"Die Sieben unterirdischen Könige" - читать интересную книгу автора (Волков Александр Мелентьевич)

Erster Teil. DIE H#214;HLE

VOR TAUSEND JAHREN

Die Bev#246;lkerung des Wunderlandes wuchs, und mit der Zeit bildeten sich mehrere Staaten. Bald gab es auch

K#246;nige, die sich mit Hofleuten und zahlreichen Dienern umgaben. Die K#246;nige stellten Armeen auf, und es begannen Grenzstreitigkeiten, die zu Kriegen f#252;hrten.

Im westlichen Teil des Landes herrschte vor tausend Jahren ein K#246;nig namens Aranja. Er regierte so lange, da#223; sein Sohn Bofaro m#252;de wurde, auf den Tod seines Vaters zu warten, und diesen zu st#252;rzen beschlo#223;. Durch Versprechungen gewann Prinz Bofaro mehrere tausend Anh#228;nger, aber noch bevor sie etwas unternehmen konnten, wurde die Verschw#246;rung aufgedeckt, und Prinz Bofaro kam vor das Gericht seines Vaters. Dieser sa#223;, von Hofleuten umgeben, auf seinem hohen Thron und blickte zornig in das blasse Gesicht des Prinzen.

„Gestehst du, mein unw#252;rdiger Sohn, da#223; du gegen mich B#246;ses im Schilde f#252;hrtest?" fragte der K#246;nig.

„Ja, ich gestehe es", erwiderte der Prinz dreist, ohne die Augen vor dem strengen Blick des Vaters zu senken.

„H#228;ttest du mich get#246;tet, um den Thron in deinen Besitz zu bringen?" fuhr Aranja fort.

„Nein", sagte Bofaro, „das war nicht meine Absicht. Ich habe Euch nur lebensl#228;nglichen Kerker zugedacht."

„Das Schicksal hat es aber anders gewollt", sagte der K#246;nig. „Was du mir zugedacht hast, soll dir und deinen Kumpanen widerfahren. Kennst du die H#246;hle?"

Der Prinz zuckte zusammen. Nat#252;rlich hatte er von der riesigen H#246;hle tief unter der Erde geh#246;rt. Neugierige, die hineingeblickt hatten, erz#228;hlten, sie h#228;tten dort Schatten seltsamer Tiere gesehen, vor denen es ihnen graute. Es sei undenkbar, da#223; Menschen dort leben k#246;nnten, sagten sie. „Ich verbanne dich und deine Kumpane f#252;r ewige Zeiten in die H#246;hle!" rief der K#246;nig so grimmig, da#223; selbst die Feinde Bofaros erschauerten. „Aber das ist noch nicht alles! Nicht nur ihr, sondern auch eure Kinder und Kindeskinder sollen nie mehr den blauen Himmel und die strahlende Sonne

sehen. Daf#252;r werden meine Erben sorgen. Sie werden mir schw#246;ren m#252;ssen, meinen Wunsch heiligzuhalten. Hast du etwas zu entgegnen?" „Nein!" sagte Bofaro, der ebenso stolz und trotzig war wie sein Vater. „Ich habe die Strafe verdient, weil ich meine Hand gegen den Vater erhob. Ich bitte nur, da#223; man uns Ackerbauger#228;te mitgibt."

„Die sollt ihr haben", sagte der K#246;nig. „Ihr sollt sogar Waffen bekommen, damit ihr euch gegen die wilden H#246;hlentiere wehren k#246;nnt." Die d#252;steren Kolonnen der Verbannten zogen, von ihren weinenden Frauen und Kindern gefolgt, unter die Erde. Vor dem Eingang wurde ein gro#223;er Trupp Soldaten postiert, die darauf zu achten hatten, da#223; kein Rebell zur#252;ckkehrte. Bofaro, seine Frau und seine zwei S#246;hne stiegen als erste in die H#246;hle hinab. Sie erblickten ein unterirdisches Land, das sich dahinstreckte, soweit das Auge reichte. Auf der weiten Ebene waren kleine waldbestandene H#252;gel zu sehen, und inmitten der H#246;hle schimmerte ein gro#223;er runder See. Die Landschaft hatte ein herbstliches Aussehen. Das Laub der B#228;ume und der Str#228;ucher war dunkelrot, rosa und goldfarben, das Gras auf den Wiesen so gelb wie vor einer #252;berf#228;lligen Mahd. D#228;mmerung herrschte im unterirdischen Land, nur die goldgelben Wolken streuten ein falsches Licht aus.

„Hier sollen wir leben?" fragte Bofaros Frau entsetzt. Ja, das ist unser Los", erwiderte der Prinz finster.

DIE BELAGERUNG

Die Ausgesto#223;enen mu#223;ten lange gehen, bis sie zu dem See gelangten, dessen Ufer mit Steinen #252;bers#228;t war. Bofaro stieg auf einen gro#223;en Stein und hob die Hand zum Zeichen, da#223; er sprechen wolle. Alle richteten die Augen auf ihn.

„Meine Freunde!" begann Bofaro. „Ich f#252;hle mich vor euch schuldig. Mein Ehrgeiz hat euch ins Ungl#252;ck gest#252;rzt, durch ihn seid ihr in diese d#252;stere H#246;hle verbannt worden. Aber das l#228;#223;t sich nun nicht mehr #228;ndern. Au#223;erdem ist es ja besser zu leben als tot zu sein. Uns steht ein harter Kampf um unser Dasein bevor. Darum m#252;ssen wir einen Mann aus unserer Mitte w#228;hlen, der uns f#252;hren soll."

„Du bist unser F#252;hrer!" riefen die Leute. „Dich w#228;hlen wir, Prinz!" „Du stammst von K#246;nigen ab, du sollst uns regieren, Bofaro!" Niemand erhob die Stimme dagegen, und ein schwaches L#228;cheln erhellte das d#252;stere Gesicht Bofaros. Es war immerhin ein Trost, K#246;nig zu sein, auch wenn es in einem unterirdischen Land war.

„H#246;rt, ihr Leute!" sagte er. „Wir haben eine Rast redlich verdient, aber dazu ist es noch zu fr#252;h. Ich habe da Schatten gro#223;er Tiere gesehen, die uns folgten."

„Auch wir haben sie gesehen!" riefen mehrere Stimmen. „Wir d#252;rfen keine Zeit verlieren! Die Frauen sollen ihre Kinder schlafen legen und auf sie achtgeben, die M#228;nner aber eine Befestigung bauen!" Bofaro w#228;lzte den ersten Stein heran. Die anderen folgten, ihre M#252;digkeit #252;berwindend, seinem Beispiel. Sie schleppten Steine herbei und begannen eine Mauer zu errichten.

Nach mehreren Stunden stand eine dicke, feste Mauer von doppelter Mannsh#246;he da.

„Ich glaube, das reicht einstweilen", sagte K#246;nig Bofaro. „Sp#228;ter werden wir hier eine Stadt bauen."

Bofaro stellte eine Wache aus mehreren M#228;nnern mit Pfeilen und Lanzen auf; die anderen, die vor M#252;digkeit fast umfielen, begaben sich im unheimlichen Licht der goldgelben Wolken zur Ruhe. Ihr Schlaf sollte jedoch nur kurz sein. „Alarm! Alarm!" schrie die Wache.

Die aufgeschreckten Menschen stiegen auf Vorspr#252;nge an der Innenseite der Befestigung und blickten #252;ber die Mauer. Da gewahrten sie einige Dutzend seltsamer Tiere, die sich der Befestigung n#228;herten. „Sechsf#252;#223;er! Das sind Sechsf#252;#223;er!" riefen mehrere Leute. Die Tiere hatten tats#228;chlich nicht vier, sondern sechs dicke, runde Beine, auf denen m#228;chtige runde R#252;mpfe ruhten. Ihr Fell war schmutzigwei#223;, dicht und zottig. Sie starrten aus gro#223;en runden Augen auf die Befestigung, die so j#228;hlings entstanden war…

„Welch gr#228;#223;liche Ungeheuer! Ein Gl#252;ck, da#223; die Befestigung uns sch#252;tzt!" riefen die Menschen. W#228;hrend die Bogensch#252;tzen Pfeile auflegten, kamen die Tiere immer n#228;her. Sie schn#252;ffelten, glotzten und sch#252;ttelten drohend ihre gro#223;en K#246;pfe mit den kurzen Ohren. Bald hatten sie sich auf Schu#223;weite gen#228;hert. Die Sch#252;tzen spannten die Bogen, die Pfeile schwirrten durch die Luft. Sie konnten aber die dicke Haut der Tiere nicht durchbohren und blieben in ihrem zottigen Fell stecken. Mit dumpfem Gebr#252;ll kamen die Sechsf#252;#223;er n#228;her. Wie alle Tiere des Wunderlandes konnten sie sprechen, aber sie sprachen undeutlich, denn ihre Zungen waren zu dick und unbeholfen.

„Verschie#223;t eure Pfeile nicht umsonst!" befahl Bofaro. „Haltet die Schwerter und Lanzen bereit! Schafft die Frauen und Kinder in die Mitte der Befestigung!"

Die Tiere wagten es aber nicht, anzugreifen. Sie umstellten die Befestigung und hielten ihre gl#252;henden Augen unverwandt auf sie gerichtet. Bofaro und seine Leute waren belagert. Da begriff er, welchen Fehler er begangen hatte: Er hatte es unterlassen, f#252;r Wasser zu sorgen. Wenn jetzt die Belagerung lange anhielt, w#252;rden seine Leute verdursten. Bis zum See waren es zwar nur ein paar Dutzend Schritt, aber wie sollte man die Umkreisung des Feindes durchbrechen, der gar nicht so schwerf#228;llig war, wie er aussah? Es vergingen ein paar Stunden. Als erste verlangten die Kinder zu trinken. Vergeblich versuchten die M#252;tter, sie zu beruhigen. Bofaro bereitete sich zu einem verzweifelten Ausfall vor. Pl#246;tzlich rauschte es in der Luft, am Himmel tauchte eine Schar sonderbarer Gesch#246;pfe auf, die sich schnell n#228;herte. Sie sahen wie Krokodile aus, nur waren sie viel gr#246;#223;er. Diese Ungeheuer schwangen ihre gewaltigen hautbespannten Fl#252;gel, und aus ihren schmutziggelben, schuppigen B#228;uchen ragten m#228;chtige Tatzen mit scharfen Krallen hervor.

„Wir sind verloren!" schrien die Belagerten. „Das sind fliegende Drachen; vor ihnen kann uns keine Befestigung sch#252;tzen!"

Die Menschen bedeckten ihre K#246;pfe mit den H#228;nden, und sie vermeinten schon zu sp#252;ren, wie die schrecklichen Krallen in ihr Fleisch eindrangen. Aber da geschah etwas Unerwartetes: Die Drachen st#252;rzten sich heulend auf die Sechsf#252;#223;er und suchten deren Augen zu treffen. Diese schienen aber an solche #220;berf#228;lle gew#246;hnt: Sie zogen tief die K#246;pfe ein, richteten sich auf den Hinterbeinen auf und schlugen wild mit den Vorderbeinen um sich. Das Heulen der Drachen und das Br#252;llen der Sechsf#252;#223;er bet#228;ubte fast die Menschen, die das ungew#246;hnliche Schauspiel beobachteten. Einige Sechs-f#252;#223;er hatten sich zusammengerollt, und die w#252;tenden Drachen rissen ihnen mit den Z#228;hnen ganze B#252;schel des zottigen Fells aus. Ein unvorsichtiger

Drache, den ein m#228;chtiger Tatzenhieb getroffen hatte, konnte nicht auffliegen und h#252;pfte hilflos umher. Dann stoben die Sechsf#252;#223;er, von den fliegenden Echsen verfolgt, auseinander. Sofort ergriffen die Frauen ihre Kr#252;ge und eilten zum See, um Wasser f#252;r ihre weinenden Kinder zu holen. Erst viel sp#228;ter, als die Menschen sich in der H#246;hle eingelebt hatten, erfuhren sie den Grund der Feindschaft zwischen den Sechsf#252;#223;ern und den Drachen. Die Echsen legten n#228;mlich ihre Eier an einsamen Stellen ab und verscharrten sie in der warmen Erde. F#252;r die Sechsf#252;#223;er aber waren diese Eier der sch#246;nste Leckerbissen; sie gruben sie aus und fra#223;en sie, wo immer sie sie fanden. Das konnten die Drachen den Sechsf#252;#223;ern nicht verzeihen. Aber auch die Echsen waren nicht schuldlos: Wenn sie ein Sechsf#252;#223;er-junges ohne Eltern erblickten, fielen sie dar#252;ber her und fra#223;en es auf. Diesmal hatte die Fehde zwischen den Sechsf#252;#223;ern und den Echsen den Menschen jedoch das Leben gerettet.

DIE MENSCHEN BEGINNEN EIN NEUES LEBEN

Jahre vergingen. Die Ausgesto#223;enen gew#246;hnten sich allm#228;hlich an das Leben unter der Erde. Sie erbauten am Ufer des Sees eine Stadt und umgaben sie mit einer steinernen Mauer. Um nicht Hungers zu sterben, begannen sie zu pfl#252;gen und Getreide zu s#228;en. Die H#246;hle lag so tief, da#223; ihr Boden durch die unterirdische Hitze erw#228;rmt wurde. Von Zeit zu Zeit fiel Regen aus den goldgelben Wolken, so da#223; der Weizen ausreifen konnte, allerdings langsamer als auf der Erde. F#252;r die Menschen war es aber ungeheuer anstrengend, die schweren Pfl#252;ge #252;ber die steinigen #196;cker zu schleppen. Einmal kam der alte J#228;ger Karum zu K#246;nig Bofaro und sagte zu ihm:

„Eure Majest#228;t! Die Bauern werden die M#252;hen des Pfl#252;gens nicht mehr aushalten k#246;nnen und vor Ersch#246;pfung sterben. Darum schlage ich vor, da#223; wir Sechsf#252;#223;er vor die Pfl#252;ge spannen."

Der K#246;nig fragte #252;berrascht: „Werden die Bestien die Bauern nicht zerrei#223;en?"

„Ich werde sie z#228;hmen", versicherte Karum. „Oben, auf der Erde, hatte ich mit den schrecklichsten Raubtieren zu tun, und ich habe sie immer gez#228;hmt!"

„Dann tu es!" willigte Bofaro ein. „Du wirst wahrscheinlich Helfer brauchen, nicht wahr?"

„Ja", sagte der J#228;ger, „aber au#223;er den Menschenwerden mir auch die Drachen helfen."

Wieder staunte der K#246;nig. Doch Karum sagte ruhig: „Seht, wir Menschen sind schw#228;cher als die Sechsf#252;#223;er und die fliegenden Echsen. Aber wir besitzen Verstand, und den haben diese Tiere nicht. Ich werde die Sechsf#252;#223;er mit Hilfe der Drachen z#228;hmen, und die Sechsf#252;#223;er werden mir helfen, die Drachen in Botm#228;#223;igkeit zu halten."

Karum machte sich an die Arbeit. Seine J#228;ger lasen Drachenjungen auf, die eben aus den Eiern geschl#252;pft waren. Unter der Obhut der Menschen wuchsen die Jungen zu gehorsamen Tieren heran, und mit ihrer Hilfe gelang es Karum, die ersten Sechsf#252;#223;er einzufangen. Es war nicht leicht, die wilden Tiere abzurichten, aber die Menschen schafften es. Als die Sechsf#252;#223;er viele Tage nichts zu fressen bekamen, begannen sie von den Menschen Nahrung anzunehmen, und dann lie#223;en sie sich auch anschirren und vor den Pflug spannen. Anfangs gab es auch Unf#228;lle, aber dann kam alles in die rechte Bahn. Zahme Drachen trugen die Menschen durch die L#252;fte, und Sechsf#252;#223;er pfl#252;gten den Boden. Die Leute atmeten erleichtert auf, die Gewerbe erbl#252;hten. Weber webten Stoffe, Schneider n#228;hten Kleider, T#246;pfer stellten T#246;pfe und Sch#252;sseln her, Erzgr#228;ber hoben Erz aus den tiefen Gruben, Gie#223;er erschmolzen daraus Metalle, und Schlosser und Dreher fertigten aus den Metallen Gegenst#228;nde, die das Volk brauchte. Die Erzgewinnung war sehr anstrengend, in den Gruben arbeiteten viele Menschen, und deshalb begann man dieses Gebiet das Land der unterirdischen Erzgr#228;ber zu nennen. Da die Ausgesto#223;enen auf sich selbst angewiesen waren, wurden sie erfinderisch. Allm#228;hlich verga#223;en sie die obere Welt. Die Kinder, die in der H#246;hle geboren wurden, hatten das oberirdische Land niemals gesehen — sie kannten es nur aus den Geschichten, die ihnen ihre M#252;tter erz#228;hlten und die sich bald wie M#228;rchen anh#246;rten…

Das Leben wurde nach und nach ertr#228;glicher. Unterdessen hatte sich aber der ehrgeizige Bofaro mit zahlreichen Hofleuten und Dienern umgeben, und den Unterhalt dieser Tagediebe mu#223;te das Volk bestreiten. Obwohl die Bauern flei#223;ig den Boden pfl#252;gten, s#228;ten und Getreide ernteten, die G#228;rtner

Gem#252;se zogen und die Fischer Fische und Krabben im See fingen, hatten die Menschen doch bald nicht mehr genug zu essen. Deshalb mu#223;ten die Erzgr#228;ber einen Tauschhandel mit den oberirdischen Menschen beginnen. Die Unterirdischen tauschten ihre Erzeugnisse — Kupfer und Bronze, eiserne Pfl#252;ge und Eggen, Glas und Edelsteine — gegen Getreide, Butter und Fr#252;chte der Oberirdischen. Allm#228;hlich entwickelte sich der Handel. Der Marktplatz, wo der Tausch get#228;tigt wurde, lag am Ausgang des unterirdischen Reichs in das Blaue Land, dicht an dessen #246;stlicher Grenze. Dieser Ausgang war einst auf Befehl K#246;nig Aranjas durch ein m#228;chtiges Tor versperrt worden. Nach Aranjas Tod wurde die Wache jedoch von dem Tor zur#252;ckgezogen, denn die unterirdischen Erzgr#228;ber unternahmen keinen Versuch, in die obere Welt zur#252;ckzukehren. W#228;hrend der vielen Jahre ihres unterirdischen Lebens hatten sie die Sonne nicht mehr gesehen, und jetzt konnten die Erzgr#228;ber nur noch nachts zur Oberfl#228;che aufsteigen, weil f#252;r ihre Augen das Sonnenlicht zu grell war. Jeder Markttag wurde durch das mittern#228;chtliche Gel#228;ute der Glocke angek#252;ndigt, die #252;ber dem Tor hing. Am Morgen pr#252;ften und z#228;hlten die Kaufleute des Blauen Landes die Waren, die die unterirdischen Einwohner nachts hinterlassen hatten. Dann brachten Hunderte Menschen Schubkarren mit S#228;cken voller Mehl, K#246;rbe mit Obst und Gem#252;se, Kisten mit Eiern, Butter und K#228;se zum Tor. In der folgenden Nacht wurde alles von den Bewohnern des unterirdischen Landes abgeholt.

K#214;NIG BOFAROS VERM#196;CHTNIS

Bofaro regierte viele Jahre im unterirdischen Lande. Er war mit zwei S#246;hnen hinabgestiegen, dann wurden ihm weitere f#252;nf geboren. Da Bofaro alle seine Kinder gleich liebte, wu#223;te er nicht, welches er zu seinem Nachfolger bestimmen sollte. Er dachte, wenn er einen Sohn zum Thronfolger ausw#228;hlte, werde er dadurch die anderen sehr kr#228;nken. Siebzehnmal #228;nderte Bofaro sein Verm#228;chtnis, bis er, des Klatsches und der Intrigen seiner zuk#252;nftigen Erben m#252;de, auf einen Gedanken kam, der ihm die Ruhe wiedergab. Er ernannte n#228;mlich alle sieben S#246;hne zu seinen Erbfolgern. Sie sollten, so besagte das Verm#228;chtnis, der Reihe abwechselnd je einen Monat regieren. Damit sie sich nicht stritten und nicht bekriegten, mu#223;ten sie dem Vater schw#246;ren, da#223; sie immer in Frieden leben und die Reihenfolge der

Herrschaft genau einhalten w#252;rden. Der Eid fruchtete aber nichts. Gleich nach dem Tod Bofaros begannen die Br#252;der miteinander zu streiten, wer als erster die Herrschaft antreten solle.

„Wir m#252;ssen die Reihenfolge der Herrschaft nach unserem Wuchs bestimmen. Ich bin der Gr#246;#223;te, und darum werde ich als erster regieren", sagte Prinz Wagissa.

„Mit Verlaub", entgegnete der dicke Gramento, „wer mehr wiegt, hat mehr Verstand, also soll die Waage entscheiden, wer als erster zu regieren hat." „Du hast viel Fett, aber keinen Verstand", schrie Prinz Tubago. „Mit den Gesch#228;ften des K#246;nigreichs wird der St#228;rkste am besten fertig. Ich nehme es mit dreien von euch auf. Tretet vor und la#223;t uns unsere Kr#228;fte messen!" br#252;llte er, seine riesigen F#228;uste schwingend. Es kam zu einer Rauferei, bei der einer der Br#252;der etliche Z#228;hne verlor, w#228;hrend die anderen blauunterlaufene Augen und ausgerenkte Arme und Beine davontrugen… Als sich die Prinzen wieder ausges#246;hnt hatten, wunderten sie sich, da#223; ihnen nicht schon fr#252;her die beste L#246;sung eingefallen war, n#228;mlich die Reihenfolge nach dem Alter der Br#252;der festzulegen. Sie beschlossen, einen gemeinsamen Palast zu bauen, in dem ein jeder seinen Teil haben sollte. Architekten und Maurer errichteten auf dem Stadtplatz ein riesiges Geb#228;ude mit sieben T#252;rmen und sieben getrennten Eing#228;ngen zu den Gem#228;chern jedes K#246;nigs. Die #228;ltesten Einwohner der H#246;hle hatten den Regenbogen, der am Himmel ihrer verlorenen Heimat strahlte, noch gut in Erinnerung. Sie beschlossen, ihn auf den W#228;nden des Palastes f#252;r ihre Nachfahren zu erhalten, und strichen die sieben T#252;rme in den sieben Farben des Regenbogens. Kunstfertige Maler verliehen den Farben eine wunderbare Reinheit, und sie strahlten so sch#246;n wie die eines richtigen Regenbogens. Jeder K#246;nig machte die Farbe des Turmes, in dem er sich niederlie#223;, zu seiner Leibfarbe. Im gr#252;nen Teil des Palastes zum Beispiel war alles gr#252;n: die Gem#228;cher, das Festkleid des K#246;nigs, die Kleider der Hofleute, die Livreen der Diener, die M#246;bel. Im violetten Teil war alles violett… Welche Farbe welchem K#246;nig zufallen solle, wurde durch das Los entschieden. In der unterirdischen Welt gab es keinen Wechsel von Tag und Nacht, deshalb wurde die Zeit mit Sanduhren gemessen. Die K#246;nige beschlossen, da#223; besondere W#252;rdentr#228;ger, H#252;ter der Zeit, auf den rechtzeitigen Wechsel der Regierung achten sollten. Das Verm#228;chtnis K#246;nig Bofaros hatte aber schlimme Folgen. Es fing damit an, da#223; jeder K#246;nig die anderen feindseliger Absichten verd#228;chtigte und sich eine eigene Wache zulegte, die auf Drachen ritt. Au#223;erdem hielt jeder K#246;nig Aufseher, die die Arbeit auf den Feldern und in den Fabriken #252;berwachten. F#252;r den Unterhalt der Soldaten, der Aufseher, der Hofleute und der Diener mu#223;te das Volk aufkommen. Ein anderes #220;bel war, da#223; das Land keine festen Gesetze hatte. Kaum gew#246;hnten sich die Einwohner an die Forderungen des einen K#246;nigs, da war der Monat seiner Regierungszeit auch schon um, und ein anderer bestieg den Thron, der wiederum neue Forderungen an das Volk stellte. Besonders viele Unannehmlichkeiten bereiteten den B#252;rgern die Gru#223;vorschriften.

Der eine K#246;nig verlangte, da#223; die Leute bei seinem Anblick auf die Knie fielen, der andere, da#223; sie die linke Hand mit gespreizten Fingern an die Nase legten und mit der rechten #252;ber dem Kopf winkten, vor dem dritten mu#223;te man auf einem Bein h#252;pfen…

Die K#246;nige suchten einander darin zu #252;berbieten, das Volk aber st#246;hnte unter ihren verr#252;ckten Einf#228;llen. Jeder Landesbewohner besa#223; sieben H#252;te in den sieben Farben des Regenbogens. Am Tage des Regierungswechsels mu#223;te man den Hut in der Farbe des neuen K#246;nigs aufsetzen, dessen Soldaten streng auf die Befolgung dieser Vorschrift achteten. Nur in einem glichen sich die K#246;nige: Sie dachten sich st#228;ndig neue Steuern aus. Die Untertanen arbeiteten im Schwei#223;e ihres Angesichts, um die unz#228;hligen Launen ihrer Herrscher zu befriedigen. Jeder K#246;nig gab aus Anla#223; seiner Thronbesteigung ein #252;ppiges Festmahl, zu dem die Hofleute aller sieben K#246;nige in den Regenbogenpalast geladen wurden. Man feierte die Geburtstage der K#246;nige, ihrer Gemahlinnen und Erbfolger, jede erfolgreiche Jagd, die Geburt eines jeden neuen Drachen in den k#246;niglichen Drachenzuchten und vieles andere…

Fast jeden Tag gr#246;lten im Palast die Zecher, die den Wein der oberen Welt tranken und den Herrscher priesen, der gerade den Thron bestiegen hatte.

EIN UNRUHIGER TAG

Man schrieb das Jahr 189 der unterirdischen Zeitrechnung, die mit dem Tag der Verbannung des rebellischen Prinzen Bofaro und seiner Anh#228;nger begonnen hatte. Mehrere Geschlechter hatten sich unterdessen im unterirdischen Land abgel#246;st. Die Leute waren bereits an das Leben in der H#246;hle und das fahle Licht gew#246;hnt, das der Abendd#228;mmerung auf der Erde glich. Ihre Haut war bla#223;, ihre K#246;rper waren schlanker geworden, und ihre gro#223;en Augen, die sich dem schwachen, aus den goldgelben Wolken kommenden Licht angepa#223;t hatten, konnten jetzt das Tageslicht der oberen Welt nicht mehr vertragen. Die Regierungszeit des K#246;nigs Pamelja II. n#228;herte sich ihrem Ende, und Pampuro III. sollte ihn nun abl#246;sen. Da dieser aber noch ein S#228;ugling war, fiel seiner Mutter, der K#246;nigswitwe Stafida, die Regentschaft zu. Stafida war aber eine machtgierige Frau, die es nicht abwarten konnte, das Land zu regieren. Sie lie#223; ihren H#252;ter der Zeit Urgando, einen grauhaarigen, st#228;mmigen Greis mit langem Bart, rufen und befahl ihm:

„Urgando, du sollst den Zeiger der Uhr auf dem Hauptturm um sechs Stunden vordrehen!"

„Zu Befehl, Eure Majest#228;t!" erwiderte Urgando mit einer Verbeugung. „Ich wei#223;, die Untertanen warten schon mit Ungeduld auf Eure Thronbesteigung."

„Schon gut. Geh und schwatz nicht!" unterbrach ihn Stafida. „Ich tu's ja nicht zum erstenmal!" l#228;chelte verschmitzt Urgando. Er tat, wie ihm gehei#223;en. Aber der H#252;ter der Zeit K#246;nig Pameljas, der junge Turrepo, hatte indessen von seinem Herrscher, der seine Regierungszeit verl#228;ngern wollte, den Befehl erhalten, den Zeiger um 12 Stunden zur#252;ckzudrehen. In der Stadt der sieben K#246;nige und im ganzen Lande geriet alles durcheinander. Kaum hatten die Menschen die Augen geschlossen und sich dem ersten s#252;#223;en Schlaf #252;berlassen, da schlug die Palastglocke sechs — das Signal zum Auf stehen. G#228;hnend krochen die Leute aus den Federn und schickten sich an, zur Arbeit zu gehen.

„Hallo!" rief ein Schneider seinem Nachbarn, einem Schuster, zu. „Was ist

passiert? Warum l#228;utet es denn schon?"

„Wer kennt sich bei denen aus!" erwiderte dieser. „Die

K#246;nige wissen die Zeit wohl besser. Vergi#223; nicht, den gr#252;nen Hut aufzusetzen. ."

„Gewi#223;, gewi#223;. Ich hab ja das vorige Mal genug #196;rger gehabt, weil ich mit dem falschen Hut zum B#228;cker ging. Vierundzwanzig Stunden mu#223;te ich daf#252;r auf der Wache absitzen. ."

Die Leute, die auf den Palastplatz traten, h#246;rten ein schreckliches Geschrei. Es kam von dem Turm mit der Uhr, auf dem sich Urgando und Turrepo rauften. Turrepo wollte Urgando hinabsto#223;en, um den Zeiger zur#252;ckzudrehen, aber der Alte, der st#228;rker war, versetzte ihm einen Sto#223;, da#223; er die Treppe hinunterrollte. Turrepo blieb minutenlang reglos liegen, doch dann erhob er sich und stieg wieder den Turm hinauf. Abermals stie#223; ihn Urgando hinunter. Turrepo gab sich aber nicht geschlagen. Beim dritten Mal bekam er seinen Gegner zu fassen, und beide purzelten die Treppe hinab. Dabei schlug Urgando mit dem Kopf gegen eine Stufe und verlor das Bewu#223;tsein. Turrepo drehte den Zeiger zur#252;ck und gab das Signal zur Ruhe. Ausrufer rannten durch die Stadt und befahlen den B#252;rgern, schlafen zu gehen, w#228;hrend gelbe Soldaten auf Drachen in die D#246;rfer und Siedlungen flogen, um dem Volk zu verk#252;nden, da#223; die Gr#252;nen es zu fr#252;h geweckt h#228;tten. Die Leute nahmen sofort die gr#252;nen H#252;te ab und setzten die gelben auf. Turrepo, der gesiegt hatte, ging schlafen, ohne sich um den bewusstlosen Urgando zu k#252;mmern. Nach anderthalb Stunden kam Urgando wieder zu sich, stieg auf den Turm und schickte seine Boten aus, das Volk in Stadt und Land zu wecken. An diesem Tag standen die Einwohner der H#246;hle siebenmal auf und gingen siebenmal schlafen, bis sich der hartn#228;ckige Turrepo schlie#223;lich geschlagen gab. Die B#252;rger, denen verk#252;ndet wurde, da#223; seine Majest#228;t K#246;nig Pampuro III. den Thron bestiegen habe, vertauschten also ihre gelben H#252;te gegen die gr#252;nen. Das war der letzte Hutwechsel dieses Tages.

EINE SECHSF#220;SSERJAGD

Wieder waren hundert Jahre vergangen. In dieser Zeit hatte sich die Lage im unterirdischen Lande immer mehr verschlechtert. Um die uners#228;ttliche Habsucht der K#246;nige und ihrer Gefolgschaften zu befriedigen, mu#223;te das einfache Volk jetzt 18 bis 20 Stunden t#228;glich arbeiten. Mit gro#223;er Besorgnis dachten die Leute an ihre Zukunft. Da kam ihnen ein wunderbarer Zufall zu Hilfe. Alles begann mit einer Sechsf#252;#223;erjagd. Die gez#228;hmten Sechsf#252;#223;er brachten dem Land gro#223;en Nutzen. Sie zogen die schweren Pfl#252;ge, Eggen und Getreidem#228;her und drehten die R#228;der der Dreschmaschine. Sie arbeiteten auch an den Schaufelr#228;dern, die das Wasser aus dem See f#252;r die Stadt der Sieben K#246;nige sch#246;pften, und zogen die F#246;rderk#246;rbe mit dem Erz aus den tiefen Gruben…

Die Sechsf#252;#223;er waren Allesfresser. Man gab ihnen Stroh und Heu, Fische aus dem See und Abf#228;lle der st#228;dtischen K#252;chen… Nur eins war schlimm — da#223; die alten Sechsf#252;#223;er ausstarben. Um sie zu ersetzen, mu#223;te man neue in einem Felslabyrinth einfangen, das die H#246;hle umgab. Dieses Labyrinth wurde zu einem k#246;niglichen Schutzpark erkl#228;rt. Dort war den B#252;rgern das Jagen unter Todesstrafe verboten. Im k#246;niglichen Schutzpark herrschte Stille. Kein Ger#228;usch unterbrach das Schweigen der unterirdischen G#228;nge. In einer H#246;hle stand einst ein Sechsf#252;#223;er mit zottigem wei#223;em Fell, das ein schwaches Licht aussandte, welches die Gegenst#228;nde im Umkreis von zwei, drei Schritten beleuchtete. Das Tier l#246;ste mit der Zunge gierig riesige Schnecken von dem nassen Fels und verschlang sie mitsamt dem Geh#228;use. Lange gab es sich dieser angenehmen Besch#228;ftigung hin, als pl#246;tzlich aus der Ferne L#228;rm an sein feines Ohr drang. Das Tier horchte, nahm nun schon langsamer die Schnecken vom Fels auf und drehte unruhig den zottigen Kopf nach allen Seiten. Was hatte den Sechsf#252;#223;er so beunruhigt? Das sollte sich bald zeigen. In der Ferne tauchten Lichtflecke auf, dann wurden Menschen mit leuchtenden Kugeln an den H#252;ten sichtbar. Das Licht #228;hnelte dem, welches das Fell des Sechsf#252;#223;ers ausstrahlte, nur war es viel heller und beleuchtete die Gegenst#228;nde zwanzig Schritte im Umkreis. Schlanke M#228;nner in Lederkleidung n#228;herten sich dem Tier. Sie hielten gleichen Abstand voneinander und trugen ein langes Netz vor sich her, das #252;ber die ganze Breite der H#246;hle gespannt war. Manche hielten St#246;cke mit Schlingen am Ende in den H#228;nden. Die Bewohner des Unterirdischen Landes waren auf Sechsf#252;#223;erjagd.

„Leise, Freunde!" sagte der Anf#252;hrer der k#246;niglichen J#228;ger, der geschickte Tierf#228;nger Ortega. „Das Tier ist nicht weit."

„Pa#223;t auf an den Seiten", befahl Ortega. „Die Sechsf#252;#223;er suchen immer an der Wand durchzuschl#252;pfen." „Die Fackeln sind bereit", sagten die M#228;nner. „Wir werden ihn mit dem Feuer schrecken." So leise die Menschen auch sprachen, das Tier h#246;rte sie und huschte in einen schmalen Gang. Aber die erfahrenen J#228;ger, die das Labyrinth genau kannten, hatten auch den zweiten Ausgang der H#246;hle mit einem Netz versperrt, das eine andere Schar hielt. Der Sechsf#252;#223;er kehrte heulend um und begann durch die H#246;hle zu rasen. Die J#228;ger aber erhoben ein lautes Geschrei, z#252;ndeten ihre Fackeln an, stampften mit den F#252;#223;en und schlugen mit den St#246;cken auf den felsigen Boden. Der durch das Echo verst#228;rkte L#228;rm erschreckte das Tier derart, da#223; es vorw#228;rts st#252;rmte und sich in den weiten Maschen des Netzes verfing. Die Stricke drohten unter den wuchtigen Tatzenschl#228;gen zu zerrei#223;en, aber die J#228;ger schlugen das Netz fester um den Sechsf#252;#223;er, der jetzt ihr Gefangener war. Aus dem Gang trat die andere J#228;gerschar hervor. Freudestrahlend umringten die Leute den Sechsf#252;#223;er.

„F#252;r dieses Tier ist uns eine sch#246;ne Belohnung sicher", sagte ein J#228;ger. „Schaut, wie gro#223; es ist!"

Jetzt la#223; uns, lieber Leser, sehen, wozu die Leute die St#246;cke mit den Schlingen brauchten. Ein paar M#228;nner l#246;sten vorsichtig das Netz von den Beinen des Ungeheuers, warfen ihnen die Schlingen um und banden sie so zusammen, da#223; der Sechsf#252;#223;er nur ganz kleine Schritte machen konnte. Dann setzten sie dem Tier einen festen ledernen Maulkorb auf und banden mehrere Stricke daran. Nachdem all das mit gro#223;em Geschick getan war, wurde das Netz abgenommen und zusammengerollt. Dann machten sich die J#228;ger auf den Heimweg. Die Gr#246;#223;ten und St#228;rksten von ihnen zogen den Sechsf#252;#223;er an den Stricken, und wenn er nicht weiter wollte, stachen ihn hinten die anderen mit den spitzen Enden ihrer St#246;cke. Das Tier f#252;gte sich schlie#223;lich in sein Geschick und folgte den Menschen. „Bringt dieses Baby in das Sechsf#252;#223;ergehege Nr.4. Du, Selano, wirst es dort z#228;hmen!" sagte Ortega. „Und jetzt geht, ich will mich derweilen im Labyrinth ein wenig umschauen, mir scheint, da#223; es hier noch mehr f#252;r uns zu tun gibt."

DER GEHEIMNISVOLLE SCHLAF

Die J#228;ger boten Ortega eine Fackel an, aber dieser nahm sie nicht, die Leuchtkugel auf seinem Hut, sagte er, gen#252;ge ihm. Die Leute zogen mit dem Sechsf#252;#223;er davon, w#228;hrend Ortega das Labyrinth in Augenschein nahm. Nach etwa zwei Stunden entdeckte er, da#223; sich in diesem Teil der H#246;hle eine Sechsf#252;#223;ermutter mit einem Jungen verbarg. Auf dem Heimweg machte Ortega einen Abstecher in eine H#246;hle, in der er schon lange nicht mehr gewesen war. Pl#246;tzlich erblickte er den Widerschein seiner Leuchtkugel in einem kleinen Becken, das fr#252;her leer war. „Siehe da", wunderte sich der J#228;ger, „das ist ja eine neue Quelle!" Nach dem langen Marsch versp#252;rte er einen starken Durst. Er kniete nieder, sch#246;pfte eine Handvoll Wasser und begann gierig zu trinken. Das Wasser hatte einen sehr angenehmen Geschmack, es sch#228;umte und quirlte. Ortega wollte noch ein paar Schluck trinken, aber da #252;berkam ihn eine unerkl#228;rliche M#252;digkeit.

„Oho, Ortega", tadelte sich der J#228;ger, „du wirst alt! Fr#252;her h#228;tte dir ein solcher Spaziergang #252;berhaupt nichts ausgemacht! Na, dann werde ich eben etwas ausruhen. ."

Er machte es sich auf dem harten Boden bequem, und im Nu #252;bermannte ihn der Schlaf. Erst gegen Abend des n#228;chsten Tages wurden die Angeh#246;rigen Ortegas wegen seines Verschwindens unruhig. Sie waren es zwar gew#246;hnt, da#223; der alte J#228;ger lange wegblieb, als er aber nach drei Tagen noch immer nicht zur#252;ckkehrte, schlugen Frau und Kinder Alarm. Was konnte dem J#228;ger zugesto#223;en sein? Da#223; er sich im Labyrinth verirrt hatte, war nicht anzunehmen, denn er kannte es ja sehr gut. Man mu#223;te das Schlimmste bef#252;rchten, da#223; n#228;mlich ein hungriges Tier ihn #252;berfallen oder da#223; er versch#252;ttet worden war. Das erstere war sehr zu bezweifeln, denn die Sechsf#252;#223;er hatten schon l#228;ngst. die Bekanntschaft der Menschen gemacht und mieden sie. K#246;nig Ukonda, der in diesem Monat regierte, sandte eine Schar J#228;ger auf die Suche aus. Ihr F#252;hrer war Kuoto, Ortegas Gehilfe. Die Leute nahmen Fackeln und Proviant f#252;r mehrere Tage mit. Nach langem Suchen fanden sie Ortega in einer H#246;hle, die kaum jemand kannte. Er lag an einer kleinen runden Vertiefung, die wie ein Wasserbecken aussah, nur da#223; kein Tropfen drin war.

Es schien, als schliefe der J#228;ger, aber er atmete nicht. Als die Leute das Ohr an seine Brust legten, stellten sie fest, da#223; das Herz stillstand. „Er ist tot!" rief einer der J#228;ger.

„Der Tod mu#223; eben erst eingetreten sein", sagte Kuoto, „denn der K#246;rper ist noch weich und warm. Wie hat er aber die zwei Wochen ohne Essen und Trinken leben k#246;nnen?"

Der traurige Zug mit dem leblosen K#246;rper Ortegas machte vor dem blauen Teil des Palastes halt, in dem Ukonda lebte. Der K#246;nig selbst trat heraus, um seinem treuen J#228;ger die letzte Ehre zu erweisen. „Wann willst du deinen Mann bestatten?" fragte er die vom Kummer gebrochene Alona, die Frau Ortegas.

„Morgen, wie's der Brauch unserer V#228;ter verlangt!" erwiderte sie. „Ha, ha, ha", lachte ein Mann im blauen Mantel schallend. Es war Doktor Boril, der sich einen Weg durch die Menge bahnte. „Wer will hier einen lebendigen Menschen bestatten?… Schaut nur, wie frisch sein Gesicht ist! Sieht ein Toter vielleicht so aus? Da", der kleine dicke Doktor hob den Arm Ortegas, und als er ihn loslie#223;, fiel er weich auf die Bahre zur#252;ck. Alona blickte hoffnungsvoll und doch zweifelnd den Doktor an, der zu beweisen fortfuhr, da#223; Ortega lebe und nur ohnm#228;chtig sei.

„Unsinn! Quatsch!" rief ein dr#246;hnender Ba#223; abgehackt, und ein baumlanger, d#252;rrer Mann trat heran, Doktor Robil, dem ein gr#252;ner Mantel lose von den Schultern hing. „Dieser! Mann! ist! tot! wie! ein! Stein!" stie#223; er die Worte einzeln hervor. Zwischen den beiden #196;rzten entbrannte ein Streit, der mit wissenschaftlichen Beweisen gespickt war. Je nachdem, wer von den beiden recht zu haben schien, schwankte Alona zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Zuletzt setzte sich die abgehackte Stimme Doktor Robils durch. Den kleinen Boril von oben ansehend, dr#246;hnte er: „Ich! sage! da#223;! dieser! Mann! morgen! bestattet! werden! mu#223;!"

In diesem Augenblick regte sich aber der „Tote" und schlug die Augen auf. Die Menge wich entsetzt zur#252;ck, nur Alona sank auf die Brust ihres Mannes nieder und begann ihn schluchzend zu k#252;ssen.

„Ha, ha, ha! Ho, ho, ho!" lachte aus vollem Halse Boril. „Der hochverehrte Doktor Robil h#228;tte beinahe einen Lebenden begraben! Und das will ein Mann der Wissenschaft sein!"

Der blamierte Robil gab sich aber nicht geschlagen: „Es! bleibt! noch! zu beweisen! da#223;! er! lebt!" rief er und verlie#223;, sich w#252;rdevoll in seinen gr#252;nen Mantel h#252;llend, den Platz. Ein paar Leute lachten bei den letzten Worten Robils, aber Doktor Boril machte ein besorgtes Gesicht. Ortega sprach kein Wort, er erkannte niemanden, auch nicht seine Frau, und verstand nicht die teilnahmsvollen Worte, die K#246;nig Ukonda h#246;chstpers#246;nlich an ihn richtete.

„Seltsam, sehr seltsam!" murmelte Doktor Boril. „Dieser unstete Blick, wie bei einem Neugeborenen, diese unregelm#228;#223;igen Bewegungen der Arme und Beine! Interessant, h#246;chst interessant!" erregte sich der Doktor. „Der Fall k#246;nnte sich als sehr wertvoll f#252;r die Wissenschaft erweisen. Liebe Frau!" wandte er sich an Alona. „Ich bin bereit, Ihren Mann zu behandeln, und zwar v#246;llig unentgeltlich."

Der gutm#252;tige Doktor achtete nicht auf die Dankesworte der Frau und befahl, Ortega nach Hause zu tragen, der, als man ihn auf die Beine gestellt hatte, keinen Schritt tun konnte. Borilf olgte der Bahre.

DAS SCHLAFWASSER

Doktor Boril verbrachte Tag und Nacht am Lager Ortegas, der in vielem einem S#228;ugling glich. Er wu#223;te nicht, wie man i#223;t, und man mu#223;te ihn mit dem L#246;ffel f#252;ttern. Er sprach kein Wort und lallte nur. Er verstand nicht, was man zu ihm sagte, und war wie taub, wenn man ihn beim Namen rief…

„Ein seltsamer Fall", murmelte Doktor Boril und rieb sich die H#228;nde. „Das sollte man den oberirdischen Doktoren erz#228;hlen! Ich wette meinen Kopf, da#223; bei ihnen dergleichen noch nie vorgekommen ist!" Die Wiederherstellung der verlorenen F#228;higkeit ging bei Ortega erstaunlich schnell voran. Schon am Abend sagte er „Papa" und „Mama", was aus dem Munde des b#228;rtigen Mannes sehr komisch klang, und machte die ersten zaghaften Schritte an der Hand seines Sohnes. Am folgenden Tag war seine Sprache v#246;llig normal und das Bewu#223;tsein klar. Kuoto, sein Gehilfe, erz#228;hlte ihm stundenlang allerlei Jagderlebnisse, die allm#228;hlich im Ged#228;chtnis Ortegas wieder auflebten. Nach einem weiteren Tag angespannten

Unterrichts konnte der J#228;ger, von Doktor Boril zum K#246;nig gef#252;hrt, sein

ungew#246;hnliches Erlebnis im Labyrinth erz#228;hlen.

„Aber als wir dich fanden, war das Becken doch leer!" rief Kuoto, der

mitgekommen war, und f#252;gte rasch hinzu: „Bitte ergebenst um Verzeihung,

Majest#228;t, da#223; ich die Anstandsregeln verletzt habe."

„Wieso leer?" fragte Ortega den Gehilfen.

„Es war kein Tropfen Wasser drin", versicherte Kuoto. „Unm#246;glich!" ereiferte sich Ortega. „Ich habe doch nicht getr#228;umt!" „Vielleicht! habt! Ihr! es! doch! getr#228;umt!" sagte Doktor Robil h#246;hnisch. „Ihr! habt! so! fest! und! so! lange! geschlafen!" Man r#252;stete eine Expedition unter der F#252;hrung des v#246;llig wiederhergestellten Ortega aus, die das Labyrinth untersuchen sollte. Au#223;er den J#228;gern gingen der Minister f#252;r Ackerbau und der Minister f#252;r Industrie K#246;nig Ukondas sowie die Doktoren Boril und Robil mit. Ortega staunte nicht wenig, als man, am Becken angekommen, dieses v#246;llig trocken vorfand.

„Wie ist das m#246;glich?" murmelte er. „Ich kann mich ja genau erinnern, da#223; der Schlaf mich #252;bermannte, nachdem ich aus diesem Becken getrunken hatte. ."

Die Schar wollte wieder abziehen, aber da sprach Doktor Boril einen Gedanken aus, der sp#228;ter das Leben im Lande der unterirdischen Erzgr#228;ber v#246;llig ver#228;ndern sollte. Er sagte:

„Vielleicht tritt das Wasser hier hervor und verschwindet dann wieder? Vielleicht flie#223;t es von Zeit zu Zeit aus dem Felsen und versickert dann?" Doktor Robil lachte #252;ber diese Vermutung, und der gekr#228;nkte Doktor Boril schlug vor, man solle sie doch #252;berpr#252;fen.

„La#223;t uns eine Woche hier verweilen oder zwei, oder einen Monat!" rief er. „Vielleicht! ein! Jahr!?" fragte sp#246;ttisch Doktor Robil. „Falls das Wasser nach einem Monat nicht da ist, gebe ich mich geschlagen", sagte tapfer Boril. „Dann will ich zum Zeichen meiner Niederlage auf allen vieren eine Runde um die Stadt der sieben K#246;nige machen!" „Das! ist! mir! recht!" schmunzelte Robil.

Die zwei Doktoren blieben bei der verschwundenen Quelle, und damit es ihnen nicht langweilig werde, blieben auch die beiden Minister, die die Neugier gepackt hatte. Au#223;erdem konnte man ja zu viert besser w#252;rfeln

(einer der Minister, ein leidenschaftlicher Spieler, trug immer W#252;rfel bei sich). „Und Ihre Ministerien?" fragte Ortega. „Die kommen auch ohne uns aus", sagte der Ackerbauminister unbek#252;mmert. Die Minister befahlen, man solle Bettzeug und alles Notwendige f#252;r einen l#228;ngeren Aufenthalt im Labyrinth herbeischaffen, so Proviant, Wein und Obst. Dann solle man sie alle zwei Tage besuchen und den Vorrat erg#228;nzen. F#252;nfmal kehrte Ortega in die H#246;hle zur#252;ck, und jedesmal fand er alles beim alten. Das Becken war leer. Doktor Robil h#228;nselte seinen Kollegen Boril und riet ihm, sich rechtzeitig im Gehen auf allen vieren zu #252;ben, das Gesicht Borils aber wurde mit jedem Tag finsterer. Bei der sechsten Wiederkehr bot sich Ortega und seinen J#228;gern ein unerwartetes Bild: Die beiden Doktoren und die beiden Minister lagen reglos auf dem Boden, sie atmeten nicht, und ihr Herz schlug nicht. An den verstreuten W#252;rfeln war zu erkennen, da#223; sie ein Spiel begonnen und nicht zu Ende gef#252;hrt hatten. Das Becken aber war leer. Als man die vier Schlafenden vor die blaue Treppe brachte, sagte K#246;nig Ukonda: „Jetzt ist mir alles klar. Dieses Wasser, das so geheimnisvoll hervortritt und wieder verschwindet, schl#228;fert ein. Meine Minister und die beiden Doktoren waren sehr leichtsinnig, als sie alle auf einmal vom Zauberwasser tranken. Es bleibt uns nichts anderes #252;brig als abzuwarten, bis sie wieder aufwachen. Man trage die Schlaf m#252;tzen in ihre H#228;user und erstatte mir jeden Tag Bericht #252;ber ihr Befinden!"

Der J#228;ger Ortega hatte zwei Wochen geschlafen. Jetzt vergingen jedoch zwei Wochen, ein Monat und noch ein halber, ohne da#223; sich am Zustand der Schlafenden etwas #228;nderte. Ihre K#246;rper waren warm und weich, aber ihr Atem und der Herzschlag hatten ausgesetzt. Als erster erwachte Doktor Boril. Das geschah am dreiundf#252;nfzigsten Tag, nachdem er vom Wasser getrunken hatte. Wie einst Ortega glich jetzt auch der Doktor einem S#228;ugling, was ein gro#223;es Ungl#252;ck war. Im Unterirdischen Land gab es n#228;mlich nur zwei #196;rzte — f#252;r einen dritten h#228;tten sich dort keine Patienten gefunden. Die #196;rzte #252;berlieferten ihr Wissen den Nachfahren, immer vom Vater auf den Sohn. Aber die V#228;ter Borils und Robils waren l#228;ngst tot, und es gab niemanden, der den beiden die Heilkunde wieder beibringen konnte. Die sieben K#246;nige schnaubten vor Wut. Wenn sie erkrankten, w#252;rde es jetzt niemanden geben, der ihnen helfen konnte! Sie wollten sogar Ortega

aufh#228;ngen, weil er diese Ungl#252;cksquelle entdeckt hatte, aber dann #252;berlegten sie es sich, denn das h#228;tte ja niemandem gen#252;tzt. Binnen drei Tagen war Doktor Boril so weit, da#223; er gehen und sprechen konnte. Aber die Heilkunde hatte er v#246;llig vergessen. Zum Gl#252;ck fanden sich im Haus die Aufzeichnungen seines Vaters und die alten Hefte mit den Hausaufgaben Borils. Nach zwei Wochen konnte er schon leidlich seinem Beruf wieder nachgehen. Unterdessen war auch Robil erwacht.

„Ich werde ihn unterrichten!" sagte Boril, und nat#252;rlich hatte niemand etwas dagegen einzuwenden. Jetzt, da er #252;ber seinen Freund und Rivalen Macht hatte, wollte der dicke Doktor jeden m#246;glichen Vorteil daraus ziehen. Als Robil wieder zu sprechen anfing, fl#252;sterte Boril ihm ein: „Wei#223;t du, wer ich bin? Ich bin der ber#252;hmte Doktor Boril, ein gro#223;er Mann der Wissenschaft, dein einziger Lehrer und Besch#252;tzer, ohne den du dein Leben lang ein Dummkopf und Trottel bleiben w#252;rdest. Hast du verstanden? Wiederhole!"

Der baumlange Robil, der fast zusammenknickte und dabei immer noch auf seinen Lehrer herabblickte, schaute ihn mit verliebten Augen an und sagte: „Ihr seid der ber#252;hmte Doktor Boril, ein gro#223;er Mann der Wissenschaft, mein einziger Lehrer und Besch#252;tzer. Ohne Euch w#252;rde ich mein Leben lang ein Dummkopf und Trottel bleiben. ."

„So, das merke dir und h#246;re nicht auf die Leute, die dir etwas anderes sagen sollten."

Die Minister, die mehr als die Doktoren vom Wasser getrunken hatten, schliefen drei Monate. Dann erwachten sie beide gleichzeitig. K#246;nig Ukonda, der dar#252;ber erbost war, da#223; sie ohne Erlaubnis ihr Amt verlassen und so lange geschlafen hatten, gebot ihnen einzufl#252;stern, da#223; sie fr#252;her Diener im Palast gewesen seien. Ihren Angeh#246;rigen befahl er unter Androhung schwerer Strafe, den #196;rmsten nichts von ihrer Vergangenheit zu erz#228;hlen. Dieses k#252;hne Experiment gelang: Beide Minister hatten die Vergangenheit v#246;llig vergessen. In ihren Dienerkleidern liefen sie mit Tabletts durch den Palast, fegten die Zimmer, putzten Schuhe und bedienten bei Tisch.

EIN GL#196;NZENDER EINFALL

Als sich diese seltsamen Dinge zutrugen, befand sich unter den sieben H#252;tern der Zeit einer namens Bellino, der durch Verstand und Ehrlichkeit hervorragte. Seinen klugen Ratschl#228;gen folgten nicht nur die anderen H#252;ter der Zeit, sondern sogar die K#246;nige. Dieser Bellino hatte einen pr#228;chtigen Einfall.

„Wie w#228;r's, wenn man die K#246;nige einschl#228;fern w#252;rde f#252;r die Zeit, in der sie nicht regieren?" sagte er leise, blickte sich aber sogleich nach allen Seiten um, ob niemand horche…

Zuerst schien ihm diese Idee vermessen und unerf#252;llbar, aber je l#228;nger er nachdachte, desto mehr gefiel sie ihm.,Jetzt', #252;berlegte Bellino, mu#223; das Volk sieben K#246;nige mit ihren Familien, sieben H#246;fe, sieben ma#223;los freche Dienerhaufen, sieben milit#228;rische Wacheinheiten und sieben Spionsbanden ern#228;hren. Das sind mehr als tausend unn#252;tze Esser. Wird aber meine Idee verwirklicht, so werden dem Volk nur etwa anderthalb Hundert Tagediebe auf der Tasche liegen, w#228;hrend die #252;brigen friedlich und traumlos schlafen und nicht an ihren Magen denken werden. Zuerst #252;berlegte der alte Bellino selbst seinen Plan, dann teilte er ihn dem kleinen dicken Doktor Boril mit. „Bei allen Senfumschl#228;gen der Welt", rief dieser begeistert, „das ist eine geniale Idee! Aber werden unsere Herrscher schlafen wollen?" f#252;gte er nachdenklich hinzu. „Egal, dann werden wir sie eben #252;berreden!" Vor allem mu#223;ten jedoch die geheimnisvollen Eigenschaften des Schlafwassers untersucht werden. Das #252;bernahmen Bellino und die Doktoren Boril und Robil. Sie stellten fest, da#223; das Zauberwasser einmal im Monat aus dem Felsen hervortrat. Es f#252;llte das kleine runde Becken, verblieb darin mehrere Stunden und flo#223; dann in die unerforschte Tiefe der Erde zur#252;ck. Das Wasser wurde in Kr#252;gen in die Stadt gebracht, aber schon nach 24 Stunden verlor es seine einschl#228;fernde Kraft. Damit es wirkte, mu#223;te man es frisch trinken. Es war nicht leicht herauszufinden, wieviel Zauberwasser ein Mensch trinken mu#223;te, um genau sechs Monate zu schlafen. Die Versuche Bellinos und der beiden #196;rzte nahmen geraume Zeit in Anspruch. Mit Genehmigung der sieben K#246;nige, die keine Ahnung hatten, worum es ging, schl#228;ferten die #196;rzte Handwerker und Bauern ein. Diese lie#223;en es gern geschehen, denn der lange ruhige Schlaf brachte ihnen

Erholung von der schweren Arbeit. Als die Versuche beendet waren, wu#223;te man genau, wieviel Zauberwasser ein erwachsener Mann trinken mu#223;, um ein halbes Jahr zu schlafen. Frauen brauchten eine kleinere Dosis, Kinder noch weniger.

DER GROSSE RAT

Nach Abschlu#223; der Versuche bat Bellino die K#246;nige, den Gro#223;en Rat einzuberufen, an dem nach altem Brauch die Herrscher mit allen ihren Angeh#246;rigen, den Ministern und Hofleuten teilnahmen. Der Rundsaal des Regenbogenpalastes mit seinen Girlanden phosphoreszierender Kugeln bot ein pr#228;chtiges Bild. Der Saal war in sieben Sektoren eingeteilt — jeder f#252;r einen K#246;nig und seinen Hof. Die Kleider der Herrscher und ihrer Hofleute waren wie immer verschiedener Farbe. In einem Sektor strahlte Gr#252;n in allen T#246;nen. In einem anderen leuchtete Rot in ber#252;ckenden Verbindungen, weiter folgten Tiefblau und Violett, Himmelblau und Goldgelb. In diesem riesigen unterirdischen Saal w#228;re selbst ein Regenbogen vor Neid erbla#223;t. Das Auge, von den eint#246;nigen bronzenen, braunen und dunkelroten Farben des unterirdischen Landes m#252;de, konnte hier ausruhen und sich an der strahlenden Pracht erg#246;tzen. Nicht umsonst hatte der weise K#246;nig Karvento vor 200 Jahren ein Gesetz verabschiedet, das die d#252;stere Natur des unterirdischen Reiches durch viele helle Farben aufzuheitern gebot. Damals wurden die H#228;user, die Z#228;une und Wegweiser meergr#252;n, himmelblau und perlmuttfarben gestrichen. Als der letzte K#246;nig, der sich versp#228;tet hatte, mit seiner Gattin und den zwei S#246;hnen in den Saal trat, wurde die Versammlung er#246;ffnet. Mit Genehmigung K#246;nig Asfejos, der in diesem Monat regierte, nahm der H#252;ter der Zeit, Bellino, das Wort. Er sprach von der schwierigen Lage, in der sich das Land befand. Schon lange, sagte er, reichen die Arbeitskr#228;fte nicht mehr aus, mit jedem Jahr flie#223;en immer weniger Steuern in die Staatskasse, und deshalb m#252;sse der Luxus der k#246;niglichen H#246;fe eingeschr#228;nkt werden…

„Pfui, Schande!" h#246;rte man von den Pl#228;tzen rufen, wo die K#246;nige sa#223;en. „Auch ich bin der Ansicht, da#223; man damit Schlu#223; machen mu#223;", f#252;hr Bellino fort. „Ich glaube auch ein Mittel gefunden zu haben." „Hm, interessant", r#228;usperte sich K#246;nig Asfejo. „La#223; h#246;ren."

Bellino erz#228;hlte von seinem ungew#246;hnlichen Plan, worauf eine lange, dr#252;ckende Stille eintrat. Man #252;berlegte, wie man sich zu diesem dreisten Vorschlag verhalten solle. Bellino begann den K#246;nigen die Vorz#252;ge des neuen Plans auszumalen.

„#220;berlegt einmal, Eure Majest#228;ten, wie bequem das f#252;r Euch sein wird! Wenn Ihr jetzt einen Monat regiert habt, m#252;#223;t Ihr dann ein halbes Jahr in qualvollem Nichtstun verharren, bis Ihr wieder an die Reihe kommt. Das ist die Ursache der vielen Streitigkeiten. Nehmt Ihr aber meinen Plan an, so wird Euch die Zeit, in der Ihr nicht regiert, wie im Nu vergehen. Euer Leben wird ein einziges Regieren sein, denn die Zeit Eures Zauberschlafes werdet Ihr ja gar nicht merken. Eure Majest#228;ten schlafen doch auch jetzt alle Tage!"

„Famos!" rief ein K#246;nig aus.

„Gewi#223;!" sagte Bellino erfreut. „Au#223;erdem haben ich und die hochgesch#228;tzten Doktoren Boril und Robil", die beiden #196;rzte verbeugten sich w#252;rdevoll, „herausgefunden, da#223; dieser Schlaf, obwohl er lange dauert, Euer Leben nicht verk#252;rzen, sondern verl#228;ngern w#252;rde. Sind Euch zum Beispiel 60 Jahre beschieden, so werdet Ihr 400 Jahre leben, also siebenmal so lange, denn die Schlafzeit z#228;hlt ja nicht!"

Die Ratsmitglieder waren von diesem lockenden Vorschlag derart verbl#252;fft, da#223; sie lange kein Wort hervorbringen konnten. Dann rief K#246;nig Ukonda begeistert: „Es ist entschieden! Ich lege mich als erster schlafen!" „Warum Ihr?" fragte K#246;nig Asfejo neidisch. „Meine Regierungszeit l#228;uft n#228;chste Woche ab, also gehe ich als erster schlafen. Ihr aber, Eure Majest#228;ten, wartet unterdessen, bis die Reihe an Euch kommt!" K#246;nigin Rinna fragte: „M#252;ssen denn die Hofleute und die Diener auch eingeschl#228;fert werden? Vielleicht reicht das Zauberwasser gar nicht f#252;r alle?" „Seid unbesorgt", beruhigte sie Doktor Boril, „es reicht. Und au#223;erdem: Was sollen denn die H#246;flinge, die Soldaten und die Spione tun, solange die K#246;nige schlafen? R#228;nke schmieden?" „Nein, nein", riefen die K#246;nige und K#246;niginnen wie aus einem Munde. „Da ist es schon besser, wenn alle schlafen werden!"

DIE NEUE ORDNUNG IM UNTERIRDISCHEN LAND

K#246;nig Asfejo war der erste, der mit seiner Familie, den Hofleuten, Dienern, Soldaten und Spionen eingeschl#228;fert wurde. Es war wunderlich anzusehen, wie der K#246;nig und dann seine Gemahlin und die Kinder aus Kristallbechern das Wasser tranken, das ihnen die Doktoren genau abgemessen hatten, dann auf den weichen Teppich sanken und sofort einschliefen. Nach ihnen kamen die Diener, Soldaten und Spitzel. Diener des K#246;nigs Ukonda, Asfejos Nachfolger, trugen die Eingeschlafenen lachend in eine Kammer und legten sie auf Brettergestelle, wo sie mit Mottenpulver bestreut wurden. Damit die M#228;use, von denen es im Lande wimmelte, die Schlafenden nicht benagten, wurden auch zwei gez#228;hmte Eulen (im unterirdischen Land gab es keine Katzen) in die Kammer gebracht. Mit jedem Monat wuchs die Zahl der Schlafenden. Das Volk aber atmete erleichtert auf. Es brauchte jetzt weniger Lebensmittel an den K#246;nigspalast abzuf#252;hren und hatte darum selbst mehr zu essen. Wie genial die Idee Bellinos war, begriffen die Menschen aber erst nach einem halben Jahr, als von den sieben T#252;rmen des Regenbogenpalastes sechs verlassen dastanden. Nur noch in einem wurde gezecht, schmetterte die Musik und hallten die Trinkspr#252;che. Das war nat#252;rlich viel leichter zu ertragen als fr#252;her, da alle sieben k#246;niglichen H#246;fe sich gleichzeitig den Lustbarkeiten hingaben. Der H#252;ter der Zeit, Bellino, geno#223; allgemeine Verehrung. Die Leute verbeugten sich tief, wenn sie ihm begegneten, bis er, von Natur aus sehr bescheiden, ihnen diese Ehrenbezeigungen verbot. Bellino trank nicht von dem Schlafwasser, denn ihm oblag es ja, die Reihenfolge des K#246;nigwechsels zu #252;berwachen. Er versah sein Amt so gut, da#223; das Volk folgenden Entschlu#223; verabschiedete: „Wir brauchen jetzt nicht mehr sieben H#252;ter der Zeit, denn sie stiften nur Verwirrung. Bellino allein soll H#252;ter der Zeit sein und sich nach eigenem Ermessen seine Gehilfen ausw#228;hlen. Wenn die Zeit kommt, da er in den Ruhestand tritt, wird das Volk unter den w#252;rdigsten und angesehensten B#252;rgern des unterirdischen Landes seinen Nachfolger w#228;hlen." Furchtbar anstrengend waren f#252;r den H#252;ter der Zeit und seine Gehilfen die Tage nach dem Erwachen der Eingeschl#228;ferten. In drei Tagen mu#223;te man sie das Gehen und Sprechen lehren und ihr Ged#228;chtnis wiederherstellen.

F#252;r die Erwachten brach dann ein Monat an, in dem sie #252;berhaupt nicht zu Bett gingen. In einem halben Jahr sammelten sie n#228;mlich so viel Kraft, da#223; sie des t#228;glichen Schlafs nicht bedurften und sich den ganzen Monat ausschlie#223;lich den Belustigungen hingaben. Nach dem Festgelage gingen sie auf Sechsf#252;#223;erjagd, dann folgten ausgedehnte Angelpartien, Reisen auf gefl#252;gelten Echsen und wieder Festgelage… Der K#246;nig hatte keine Zeit, das Land zu regieren und Gesetze herauszugeben. So kam es, da#223; die ganze Last des Regierens und alle Staatssorgen auf den Schultern des H#252;ters der Zeit ruhten, w#228;hrend den K#246;nigen nur die Ehren und Titel verblieben. Schon Bellino hatte f#252;r die Erhaltung der Quelle gesorgt, die den Namen Heilige Quelle erhielt. Sp#228;ter wurde auch die H#246;hle heilig genannt. Das Wasserbecken wurde in einem sch#246;nen runden Turm aus verschiedenfarbigen Backsteinen eingefa#223;t, vor dessen Eingang immer eine Wache stand. Das Schlafwasser wurde zum Staatseigentum erkl#228;rt, wer davon trinken wollte, mu#223;te sich beim H#252;ter der Zeit und den zwei Doktoren, den Nachfahren Borils und Robils, die Erlaubnis dazu einholen. Solche F#228;lle kamen vor, wenn es in einer Familie Zwistigkeiten gab. Mann und Frau wurden dann f#252;r ein paar Monate eingeschl#228;fert, und wenn sie dann wieder aufwachten, hatten sie den Zwist vergessen. Jahrhundert um Jahrhundert verging in dem Reich, das von der oberen Welt durch eine m#228;chtige Erdschicht getrennt und mit ihr nur durch einen Ausgang verbunden war, vor dem der Tauschhandel zwischen den Erzgr#228;bern und den Einwohnern des Blauen Landes stattfand. In den verflossenen Jahrhunderten hatte sich der Charakter der unterirdischen Bewohner sehr ver#228;ndert. Sie waren mi#223;trauisch geworden und f#252;rchteten die T#252;cke der oberen Menschen. Wachen mit Pfeil und Bogen flogen st#228;ndig auf Drachen in der H#246;hle umher und hielten nach Feinden Ausschau. Im unterirdischen Land hatten sich unterdessen viele Geschlechter abgel#246;st, nur im Regenbogenpalast schien das Leben stillzustehen: In den 700 Jahren, die seit der ersten Einschl#228;ferung vergangen waren, hatten nur zwei Wechsel der sieben K#246;nige, ihrer H#246;flinge und Diener stattgefunden. Der Verstand dieser Leute #228;nderte sich #252;berhaupt nicht, denn jedesmal, wenn sie nach einer Schlafperiode aufwachten, hatten sie alles vergessen, was sie fr#252;her wu#223;ten, und man mu#223;te sie in allem neu unterweisen. Wieviel aber kann schon ein Mensch erlernen, wenn die ganze Lehrzeit nur

drei, vier Tage dauert? Das Volk begann sich Gedanken dar#252;ber zu machen, ob das Land die sieben K#246;nige #252;berhaupt brauche, die nur schliefen oder zechten und die Staatsgesch#228;fte vernachl#228;ssigten. Doch die von den Vorfahren ererbte Ehrfurcht vor den Monarchen war zu tief verwurzelt, und kaum jemand glaubte ernsthaft daran, da#223; man die K#246;nige st#252;rzen und ohne sie leben konnte. Eine unerwartete Begebenheit brachte jedoch die Ordnung, die seit Jahrhunderten im unterirdischen Lande herrschte, durcheinander.

WEITERE BL#196;TTER AUS DER GESCHICHTE DES WUNDERLANDES

Es waren genau 300 Jahre und vier Monate nach der Entdeckung des Schlafwassers im Labyrinth vergangen. In verschiedenen Teilen des Kontinents, den man zu jener Zeit bereits Amerika nannte, lebten vier Zauberinnen, zwei gute und zwei b#246;se. Die guten hie#223;en Willina und Stella, die b#246;sen Gingema und Bastinda. Obwohl sie leibliche Schwestern waren, lagen sie miteinander in ewigem Streit. Die menschlichen Siedlungen r#252;ckten immer n#228;her an die Gebiete der Zauberinnen heran, und diese beschlossen, wie einst der m#228;chtige Hurrikap, ihren Wohnort zu wechseln. Seltsamerweise kam ihnen dieser Gedanke zur gleichen Zeit, aber was gibt es nicht alles auf der Welt! Die Schwestern guckten in ihre Zauberb#252;cher und beschlossen, in das Wunderland zu ziehen, das durch eine gro#223;e W#252;ste und unbezwingbare Berge von der #252;brigen Welt getrennt war. Den B#252;chern entnahmen sie auch, da#223; in diesem Land kleine stille Menschlein lebten, die man leicht unterwerfen konnte, und da#223; es dort weder Zauberer noch Zauberinnen gab, mit denen man um die Macht h#228;tte ringen m#252;ssen. Die vier Schwestern waren unangenehm #252;berrascht, als sie, nachdem sie auf verschiedenen Wegen ins Wunderland gekommen waren (wobei sie nat#252;rlich ihre Zaubermittel mitf#252;hrten), pl#246;tzlich einander gegen#252;berstanden.

„Das ist mein Land!" kreischte die vor Bosheit spindeld#252;rre Gingema. „Ich war die erste hier!"

Sie war tats#228;chlich eine Stunde vor den anderen angekommen. „Ihr habt einen zu gro#223;en Appetit, Verehrteste!" bemerkte die sch#246;ne Stella, die das Geheimnis der ewigen Jugend kannte. „In diesem gro#223;en Lande wird sich wohl f#252;r uns alle Platz finden." „Ich will mit niemandem teilen, nicht einmal mit Schwester Gingema!" rief die ein#228;ugige Bastinda, die einen schwarzen Schirm unterm Arm hielt, der sie auf ihren Wunsch #252;berallhin trug. „H#252;tet euch", sagte sie, „bei einem Streit mit mir werdet ihr schlecht abschneiden." Die grauhaarige, gutm#252;tige Willina sagte nichts. Sie nahm aus den Falten ihres Kleides ein winziges Buch, pustete darauf, und siehe da, es verwandelte sich in einen riesigen Band. Voller Respekt blickten die anderen Zauberinnen auf Willina, denn sie waren nicht imstande, ihre Zauberb#252;cher so zu verwandeln, und mu#223;ten sie in ihrer vollen Gr#246;#223;e mitschleppen. Willina bl#228;tterte in ihrem Buch und raunte:

„Afrika, Ananas, Aprikosen, Brot, Buche… da, ich hab's: Krieg!" Die Zauberin #252;berflog ein paar Zeilen und l#228;chelte #252;berlegen: „Ihr wollt Krieg f#252;hren? Nun denn, ich bin bereit!"

Gingema und Bastinda bekamen Angst. Sie verstanden, da#223; es ein ernster Kampf sein w#252;rde, in dem sie — das mu#223;te wohl Willina in ihrem Zauberbuch gelesen haben — unterliegen w#252;rden. Die vier Zauberinnen kamen #252;berein, den Streit g#252;tlich zu regeln. Aus ihren B#252;chern erfuhren sie nat#252;rlich auch von dem unterirdischen Lande, doch keine wollte dorthin ziehen. Das Los entschied, da#223; Gingema das Blaue Land, Willina das Gelbe, Bastinda das Violette und Stella das Rosa Land erhalten solle. Das mittlere Gebiet sollte einen Trennungsraum zwischen ihnen bilden, damit sie einander seltener begegneten. Die Zauberinnen einigten sich auch; ihre L#228;nder niemals f#252;r l#228;ngere Zeit zu verlassen, was durch einen Eid besiegelt wurde. Dann machte sich eine jede in ihr Land auf. Zu jener Zeit gab es im ganzen Wunderland, mit Ausnahme der H#246;hle, keine k#246;nigliche Macht mehr. Die V#246;lker, die der K#246;nige #252;berdr#252;ssig geworden waren, weil sie st#228;ndig im Streit miteinander lagen und Kriege f#252;hrten, hatten sich erhoben und die Tyrannen gest#252;rzt. Aus den Schwertern schmiedeten sie Sicheln und Sensen, und die V#246;lker konnten nun ruhig leben. Der Stamm, der fr#252;her das Blaue Land bev#246;lkerte, war fortgezogen, und jetzt lebten dort kleine Menschen, die die komische Angewohnheit hatten, die Kiefer st#228;ndig zu bewegen, so da#223; es aussah, als kauten sie. Daf#252;r wurden sie K#228;uer genannt. Es war ein Ungl#252;ckstag f#252;r die K#228;uer, als die b#246;se Gingema in ihr Land kam. Die Zauberin stieg auf einen hohen Felsen und begann so laut zu schreien, da#223; die Bewohner aller umliegenden D#246;rfer herbeieilten. Dann sagte sie zu den z#228;hneklappernden Menschlein:

„Ich, die m#228;chtige Zauberin Gingema, rufe mich hiermit zur Herrscherin eures Landes aus. Meine Macht ist grenzenlos, ich kann St#252;rme und Orkane heraufbeschw#246;ren…"

Die K#228;uer schauten sie ungl#228;ubig an.

„Ich sehe, ihr zweifelt?" kreischte Gingema. „Nun denn, ich will's euch zeigen!" Bei diesen Worten spreizte sie die Sch#246;#223;e ihres schwarzen Mantels und murmelte: „Pikapu, trikapu, loriki, joriki, turabo, furabo, skoriki, moriki." Sogleich erhob sich ein Wind, und am Himmel ballten sich schwarze Wolken. Da fielen die entsetzten K#228;uer auf die Knie und gelobten, die Macht Gingemas anzuerkennen.

„Ich werde mich in eure Gesch#228;fte nicht einmischen", sagte die Zauberin. „Ihr k#246;nnt eure #196;cker bestellen und H#252;hner und Kaninchen z#252;chten, mir aber werdet ihr Steuern entrichten in Form von M#228;usen und Fr#246;schen, Blutegeln und Spinnen — das sind die Leckerbissen, von denen ich mich ern#228;hre."

Die K#228;uer hatten schreckliche Angst vor Fr#246;schen und Blutegeln, aber Gingema war noch schrecklicher, und so weinten sie denn und ergaben sich in ihr Schicksal. Die Zauberin lie#223; sich in einer gro#223;en H#246;hle nieder, h#228;ngte B#252;ndel von M#228;usen und Fr#246;schen unter die Decke und rief die Eulen aus dem Wald. Die K#228;uer wagten nicht, sich der H#246;hle zu n#228;hern. Da sie aber Metall f#252;r ihre Sensen, Sicheln und Pfl#252;ge und Edelsteine f#252;r ihren Schmuck brauchten, fuhren sie fort, mit den unterirdischen Erzgr#228;bern zu handeln. Nach wie vor versammelten sie sich an den Markttagen vor dem Tor und warteten auf das mittern#228;chtliche Gel#228;ute der Glocke. Die Erzgr#228;ber bekamen sie nie zu sehen, denn die unterirdischen Menschen waren in den verflossenen Jahrhunderten so empfindlich gegen das Tageslicht geworden, da#223; sie nur noch bei v#246;lliger Finsternis, wenn alle K#228;uer schliefen, zur Oberwelt hinauf stiegen. Ebenso leicht, wie Gingema vom Blauen Land Besitz ergriffen hatte, bem#228;chtigte sich Bastinda des Violetten Landes, in dem die friedlichen und flei#223;igen Zwinkerer lebten, so genannt, weil sie immerzu mit den Augen zwinkerten. Bastinda lie#223; sich einen Palast bauen, in dem sie, von jedermann geha#223;t, mit ihren Dienern hauste.

Den Bewohnern des Gelben und des Rosa Landes aber war das Gl#252;ck hold. Bei ihnen regierten die guten Feen Stella und Willina, die ihre V#246;lker nicht unterdr#252;ckten, sondern bem#252;ht waren, ihr Leben zu verbessern. So blieb es im Wunderland mehrere Jahrhunderte, aber dann trat ein Ereignis ein, das, auf den ersten Blick unscheinbar, wichtige Folgen haben sollte. In Amerika, im Staate Kansas, lebte ein Pechvogel namens James Goodwin. Nicht da#223; er ein Faulenzer oder ein Dummkopf war, nein, er hatte einfach Pech im Leben. Was immer er auch unternahm, alles mi#223;lang ihm. Schlie#223;lich kaufte er sich einen aufblasbaren Luftballon, mit dem er auf den Jahrm#228;rkten auf stieg — zur Belustigung der Gaffer, die M#252;nzen in seinen Hut warfen. Einmal ri#223; aber das Seil, das den Ballon hielt. Der Wind erfa#223;te den Ballon und trug ihn in das Wunderland. Zum Gl#252;ck landete er im mittleren Teil des Landes, in dem es keine Zauberinnen gab. Als herbeieilende Menschen einen Mann vom Himmel herabsteigen sahen, hielten sie ihn f#252;r einen gro#223;en Wundert#228;ter. Goodwin nahm sich nicht die M#252;he, es ihnen auszureden. Er baute sich in mehreren Jahren eine sch#246;ne Stadt, die er mit zahllosen Smaragden ausschm#252;ckte, welche seine Untertanen im Tausch von den Bewohnern des unterirdischen Landes bekommen hatten. Als die Smaragdenstadt — so hatte sie Goodwin benannt — fertig war, zog er in einen pr#228;chtigen Palast und verbreitete das Ger#252;cht, da#223; er der m#228;chtigste Zauberer der Welt sei. Seinen Besuchern zeigte sich Goodwin in verschiedenen wunderlichen Gestalten, die den Leuten Schreck einfl#246;#223;ten. Dabei erklang irgendwo von der Seite her eine Stimme, die sagte: „Ich bin Goodwin, der Gro#223;e und Schreckliche! Warum lenkst du mich von meinen weisen Gedanken ab?"

Das Komischste an der Sache war, da#223; viele Jahre lang nicht nur die Bewohner der Smaragdenstadt, sondern sogar die vier Zauberinnen auf diesen Trick hereinfielen. Selbst sie glaubten, da#223; Goodwin ein gro#223;er Zauberer sei, und f#252;rchteten sich vor einem Kampf mit ihm. Dabei bestand die Ursache des Schrekkens, den Goodwin verbreitete, einzig und allein darin, da#223; er mit einem Ballon vom Himmel herabgestiegen war. Das verstanden jedoch die Zauberinnen nicht, weil sie ungebildet waren und nie etwas von Luftballons geh#246;rt hatten…

Goodwin wurde von Elli entlarvt, einem kleinen M#228;dchen, das ein Zufall in das Wunderland verschlagen hatte.

ELLIS ERSTE REISE IN DAS WUNDERLAND

Elli lebte mit ihren Eltern in der weiten Steppe von Kansas. Als Haus diente ihnen ein leichter Packwagen ohne R#228;der. Einmal wollte die b#246;se Zauberin Gingema das ganze Menschengeschlecht vernichten und beschwor zu diesem Zweck einen schrecklichen Sturm herauf, der sich bis nach dem fernen Kansas w#228;lzte. Ihre Schwester, die gute Zauberin Willina, machte den Sturm jedoch unsch#228;dlich. Das einzige, was sie ihm gew#228;hrte, war, den Packwagen aus der Steppe von Kansas fortzutragen. Das lie#223; Willina geschehen, denn ihr Zauberbuch hatte ihr gesagt, da#223; dieser Wagen w#228;hrend der St#252;rme immer leer stand. Manchmal irren aber selbst die Zauberb#252;cher. Als der Sturm ausbrach, befand sich gerade die kleine Elli im Wagen, die ihr H#252;ndchen Toto in Sicherheit bringen wollte. Der Wagen wurde vom Sturm in das Wunderland getragen, wo er der b#246;sen Gingema, die sich am Gewitter erg#246;tzte, auf den Kopf fiel. Die Hexe war augenblicklich tot. Elli war nun mutterseelenallein im fremden Lande, ohne Freunde, wenn man das H#252;ndchen Toto nicht rechnet, das im Wunderland pl#246;tzlich zu sprechen anf ing und damit seine kleine Herrin in Staunen versetzte. Dem M#228;dchen kam Willina, die gute Zauberin des Gelben Landes, zu Hilfe. Sie riet Elli, zum gro#223;en Zauberer Goodwin in die Smaragdenstadt zu gehen. Dieser, sagte sie, werde sie nach Kansas zu Vater und Mutter f#252;hren, falls sie, Elli, drei Gesch#246;pfen bei der Erf#252;llung ihrer sehnlichsten W#252;nsche helfen werde. Das stand in Willinas Zauberbuch. Nach dieser Mitteilung flog die Zauberin in ihr Land zur#252;ck. W#228;hrend Elli mit Willina sprach, geriet der umherschn#252;ffelnde Toto in die H#246;hle der Gingema, aus der er bald mit zwei sch#246;nen Silberschuhen in den Z#228;hnen herauskam. Die K#228;uer, die das alles mit angesehen hatten, versicherten dem M#228;dchen, diese Schuhe seien der wertvollste Besitz Gingemas gewesen und h#228;tten eine gro#223;e Zauberkraft. Was das f#252;r eine Kraft sei, wu#223;ten sie jedoch nicht zu sagen. Elli zog die Silberschuhe an, die ihr genau pa#223;ten, und machte sich, von den K#228;uern reichlich mit Mundvorrat versorgt, mit ihrem H#252;ndchen auf den Weg in die Smaragdenstadt. Unterwegs gewann Elli neue Freunde. In einem Weizenfeld hob sie einen Strohmann von einem Pfahl-es war der Scheuch, der gehen und sprechen konnte und den sehnlichsten Wunsch hatte, ein kluges Gehirn f#252;r seinen Strohkopf zu bekommen. Der Scheuch beschlo#223;,

mit Elli zusammen in die Smaragdenstadt zu ziehen. In einem dichten Wald retteten Elli und der Scheuch den Eisernen Holzf#228;ller vor dem Tod. Der Mann hatte ein ganzes Jahr mit erhobener Axt an einem Baum gestanden, wo ihn einmal der Regen #252;berrascht hatte. Weil er seine #214;lkanne damals nicht bei sich hatte, waren seine eisernen Gelenke im Regen eingerostet. Elli holte die #214;lkanne aus des Holzf#228;llers Haus und schmierte ihn, worauf er sich wie neugeboren f#252;hlte. Auch er beschlo#223;, in die Smaragdenstadt zu ziehen, wo er sich von Goodwin ein liebendes Herz f#252;r seine eiserne Brust erbitten wollte, denn das war sein sehnlichster Wunsch. Als n#228;chster schlo#223; sich der wunderlichen Schar der Feige L#246;we an, der davon tr#228;umte, tapfer zu werden. Auf dem Weg in die Smaragdenstadt erlebten Elli und ihre Gef#228;hrten viele gef#228;hrliche Abenteuer. Sie besiegten einen Menschenfresser, schlugen sich mit schrecklichen S#228;belzahntigern, #252;berquerten einen rei#223;enden Flu#223; und gerieten in ein t#252;ckisches Mohnfeld, in dem Elli, Toto und der L#246;we vom Duft der Mohnblumen in einen tiefen Schlaf fielen, aus dem sie nur durch einen gl#252;cklichen Zufall wieder erwachten. W#228;hrend dieses letzten Abenteuers lernte Elli die K#246;nigin der Feldm#228;use, Ramina, kennen, die ihre Freundin wurde. Von Ramina bekam sie eine silberne Zauberpfeife, die Elli sehr zustatten kommen sollte. Nach unz#228;hligen Strapazen erreichten Elli und ihre Gef#228;hrten den herrlichen Palast Goodwins. Beim Betreten der Stadt hatte man ihnen gr#252;ne Brillen aufgesetzt, worauf alles ringsum in den verschiedensten T#246;nen der gr#252;nen Farbe zu funkeln begann. Goodwin erkl#228;rte sich bereit, unsere Wanderer zu empfangen, nur mu#223;te jeder einzeln vor ihn treten. Elli erschien er in der Gestalt eines riesigen Kopfes, dessen Stimme von der Seite kam. „Ich bin Goodwin, der Gro#223;e und Schreckliche", h#246;rte Elli. „Wer bist du, und warum bel#228;stigst du mich?"

„Ich bin Elli, ein kleines und schwaches M#228;dchen", antwortete sie. „Ich komme von weit her, damit Ihr mir helft!"

Elli erz#228;hlte dem Kopf ihre Abenteuer und bat, er solle ihr helfen, zu Vater und Mutter nach Kansas zur#252;ckzukehren. Als der Zauberer h#246;rte, da#223; Elli aus Kansas sei, sagte er in milderem Ton:

„Geh in das Violette Land und befreie seine Einwohner von der b#246;sen Bastinda. Dann werde ich dich nach Hause bringen."

Das gleiche forderte Goodwin vom Scheuch, vom Eisernen Holzf#228;ller und vom L#246;wen, nachdem sie ihre Anliegen vorgetragen hatten. Schweren Herzens machten sich unsere Freunde in das Violette Land auf, denn sie glaubten nicht, die m#228;chtige Bastinda besiegen zu k#246;nnen. Die b#246;se Hexe mu#223;te indessen alle ihre Zaubermittel anwenden, um der tapferen Schar Herr zu werden. Auf ihren Befehl zerrissen die fliegenden Affen den Scheuch, warfen den Eisernen Holzf#228;ller in einen Abgrund und brachten Elli, den L#246;wen und Toto als Gefangene in den Violetten Palast. Lange schmachteten die drei in der Gefangenschaft ohne Hoffnung auf Rettung. Diese kam aber, wenn auch durch Zufall. Die Hexe hatte n#228;mlich eine schreckliche Angst vor Wasser. Seit 500 Jahren hatte sie sich nicht mehr gewaschen, ihre Z#228;hne nicht geputzt und kein Wasser anger#252;hrt, denn man hatte ihr prophezeit, da#223; sie durch Wasser umkommen werde. Eines Tages sch#252;ttete Elli, au#223;er sich vor Zorn, weil die Hexe ihr die silbernen Schuhe rauben wollte, einen Eimer Wasser #252;ber sie aus. Bastinda l#246;ste sich auf, und das Land der Zwinkerer war von nun an frei. Frohlockend flickten die Zwinkerer die Kleider des Scheuchs und stopften sie mit frischem Stroh aus. Den Eisernen Holzf#228;ller zerlegten sie in seine Bestandteile, und nachdem jedes einzeln repariert wurde, bauten sie ihn wieder zusammen und polierten ihn auf Hochglanz. Der Mann gefiel ihnen so sehr, da#223; sie ihm die Herrschaft #252;ber ihr Land anboten. Der Holzf#228;ller willigte ein, sagte aber, er m#252;sse sich zuerst bei Goodwin ein Herz holen. Siegreich kehrte die kleine Schar in die Smaragdenstadt zur#252;ck, doch Goodwin beeilte sich nicht, sein Versprechen zu halten. Dar#252;ber aufgebracht, st#252;rmten unsere Helden in den Thronsaal, wo Toto hinter einem Wandschirm einen kleinen alten Mann in gestreiften Hosen hervorzerrte. Elli und ihre Begleiter waren entt#228;uscht, als sie erfuhren, da#223; das #228;ngstliche M#228;nnchen niemand anders als der gro#223;e und schreckliche Zauberer Goodwin war. Dieser erz#228;hlte ihnen seine Geschichte und gestand, da#223; er die Menschen viele Jahre lang betrogen hatte. Er schlo#223; jedoch mit den Worten:

„Eure W#252;nsche werde ich trotzdem erf#252;llen, Freunde. Ich war ja immerhin viele Jahre Zauberer, und da hab ich schlie#223;lich einiges gelernt." Goodwin nahm dem Scheuch den Kopf ab, sch#252;ttete das Stroh aus und f#252;llte ihn mit S#228;gesp#228;nen, in die er N#228;h- und Stecknadeln getan hatte.

„So, jetzt habt Ihr einen ungew#246;hnlich scharfen Verstand, mein Freund", sagte Goodwin, „Ihr m#252;#223;t nur lernen, ihn richtig zu nutzen." „Oh, verla#223;t Euch darauf!" rief der Scheuch freudig. Dem Holzf#228;ller schnitt Goodwin eine #214;ffnung in die eiserne Brust, h#228;ngte ein totes, mit S#228;gesp#228;nen ausgestopftes Seidenherz hinein und l#246;tete das Loch zu. Das Herz schlug nun in der Brust des wackeren Mannes, der dar#252;ber ganz entz#252;ckt war. Dem L#246;wen setzte der entlarvte Zauberer eine gro#223;e Sch#252;ssel mit Mut vor, und als dieser sie ausgetrunken hatte, sagte er, jetzt sei er das tapferste Tier von der Welt. Nachdem die sehnlichsten W#252;nsche der drei Freunde in Erf#252;llung gegangen waren, war es f#252;r Elli an der Zeit, nach Kansas zur#252;ckzukehren, wie das Zauberbuch Willinas ihr prophezeit hatte. Aber da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Goodwin sagte, er habe es satt, den Zauberer zu spielen, und wollte mit Elli nach Kansas gehen. Zu diesem Zweck setzte er den Luftballon wieder instand, mit dem er in das Wunderland gekommen war. Kaum hatte er ihn jedoch bestiegen, da ri#223; ein Windsto#223; ihn fort, und Elli blieb im Wunderland zur#252;ck. Der Weise Scheuch, den Goodwin vor seiner Abreise zum Herrscher der Smaragdenstadt ernannt hatte, hielt mit seinen Freunden Rat, und man beschlo#223;, gemeinsam zur guten Zauberin Stella zu ziehen, von der man sich Hilfe erhoffte. Und Stella half. Freilich mu#223;ten die Wanderer unterwegs viele gef#228;hrliche Abenteuer bestehen, aber da sie fest zusammenhielten, trotzten sie allen Gefahren. Stella er#246;ffnete Elli das Geheimnis der Silberschuhe. Es stellte sich heraus, da#223; sie nur den Wunsch auszusprechen brauchte, und die Schuhe w#252;rden sie dorthin tragen, wohin sie wollte, und w#228;re es auch ans Ende der Welt.

„H#228;ttest du von der Kraft der Schuhe gewu#223;t", sagte Stella, „so h#228;ttest du gleich an dem Tag heimkehren k#246;nnen, da der Sturm dich in unser Land verschlug."

„Aber dann h#228;tte ich mein wunderbares Gehirn nicht erhalten und w#228;re nicht Herrscher der Smaragdenstadt geworden!" rief der Scheuch. „Ich m#252;#223;te noch heute im Weizenfeld stehen und die Kr#228;hen vertreiben." „Und ich w#228;re nicht zu meinem liebenden Herzen gekommen", sagte der Eiserne Holzf#228;ller. „Ich m#252;#223;te im Walde stehen und rosten, bis ich zu Staub zerfiele." „Und ich w#228;re ein Feigling geblieben", sagte der L#246;we, „und nicht K#246;nig der Tiere geworden."

„Es tut mir auch gar nicht leid, da#223; alles so gekommen ist", sagte Elli. „Ich freue mich sehr, solch liebe, treue Freunde gefunden und euch geholfen zu haben, da#223; eure sehnlichsten W#252;nsche in Erf#252;llung gingen." Elli verabschiedete sich unter Tr#228;nen von dem Weisen Scheuch, dem Eisernen Holzf#228;ller und dem Tapferen L#246;wen, dankte Stella f#252;r ihre g#252;tige Hilfe, nahm Toto auf den Arm und rief: „Jetzt tragt mich, Schuhe, nach Kansas zu Vater und Mutter!" Im n#228;chsten Augenblick verschwamm alles vor ihren Augen. Die Sonne scho#223; wie ein Feuerstrahl #252;ber den Himmel, und noch ehe Elli Angst versp#252;ren konnte, stand sie auf der Wiese vor dem neuen H#228;uschen, das ihr Vater anstelle des alten Packwagens gebaut hatte. Beim dritten Schritt auf das H#228;uschen zu verlor Elli die Silberschuhe, was auch nicht verwunderlich war, denn in Kansas gibt es ja keine Zauberdinge.

ELLIS ZWEITE REISE IN DAS WUNDERLAND

Als noch Gingema im Blauen Lande regierte, lebte dort ein b#246;ser und schlauer Tischler namens Urfin Juice. Er ha#223;te seine Landsleute und baute sich ein Haus im Walde unweit von Gingemas H#246;hle. Dann verdingte er sich als Diener bei der Hexe und half ihr, die Steuern bei den K#228;uern einzutreiben. Ein paar Monate nach Gingemas Tod fegte ein Sturm #252;ber das Wunderland hinweg, der Samen einer unbekannten Pflanze in Urfins Garten trug. Diese Pflanzen bedeckten bald alle Beete. Je mehr Urfin dieses Unkraut j#228;tete, desto dichter wucherte es, denn es besa#223; eine gewaltige Lebenskraft. Der Tischler ri#223; das Unkraut mit den Wurzeln aus und zerhackte es in kleine St#252;cke, die er auf Bleche streute und in der Sonne trocknen lie#223;. Auf diese Weise erhielt der Tischler ein dunkelbraunes Pulver, das sich als lebenspendend erweisen sollte. Als er zuf#228;llig ein bi#223;chen auf einem B#228;renfell versch#252;ttete, wurde dieses lebendig und begann zu gehen und zu sprechen. Urfin streute Pulver auf einen geschnitzten Holzclown, worauf dieser gleichfalls lebendig wurde und seinen Herrn in den Finger bi#223;. Da beschlo#223; der ehrgeizige Tischler, gro#223;e h#246;lzerne Soldaten anzufertigen und zu beleben, um mit ihrer Hilfe Herrscher im

Wunderland zu werden. Urfin war ein geschickter Handwerker, und sein Plan gelang. Mit der Armee der Holzk#246;pfe unterwarf er sich das Land der K#228;uer und dann die Smaragdenstadt, die vom Nachfolger Goodwins, dem Weisen Scheuch, regiert wurde. Die Eroberung der Smaragdenstadt war f#252;r Urfin kein leichtes Unternehmen. Der Scheuch und seine Freunde, der langb#228;rtige Din Gior und der H#252;ter des Tores Faramant, schlugen alle Angriffe der Holzk#246;pfe tapfer zur#252;ck. Da wandte Urfin eine List an: Er warf seinen Holzclown, der den Befehl erhalten hatte, einen Verr#228;ter unter den B#252;rgern der Stadt aufzusp#252;ren, #252;ber die Mauer, und der Clown fand einen solchen Verr#228;ter in Gestalt eines reichen Mannes namens Ruf Bilan, der auf den Scheuch sehr neidisch war, weil er selber Herrscher der Stadt werden wollte. Nachts #246;ffnete Ruf Bilan das Tor, und die Smaragdenstadt fiel dem Feind in die H#228;nde. F#252;r seinen Verrat wurde Ruf Bilan von Urfin zum obersten Zeremonienmeister ernannt. Es fanden sich in der Stadt auch noch etliche andere Verr#228;ter, die Urfin zu seinen R#228;ten machte. Der Scheuch und der Eiserne Holzf#228;ller kamen in Gefangenschaft. Als sie sich weigerten, in Urfins Dienste zu treten, sperrte dieser sie in einen hohen Turm unweit der Stadt ein. Dort sollten sie schmachten, bis sie sich ihm unterw#252;rfen. Die beiden Freunde dachten aber nicht daran, sich dem Usurpator zu unterwerfen. Die Kr#228;he Kaggi-Karr, die einst dem Scheuch geraten hatte, sich ein kluges Gehirn zu verschaffen, drang durch das Gitter in das Gela#223; der Gefangenen. Diese baten sie, nach Kansas zu fliegen und Elli zu Hilfe zu rufen. Der Holzf#228;ller ritzte mit einer Nadel auf ein gr#252;nes Blatt eine Botschaft an Elli, worauf Kaggi Karr den langen und gef#228;hrlichen Weg antrat. Es gelang ihr, das M#228;dchen ausfindig zu machen und ihm den Brief zu #252;bergeben. Auf der Farm der Smiths weilte damals Frau Annas Bruder, der einbeinige Seemann Charlie Black, zu Besuch, ein fr#246;hlicher und Unternehmungslustiger Geselle. Elli und ihr Onkel Charlie wurden Freunde. Das M#228;dchen erz#228;hlte ihm von seinen Abenteuern im Wunderland und gestand, da#223; sie gro#223;e Sehnsucht nach ihren wackeren Freunden habe. Da kam die Nachricht, da#223; der Scheuch und der Holzf#228;ller in Gefahr schwebten. Elli mu#223;te ihre Eltern lange bitten, bis sie ihr erlaubten, mit dem Onkel ins Wunderland zu ziehen. Sie rief auch Goodwin, der in der Nachbarschaft einen Laden hatte, aber dieser schlug die Einladung aus.

„Ich hab die Zauberer und Zauberinnen und alle Zauberdinge satt", sagte er.

Elli und Charlie nahmen das H#252;ndchen Toto mit und machten sich auf den Weg. Als sie die gro#223;e W#252;ste erreichten, holte Charlie, der wahrhaft goldene H#228;nde hatte, aus dem Rucksack Werkzeug hervor und baute ein Schiff mit vier breiten R#228;dern. Mit gehi#223;ten Segeln ging es durch die W#252;ste, in der die Reisenden fast vor Durst umkamen. Dann #252;berquerten sie die Berge und kamen in das Land der K#228;uer, wo man ihnen vom t#252;ckischen Urfin und seinen Holzsoldaten erz#228;hlte. Das M#228;dchen und der Seemann hatten jedoch keine Angst. Sie riefen den L#246;wen zu Hilfe und setzten auf der mit gelbem Backstein ausgelegten Stra#223;e den Marsch in die Smaragdenstadt fort. Wie bei der ersten Reise lauerten auf Elli und ihre Freunde wieder viele Gefahren, aber die Findigkeit des Seemanns half, sie zu #252;berwinden. Als die kleine Schar sich der Smaragdenstadt n#228;herte, war diese von Urfins Soldaten und Polizisten umstellt. Da blies Elli in die Silberpfeife, und schon war die Fee Ramina, die K#246;nigin der Feldm#228;use, zur Stelle. Ramina erz#228;hlte dem M#228;dchen, da#223; nicht weit von hier der Eingang eines unterirdischen Ganges liege, der in den Keller des Turms m#252;nde, wo sich der Scheuch und der Holzf#228;ller befinden. Die M#228;usek#246;nigin f#252;gte hinzu, da#223; dieser Gang am Land der unterirdischen Erzgr#228;ber vorbeif#252;hre, und sch#228;rfte Elli ein, vorsichtig zu sein und diese Leute nicht zu bel#228;stigen. Diese Warnung war nur zu begr#252;ndet. Elli, die ihre Neugier nicht zu z#252;geln vermochte, wollte durch ein Loch, das sie zuf#228;llig in der Wand entdeckte, die Wunder der unterirdischen Welt sehen. Ein Wachsoldat, der unter der Decke auf einem Drachen umherflog, scho#223; einen Pfeil auf das M#228;dchen ab, der es um ein Haar getroffen h#228;tte. Unterdessen regierte Urfin im Wunderland weiter. Allerdings hatte er kein frohes Leben. Zur Zerstreuung gab er Festgelage, die von den B#252;rgern der Stadt jedoch gemieden wurden. Die schmeichelnden Reden der Minister aber hatte Urfin satt. Eines Tages kam ihm zu Ohren, da#223; Elli und ihr Onkel, den die kleinen K#228;uer den „Riesen von der anderen Seite der Berge" nannten, im Lande aufgetaucht seien. Urfin r#252;stete zum Kampf. Er fertigte immer mehr Holzsoldaten an, die er mit dem Zauberpulver lebendig machte. Obwohl diese Arbeit ihn viel Schwei#223; kostete, gab er sie erst auf, als das Zauberpulver ihm ausging. Trotz aller Wachsamkeit der Polizisten und der Holzk#246;pfe konnten Elli und Charlie den Holzf#228;ller, den Scheuch, den langb#228;rtigen Soldaten Din Gior und den H#252;ter des Tores Faramant befreien. Dann brachen sie in das

Violette Land auf, wo sie die Zwinkerer bewaffneten. Mit ihnen zogen sie in den Krieg. Seine gr#246;#223;ten Hoffnungen setzte der Seemann in eine aus einem dicken Baumstamm hergestellte Holzkanone, f#252;r die Charlie selbst das Pulver bereitet hatte. Die Kanone bew#228;hrte sich. Mit einem einzigen Schu#223; entschied sie den Ausgang der Schlacht. Die Holzsoldaten hatten Angst vor Feuer, und als brennende Fetzen und gl#252;hende Kohlen auf ihre K#246;pfe herunterfielen, stoben sie entsetzt auseinander. Urfin Juice wurde gefangengenommen, vor Gericht gestellt und verbannt. Die kriegerischen Holzk#246;pfe aber verwandelten sich in flei#223;ige Arbeiter, nachdem man ihre grimmigen Gesichter auf Vorschlag des Scheuchs durch l#228;chelnde ersetzt hatte. Die Verr#228;ter, die Urfin Juice gedient hatten, wurden alle bestraft, mit Ausnahme des gr#246;#223;ten — des Zeremonienmeisters und ersten Ministers Ruf Bilan — , der spurlos verschwunden war. Und wieder nahm das M#228;dchen Elli Smith aus Kansas von ihren treuen Freunden Abschied…

DIE KATASTROPHE

Ruf Bilan lief, so schnell ihn seine kurzen dicken Beine trugen. Er hatte den Mund weit aufgesperrt und atmete schwer. Die Laterne in seinen zitternden H#228;nden beleuchtete nur schwach den Weg.

„Ach, k#246;nnte ich doch nur einen Augenblick verschnaufen!' Aber im R#252;cken war der schwere Schritt des Eisernen Holzf#228;llers zu h#246;ren, und eine ma#223;lose Angst trieb den Fliehenden weiter. Schnellf#252;#223;ige Polizisten hatten Ruf Bilan die Nachricht von der Zerschlagung der Holzarmee #252;berbracht. Die anderen R#228;te des K#246;nigs beschlossen, ihre Missetaten vor dem Volk zu bekennen und es um Gnade zu bitten. Freilich war ihre Schuld nur gering im Vergleich mit den Verbrechen Bilans. Ihm h#228;tte man den sch#228;ndlichen Verrat wohl nicht verziehen, und deshalb beschlo#223; er zu fliehen. Im ganzen Wunderland h#228;tte sich wahrscheinlich niemand gefunden, der Bilan Unterschlupf gew#228;hren w#252;rde.

,Ich werde mich im unterirdischen Gang verstecken', entschied Bilan. Der Verr#228;ter hatte es so eilig, die Stadt zu verlassen, da#223; er nicht einmal an Mundvorrat dachte und nur eine kleine #214;llaterne mitnahm. Er wu#223;te, da#223; es im unterirdischen Gang stockfinster war. Ruf Bilan schlich sich heimlich in den Keller des Turms, in dem der Holzf#228;ller und der Scheuch gefangen

gewesen waren. Dieser Keller war durch eine feste T#252;r vom unterirdischen Gang getrennt. In diese T#252;r hatte seinerzeit Charlie, als er mit Elli und ihren Freunden die Gefangenen befreite, ein Loch ges#228;gt, durch das der Holzf#228;ller und der Scheuch ins Freie gelangten. Jetzt zw#228;ngte sich der dicke Bilan mit gro#223;er M#252;he hindurch. Dann z#252;ndete er die Laterne an und lief, so schnell er konnte. Alsbald h#246;rte er aber hinter sich den schweren Schritt des Eisernen Holzf#228;llers.

„Kehr um, du Tor!" rief dieser. „Da sind wilde Tiere, sie werden dich zerrei#223;en!"

F#252;r den von Entsetzen gepackten Ruf Bilan gab es jedoch nichts Schlimmeres als eine R#252;ckkehr in die Stadt, die er verraten hatte. Die Angst trieb ihn vorw#228;rts, und als er in der Wand ein schwarzes Loch erblickte, st#252;rzte er sich blindlings hinein. Vor ihm lag ein schmaler gewundener Gang, und Ruf Bilan ging, so leise er konnte, weiter. Die Schritte und die Stimme des Eisernen Holzf#228;llers verhallten — offenbar hatte er die Spur des Verr#228;ters verloren.

„Gerettet", entfuhr es Ruf Bilan. Er sank auf den steinernen Boden hin und verlor das Bewu#223;tsein. Die Laterne entglitt seinen H#228;nden, ihre Flamme flackerte noch einmal auf und erlosch, undurchdringliche Finsternis h#252;llte den Entflohenen ein. Als Bilan wieder zu sich kam, wu#223;te er nicht, wie lange er bewu#223;tlos dagelegen hatte. Aber seine Arme und Beine waren wie gel#228;hmt, und er erhob sich nur mit M#252;he. Erst jetzt begriff er, in welch einer schrecklichen Lage er sich befand: Er war allein, ohne Nahrung und Wasser, und bald w#252;rde er auch ohne Licht sein, denn das #214;l in der Laterne konnte h#246;chstens drei, vier Stunden reichen…

,Ich werde umkehren und mich ergeben', entschied Bilan,vielleicht wird man mir das Leben schenken. Hier unten aber m#252;#223;te ich vor Hunger und Durst unter schrecklichen Qualen sterben.'

Er z#252;ndete die Laterne an und ging. Aber nach der Ohnmacht verfehlte er die Richtung, und statt in den Hauptgang, den er verlassen hatte, zur#252;ckzukehren, entfernte er sich immer mehr von ihm. Das erkannte er aber erst, als der schmale Gang pl#246;tzlich in eine gro#223;e runde H#246;hle m#252;ndete, deren W#228;nde mehrere #214;ffnungen zeigten. Ruf trat in die Mitte der H#246;hle und schaute sich um. „Hier war ich nicht", sagte er, und obwohl seine Stimme schwach war, schallte sie, durch das vielfache Echo verst#228;rkt, sehr laut. „Ich

bin wohl falsch gegangen. Aber wo ist nur der Gang, durch den ich herkam?"

Das Blut gerann ihm schier in den Adern, denn jetzt war ihm klar, da#223; er sich verirrt hatte. Unf#228;hig zu #252;berlegen, st#252;rzte er sich in die erstbeste #214;ffnung und rannte los. Aber schon nach zehn Minuten versperrte ihm eine Wand den Weg. Ruf kehrte um und legte einen Stein vor die #214;ffnung, aus der er gekommen war.

,Ich werde jetzt vor jeden Gang, aus dem ich zur#252;ckkehre, einen Stein legen, damit ich wenigstens wei#223;, wo ich schon gewesen bin, entschied er. Nach kurzer Rast betrat Ruf Bilan den n#228;chsten Gang. Als dieser sich gabelte, hielt er sich rechts. Bald aber stand er wieder vor einer Gabelung. Je weiter er kam, um so verworrener wurde das Labyrinth aus breiten und schmalen, hohen und niedrigen, geraden und krummen G#228;ngen, die H#246;hlen miteinander verbanden. Diese glichen bald Prunks#228;len, die so hoch waren, dass das schwache Laternenlicht nicht einmal die Decke erkennen lie#223;, bald glichen sie runden Schalen, deren Boden mit Wasser oder mit Steinen, die von der Decke abgebr#246;ckelt waren, bedeckt war. Ruf irrte lange durch das Labyrinth. Wie viele Stunden es waren, wu#223;te er nicht genau, aber an der erl#246;schenden Flamme erkannte er, da#223; das #214;l ausging. Jetzt erwartete ihn das Schlimmste — die Finsternis — , in der er, kriechend und tastend, einen Weg nach drau#223;en finden mu#223;te, wenn er leben wollte… Aber ehe die Laterne erlosch, sah Ruf eine Wand aus verschiedenfarbigen Ziegeln vor sich.

,Die k#246;nnen nur Menschen erbaut haben! Vielleicht sind sie noch da und werden mich retten?' ging es Ruf durch den Kopf. Hinter der Wand h#246;rte er, kaum vernehmbar, Stimmen. Er hatte sich also nicht geirrt. Ruf sah sich um und erblickte eine verrostete Hacke, die anscheinend die Maurer vergessen hatten. Mit der Kraft der Verzweiflung begann er eine #214;ffnung in die Ziegelwand zu schlagen.,Ich mu#223; mich beeilen', dachte er, sonst gehen sie weg, und ich bleibe allein in dieser schrecklichen Finsternis.'

Der Docht flackerte zum letzten Mal auf und erlosch, aber im gleichen Augenblick st#252;rzte die Wand unter Rufs heftigen Schl#228;gen ein. Dann h#246;rte er Wasser glucksen und gleich darauf Schreie. Ruf sah einen kleinen runden Raum vor sich, der von phosphoreszierenden Kugeln an der Decke schwach erleuchtet war. Auf dem Boden gewahrte er ein Wasserbecken, das sich schnell leerte. Auf der gegen#252;berliegenden Seite #246;ffnete sich eine T#252;r, durch die drei M#228;nner mit spitzen H#252;ten, an denen Leuchtkugeln befestigt waren, hereinst#252;rzten. Die M#228;nner hatten blasse Gesichter und gro#223;e schwarze Augen, die Ruf entsetzt anstarrten. „O weh!" schrie einer der M#228;nner. „Die heilige Quelle ist versiegt!" Ruf Bilan erschauerte. Noch wu#223;te er nicht, was er da angerichtet hatte, aber seine Z#228;hne klapperten. Es mu#223; etwas sehr Schlimmes sein', ging es ihm durch den Kopf, und jetzt wird man mich bestrafen.' „Wer bist du, Mann, und wo kommst du her'?" fragte barsch einer der Eintretenden, dem gebieterischen Aussehen nach wohl der Anf#252;hrer. „Ein Ungl#252;cklicher, ein Ausgesto#223;ener aus der oberen Welt", antwortete Bilan zitternd. „Man hat mich verfolgt, mir drohte der Tod, und ich floh in diese H#246;hle."

„Wir wissen, da#223; die Oberen gerecht sind. Du hast wahrscheinlich eine Missetat begangen, da#223; dir Todesstrafe drohte", sagte der Anf#252;hrer. „O weh, das stimmt!" rief Bilan und fiel auf die Knie. „Ich habe den Feinden geholfen, in die Stadt einzudringen, die sie belagert hatten." „Hu, ein Verr#228;ter!" rief der Anf#252;hrer der Wache ver#228;chtlich. „Und zu diesem sch#228;ndlichen Verbrechen hast du hier ein zweites hinzugef#252;gt: Du hast das Becken mit dem Schlafwasser zerst#246;rt, als es sich gerade wieder f#252;llte."

„Weh mir, weh mir", rief Bilan entsetzt. „Aber ich irre schon den zweiten Tag in diesem Labyrinth umher und hatte jede Hoffnung aufgegeben, als pl#246;tzlich eure Stimmen zu mir drangen. Da verlor ich den Kopf, ihr werdet es doch verstehen!"

„Ich f#252;rchte, du wirst ihn jetzt f#252;r immer verlieren", entgegnete der Anf#252;hrer der Wache finster. „Ich werde dich zu K#246;nig Mentacho bringen, Fremder! Und ihr, Kameraden", wandte er sich an seine Untergebenen, „bewacht unterdessen die Quelle. Falls sich das Wasser wieder zeigt, schickt einen von euch sofort in die Stadt. Nur f#252;rchte ich, da#223; dies nicht eintrifft…"

„Geh nur, Renjo, wir werden tun, wie du sagst", erwiderten die Zur#252;ckbleibenden.

DER WEG ZUR STADT

Der Weg, durch den Renjo den Gefangenen f#252;hrte, gabelte sich mehrmals. Ruf bemerkte, da#223; der Anf#252;hrer der Wache bei jeder Gabelung Pfeilen folgte, die mit roter Farbe auf die W#228;nde gemalt waren.,H#228;tte ich diese Zeichen gesehen, dann w#228;re ich vielleicht aus dem Labyrinth herausgekommen, ohne die verfluchte Wand zu zerst#246;ren', dachte Ruf Bilan. Doch warum sind die Leute so sehr um das Wasser besorgt?' H#228;tte Ruf gewu#223;t, welche Bedeutung das Schlafwasser f#252;r das unterirdische Land hatte, so h#228;tte er um sein Leben gezittert. Aber er wu#223;te es nicht, und darum war er ziemlich ruhig, denn er hoffte, sich irgendwie aus der Angelegenheit herauswinden zu k#246;nnen.

,F#252;r das, was ich oben angerichtet hab, k#246;nnen mich die unterirdischen Erzgr#228;ber nicht bestrafen, denn dazu haben sie kein Recht', dachte der Verr#228;ter. Und das zerst#246;rte Becken… na ja… Das werde ich eben selber wieder instand setzen m#252;ssen.'

Der Weg war lang und f#252;hrte steil hinab. Mehrmals ging es #252;ber steinerne Stufen, die in den Fels gehauen waren. Aber dann h#246;rte der Abstieg auf, und der Weg wurde wieder waagerecht; die W#228;nde traten auseinander, und das Licht auf dem Hut Renjos verbla#223;te. Vorn zeigte sich ein schwacher Schimmer, der an den Schein der Abendd#228;mmerung erinnerte. Ruf Bilan sah eine riesige H#246;hle, beleuchtet von goldgelben, unter der Decke dahinschwebenden rauchenden Wolken. Verstreut standen kleine D#246;rfer auf kleinen H#252;geln, und in der Ferne konnte man die Umrisse einer von einer Mauer umgebenen Stadt erkennen.

,Das ist also das sagenhafte unterirdische Land, von dem ich schon in meiner Kindheit so viele wunderbare Dinge geh#246;rt habe', dachte Bilan. „Sagen Sie mir, verehrter Renjo", wandte er sich an seinen Begleiter, „wie hei#223;t die Stadt, in die Sie mich f#252;hren?" Statt einer Antwort erhielt er einen Sto#223; vor die Brust, da#223; er fast umfiel.

„Stelle mir keine Fragen, wenn dir dein Leben lieb ist!" sagte Renjo drohend. „In unserem Land haben die Leute vom niederen Stand kein Recht, denen vom oberen Fragen zu stellen!"

In Ruf Bilan regte sich der fr#252;here Hochmut. Er wollte schon stolz erwidern, da#223; er in der oberen Welt eine hohe Stellung eingenommen habe, beherrschte sich aber und schwieg.

,Hier darf man sich allem Anschein nach nur auf die eigenen Augen und Ohren verlassen', dachte Bilan und begann aufmerksam die Umgebung zu betrachten. Er sah viel Interessantes. Der Weg f#252;hrte durch Felder und an kleinen H#252;geln vorbei und war von leuchtend gr#252;nen, hellblauen und silberfarbenen Pf#228;hlen ges#228;umt. Nach den d#252;steren T#246;nen der unterirdischen G#228;nge tat der Anblick dieser Pf#228;hle dem Auge wohl. Auf einem Feld am Wegrand sah er ein sechsf#252;#223;iges Tier, das vor einen m#228;chtigen Pflug gespannt war. Es setzte plump einen Fu#223; vor den anderen und zog mit Leichtigkeit den Pflug, dessen Schare breite Erdklumpen umlegten. Hinter dem Pflug ging ein barf#252;#223;iger Mann mit einem Leinenrock, hochgekrempelten Hosen und einem gr#252;nen Hut mit Quaste. Ein anderer Bauer f#252;hrte das Tier am Zaum und zwang es jedesmal, wenn der Pflug am Rain anlangte, zu wenden. Der Anblick verbl#252;ffte Ruf Bilan — von diesen seltsamen Tieren hatte man ja in der oberen Welt keine Ahnung! Er wollte seinen Begleiter fragen, ob es hier viele Sechsf#252;#223;er g#228;be, aber er erinnerte sich rechtzeitig, wie unwirsch der ihn angefahren hatte, und schwieg. Pl#246;tzlich erblickte er etwas, das ihm schier das Blut in den Adern erstarren lie#223;. Es war ein m#228;chtiger Drache mit hautbespannten Fl#252;geln, einem glatten wei#223;en Bauch und gelben tellergro#223;en Augen, der rauschend herabstieg. Auf dem R#252;cken des Ungeheuers sa#223; ein Mann in Lederkleidern mit einer gr#252;nen M#252;tze. Er trug einen gro#223;en Bogen und einen K#246;cher mit Pfeilen auf dem R#252;cken, hielt eine Lanze in der Hand und hatte ein langes, blasses, hakennasiges Gesicht, das finster dreinblickte. Bilan begriff, da#223; es ein Aufseher war, denn bei seinem Auftauchen sprangen die zwei Bauern, die gerade ausruhten, auf und machten sich schleunigst an die Arbeit. Der Aufseher schimpfte sie wegen ihrer Faulheit und flog davon. In diesem Augenblick raste hoch in den Wolken ein anderer Drache vorbei. Auch er hatte einen Mann auf dem R#252;cken. Renjo f#252;hrte seinen Gefangenen schon fast zwei Stunden durch die H#246;hle, aber die D#228;mmerung hielt an. Nach wie vor leuchteten oben die goldgelben Wolken, und die Umrisse der Stadt auf dem H#252;gel, dem sich die beiden M#228;nner n#228;herten, blieben unklar.

Die Felder gingen in eine felsige Landschaft #252;ber, die allm#228;hlich anstieg. Links zeigte sich eine Anlage, die aus kleinen und gro#223;en R#228;dern bestand. Ruf mu#223;te trotz seiner schlechten Stimmung l#228;cheln, als er zwei stapfende Sechsf#252;#223;er das komplizierte R#228;derwerk bewegen sah. Aus einem tiefen Schacht kamen Eimer zum Vorschein, aus denen Erz in einen gro#223;en Wagen polterte. Auch vor dem Wagen stand ein Sechsf#252;#223;er, der auf das Ende der Verladung wartete und dabei seinen gro#223;en runden Kopf auf und ab bewegte.

DAS GERICHT DES K#214;NIGS

Die Stadt stand an einem gro#223;en See mit flachem Ufer. An vielen Dingen konnte man erkennen, wie erfinderisch die unterirdischen Menschen waren. Ein riesiges Wasserrad mit breiten Schaufeln drehte sich unter den F#252;#223;en eines Sechsf#252;#223;ers. Das Tier war m#252;de, sein Atem ging schwer, und aus dem weit ge#246;ffneten Maul flogen Schaumfetzen.

„Recht geschieht dir, B#246;sewicht!" rief Renjo w#252;tend zum Tier hin#252;ber. „Du hast deinen Antreiber #252;berfallen, jetzt mu#223;t du daf#252;r das Wasser in die Stadt der sieben K#246;nige pumpen!"

,So hei#223;t also die Stadt! Hier kann man sicher viel erfahren, wenn man nur die Ohren spitzt', dachte Bilan. Jetzt wei#223; ich auch, ohne jemanden fragen zu m#252;ssen, da#223; sich das Land in sieben Teile gliedert, von denen jeder seinen eigenen K#246;nig hat. F#252;rwahr, keine gro#223;en K#246;nigreiche, das mu#223; man schon sagen!'

Vor dem Stadttor hielten sie. Die Festungsmauer bestand aus Ziegeln, die von der Zeit fast schwarz geworden waren. Renjo zog an einem Strick. Der Posten erkannte Renjo und #246;ffnete die Pforte. Neugierig betrachtete er den Fremden, wagte aber nicht, Fragen zu stellen.

,Renjo hat, wie man sieht, einen h#246;heren Rang als der Mann da', entschied Ruf Bilan. Die Stadt war nicht gro#223;. Ruf Bilan sah gewundene Stra#223;en und buntgestrichene H#228;user mit hohen, schmalen Fenstern und festen T#252;ren. Aus den Fenstern starrten Frauen mit gr#252;nen Hauben den Fremdling an. Die Stra#223;e m#252;ndete in einen Platz, auf dem ein Palast mit sieben T#252;rmen stand. Vor Ruf Bilans Augen flimmerte es, als er drei W#228;nde sah, deren hellblaue, dunkelblaue und violette Farbe von erstaunlicher Reinheit waren.

Jede Seite des Geb#228;udes hatte einen schmucken Eingang mit einer massiven T#252;r. Bilan wunderte sich, da#223; hier niemand ein und aus ging und die T#252;ren verschlossen waren.

,Vielleicht lebt dort niemand?' dachte Ruf.

#220;ber jeder T#252;r hing eine Sanduhr, wie sie Ruf Bilan in der oberen Welt niemals gesehen hatte. Freilich besa#223;en auch dort die reichen Leute Sanduhren, aber ihren Gang #252;berwachte immer ein Diener, der, wenn der Sand aus dem oberen Glas in das untere gesickert war, die Uhr umdrehte und die Zeit ausrief. Hier aber waren es zwei miteinander verbundene Glastrichter, die senkrecht an einem gro#223;en runden Zifferblatt befestigt waren. Ruf Bilan h#228;tte kaum erraten, wie diese Uhren funktionierten, aber als er gerade an einer blauen T#252;r vorbeiging, sickerten die letzten Sandk#246;rnchen aus dem oberen Trichter in den unteren, und im gleichen Augenblick drehten sich beide von selbst um, w#228;hrend sich das Zifferblatt von rechts nach links um einen Teilstrich weiter bewegte, so da#223; die n#228;chste Ziffer genau unter dem Zeiger stand. Aus dem Innern der Uhr erklang ein angenehmer Glockenschlag.

,Diese unterirdischen Menschen scheinen hervorragende Meister zu sein', dachte Bilan voller Achtung. Als sie den blauen Teil des Palastes passiert hatten, sagte Bilan zu sich:

,Jetzt kommt die violette Wand, dann die rote, dann eine orangefarbene, eine gelbe und zuletzt eine gr#252;ne, vor der wir wohl stehenbleiben werden. Mentacho, zu dem man mich f#252;hrt, ist wahrscheinlich der gr#252;ne K#246;nig, das errate ich an der Farbe der H#252;te, die seine Leute tragen.' Ruf Bilan hatte sich nicht geirrt. Er wurde durch den gr#252;nen Eingang, an einem gr#252;ngekleideten Posten vorbei in einen gr#252;nen Empfangssaal gef#252;hrt. Das war ein gro#223;er, fensterloser Raum, den Kugeln an der Decke hell erleuchteten. Im Saal wandelten H#246;flinge in gr#252;nen Prunkkleidern mit edelsteinbesetzten H#252;ten einher. Als sie den Mann erblickten, der sich im Aussehen von den Einwohnern des unterirdischen Landes so sehr unterschied, liefen sie auf Renjo zu und #252;bersch#252;tteten ihn mit Fragen. Sie hatten das Recht dazu, denn sie standen rangm#228;#223;ig h#246;her als er. Der H#252;ter der Quelle wehrte sie jedoch mit den Worten ab: „Meine Herren, ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen zu unterhalten, ich mu#223; dem K#246;nig sofort eine schreckliche Nachricht #252;berbringen. Eben ist die Heilige Quelle zerst#246;rt worden und ihr Wasser versickert."

„Das kann nicht sein!" h#246;rte man mehrere Stimmen. „Heute abend soll unser Hof schlafen gehen!" „Was fangen wir nun an?!"

Renjo wandte sich an einen der Hofleute, einen stattlichen Alten mit wei#223;em Bart.

„Herr Minister Koriente, ich bitte Euch, bei Seiner Majest#228;t unverz#252;glich um eine Audienz f#252;r mich nachzusuchen!" Koniente eilte fort, und bald tat sich am anderen Ende des Empfangssaales eine T#252;r auf, vor der ein stolzer Zeremonienmeister feierlich in den Saal rief:

„Seine Unterirdische Majest#228;t, K#246;nig Mentacho, befehlen, den gefangenen Fremdling in den Thronsaal des Regenbogenpalastes zu f#252;hren!"

Mit schlotternden Knien folgte Ruf Bilan dem H#246;fling. B#252;ndel, Girlanden und Kronleuchter aus phosphoreszierenden Kugeln tauchten den Thronsaal in ein ungew#246;hnlich helles Licht, das dem Auge wohltat und den Schatten der Gegenst#228;nde verschlang. Diese Lampen gaben keine W#228;rme — sie strahlten kaltes Licht aus. Sp#228;ter erfuhr Ruf Bilan, da#223; jede Wohnung im unterirdischen Lande durch solche Kugeln beleuchtet wurde, denn das Licht, das durch die Fenster in die H#228;user fiel, war sehr schwach. An der Anzahl der phosphoreszierenden Kugeln konnte man die Verm#246;genslage der Menschen erkennen. In den H#228;usern der W#252;rdentr#228;ger gab es Dutzende solcher Leuchten, in den H#252;tten der Armen aber brannte nur eine einzige Kugel, die so gro#223; wie eine Kirsche war. Bilan blickte wie gebannt zur gegen#252;berliegenden Seite des Saales, wo auf einer Erh#246;hung der Thron des K#246;nigs stand. In einem breiten Sessel mit zahlreichen geschnitzten Verzierungen sa#223; ein gro#223;er, dicker Mann mit einem Strubbelkopf. Das war K#246;nig Mentacho. Von seinen Schultern fiel ein weiter, mit gr#252;nen Blumen bestickter Umhang. Erschrocken starrte Bilan in das Gesicht des K#246;nigs. „Erz#228;hle alles", befahl Mentacho streng, „ohne etwas zu verheimlichen." Zitternd und stockend erz#228;hlte Bilan, wer er in der Smaragdenstadt gewesen, wie er aus Angst vor Strafe in die unterirdische Welt geflohen sei, und was er im Labyrinth angerichtet habe. Mentachos Miene wurde immer finsterer. Dann dachte er lange nach. Im Saal war es m#228;uschenstill. Selbst die H#246;flinge hatten zu tuscheln aufgeh#246;rt. Allen war klar, da#223; sich jetzt das Schicksal eines Menschen entschied.

„H#246;rt meinen Spruch", sagte der K#246;nig. „Du hast sch#228;ndlich gegen deine Mitb#252;rger gehandelt, aber uns gehen die Angelegenheiten der oberen Welt nichts an. Du hast aber die Heilige Quelle zerst#246;rt, und das ist ein schreckliches Ungl#252;ck f#252;r unser Land, dessen Folgen gar nicht abzusehen sind. F#252;r ein solches Verbrechen w#252;rde jeder Bewohner unseres Landes hingerichtet werden, du aber bist ein Fremder und hast deine b#246;se Tat aus Unwissenheit und Todesangst begangen. Darum w#228;re es ungerecht, dir das Leben zu nehmen… "

Ruf Bilan h#228;tte fast einen Freudenschrei ausgesto#223;en. „Ich will dir sogar ein Amt bei Hofe geben, damit du nicht umsonst dein Brot i#223;t", fuhr Mentacho fort. „Aber glaube nicht, da#223; du, weil du bei Urfin Juice Minister warst, hier ein hohes Amt bekommst. Ich ernenne dich lediglich zum Gehilfen des vierten Lakaien, und du wirst beim Hofgesinde leben. ." Der Verr#228;ter fiel dem K#246;nig zu F#252;#223;en und begann seine smaragdenbesetzten Schuhe zu k#252;ssen. Mentacho zog angewidert die F#252;#223;e zur#252;ck und brummte: „Dieser Mann hat die Seele eines Lakaien, beim Hofgesinde ist wahrhaftig der Platz, den er verdient."

Strahlend verlie#223; Ruf Bilan den Thronsaal. Man hatte ihm das Leben geschenkt, und das war ihm das Wichtigste.

Jetzt werde ich mich um jeden Preis wieder hocharbeiten', sagte er zu sich.

VERWIRRUNG IM UNTERIRDISCHEN LAND

An dem Tag, als die Quelle mit dem Schlafwasser versiegte, und an den folgenden Tagen herrschte in der Stadt der sieben K#246;nige ein schreckliches Durcheinander. Es war die Zeit, da K#246;nig Mentacho, seine Angeh#246;rigen und sein Hof schlafen gehen sollten, aber das Wasser hatte sich in die Tiefe des Felsens zur#252;ckgezogen. Es hatte den Anschein, da#223; es nie mehr wiederkommen w#252;rde. Die Kinder Mentachos hingen an den Sch#246;#223;en des Vaters und weinten: „Papa, Papa, wir wollen schlafen!"

„Dann schlaft doch!" sagte der Vater m#252;rrisch. „Das Wasser ist ja nicht da… " „Schlaft ohne Wasser!" „Wir k#246;nnen nicht. ."

Ja, das konnten sie wirklich nicht, genauso wie ihre Eltern, die Hofleute und das Gesinde. Sie konnten nicht einschlafen wie andere Menschen, denn seit Jahrhunderten hatten sie nur den Zauberschlaf gekannt. Von Schlaflosigkeit geplagt, gingen die Leute in Scharen hinter dem H#252;ter der Zeit, Rushero, und seinen Gehilfen einher und flehten sie an, irgend etwas zu tun. Diese aber wehrten die Leute ab, denn es war gerade die Zeit, da man den eben erwachten K#246;nig Eljan unterrichten mu#223;te. Keine Stunde durfte vers#228;umt werden, denn es war schon vorgekommen, da#223; die Erwachten, mit denen man sich in den ersten Tagen zu wenig abgegeben hatte, komplette Idioten blieben…

„Sind das Zeiten!" seufzte Rushero, w#228;hrend er den K#246;nig Eljan die Worte Papa und Mama sprechen lehrte. Schlie#223;lich siegte doch die Natur. Nach vier schlaflosen Tagen und N#228;chten #252;berkam den K#246;nig Mentacho, seine Angeh#246;rigen und H#246;flinge allm#228;hlich der Schlaf. Da es aber in den Gem#228;chern des Palastes keine Betten gab — man pflegte ja die Leute, die das Schlafwasser bekamen, in besondere Kammern zu legen — , #252;berraschte sie der Schlaf dort, wo sie sich gerade befanden, und dabei nahmen sie die wunderlichsten Stellungen ein. Der eine schnarchte, auf einem Stuhl sitzend, mit h#228;ngendem Kopf, ein anderer stand, an die Wand gelehnt, ein dritter wieder lag zusammengerollt vor der Schwelle. Der gr#252;ne Teil des Palastes glich einem verzauberten M#228;rchenreich. Als man das Rushero meldete, ging er selbst, sich das komische Schauspiel anzusehen. „Jetzt werden sie mich in Ruhe lassen!" schmunzelte der H#252;ter der Zeit. „Sie werden nun schlafen wie alle anderen Menschen. Nur bef#252;rchte ich…" Was er bef #252;rchtete, sprach der weise Rushero nicht zu Ende, denn er mu#223;te zum Unterricht mit K#246;nig Arbusto eilen. Die K#246;nige Mentacho und Arbusto trafen sich, als Mentacho ausgeschlafen hatte und Arbusto gerade seinen Lehrgang beendete. Die beiden lebten nun schon fast 300 Jahre auf der Welt, waren aber nie zusammengekommen, denn jedesmal, wenn der eine einschlief, hatte der andere noch den Verstand eines S#228;uglings. Jetzt waren sie im Thronsaal in Anwesenheit zahlreicher H#246;flinge einander begegnet und be#228;ugten sich neugierig.

„Guten Tag, Eure Majest#228;t!" sprach Mentacho, der um etwa 30 Jahre j#252;nger war.

„Guten Tag, Eure Majest#228;t", murmelte Arbusto mit zahnlosem Mund. „Es freut mich, Eure Bekanntschaft zu machen. Wir sind immerhin Verwandte, wenn auch nicht sehr nahe. Mir scheint, Ihr Gro#223;v#228;terchen war ein Cousin vom Onkel meiner Mutter?"

„Nein, meine Gro#223;mutter war ein Enkel Eures Vaters. Aber wozu sollen wir uns dar#252;ber den Kopf zerbrechen?"

„Sehr recht", sagte Arbusto. „Dann wollen wir uns einfach Br#252;der nennen. Ihr seid ja wie ich ein Nachfahr des ruhmreichen Bofaro! Einverstanden, Bruder Mentacho?" „Einverstanden, Bruder Arbusto!" Die K#246;nige reichten sich unter dem Beifall der Anwesenden die H#228;nde. Aus diesem Anla#223; wurde im Palast ein fr#246;hliches Fest gegeben, an dem der Hof staat beider K#246;nige teilnahm. Auch der H#252;ter der Zeit, Rushero, war dabei. Wie allen anderen reichte man ihm Becher mit Wein, aber der Alte schob sie beiseite und streichelte m#252;rrisch seinen Bart…

DIE LAGE WIRD KOMPLIZIERT

Erst nach Monaten erfuhr man, warum der weise Rushero so besorgt war. Die K#246;nige und ihre H#246;flinge erwachten einer nach dem anderen, und nach und nach kam Leben in die fr#252;her leeren und stummen Abteilungen des Regenbogenpalastes. Das Zauberwasser aber war verschwunden, und es gab kein Mittel, die K#246;nige, deren Regierungszeit um war, einzuschl#228;fern. Ruf Bilan, der die jahrhundertealte Ordnung im unterirdischen Lande gest#246;rt hatte, war jetzt Diener beim K#246;nig Mentacho. Er hielt sich sehr bescheiden, versah eifrig seinen Dienst und bem#252;hte sich, dem K#246;nig und seinen W#252;rdentr#228;gern nicht unter die Augen zu kommen.,Es w#252;rde mir schlimm ergehen', dachte Bilan,wenn sie sich pl#246;tzlich erinnerten, da#223; ich die Schuld an diesem Wirrwarr trage. . ' Eines Morgens wurde Lassampo, der Leiter der B#228;ckereien, beim Minister f#252;r Lebensmittel des K#246;nigs Mentacho vorstellig. „Ich habe die Ehre, Eurer Exzellenz zu melden", sagte er mit gramvoller Stimme, „da#223; das Mehl in meinem Lager nur noch f#252;r drei Wochen reicht. Bleibt die Lieferung aus, werden wir die Brotl#228;den und Konditoreien schlie#223;en m#252;ssen." „Was schwatzen Sie von Lieferungen!" unterbrach ihn gereizt der Minister. „Woher sollen sie kommen?"

„Ich dachte", brummte der Beamte, „wir k#246;nnten den Handelstag vor dem Termin abhalten. ."

„Sie sind verr#252;ckt!" br#252;llte der Minister. „Was kommen Sie mir mit dem Handelstag? Haben Sie vergessen, da#223; wir alle Vorratsbest#228;nde bereits eingetauscht haben und noch keine neuen Waren vorhanden sind?"_„Was befehlen also Eure Exzellenz?" „Da#223; Sie sich zum Kuckuck scheren!"

Kaum hatte sich der besorgte Beamte entfernt, trat der Auf seher der Lager ein, in denen die Milchprodukte aufbewahrt wurden.

„Exzellenz", sagte er verst#246;rt, „Butter und K#228;se in meinen Kellern reichen h#246;chstens noch f#252;r zwei Wochen."

„Und was soll ich tun?"

„Vielleicht k#246;nnen… Eure Anweisungen…", stotterte erschrocken der Aufseher.

„Hier meine Anweisungen: Die Zuckerb#228;cker bekommen keine Butter mehr! Die Butterausgabe an die Milit#228;rk#246;che wird eingestellt! Den Spionen ist die Ration #252;berhaupt zu streichen!"

„Aber dann werden sie ja verhungern… Wer soll denn die Unzufriedenen #252;berwachen, gerade jetzt, da es immer mehr werden!…"

„Hm, eine schwere Aufgabe… Sch#246;n, also sollen die Spione von heute an eine halbe Ration bekommen, damit sie sich auf den Beinen halten. Verstanden?"

„Jawohl, Exzellenz", erwiderte der Aufseher und zog sich, r#252;ckw#228;rts gehend, zur T#252;r zur#252;ck, die gerade vom k#246;niglichen Mundschenk aufgesto#223;en wurde. Als der Minister das besorgte Gesicht des Mundschenks sah, fiel er in Ohnmacht.

„Ihr auch?" fragte leise der Aufseher der Milchprodukte. „Ja", fl#252;sterte der Mundschenk. „Der Wein reicht h#246;chstens noch f#252;r eine Woche." Als der Minister nach einer Weile das Bewu#223;tsein wiedererlangte, rannte er sofort zu den Ministern der anderen K#246;nige. Es erwies sich, da#223; die Lebensmittellage bei allen #228;u#223;erst besorgniserregend war. Man beschlo#223;, den Gro#223;en Rat einzuberufen, doch da dies seit Jahrhunderten nicht mehr geschehen war, wu#223;te niemand, wie man dabei vorgehen m#252;sse. Also zog man die alten Chroniken zu Rate. K#246;nig Barbedo, der gerade regierte, gab Rushero, dem H#252;ter der Zeit, das Wort. Ein paar Minuten stand dieser schweigend da und betrachtete die Teilnehmer des Rates, deren Kleider in allen Farben des Regenbogens schillerten. Sein Gesicht war finster. Schlie#223;lich begann er: „Eure Majest#228;ten, meine Herren Minister, Hofleute! Es ist Euch bekannt, in welch schwerer Lage sich unser Land befindet, seitdem das Schlafwasser verschwunden ist. Mit Bedauern mu#223; ich der hohen Versammlung mitteilen, da#223; die Sch#252;rfungen danach ergebnislos geblieben sind. Die Heilige Quelle ist f#252;r immer versiegt." Der Redner hielt inne, um Atem zu holen. K#246;nig Barbedo aber sagte: „Ihr sprecht da von den Dingen, die jeder wei#223;, sagt lieber etwas Neues." Rushero fuhr fort: „Unser Ungl#252;ck ist, da#223; wir zu viele Esser und viel zuwenig Arbeiter haben. Ich habe in alten Chroniken nachgelesen, da#223; es vor dem Tag der ersten Einschl#228;ferung genauso war. Auch damals konnte das Volk die K#246;nige und ihre H#246;fe nicht ern#228;hren. Das Schlafwasser brachte die Rettung, denn es verringerte die Zahl der Esser auf ein Siebentel… "

„Und was schlagt Ihr jetzt vor? Alle #220;berz#228;hligen zu t#246;ten?" fragte sp#246;ttisch Minister Koriente.

„Warum t#246;ten?" entgegnete ruhig der H#252;ter der Zeit. „Sie k#246;nnen sich ja selbst ern#228;hren. Ein jeder unserer sieben K#246;nige h#228;lt einen eigenen Hof mit Ministern, R#228;ten, Hofleuten — das sind mindestens f#252;nfzig Personen. Sie helfen ihrem Herrscher, den Staat im Verlaufe nur eines Monats von sieben zu regieren, die #252;brigen sechs Monate aber tun sie nichts. K#246;nnen wir uns denn nicht auf einen Hof beschr#228;nken, der beim Regierungswechsel von einem K#246;nig auf den anderen #252;bergehen w#252;rde? Dadurch bek#228;men wir mit einem Schlag 300 Paar Arbeitsh#228;nde, die wir auf unseren Feldern und in unseren Fabriken so sehr brauchen. ."

Der dreiste Vorschlag Rusheros befremdete die Ratsmitglieder. Viele sprangen auf, um ihren Unmut hinauszuschreien. Es erhob sich ein schrecklicher L#228;rm. Am meisten tobte die k#246;nigliche Verwandtschaft, all die Oheime, Vettern und Neffen der K#246;nige. Aber das Gesetz verbot es, einen Redner zu unterbrechen, ehe er zu Ende gesprochen hatte. K#246;nig Mentacho stellte die Ordnung wieder her, und Rushero fuhr fort: „Nehmen die K#246;nige meinen Vorschlag an, so k#246;nnen sie einen gro#223;en Teil ihres Hofgesindes entlassen, das den Palast #252;berf#252;llt und weniger den Monarchen und ihren Familien als den Ministern und H#246;flingen dient. Ich glaube, da#223; dann weder Wachen noch Spione notwendig sein werden, denn das Volk wird keinen Anla#223; zur Unzufriedenheit haben. Ich habe errechnet, da#223; mindestens sechshundert Nichtstuer n#252;tzliche Arbeit verrichten k#246;nnen. Und wenn alle diese Schmarotzer, die dem Volk auf dem Nacken sitzen, weg sind, wird das, was wir haben, f#252;r uns v#246;llig ausreichen." Als Rushero seine flammende Rede beendete, erhob sich ein Sturm der Entr#252;stung. Minister und Hofleute br#252;llten und sch#252;ttelten die F#228;uste. „Wir sollen hinter dem Pflug einherstapfen, wir, die Nachfahren des edlen Bofaro?" schrien sie. „Wir sollen an den Schmelz#246;fen vor Hitze vergehen? Wir sollen auf die Privilegien verzichten, die uns unsere Vorf ahren vererbt haben, und so sein wie das gemeine Volk? Hat der H#252;ter der Zeit den Verstand verloren?"

Nach Rushero ergriffen viele Minister und R#228;te das Wort. Sie wiesen den Plan des H#252;ters der Zeit zur#252;ck und sagten, man m#252;sse die Handwerker und Bauern zwingen, mehr zu arbeiten. Wenn sich die Arbeiter mehr anstrengten, sagten sie, w#252;rden sie mehr Waren erzeugen, und man k#246;nnte dann mehr Lebensmittel bei den Bewohnern der oberen Welt eintauschen. Die Wachen und Spione aber d#252;rfe man nicht entlassen, denn nur sie hielten das Volk in Botm#228;#223;igkeit. Der letzte Redner wurde unerwartet unterbrochen, als der Kommandant der Stadtwache in den Thronsaal st#252;rzte und keuchend hervorstie#223;:

„Eure Majest#228;ten! Soeben hat ein Eilbote die Meldung #252;berbracht, da#223; sich zwei Fremde der Stadt der Sieben K#246;nige n#228;hern." Die Sitzung nahm ein j#228;hes Ende. K#246;nige und Hofleute st#252;rzten schreiend und fluchend aus dem Palast. Allen voran rannte der feiste Mentacho. Die bunte Menge str#246;mte aus dem Tor und blieb verwundert stehen. Auf die Stadt zu kamen ein hochgewachsener dunkelhaariger Junge und ein M#228;dchen, das ein wunderliches, zottiges Tierchen an die Brust dr#252;ckte.