nicht auf seine Worte, aber die Gestalt unter der T#252;r bewegte sich nun ebenfalls. Mit einem Schritt trat sie aus dem Schatten heraus; aus dem schwarzen Umri#223; wurde ein K#246;rper, und Mike konnte erkennen, da#223; der Mann sehr alt war. Fr#252;her einmal mu#223;te er nicht nur gro#223;, sondern ein wahrer Riese gewesen sein, aber seine Schultern waren unter der Last der sicherlich achtzig Jahre, die er z#228;hlte, nach vorne gesunken. Sein Gesicht war schmal und von tiefen, wie mit Messern eingegrabenen Falten sowie einem kurzgeschnittenen, wei#223;en Vollbart beherrscht. Von der gleichen Farbe war auch sein Haar, das in d#252;nnen Str#228;hnen fast bis auf die Schultern herabhing. Er trug eine zerschlissene, dunkelblaue Jacke, von deren #196;rmeln das Gold dreier d#252;nner paralleler Streifen abbl#228;tterte, und eine ehemals wei#223;e Hose. Aber so alt und gebrechlich seine Gestalt wirkte - der Blick seiner Augen strafte diesen Eindruck L#252;gen. Mike begriff, da#223; sie vielleicht einem alten Mann, aber ganz bestimmt keinem Greis gegen#252;berstanden. »Trautman?« fragte Singh noch einmal. »Sind ... Sie das?« Er machte einen weiteren Schritt, und diesmal schien der Alte nichts dagegen zu haben - er senkte das Gewehr ein wenig, so da#223; seine M#252;ndung nun nicht mehr unmittelbar auf Singhs Gesicht wies. »Wer seid Ihr?« fragte er. »Woher kennt Ihr meinen Namen? Seid Ihr...« Er stockte. In das mi#223;trauische Glitzern seiner Augen mischte sich ein Ausdruck nur allm#228;hlich aufd#228;mmernden Erkennens. »Singh?« murmelte er. »Bist ... du das?« Pl#246;tzlich verschwand der angespannte Ausdruck von Singhs Z#252;gen. Ein befreites L#228;cheln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er nahm die H#228;nde herunter. »Es ist lange her«, sagte er. »Ich hatte schon Angst, da#223; Sie mich nicht mehr erkennen w#252;rden.« »Singh?« wiederholte Trautmann staunend. Er senkte das Gewehr, machte aber keine Anstalten, dem Sikh entgegenzugehen, sondern blickte noch immer mit deutlichem Mi#223;trauen von einem zum anderen. Vor allem an Mikes Gesicht blieb sein Blick h#228;ngen; dann sch#252;ttelte er den Kopf, als h#228;tte er sich selbst in Gedanken eine Frage gestellt und gleich beantwortet. »Das habe ich wirklich nicht«, sagte er. Er sch#252;ttelte den Kopf. »Du warst fast noch ein Kind, als du das letzte Mal hier warst. Wer sind die anderen? Warum seid ihr gekommen? Und was ist das f#252;r ein Schiff, das drau#223;en vor der Passage kreuzt? Wieso haben sie auf euch geschossen? Und was sind das f#252;r Kinder, Singh? Wieso bringst du sie hierher? Du wei#223;t, da#223; das verboten ist.« »Ich hatte keine andere Wahl«, antwortete Singh. »Die M#228;nner drau#223;en auf dem Schiff haben uns verfolgt. Sie haben von Dakkars Erbe erfahren und suchen es.« »Und dann bringst du sie geradewegs hierher?« fragte Trautman. »Ist das deine Art, seine Befehle zu befolgen?« »Ich mu#223;te es tun«, antwortete Singh. Er schwieg eine Sekunde, dann deutete er mit einer Handbewegung auf Mike. »Seinetwegen.« Trautmans Aufmerksamkeit richtete sich abermals auf Mike, und wieder f#252;hlte sich der Junge von den dunklen Augen des alten Mannes wie durchbohrt. Und dann begannen Trautmans H#228;nde, die noch immer das Gewehr hielten, zu beben. »Das ... das kann doch nicht sein«, fl#252;sterte er schlie#223;lich. Singh l#228;chelte. »Er ist es, Trautman. Nemos Sohn.« »Nemo?« sagte Juan verbl#252;fft. Der alte Mann begann zu zittern. Es war schwer, unter all den Falten und Runzeln in seinem Gesicht irgendeinen Ausdruck zu erkennen, aber Mike sp#252;rte, da#223; er mit aller Macht um seine Beherrschung k#228;mpfte. Seine Augen begannen feucht zu schimmern. »Tats#228;chlich«, murmelte er schlie#223;lich. »Er ... er ist es. Gro#223;er Gott, er ... er sieht genau aus wie sein Vater. Als ... als w#228;re er wieder auferstanden.« Pl#246;tzlich fuhr er herum und wandte sich fast schreiend an Singh: »Warum bringst du ihn hierher? Du wei#223;t, was sein Vater befohlen hat! Du hast geschworen, ihm diese Last niemals -« »Er kann nichts daf#252;r«, unterbrach ihn Mike. Trautman fuhr mit einem Ruck wieder herum. »Verzeiht, junger Herr«, sagte er, »aber ich f#252;rchte, Ihr wi#223;t nicht, wovon Ihr sprecht. Das Geheimnis dieser Insel mu#223; f#252;r alle Zeiten gewahrt bleiben. Es war der letzte Wunsch Eures Vaters, und wir haben beide geschworen, eher unser Leben zu opfern, als ihn nicht zu respektieren.« »Singh hat uns allen das Leben gerettet«, fuhr Mike fort. »Wir sind nicht freiwillig hier. Die M#228;nner dort drau#223;en auf dem Schiff hatten mich und die anderen entf#252;hrt, weil sie das Geheimnis dieser Insel entr#228;tseln wollten. Singh hat uns befreit.« »Stimmt das?« fragte Trautman. Singh nickte. »Ja. Es bleibt keine Zeit mehr, um Ihnen alles genau zu erkl#228;ren. Aber er sagt die Wahrheit. Sie haben uns bis hierher verfolgt, aber sie h#228;t ten die Insel auch ohne uns gefunden, denn der Kapit#228;n des Schiffes ist im Besitz der Papiere von Prinz Dakkars Vater. Wir mu#223;ten Sie warnen. Ich hoffe nur, wir sind nicht zu sp#228;t gekommen.« »Dann ist alles verloren«, sagte Trautman. »Sie werden die Passage entdecken und das alles hier finden.« Sein Blick schien pl#246;tzlich mitten durch Singh hindurch ins Leere zu gehen. »Du wei#223;t, was das bedeutet.« »Noch haben wir etwas Zeit«, erwiderte Singh hastig. »Was ist mit dem Schiff? Mit etwas Gl#252;ck k#246;nnen wir die Insel verlassen, ehe sie den Weg durch die Riffe gefunden haben.« Trautman l#228;chelte bitter. »Nein«, sagte er. »Das k#246;nnen wir nicht, Singh. Du kennst Nemos Befehl so gut wie ich.« Singh machte eine #228;rgerliche Handbewegung. »Er konnte nicht ahnen, was geschehen w#252;rde«, sagte er. »Seien Sie vern#252;nftig, Trautman! Wollen Sie, da#223; sein Sohn stirbt?« »Nat#252;rlich nicht«, antwortete Trautman. Er l#228;chelte noch immer auf diese seltsam traurige Art. »Es hat nichts mit Wollen zu tun, Singh«, sagte er. »Ich...« Er stockte, suchte einen Moment nach den richtigen Worten und drehte sich dann zur Seite, um sein Gewehr an die Wand neben der T#252;r zu lehnen. »Es spielt jetzt ohnehin keine Rolle mehr«, sagte er. »Also kommt mit.« W#228;hrend sie Trautman wieder in den angrenzenden, gro#223;en Raum und zu einer zweiten, verborgenen T#252;r folgten, tauschte Mike einen Blick mit Singh, aber der Sikh tat so, als verst#252;nde er die unausgesprochene Frage in seinen Augen nicht. Mike sah ihm allerdings deutlich an, da#223; er, vielleicht zum ersten Mal, seit sie sich kennengelernt hatten, tats#228;chlich Angst hatte. Sie durchquerten die Halle und begannen eine schmale, steil in die Tiefe f#252;hrende Treppe hinabzusteigen, ehe es ihm gelang, an Singhs Seite zu kommen. »Wer ist das, Singh?« fragte er im Fl#252;sterton. »Ein Vertrauter Eures Vaters«, antwortete Singh. »Ein Freund. Vielleicht der einzige, den er jemals wirklich hatte. Er hat geschworen, sein Erbe bis zu seinem Tod zu besch#252;tzen.« »Meines Vaters?« wiederholte Mike zweifelnd. »Oder dieses ... wie hat er ihn genannt? Nemo?« Nun l#228;chelte Singh. »Noch einen kleinen Moment Geduld, Herr«, sagte er. »Ihr werdet gleich alles verstehen.« Die Treppe f#252;hrte scheinbar endlos in die Tiefe. Mike gab es nach hundert Stufen auf, die Schritte z#228;hlen zu wollen, aber als sie endlich ihr Ende erreicht hatten, war er sicher, da#223; sie sich tief unter dem Meeresspiegel befinden mu#223;ten, und die Vorstellung erf#252;llte ihn mit Unbehagen. Er glaubte die Millionen und Abermillionen Tonnen Wasser fast k#246;rperlich zu f#252;hlen, die auf dem Stein #252;ber ihren K#246;pfen lasteten, und war da nicht ein leises Knistern, das regelm#228;#223;ige Ger#228;usch von fallenden Tropfen und das Mahlen von Fels, der unter dem unvorstellbaren Gewicht genau in diesem Moment nachzugeben begann, und vem Fels bestand. Der weitaus gr#246;#223;te Teil wurde von den Fluten eines nat#252;rlichen, unterseeischen Hafens bedeckt. Und direkt unter ihnen lag der Kolo#223;. Das Schiff -wenn es ein Schiff war, denn Mike hatte nie zuvor etwas gesehen, was diesem phantastischen Gef#228;hrt auch nur #228;hnelte -mu#223;te an die hundert Meter lang sein und war von schlanker Form, die an eine st#228;hlerne Zigarre erinnerte. Der Rumpf bestand aus Stahl, der in einem unheimlichen, graugr#252;nen Farbton schimmerte. Etwa in seiner Mitte erhob sich ein buckeliger, flacher Turm, zu dem eine Anzahl eiserner Leitersprossen emporf#252;hrten. Zwei gro#223;e, runde Fenster aus gew#246;lbtem Glas vermittelten den Eindruck starrender Fischaugen, und wie um diese #196;hnlichkeit noch zu betonen, hatte das Schiff eine gewaltige, senkrecht wie die Finne eines Wales in die H#246;he ragende Heckflosse. Der Bug endete in einem langen, mit metallenen Kanten und Klingen versehenen Sporn, wie die nat#252;rliche Waffe eines #252;bergro#223;en S#228;gefisches, und vom Bug bis zum Heck des Schiffes zog sich ein st#228;hlerner Stachelkamm. Das riesige Gef#228;hrt #228;hnelte viel weniger einem Schiff als einem bizarren Urweltungeheuer, das nach Jahrmillionen zu neuem Leben auferstanden war. Mike hatte keine Fragen mehr. Es gab nichts, was Singh oder Trautman h#228;tten erkl#228;ren m#252;ssen. Er kannte jetzt das Geheimnis der Vergessenen Insel. Er hatte es im selben Moment begriffen, in dem sein Blick auf die fast mannshohen Buchstaben fiel, in denen der Name des Schiffes an seinem Bug stand: NAUTILUS Obwohl im Moment vielleicht nichts so kostbar war wie Zeit, schwiegen Singh und Trautman geduldig, bis Mike den Schock, den ihm der Anblick des Tauchbootes bereitet hatte, so weit #252;berwand, um langsam weiterzugehen. Eine steile, gel#228;nderlose Treppe f#252;hrte in die Tiefe, bei deren Anblick allein Mike normalerweise schwindelig geworden w#228;re. Jetzt bemerkte er den Abgrund nicht einmal, der neben ihm g#228;hnte. Auch als er n#228;her kam, verlor das Schiff nichts von seiner unheimlichen Faszination. Im Gegenteil: Mike konnte sich einfach nicht satt sehen. Er hatte immer mehr das Gef#252;hl, einem Etwas gegen#252;berzustehen, das zwar k#252;nstlich erschaffen, trotzdem aber mehr als nur eine Maschine war. Er konnte nicht sagen, was es war, was er empfand. Das Gef#252;hl, das der Anblick der NAUTILUS in ihm ausl#246;ste, war zu gewaltig, um es in Worte zu fassen. Endlich, nach Minuten, wurde das fast ehrf#252;rchtige Schweigen gebrochen. »Die NAUTILUS!« fl#252;sterte Paul. »Es ... es gibt sie wirklich. Dann ist alles wahr, was man sich erz#228;hlt. Die ... die ganzen Geschichten sind wahr!« Mike l#246;ste widerstrebend seinen Blick von dem Unterseeboot und wandte sich zu Paul um. Er und die anderen waren ihm gefolgt, aber in einiger Entfernung stehengeblieben, und jeder reagierte auf andere Weise auf den Anblick des Schiffes: erstaunt, ungl#228;ubig, erschrocken oder entsetzt. Einzig Chris schien gar nicht zu begreifen, was er da sah. Pl#246;tzlich erinnerte sich Mike wieder an den Schrecken, mit dem Paul reagiert hatte, als Mike das erste Mal seinen wirklichen Namen h#246;rte. »Du hast das gewu#223;t, nicht wahr?« fragte er. »Dein Vater hat dir gesagt, was wir auf dieser Insel finden.« »Nein!« Pauls Stimme klang erschrocken. »Kein Wort, das schw#246;re ich! Aber ... aber jeder hat doch schon von Kapit#228;n Nemo und der NAUTILUS geh#246;rt. Du doch auch!« Das stimmte. Wer h#228;tte nicht von dem phantastischen, unbesiegbaren Unterseeboot geh#246;rt, mit dem der sagenumwobene Kapit#228;n Nemo die Weltmeere befahren hatte? »Ich habe es f#252;r eine Legende gehalten«, fuhr Paul fort. Seine Stimme zitterte, und sein Blick irrte unstet #252;ber den Rumpf der NAUTILUS. »Wir alle haben das! Niemand hat geglaubt, da#223; dieses Schiff wirklich existiert!« »Euer Vater hat daf#252;r gesorgt, da#223; es so ist«, f#252;gte Singh hinzu. »Es war seine letzte Tat. Nachdem er die NAUTILUS zu dieser Insel gebracht hat, verlie#223; er sie noch einmal und sorgte daf#252;r, da#223; aus den Geschichten um die NAUTILUS Legenden wurden. Es war nicht sehr schwer, glaube ich. Die Menschen sind nur zu schnell bereit, das, war sie nicht verstehen k#246;nnen, als M#228;rchen abzutun.« »Deshalb ist Winterfeld also auf dem Weg hierher«, murmelte Mi#223; McCrooder. Die Worte waren an niemanden Bestimmten gerichtet. Sie schien mit sich selbst zu sprechen. Langsam ging sie an Paul und den anderen vorbei und n#228;herte sich dem Schiff. Sie war bleich. »Er mu#223; geahnt haben, was er hier finden w#252;rde. O Gott. Mit diesem Schiff w#228;re er ... unbesiegbar!« »Er k#246;nnte die Welt beherrschen«, best#228;tigte Singh. »Oder zerst#246;ren«, f#252;gte Trautman leise hinzu. Mi#223; McCrooder wandte mit einem Ruck den Kopf und starrte ihn an. »Das meinen Sie nicht ernst!« sagte sie. »Ich meine, es ... es ist ein gewaltiges Schiff, aber doch nicht mehr!« »Ich f#252;rchte, Sie irren sich, Mylady«, sagte Trautman. »Im Vollbesitz seiner Kr#228;fte w#228;re dieses Schiff unbesiegbar. Niemand k#246;nnte es aufhalten oder zerst#246;ren. Nemo hat seine M#246;glichkeiten niemals v#246;llig genutzt,denn er erkannte, welche Gefahr es darstellt. Schlie#223;lich brachte er die NAUTILUS hierher und sorgte daf#252;r, da#223; sie die Insel nie wieder verlassen konnte.« »Moment mal«, sagte Ben. »Soll das hei#223;en, wir k#246;nnen nicht damit von hier verschwinden?« »Mit der NAUTILUS?« Trautman sch#252;ttelte l#228;chelnd den Kopf. »W#228;re es so, h#228;tte ich euch niemals hierhergebracht.« Er deutete auf das Wasser vor dem Schiff. »Der Tunnel, der zu dieser H#246;hle f#252;hrt, ist versch#252;ttet. Nemo sprengte ihn, bevor er die Insel endg#252;ltig verlie#223;. Ein gewaltiger Felsen blockiert den Eingang. Ihr h#228;ttet ihn eigentlich sehen m#252;ssen. Es ist das einzige Riff, das die Wasseroberfl#228;che auf dieser Seite der Insel durchbricht.« »Aber wenn man ihn wegschaffen k#246;nnte -« Trautman unterbrach ihn. »Das ist unm#246;glich. Wir w#252;rden Tonnen von Sprengstoff ben#246;tigen. Und Zeit. Wir haben keines von beiden.« »Dann ist alles verloren«, sagte Ben d#252;ster. »Winterfeld ist in sp#228;testens zwei Stunden hier. Er wird das Schiff finden.« »Nein«, antwortete Trautman, »das wird er nicht. Das Geheimnis dieses Schiffes darf niemals wieder in die H#228;nde eines einzelnen Menschen fallen. Die Macht, die die NAUTILUS darstellt, ist zu gewaltig.« »Na prima«, sagte Ben. »Und was wollen Sie tun? Sie schwarz anmalen, damit er sie nicht findet, oder schnell die T#252;r zumauern?« »Ich werde tun, was Kapit#228;n Nemo mir befohlen hat«, sagte Trautman ernst. »Was ich schon l#228;ngst h#228;tte tun sollen.« Er sah Singh an, und obwohl keiner von beiden etwas sagte, ja nicht einmal eine Miene verzog, sp#252;rte Mike doch ganz deutlich, da#223; Trautman dem Sikh eine Frage stellte und dieser sie auf die gleiche, lautlose Weise beantwortete. Nach einer Weile wandte sich Trautman schweigend um und ging auf eine T#252;r in der Wand zu. Sie war so wuchtig und schwer wie die eines Geldschrankes, und Trautman brauchte all seine Kraft, um sie zu #246;ffnen. »Was hat er vor?« fragte Ben mi#223;trauisch, nachdem der alte Mann verschwunden war. Singh antwortete nicht, auch als Mike die Frage wiederholte. So verging sicher eine Minute, bis Singh mit einem Seufzen aus seiner sonderbaren Erstarrung erwachte und die Hand hob. »Wir m#252;ssen gehen«, sagteer.»Er wird die NAUTILUS zerst#246;ren, nicht wahr?« fragte Mike leise. Singhs Antwort bestand nur aus einem angedeuteten Nicken. »Aber das ist doch Wahnsinn!« begehrte Ben auf. »Das ... das ist das phantastischste Schiff, das es jemals auf der Welt gegeben hat! Wenn auch nur die H#228;lfte von dem stimmt, was man sich dar#252;ber erz#228;hlt, dann istes-«»Eine Waffe«, fiel ihm Mike ins Wort. »Die furchtbarste Waffe, die man sich nur vorstellen kann.« Ben starrte ihn verst#228;ndnislos an, aber auf Singhs Lippen erschien ein dankbares L#228;cheln. »Ich habe gehofft, da#223; Ihr so denkt«, sagte er. »Ihr seid also damit einverstanden, da#223; wir sie zerst#246;ren?« »W#252;rde es etwas #228;ndern, wenn ich es nicht w#228;re?« fragte Mike. »Nein«, antwortete Singh offen. »Aber ich bin trotzdem froh, da#223; Ihr Euch so und nicht anders entschieden habt.« »Ihr beide m#252;#223;t verr#252;ckt sein!« protestierte Ben. »Ihr habt nicht das Recht, das Schiff zu zerst#246;ren. Es geh#246;rt euch nicht! Es geh#246;rt -« »Wem?« fiel ihm Mike ins Wort. »Deinen Leuten? Den Franzosen? Den Deutschen? Den Indern? Welcher Nation willst du dieses Schiff ausliefern? Wer, glaubst du, w#228;re am besten dazu geeignet, die Welt zu beherr schen?« F#252;r einen Moment war Ben verwirrt und etwas erschrocken. Dann machte er eine #228;rgerliche Bewegung mit beiden H#228;nden. »Unsinn«, sagte er. »Es ist nur ein Schiff. Ganz egal, wie stark es ist, niemand kann damit die ganze Welt beherrschen.« »Die NAUTILUS allein reicht dazu nicht aus«, antwortete Mike. »Aber das Wissen, das sie bedeutet. Glaubst du denn, sie w#252;rden sich damit zufriedengeben, sie zu bewundern oder in ein Museum stellen? Ich will dir sagen, was sie tun werden: Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern und Ingenieuren w#252;rden #252;ber sie herfallen und ihr nach und nach alle Geheimnisse entrei#223;en. Und sie w#252;rden sie mi#223;brauchen, um neue Waffen und neue Kriegsmaschinen zu konstruieren. Mein Vater hat das gewu#223;t, und deshalb hat er das Schiff hierher gebracht!« »Aber er hat es nicht zerst#246;rt!« beharrte Ben. »Nein. Aber er hat ganz bestimmt nicht gewollt, da#223; es in die H#228;nde machthungriger Verr#252;ckter f#228;llt!« antwortete Mike heftig. Er lie#223; ganz bewu#223;t offen, ob er damit nun Winterfelds oder Bens Leute meinte. »Das Schiff mu#223; zerst#246;rt werden«, sagte er noch einmal schweren Herzens. Dabei erf#252;llte ihn der Gedanke mit Entsetzen. Dieses unglaubliche Schiff hatte all die Jahre hindurch hier gelegen und auf ihn gewartet -nur damit er kam und den Befehl zu seiner Zerst#246;rung gab. Doch es mu#223;te sein. Und wahrscheinlich war es gut, da#223; er diese Entscheidung so schnell treffen mu#223;te, denn er war gar nicht sicher, da#223; sie genauso ausgefallen w#228;re, h#228;tte er Zeit gehabt, dar#252;ber nachzudenken. Er glaubte pl#246;tzlich zu verstehen, warum sein Vater die NAUTILUS nicht zerst#246;rt hatte. Das Schiff stellte nicht nur eine ungeheuerliche Macht, sondern auch eine ebenso gro#223;e Verlockung dar. Mike war nicht sicher, da#223; er ihr wirklich widerstehen konnte, wenn er ihr lange ausgesetzt war. Vielleicht konnte das niemand. »Also los«, sagte er. »Gehen wir.« »Wohin denn?« fragte Ben. »Wollt ihr vielleicht nach Hause schwimmen?« »Winterfeld wird euch nach Hause bringen«, sagte Singh. »Winterfeld?« Ben kreischte fast. »Bist du verr#252;ckt? Er wird uns umbringen!« »Das wird er nicht«, antwortete Mike an Singhs Stelle. »Wenn die NAUTILUS zerst#246;rt ist, gibt es keinen Grund mehr f#252;r ihn, uns gefangenzuhalten.« »Er kann es sich gar nicht leisten, uns laufenzulassen«, widersprach Ben. »Immerhin hat er uns entf#252;hrt und auf uns geschossen. Wir w#252;rden alles erz#228;hlen.« »Und wer w#252;rde uns glauben?« fragte Mike ruhig. Er deutete auf das Schiff. »Glaubst du wirklich, ein Mensch auf der Welt w#252;rde uns glauben, was wir hier gefunden haben?« Er sch#252;ttelte entschieden den Kopf. »Und selbst wenn -Winterfeld ist vielleicht unser Feind, aber kein M#246;rder.« Er wandte sich an Singh. »Was ist mit Trautman?« »Er bleibt hier«, antwortete der Sikh. Mike empfand ein Gef#252;hl tiefer Trauer, aber er sagte nichts. Die NAUTILUS war alles f#252;r Trautman gewesen. W#228;hrend der letzten f#252;nfzehn oder vielleicht auch mehr Jahre hatte sein Leben keinen anderen Sinn gehabt, als den, #252;ber das Schiff zu wachen. Wenn es die NAUTILUS nicht mehr gab, dann hatte auch sein Leben jeden Inhalt verloren. »Willst du dich nicht von ihm verabschieden?« fragteer.Singh sah schweigend zu der T#252;r, hinter der Trautman verschwunden war. Dann sch#252;ttelte er den Kopf. »Das ist nicht n#246;tig«, sagte er. »Ich glaube auch nicht, da#223; er das will.« »Mir kommen gleich die Tr#228;nen«, sagte Ben. »Ihr zwei m#252;#223;t vollkommen #252;bergeschnappt sein, wi#223;t ihr das? Habt ihr #252;berhaupt eine Ahnung, welchen Schatz ihr da vernichten wollt?« Mike antwortete nicht darauf. »Gehen wir«, sagte ernur.Sie wandten sich um und bewegten sich schweigend auf die Treppe zu, doch nach ein paar Schritten blieb Andr#233; pl#246;tzlich stehen und fragte: »Wo ist Mi#223; Mc-Crooder?« Auch Mike hielt inne und sah sich #252;berrascht um, und noch bevor er sich selbst davon #252;berzeugen konnte, da#223; Mi#223; McCrooder tats#228;chlich nicht mehr bei ihnen war, sagte Ben: »Viel interessanter finde ich die Frage: Wo ist Paul?« Einige Sekunden lang sagte niemand ein Wort. Mike suchte jeden Winkel und jeden Schatten mit Blicken ab. Schlie#223;lich fuhr Ben fort: »Dein Freund ist abgehauen. Wahrscheinlich ist er l#228;ngst unterwegs zu seinem Vater, um ihm den Weg hierher zu zeigen!« Mike sah ihn betroffen an. Er weigerte sich noch immer zu glauben, da#223; es so war, aber die Tatsachen sprachen ihre eigene Sprache. Mike h#228;tte vor Zorn und Entt#228;uschung am liebsten laut aufgeschrien. Er konnte es nicht fassen, da#223; Paul sie tats#228;chlich verraten habensollte! »Damit kommt er nicht durch!« sagte Ben entschlossen. »Er hat nur ein paar Minuten Vorsprung. Los, wir schnappen ihn uns!« Mike wurde einfach mitgerissen, als sie losst#252;rmten und hintereinander die Treppe hochpolterten. Sie kam ihm viel steiler vor als auf dem Weg nach unten, und auch viel l#228;nger. Mit Ausnahme Singhs waren sie alle au#223;er Atem, ehe sie auch nur den halben Weg hinter sich gebracht hatten. Sie wurden immer langsamer - und blieben schlie#223;lich ganz stehen, kurz, bevor sie das Ende der Treppe erreichten. Allerdings nicht vor Ersch#246;pfung oder Schw#228;che. Wo vorher ein offener Durchgang gewesen war, da verwehrte ihnen nun eine Barriere aus Tr#252;mmern, Holz, Steinen und allerlei Abf#228;llen den Weg. Sie war sichtbar in aller Hast errichtet worden und machte keinen sonderlich massiven Eindruck -aber als Mike als erster an dem Hindernis zu r#252;tteln begann, drohte der ganze Tr#252;mmerberg ins Wanken zu geraten und auf sie herabzust#252;rzen. Singh schob Mike mit sanfter Gewalt zur Seite, bedeutete ihm und den anderen aber gleich darauf, ihm zu helfen. Mit vereinten Kr#228;ften gelang es ihnen, das Hindernis aus dem Weg zu r#228;umen, aber sie mu#223;ten sehr vorsichtig sein, damit ihnen der ganze Kram nicht auf die K#246;pfe fiel, was auf der Treppe fatale Folgen gehabt h#228;tte. So verloren sie weitere wertvolle Zeit, in der Pauls Vorsprung abermals wuchs. Weit genug, wie sich zeigte. Sie st#252;rmten weiter, kaum da#223; sie so viele Tr#252;mmer aus dem Weg ger#228;umt hatten, um sich durch die entstandene #214;ffnung zu quetschen. Mit Riesenschritten durchquerte Singh die Maschinenhalle und jagte zum Strand hinunter. Mike und die anderen folgten ihm dicht auf den Fersen.Sie kamen zu sp#228;t. Die Segeljacht lag nicht mehr dort, wo sie sie zur#252;ckgelassen hatten, sondern hatte sich schon ein gutes St#252;ck vom Ufer entfernt, und sie schwenkte genau in diesem Moment herum und richtete den Bug auf die Mitte des Sees aus. Das gro#223;e Segel hing schlaff vom Mast, aber Mike h#246;rte das Tuckern des kleinen Motors, mit dem Paul das Boot in Bewegung gesetzt hatte. Singh rannte, so schnell er konnte. Er st#252;rmte den Strand hinunter und ins Wasser hinein, und f#252;r einige Augenblicke sah es sogar fast so aus, als k#246;nne er die Jacht noch einholen. Doch auch das Schiff wurde schneller, und Singh w#252;rde das Rennen verlieren. Singh watete weiter, so rasch er konnte, warf sich schlie#223;lich nach vorne und versuchte, das Schiff mit kraftvollen Kraulbewegungen zu erreichen. F#252;r einige Augenblicke hielt er sogar mit dessen Tempo mit, doch im Gegensatz zu ihm kannte der Motor des Schiffes keine Ersch#246;pfung, w#228;hrend Singhs Kr#228;fte rasch erlahmten. Schlie#223;lich gab er es auf. Einige Augenblicke lang verharrte er noch wassertretend auf der Stelle, dann machte er kehrt und kam zu ihnen zur#252;ckgeschwommen. Auch Mike und die anderen waren bis an die H#252;ften ins Wasser hineingewatet. Mit vereinten Kr#228;ften halfen sie dem v#246;llig ersch#246;pften Sikh ans Ufer zur#252;ck. »Dieser verdammte Verr#228;ter!« schimpfte Ben. »Ich habe ihm nie getraut, aber ihr habt ja nicht auf mich geh#246;rt!« Die Worte trafen Mike wie Hiebe. Er konnte es nicht glauben, da#223; er sich so sehr in Paul get#228;uscht haben sollte; auch wenn er soeben gesehen hatte, was geschah. In seinen Augen war pl#246;tzlich ein hei#223;es Brennen. »Hoffentlich l#228;uft er auf den Riffen auf und ers#228;uft, ehe sie ihn auffischen k#246;nnen«, fuhr Ben ha#223;erf#252;llt fort. »Vielleicht fressen ihn ja auch die Fische.« »Dann m#252;#223;ten sie schon an Land kommen«, sagte eine Stimme hinter ihnen. #220;berrascht fuhren sie herum - und nicht nur Mikes Augen weiteten sich ungl#228;ubig, als er die Gestalt erblickte, die sich taumelnd und die rechte Hand gegen die Schl#228;fe gepre#223;t aus dem Unterholz hinter ihnen erhob. »Es tut richtig gut, wenn man h#246;rt, wie beliebt man ist«, sagte Paul gepre#223;t. Ein wenig Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor und lief #252;ber sein Gesicht. Als er auf sie zukam, stolperte er und w#228;re beinahe wieder gest#252;rzt. »Paul!« murmelte Mike fassungslos. »Du? Aber wer ist dann -?!« »Na, wer fehlt denn noch?« murmelte Paul. »Dreimal darfst du raten.« Mike verstand nichts mehr. Die Antwort auf Pauls Frage war klar, aber das war doch... »Unm#246;glich!« fl#252; sterte er. »Mi#223; McCrooder?« »Ich habe gemerkt, da#223; sie sich davonschlich!« be st#228;tigte Paul, »und bin ihr nach. Als ich sah, da#223; sie auf die Jacht wollte, habe ich sie zur Rede gestellt.« »Und?« fragte Ben. »Und?« Paul zog eine Grimasse und nahm die Hand herunter, und sie konnten sehen, da#223; #252;ber seinem rechten Auge eine kleine Platzwunde entstanden war. Die Haut darunter schimmerte dunkelviolett. In sp#228;te stens einer Stunde w#252;rde er eine gewaltige Beule haben. »Sie hat einen Stein aufgehoben und mir eins #252;bergezogen. Schlaumeier!« sagte er, ganz bewu#223;t Bens Lieblingsausdruck benutzend. »Das ... das glaube ich nicht«, antwortete Ben ver st#246;rt. Paul grinste h#228;misch. »Recht hast du«, sagte er. »In Wahrheit habe ich Mi#223; McCrooder umgebracht und ihre Leiche irgendwo im Dschungel verscharrt. Und auf dem Schiff da f#228;hrt einer der M#228;nner meines Va ters, den ich mit an Bord geschmuggelt habe. Ich wundere mich eigentlich, da#223; ihr ihn nicht l#228;ngst entdeckt habt. Ich hatte ihn in der rechten Hosentasche, wei#223;t du?« »Aber Mi#223; McCrooder«, stammelte Mike. »Das ergibt doch #252;berhaupt keinen Sinn!« Paul musterte erst das Blut auf seiner Hand, dann ihn finster. »Glaub es ruhig«, grollte er. »Oder la#223; es meinetwegen. Ich sch#228;tze, sehr bald kannst du sie selbst fragen - auf der LEOPOLD.« »Dann war sie der Verr#228;ter«, sagte Ben grimmig. »Ich hatte also recht! Wir hatten einen Verr#228;ter unter uns. Sie hat die ganze Zeit f#252;r Winterfeld gearbeitet. Von Anfang an!« »Ja, und du k#246;nntest dich jetzt vielleicht bei Paul entschuldigen«, sagte Juan. Bens Antwort bestand nur aus einem b#246;sen Blick. Er geh#246;rte eindeutig nicht zu den Menschen, die sich jemals f#252;r irgend etwas entschuldigten. »Daf#252;r ist jetzt keine Zeit«, mischte sich Singh ein. Er hatte sich wieder weit genug erholt, um aufstehen zu k#246;nnen. »Wir m#252;ssen zur#252;ck zu Trautman. Schnell!« »Aber warum denn?« fragte Mike. »Er darf die NAUTILUS nicht vernichten!« antwortete Singh, w#228;hrend er sich bereits umwandte. »Folgt mir -rasch!« Mike setzte zu einer neuerlichen Frage an, aber Singh rannte bereits los - und trotz seiner Ersch#246;pfung so schnell, da#223; er schon nach wenigen Augenblicken in der Maschinenhalle verschwunden war. »Was ist denn mit dem los?« wunderte sich Andr#233;. »Erst will er das Schiff mit aller Gewalt in die Luft jagen, und dann tut er so, als hinge unser Leben davon ab, da#223; es nicht passiert.« »Winterfelds Leute werden nun fr#252;her hiersein, als wir es erwartet haben«, sagte Juan. »Die McCrooder zeigt ihnen garantiert die Passage.« »Und?« fragte Andr#233;. »Um so besser. Dann holen sie uns eben etwas eher von dieser Insel ab. Wo ist der Unterschied?« Niemand wu#223;te eine Antwort darauf - aber Mike hatte pl#246;tzlich ein sehr, sehr ungutes Gef#252;hl. Irgend etwas sagte ihm, da#223; es einen Unterschied gab. Und da#223; vielleicht ihr Leben davon abhing. Singh hatte Trautman l#228;ngst erreicht, als sie zur#252;ck in den unterirdischen Hafen kamen, in dem die NAU-TILUS lag. Die H#246;hle hatte sich ver#228;ndert -unter der Decke war eine Anzahl gro#223;er Lampen angegangen, die das Wasser und den gigantischen Rumpf des Unterseebootes in blendend helles Licht tauchten, und Mike glaubte ein ganz sachtes Vibrieren zu sp#252;ren, als w#228;ren tief unter ihren F#252;#223;en gewaltige Maschinen angelaufen. Trautman und der Sikh standen unweit des Schiffes und unterhielten sich heftig gestikulierend miteinander. Beide waren einer Panik nahe. Singh unterbrach seine Rede, als Mike und die anderen hereinkamen. Ein einziger Blick in seine Augen reichte Mike, um zu wissen, da#223; er nicht mehr rechtzeitig gekommen war. »Zu sp#228;t!« stellte er fest. Singh nickte. »Um eine Minute. Der Zerst#246;rungsmechanismus ist in Gang gesetzt, und keine Macht der Welt kann ihn jetzt noch aufhalten.« Ein eisiges Fr#246;steln lief #252;ber Mikes R#252;cken. Er wandte sich zur NAUTILUS um und lie#223; seinen Blick #252;ber die schimmernden Panzerplatten ihres Rumpfes gleiten. Sie lag unver#228;ndert und unbesch#228;digt vor ihnen, und f#252;r einen Moment weigerte er sich einfach, Singhs Worte zu glauben. »Dann sollten wir nicht hier rumstehen, sondern verschwinden, ehe uns das ganze Schuf um die Ohren fliegt«, sagte Ben schlie#223;lich. »Wieviel Zeit bleibt uns?« »Zwei Stunden«, antwortete Trautman. »Vielleicht drei, aber auf keinen Fall mehr.« »Worauf warten wir dann noch?« fragte Ben. Singh seufzte. Er schlo#223; die Augen, ballte die H#228;nde zu F#228;usten und atmete tief ein, ehe er antwortete: »Es ist nicht die NAUTILUS, die zerst#246;rt wird, Ben.« »Nicht die NAUTILUS?« Ben blinzelte. »Aber was denn -« »Die ganze Insel wird untergehen«, sagte Trautman. »Die ... ganze Insel?« stammelte Ben. »Was zum Teufel soll das hei#223;en? Das ist doch unm#246;glich!« »Das ist es nicht«, sagte Trautman ernst. Er machte eine weit ausholende Geste. »Diese Insel ist der Gipfel eines unterseeischen Vulkans. Er ist erloschen, schon vor Tausenden von Jahren, und sein Krater hat sich mit Wasser gef#252;llt. Aber tief unter unseren F#252;#223;en ist seine Glut noch so hei#223; wie am ersten Tag.« »Und?« fragte Ben. Seine Stimme schwankte. »Was hat das mit der NAUTILUS zu tun?« Trautman wandte sich direkt an Mike. »Dein Vater sah eine Gefahr wie diese voraus. Die NAUTILUS nur zu versenken h#228;tte wenig Sinn. Sie w#252;rden sie heben, ganz egal, wie lange es dauert. Und selbst ihr Wrack stellt noch eine ungeheure Gefahr dar. Also lie#223; er tiefe Sch#228;chte bohren, Sch#228;chte, die bis zum Lavakern der Insel hinabreichen.« Er schwieg kurz. Dann fuhr er leise fort: »Ich habe diese Sch#228;chte ge#246;ffnet. Das Wasser des Meeres wird in die Tiefe flie#223;en und mit der Lava zusammentreffen. Die Dampfexplosion wird die ganze Insel vernichten.« »Aber das ... das ist doch Wahnsinn!« kr#228;chzte Ben. »Ihr seid doch alle verr#252;ckt!« »Die Zeit h#228;tte gereicht«, verteidigte sich Singh. »Zwei Stunden sind mehr als genug, um zur LEOPOLD zur#252;ckzukehren und Winterfeld zu warnen. Niemand konnte ahnen, da#223; das Schiff nicht mehr da sein w#252;rde.«»Sie m#252;ssen es aufhalten!« verlangte Ben. »Das darf nicht geschehen. Sie m#252;ssen ... irgend etwas tun. Schalten Sie es ab.« »Das kann ich nicht, Junge«, sagte Trautman traurig. »Niemand kann das jetzt noch.« »Was ist mit der NAUTILUS?« fragte Mike. Trautman runzelte die Stirn. »Was soll damit sein?« »Ich meine: Ist sie in Ordnung?« fragte Mike. »Ist sie seet#252;chtig?« »Wir k#246;nnten versuchen, damit zu fliehen«, nahm Juan den Gedanken auf. »Das ist unm#246;glich«, antwortete Trautman. »Ich habe es euch doch gesagt. Der Kanal ist versperrt. Wir k#228;men niemals hier heraus, selbst wenn wir das Schiff flottbekommen. Und ich bin nicht sicher, da#223; es mir gelingt. Immerhin hat sie sich seit zwanzig Jahren nicht mehr bewegt.« »Aber es ist eine Chance!« beharrte Mike. »Vielleicht ... vielleicht k#246;nnen wir den Felsen einfach beiseiteschieben. Dieses Schiff ist ungeheuer gro#223;!« »Der Felsen ist gr#246;#223;er«, antwortete Trautman ruhig. »Nicht einmal die NAUTILUS kann einen Berg zur Seite schieben. Wir w#252;rden umkommen.« »Hier kommen wir auf jeden Fall um!« sagte Juan. Er deutete auf Mike. »Er hat recht. Ich bin auch daf#252;r, es wenigstens zu versuchen. Wo ist der Unterschied, ob wir dabei get#246;tet werden oder hier warten, bis die ganze Insel explodiert?« Trautman schwieg. »Bitte, Trautman! Vielleicht ... vielleicht sprengt der Vulkanausbruch den Felsen weg, ehe der ganze Tunnel #252;ber uns zusammenbricht. Ich wei#223;, das ... das ist eine verzweifelte Hoffnung. Vielleicht haben wir nur eine Chance von eins zu hundert, aber das ist immer noch mehr, als wir hier haben.« »Ich w#252;rde Tage brauchen, um das Schiff seet#252;chtig zu machen«, antwortete Trautman. »Ganz davon abgesehen, da#223; die NAUTILUS eine ausgebildete Besatzung braucht. Wahrscheinlich w#252;rden wir einfach sinken, selbst wenn es uns gel#228;nge, die Insel zu verlassen.« »Dann sinken wir eben!« sagte Mike; nein - er schrie es fast. Er war der Verzweiflung nahe. »Trautman, das ist unsere einzige Chance! Bitte!« Einige Sekunden vergingen, ohne da#223; Trautman antwortete. Er blickte Mike nur an, und in seinem Gesicht r#252;hrte sich kein Muskel. Aber Mike konnte den lautlosen Kampf, der sich in ihm abspielte, deutlich in seinen Augen lesen. Und schlie#223;lich nickte Trautman. »Also gut«, sagte er. »Versuchen wir es.« Die zwei Stunden, von denen Trautman gesprochen hatte, waren nahezu vorbei. Die Insel war nicht mehr ruhig. Das Vibrieren und Zittern des Bodens, #252;ber dessen wahre Bedeutung sich Mike im ersten Moment so v#246;llig get#228;uscht hatte, hatte zugenommen. Das Wasser, in dem die NAUTILUS lag, zitterte und wogte ununterbrochen, und manchmal l#246;sten sich Steine und kleinere Felsbrocken von der Decke und fielen zu Boden. Wenn sie die NAUTILUS trafen, dr#246;hnte der gewaltige st#228;hlerne Leib des Schiffes wie unter einem Kanonenschu#223;. Vor einigen Minuten hatte sich ein Brocken aus der Decke gel#246;st, der gro#223; genug gewesen w#228;re, selbst das m#228;chtige Schiff zu besch#228;digen. Er hatte die NAUTILUS verfehlt und nur ein gewaltiges St#252;ck aus dem Felsenufer gebissen, aber Mike hatte die Warnung verstanden. Ihre Zeit lief ab. Sie hatten sich im Turm der NAUTILUS versammelt, und Trautmans H#228;nde umschlossen das gro#223;e Steuerrad so fest, als wolle er es zerbrechen. Es war sehr eng in der kleinen Kammer, die eigentlich nur f#252;r den Steuermann und h#246;chstens noch einen Assistenten gedacht war, aber niemand machte auch nur den Vorschlag, hinunter in das Schiff zu steigen, wo Platz f#252;r hundert oder mehr Menschen gewesen w#228;re. Mike sp#252;rte eine sonderbare Erregung, die nichts mit der Furcht vor dem, das sie erwarten mochte, zu tun hatte. Er kam sich immer mehr wie in einem Traum gefangen vor. Vor wenigen Stunden noch hatte er nicht einmal gewu#223;t, da#223; es dieses Schiff gab, und nun erwachte die NAUTILUS unter Trautmans H#228;nden wieder zum Leben. Und selbst, wenn sie es nur tat, um in wenigen Minuten endg#252;ltig zerst#246;rt zu werden - es war ein erhebendes Gef#252;hl, das mit Worten kaum zu beschreiben war. W#228;hrend der letzten beiden Stunden hatten sie die NAUTILUS von einem Ende zum anderen durchstreift und unter Trautmans und Singhs Anleitung Tausende von Dingen getan, die sie zum gr#246;#223;ten Teil nicht einmal begriffen. Aber das Wunder, das keiner von ihnen ernsthaft zu erhoffen gewagt hatte, war geschehen: So alt und verstaubt, wie das Schiff war, es war mit jedem Hebel, den sie umlegten, jedem Schalter, den sie bet#228;tigten, jedem Ventil, das sie #246;ffneten, ein St#252;ckchen mehr zum Leben erwacht, und jetzt erf#252;llte das unheimliche Summen und Stampfen der gewaltigen Motoren den Rumpf wie das Wispern unsichtbarer elektrischer Geister. Nach mehr als zwanzig Jahren war die NAUTILUS wieder aus ihrem Dornr#246;schenschlaf erwacht, um noch einmal in See zu stechen. Vielleicht zum letzten Mal. Das Summen der Motoren wurde ein wenig lauter, und etwas #228;nderte sich im Takt der Wellen, die gegen den st#228;hlernen Rumpf der NAUTILUS schlugen. Mikes Herz begann zu h#228;mmern. Langsam, wie ein gro#223;es, eisernes Tier, das aus einem tiefen Schlaf erwachte und nur allm#228;hlich seine Kr#228;fte wieder zu entdecken begann, setzte sich die NAUTI-LUS in Bewegung. Trautman bet#228;tigte einen Schalter, und an ihrem Bug flammte ein gewaltiger Scheinwerfer auf, der den Tunnel vor ihnen erhellte. Mike sah, da#223; sich die Decke des Stollens vor ihnen senkte, bissie in einer Entfernung von zwei- oder dreihundertMetern beinahe das Wasser ber#252;hrte. Irgendwo, noch viel, viel weiter entfernt, schimmerte ein winzigerFleck Tageslicht.Allm#228;hlich wurde das Schiff schneller. Gleichzeitig sank es ein wenig tiefer, so da#223; die Wellen bald #252;ber dem Rumpf zusammenzuschlagen begannen. Trautman hatte ihnen erkl#228;rt, da#223; sie nicht wirklich tauchen konnten; dazu waren umfangreiche Vorbereitungen n#246;tig und eine Mannschaft, die wu#223;te, was sie tat, und nicht einfach nur auf Befehl ein paar Hebel umlegte. Aber der freie Spalt zwischen der Tunneldecke und dem Wasser war gerade hoch genug, den Turm des Schiffes hindurchzulassen. Ein dumpfes Grollen drang an Mikes Ohr. Er fuhr erschrocken zusammen, als Steine und Felsbrocken wie Hagel rings um das Schiff ins Wasser schlugen; einige trafen die NAUTILUS, und das ganze Schiff begann wie eine riesige Glocke zu dr#246;hnen. Die Insel war dabei, #252;ber ihren K#246;pfen zusammenzubrechen. Mike betete still, da#223; die Zeit reichte, um das Ende des Tunnels zu erreichen. Die NAUTILUS wurde wieder schneller. F#252;r einige Augenblicke pfl#252;gte sie wie ein Torpedo durch den Tunnel, und der helle Fleck an seinem Ende wuchs zu einem Halbkreis heran. Dann nahm Trautman das Tempo wieder zur#252;ck. Und einen Augenblick sp#228;ter sahen sie den Felsen. Mike h#228;tte vor Entt#228;uschung beinahe aufgest#246;hnt. Der Tunnel f#252;hrte direkt auf das freie Meer hinaus, ganz wie Trautman gesagt hatte. Der Himmel drau#223;en war nicht mehr blau. Unmittelbar #252;ber der Insel spiegelte sich roter Feuerschein am Firmament, und ein feiner Aschenregen ging auf das Wasser nieder. Mike konnte einen Teil einer m#228;chtigen, schwarzgrauen Rauchwolke erkennen, die fast senkrecht in den Himmel stieg. Der Kratersee und die alte Stadt mu#223;ten bereits vernichtet worden sein. Der Vulkan hatte wieder angefangen, Feuer zu speien. Wie durch ein Wunder war der Tunnel bisher noch nicht versch#252;ttet worden, und wie durch eine besonders grausame Laune des Schicksals versperrte der Felsen die Ausfahrt nicht v#246;llig, sondern ragte wie ein steinerner Speer schr#228;g von unten aus dem Wasser, gerade weit genug, um ein Schiff, das nur etwas kleiner gewesen w#228;re, hindurchzulassen. F#252;r den st#228;hlernen Giganten aber stellte er eine un#252;berwindliche Barriere dar. Trautman lie#223; das Schiff allm#228;hlich langsamer werden und hielt schlie#223;lich ganz an. Das vordere Drittel der NAUTILUS ragte bereits aus der H#246;hle heraus. Die Rettung lag zum Greifen nahe vor ihnen. »Und wenn wir ihn einfach rammen?« fragte Juan. Trautman sch#252;ttelte den Kopf. »Er w#252;rde unseren Rumpf aufrei#223;en wie ein Messer«, sagte er. »Die Pan zerplatten halten viel aus, aber sie sind nicht unzer st#246;rbar.« Ein dumpfer Schlag ging durch die Insel. Die NAUTI LUS erbebte, und wieder regneten Felstr#252;mmer rings um sie herum ins Wasser. Mike glaubte ein furchtbares Mahlen und Knirschen zu h#246;ren, das direkt aus den Tiefen des Meeres zu ihnen heraufdrang, und f#252;r einen Moment meinte er die unvorstellbaren Kr#228;fte geradezu zu sp#252;ren, die sich tief unter ihnen zusammenballten, um die Insel in einer einzigen ungeheuerlichen Explosion vom Antlitz der Erde zu tilgen. »Aber es mu#223; einen Weg geben!« beharrte Juan. »Vielleicht«, murmelte Trautman. Er fuhr sich nerv#246;s mit der Hand #252;ber das Kinn. Sein Blick huschte #252;ber die salzverkrusteten Flanken des Felsens, der die Zufahrt versperrte. »Vielleicht gibt es eine Chance. Wenn wir Anlauf nehmen und mit voller Kraft gegen den Felsen fahren, kommen wir vielleicht vorbei.« »Sie meinen, er wird zerbrechen?« »Ich meine, da#223; die NAUTILUS zerbrechen w#252;rde«, antwortete Trautman ruhig. »Ihre Flanke wird von vorne bis hinten aufrei#223;en. Habt ihr alle Schotten geschlossen, wie ich es euch gesagt habe?« Alle nickten, und Trautman fuhr fort: »Dann haben wir eine Chance. Vielleicht reicht dann der Schwung, uns an dem Felsen vorbeizutragen.« »Aber das Schiff wird sinken wie ein Stein!« protestierte Ben. »Nicht sofort«, widersprach Trautman. »Es wird sinken, aber nur langsam. Die Schotten halten dem Wasserdruck vielleicht lange genug stand, da#223; ihr von Bord gehen k#246;nnt. Mit ein wenig Gl#252;ck fischt euch die LEOPOLD auf.« »Uns?« fragte Juan. »Und was ist mit Ihnen?« »Ich geh#246;re hierher«, antwortete Trautman ernst. »Ich k#246;nnte nirgendwo sonst leben. Aber ihr seid zu jung, um so sinnlos zu sterben. Wir m#252;ssen es riskieren.« Er dr#252;ckte einige Schalter, und die NAUTILUS be gann langsam wieder in den Tunnel zur#252;ckzugleiten, um Anlauf zu ihrem verzweifelten Ausbruchsversuch zu nehmen. Pl#246;tzlich hatte Mike Angst, schreckliche Angst. Sie alle hatten das Risiko gekannt, und doch war er f#252;r einen Moment nahe daran, einfach in Panik auszubrechen. Vor seinen Augen stieg eine entsetzliche Vision auf: Er sah die NAUTILUS, mit zerborstenen, aufgeschlitzten Flanken, durch die das Wasser hereinsprudelte, hilflos eingeklemmt zwischen der Insel und dem Felsen, w#228;hrend der Himmel #252;ber ihnen Feuer fing und Glut und Felsen auf sie herabregneten. »Halt!« sagte Singh pl#246;tzlich. »Halten Sie an, Trautman! Dort! Sehen Sie doch!« Alle fuhren erschrocken herum und blickten durch das Fenster hinaus in die Richtung, in die Singhs ausgestreckte Hand deutete, w#228;hrend Trautman das Schiff hastig wieder zum Stehen brachte. Hinter dem Felsen erschien ein grauer Kolo#223;. So dicht, wie es gerade noch m#246;glich war, ohne den gefahrlichen Riffen zu nahe zu kommen, stampfte die LEOPOLD um die Insel herum und hielt mit voller Fahrt auf den Ausgang des Tunnels zu! »Was -?!« begann Trautman #252;berrascht. Seine Worte gingen in einem dumpfen Knall unter. Eine wei#223;e Rauchwolke l#246;ste sich vom Bug des Kriegsschiffes, und einen Sekundenbruchteil sp#228;ter h#246;rten sie alle das ihnen schon bekannte, furchtbare Heulen, das rasend schnell lauter wurde. »Sie schie#223;en!« schrie Ben. »Diese Wahnsinnigen schie#223;en auf uns!« Aber die Granate traf nicht die NAUTILUS. Pl#246;tzlich zerbarst das Meer direkt neben dem Felsen in einer gigantischen, wei#223;en Schaumexplosion, und die Gischt hatte sich noch nicht wieder gelegt, als die LEOPOLD einen zweiten Schu#223; abgab und gleich darauf einen dritten. Diese beiden lagen genauer im Ziel. Steintr#252;mmer und Funken stoben in alle Richtungen davon, als die Geschosse den Felsen trafen. »Sie ... sie feuern auf den Felsen«, fl#252;sterte Trautman fassungslos. »Gro#223;er Gott, sie versuchen den Felsen wegzusprengen!« Und genau das war es, was das Kriegsschiff tat. Die LEOPOLD feuerte Breitseite auf Breitseite auf den Felsen. Die Welt vor dem Tunnelausgang versank in einem Chaos aus Flammen und Rauch und herumfliegenden Felstr#252;mmern, und die Gesch#252;tze feuerten immer noch weiter. Und so riesig der Felsen auch war am Ende gab er unter der Gewalt der Explosionen nach. Durch einen Vorhang aus kochender Gischt und Flammen hindurch beobachteten sie, wie der steinerne Kolo#223; wankte, pl#246;tzlich von einem Ri#223; der L#228;nge nach gespalten wurde wo unter ihren F#252;#223;en etwas zerbrach. Doch das furchtbare Ger#228;usch hereinstr#246;menden Wassers, auf das er wartete, kam nicht. Statt dessen b#228;umte sich die NAUTILUS auf, scho#223; f#252;r einen Moment regelrecht aus dem Wasser heraus und krachte mit einem Schlag zur#252;ck, der sie allesamt von den F#252;#223;en ri#223; und Trautman gegen das Ruder warf. Und dann waren sie an der Barriere vorbei. Vor der NAUTILUS lag die offene See, und noch w#228;hrend sich Mike benommen aufzurichten versuchte, griff Trautman wieder nach dem Ruder und ri#223; es herum. W#228;hrend hinter ihnen die Vergessene Insel in Feuer und Rauch explodierte, scho#223; die NAUTILUS mit rasch wachsender Geschwindigkeit auf das offene Meer hinaus. »Findest du nicht, da#223; du dich jetzt wenigstens entschuldigen k#246;nntest?« fragte Juan. Die Worte galten Ben, der zusammen mit ihnen auf das Deck der NAUTILUS hinausgetreten war. Vielleicht zum ersten Mal, solange Mike den Engl#228;nder kannte, sah er ihn ein wenig in Verlegenheit. Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Im Osten kroch bereits die D#228;mmerung #252;ber den Horizont, aber es war der bizarrste Sonnenuntergang, den Mike jemals erlebt hatte - der Himmel f#228;rbte sich rot, aber es war ein Leuchten, das aus dem Wasser emporstieg. Die Insel war auseinandergebrochen und im Meer versunken, nicht einmal eine Viertelstunde, nachdem sie den Tunnel verlassen und beobachtet hatten, wie auch die LEOPOLD hastig beidrehte und sich aus der Gefahrenzone brachte, doch das Feuer schien unter der Meeresoberfl#228;che weiterzubrennen. Selbst hier, in einer Entfernung von sicherlich zwanzig Meilen, sp#252;rten sie noch einen warmen Hauch, der mit dem Wind herantrieb. Die Gewalten, die Trautman entfesselt hatte, hatten sich noch lange nicht wieder beruhigt. »Komm schon«, fuhr Juan fort, »benimm dich ausnahmsweise wie ein Mann.« Ben bi#223; sich auf die Lippen und starrte finster zu Boden. Paul war bereits in das kleine Boot gestiegen, das in einer entsprechenden Vertiefung am Heck der NAUTILUS vert#228;ut war, und eigentlich gab es keinen Grund mehr f#252;r ihn, zu warten. Mike warf einen Blick nach Westen und stellte fest, da#223; die LEOPOLD nicht mehr sehr weit entfernt war. Sie lief mit voller Kraft auf sie zu und w#252;rde sie in sp#228;testens zehn Minuten eingeholt haben. Aber dann w#252;rden sie nicht mehr an dieser Stelle sein. »Nun mach schon«, sagte, auch Andr#233;. »Wenn er nicht bei uns gewesen w#228;re, w#228;ren wir vielleicht alle tot.« »Ich wei#223;«, murrte Ben widerwillig. »Also gut: Es tut mir leid. Ich habe mich wie ein Idiot benommen.« Paul sah #252;berrascht drein, als Ben pl#246;tzlich auf ihn zutrat und die Hand ausstreckte. »Entschuldige«, sagte Ben. »Ich habe mich get#228;uscht.« Pl#246;tzlich grinste er #252;ber das ganze Gesicht und f#252;gte hinzu: »Aber ich traue dir noch immer nicht.« Paul sah eine Sekunde lang ziemlich hilflos drein und begann dann schallend zu lachen. Ben und die anderen stimmten in dieses Lachen ein, und schlie#223;lich trat Ben zur#252;ck, um Mike Platz zu machen. Auch die drei anderen Jungen zogen sich einige Schritte weit zur#252;ck, damit die beiden sich voneinander verabschieden konnten. Mike trat zu seinem Freund, aber pl#246;tzlich fielen ihm die Worte, die er sich doch so sorgsam zurechtgelegt hatte, nicht mehr ein. Er konnte nichts anderes tun, als einfach dazustehen und Paul anzusehen, und auch Paul schien es nicht anders zu ergehen. Ein Abschied war immer eine schwierige Sache -aber dieser Abschied tat weh. »Du ... du willst es dir nicht noch einmal #252;berlegen und bei uns bleiben?« fragte er schlie#223;lich. Ein Schatten huschte #252;ber Pauls Gesicht. »Das geht nicht, Mike«, sagte er. »Mein Vater w#252;rde nicht aufgeben, bis er mich gefunden hat. Und au#223;erdem geh#246;re ich zu ihm.« Pauls Vater hatte aus dem einzigen Grund alle seineBefehle ignoriert und der NAUTILUS dabei geholfen, die Insel zu verlassen, statt sie zu kapern oder zu versenken, weil er seinen Sohn an Bord des Schiffes wu#223;te, und er w#252;rde um nichts in der Welt zulassen, da#223; sie ihn mit sich nahmen. Und der wichtigste Grund war genau der, den Paul ihm genannt hatte: er geh#246;rte dorthin, nicht zu ihnen. Wo immer sie hingehen mochten. Pl#246;tzlich sp#252;rte Mike einen harten, bitteren Klo#223; im Hals. Das Sprechen fiel ihm schwer. »Dann verschwinde jetzt«, sagte er. »Und gr#252;#223;e deinen Vater von mir. Wenn er nicht gewesen w#228;re, w#228;ren wir jetzt wahrscheinlich alle tot.« »Er wird nicht aufgeben, euch zu jagen«, sagte Paul. »Ich wei#223;«, antwortete Mike. »Aber wir passen schon auf uns auf. Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder.« Paul antwortete nicht, sondern drehte sich nach einigen Sekunden wortlos herum, l#246;ste das Tau, das das kleine Schiffchen hielt, und stie#223; sich an der Bordwand ab. Mike sah ihm nach, bis das Boot zu einem kleinen Punkt auf den Wellen geworden war, der immer weiter zusammenschrumpfte. Pl#246;tzlich bemerkte er, da#223; Paul nicht auf die LEO-POLD zuhielt, wie sie verabredet hatten, sondern einen Kurs einschlug, der nahezu im rechten Winkel von der NAUTILUS wegf#252;hrte; ein letzter Freundschaftsdienst, den Paul ihnen erwies, denn auf diese Weise war sein Vater gezwungen, den Kurs seines Schiffes zu #228;ndern, um seinen Sohn aufzufischen, was ihnen einen weiteren Vorsprung verschaffte. Mike l#228;chelte dankbar. Vielleicht w#252;rde er Paul nie wiedersehen, aber er wu#223;te, da#223; sie f#252;r den Rest ihres Lebens Freunde bleiben w#252;rden, ganz egal, was geschah. Und das war vielleicht das Wertvollste, das es auf der ganzen Welt gab. In der Reihe »Kapit#228;n Nemos Kinder« erschienen: Das M#228;dchen von Atlantis Die Herren der Tiefe Im Tal der Giganten Weitere B#228;nde in Vorbereitung Von Wolfgang und Heike Hohlbein erschienen: M#228;rchenmond M#228;rchenmonds Kinder Elfentanz Midgard Drachenfeuer Der Greif Spiegelzeit Unterland Die Prophezeiung Die Bedrohung Mikes Vater soll seinem Sohn eine kostbare Erbschaft hinterlassen haben,verborgen auf einer kleinen Insel. Gemeinsam mit seinen Freunden ist Mike in der Karibik unterwegs, verfolgt von Kapit#228;n Winterfeld, der ihm dieses Erbe abjagen will. Nach Wochen voller Gefahren auf hoher See entdecken die f#252;nf Jungen die Insel und ihr Geheimnis. Und damit erf#228;hrt Mike auch,wer sein Vater wirklich war. |
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