"Dunkel ist dieZukunft" - читать интересную книгу автора (Hohlbein Wolfgang)



Wolfgang Hohlbein Dunkel ist die Zukunft Science Fiction Roman Bechtermьnz Verlag CHARITY von Wolfgang Hohlbein im Bechtermьnz Verlagsprogramm: Charity 01 –Die beste Frau der Space Force Charity 02 – Dunkel ist die Zukunft Charity 03 –Die Kцnigin der Rebellen.Charity 04 – In den Ruinen von ParisCharity 05 –Die schlafende ArmeeCharity 06 – Hцlle aus Feuer und EisCharity 07 –Die schwarze Festung Charity 08 –Der SpinnenkriegCharity 09 –Das SterneninfernoCharity 10 –Die dunkle Seite des MondesCharity 11 –Ьberfall auf SkytownCharity 12 –Der dritte Mond Lizenzausgabe mit Genehmigung der Bastei– Verlag Gustav H. Lьbbe GmbH amp; Co. fьr Bechtermьnz Verlag im Weltbild Verlag GmbH, Augsburg 1997 © by Bastei-Verlag Gustav H. Lьbbe GmbH amp; Co., Bergisch Gladbach Umschlagmotiv: Steve Crisp/Agentur Luserke, Stuttgart Umschlaggestaltung: Adolf Bachmann, Reischach Gesamtherstellung: Ebner Ulm Printed in Germany ISBN 3-86047-833-8 1 Schmerz weckte sie. Es gelang ihr nicht, ihn genau zu lokalisieren; eine Milliarde kleiner, kribbelnder Tierchen mit spitzen Zдhnen lief durch ihren Kцrper, kroch durch ihre Adern, fraЯ sich an ihren Nervenbahnen entlang. Dann ein einzelner Gedanke, scheinbar sinnlos: Es wird weh tun. Sehr weh. Irgend jemand hatte das einmal zu ihr gesagt, irgendwann und irgendwo, eine Million Lichtjahre in der Vergangenheit. Wann und wo und wer genau, das hatte sie vergessen. Vielleicht hatte sie es nie gewuЯt. Dann eine neue Erinnerung: ein schmales Gesicht mit Augen voller Angst und Wahnsinn, ein … Gewehr, das auf sie gerichtet und – ja, und auch abgedrьckt worden war. Gut, dachte sie. Ihre Erinnerungen kamen zurьck. Noch ergaben sie keinen Sinn, und noch vermochte sie nicht zwischen echten Erinnerungen und dem zu unterscheiden, was ihr aus dem endlos langen Alptraum gefolgt sein mochte, der hinter ihr lag. Aber allein, daЯ sie diesen Gedanken denken konnte, bewies, daЯ sich die grauen Spinnweben in ihrem Kopf aufzulцsen begannen. Es wird lange dauern. Vielleicht Tage. Sie versuchte sich zu bewegen. Es ging nicht. Nun, sie hatte Zeit. Und vielleicht war es ohnehin klьger, zuerst in ihrem Kopf fьr Ordnung zu sorgen. Mit dem Einfachsten beginnen: Sie war … war … Sie konnte sich nicht einmal an ihren Namen erinnern, und es war dieser Gedanke, der sie zum ersten Mal an den Rand der Panik brachte, seit sie die Fesseln jenes todesдhnlichen Schlafes abgestreift hatte, in den sie irgendwann, vor unendlich langer Zeit gesunken war. Ganz schwach glaubte sie zu wissen, daЯ sie sich nicht freiwillig in diesen Zustand begeben hatte und daЯ sie … Es geschah so plцtzlich, daЯ sie aufgeschrien hдtte, wдre sie nur in der Lage dazu gewesen: Eine gewaltige, zehnfingrige Insektenklaue schlug nach ihren Gedanken und zerfetzte den Schleier aus grauen Spinnweben, der sich darьber ausgebreitet hatte. Charity erwachte. Sie war auf der Flucht. Das Leben eines Wastelanders brachte es zwangslдufig mit sich, daЯ man sehr frьh lernte, sich durchzuschlagen und mit Gefahren fertig zu werden. Sie kannte alle Tricks, um die Reiter von der richtigen Spur abzubringen, und genug kleine Kunstgriffe und Kniffe, selbst einen Shark zu narren. Aber heute war ein ganzes Dutzend hinter ihr her, und sie hatte die Spuren von mindestens drei Reitern gesehen. Ihre Chancen standen, vorsichtig formuliert, nicht besonders gut. Im Moment war sie zwar in Sicherheit, aber die Felsenhцhle, in die sie sich zurьckgezogen hatte, bot ihr nur fьr kurze Zeit Schutz. Die Sharks waren nicht dumm –und zu allem ЬberfluЯ wurde die Hцhle von einer Fangspinne bewohnt, wie die zahllosen kleinen Knochenhaufen bewiesen, die unter ihren nackten FьЯen knisterten. Das Tier wьrde nicht vor Einbruch er Dunkelheit zurьckkommen, und es war fraglich, ob es einen so groЯen Gegner wie einen Menschen ьberhaupt angreifen wьrde; aber Net hatte weder Lust, es herauszufinden, noch ihr Nachtlager mit einer kopfgroЯen, zehnbeinigen ScheuЯlichkeit zu teilen. Sie hatte noch eine gute Stunde, ehe sie ihre Deckung verlassen muЯte. Und dann … Vorsichtig schob sie sich ein wenig nдher an den Hцhlenausgang heran und spдhte zu den Bergen hinьber. Net hatte fast das Gefьhl, nur die Hand ausstrecken zu mьssen, um ihre Auslдufer berьhren zu kцnnen. Aber sie wuЯte auch, wie sehr dieser Eindruck tдuschte. Die klare Luft hier oben verzerrte die Entfernungen. Bis zu den ersten Hдngen muЯten es einige Meilen sein. Und es war fraglich, ob sie selbst dort sicher wдre – die Reiter kamen nie in die Berge, aber diese verdammten Sharks stieЯen in letzter Zeit immer weiter nach Sьden vor. Verdammt, was hatte sie nur falsch gemacht? Es war doch nicht das erste Mal, daЯ sie sich an eine Reiterkarawane herangepirscht hatte, um Lebensmittel zu stehlen! Wieso veranstalteten sie plцtzlich eine Treibjagd auf sie, als hдtte sie sich die goldene Klobrille des Statthalters unter den Nagel gerissen? Sie schloЯ die Augen und lauschte einen Moment angestrengt. Fьr eine Sekunde glaubte sie das hohe Summen eines noch weit entfernten Sharks zu hцren, aber dann merkte sie, daЯ sie sich das Gerдusch nur einbildete. Nein – wenigstens fьr den Moment schienen sie ihre Spur verloren zu haben. Ihre Hand tastete nach der Waffe, die unter ihrem Kleid verborgen war. Schmerzhaft wurde ihr bewuЯt, daЯ ihr Vorrat an Springmaden auf zwei zusammengeschrumpft war und daЯ sie die Tiere zudem seit drei Tagen nicht gefьttert hatte. Mцglicherweise funktionierte das Ding ьberhaupt nicht mehr. Aber das wьrde sie schon merken, dachte sie resignierend. Sie konnte es sich nicht leisten, einen ihrer zwei letzten Schьsse zu vergeuden, nur um sicher zu sein. Net schob sich behutsam ganz aus der Hцhle heraus, richtete sich auf und drehte sich einmal im Kreis. Das Licht hier war gnadenlos, und der fast weiЯe Sand der Wьste reflektierte jeden einzelnen Sonnenstrahl wie ein riesiger Spiegel. Sie hдtte niemals so weit nach Norden gehen dьrfen. Aber sie war nun einmal in dieser Situation, und es gab absolut niemanden, dem sie die Schuld dafьr in die Schuhe schieben konnte. Sie hatte sich ganz allein hineingebracht. Net verschob ihre sinnlosen Selbstvorwьrfe auf spдter, sah sich noch einmal sichernd nach allen Seiten um und ging los. Sie hatte Durst, aber drьben in den Bergen wьrde sie genug Wasser finden. Wenn sie es bis dorthin schaffte. Und es gab eine ganze Menge, was dagegen sprach. Charity erwachte endgьltig. Mьhsam цffnete sie die Augen, starrte die kahle Betondecke fьnf Meter ьber ihrem Kopf an und begriff, daЯ sich der Tank geцffnet hatte. Ihre Erinnerungen waren zurьckgekehrt. Sie waren schlagartig und ohne Vorwarnung gekommen, und Charity gestand sich widerwillig ein, daЯ sie wohl auch der Grund fьr ihre BewuЯtlosigkeit gewesen waren. Es war lдcherlich, aber sie war wie eine hysterische alte Jungfer schlichtweg vor Schrecken in Ohnmacht gefallen, als sie begriffen hatte, wo sie war. Sie versuchte sich zu bewegen. Jede Bewegung ihres Kцrpers bereitete hцllische Schmerzen. GroЯer Gott, sie wьrde nie wieder laufen kцnnen, dachte sie. Selbst das Atmen bereitete ihr Mьhe. Unter Aufbietung aller Krдfte stemmte sie sich ein wenig in die Hцhe, zog die Knie an und versuchte in eine Lage zu rutschen, in der sie wenigstens ihren Kцrper betrachten konnte. Sie schien ihren Tiefschlaf einigermaЯen ьberstanden zu haben, auch wenn es ihr zuerst nicht so vorkam: Das Dutzend haarfeiner Nadeln in ihrem linken Handgelenk stach wie Feuer, die Wunde in ihrem rechten Oberschenkel klopfte im Takt ihres Herzens, und ihr linker Arm versuchte ihr immer noch einzureden, daЯ er in Wirklichkeit in hellen Flammen stьnde. Der Tank hatte wirklich hervorragend funktioniert, dachte sie griesgrдmig. Er hatte nicht nur ihren Kцrper vor dem Altern bewahrt, sondern auch die beiden Verletzungen nicht heilen lassen. Sie wartete fast fьnf Minuten, bis sie mit zusammengebissenen Zдhnen die Hand nach dem Metallreif ausstreckte, der um ihrem linken Handgelenk lag, und ihn lцste. Es tat ekelhaft weh, und dort, wo die Nadeln gewesen waren, traten kleine hellrote Blutstrцpfchen aus ihrer Haut. Sie wьrde Stone die Zдhne einschlagen, dachte sie wьtend. Einen fьr jeden Tropfen Blut, der jetzt ьber ihre Hand lief. Der Zorn aktivierte neue Krдfte in ihr. Stцhnend setzte sie sich ganz auf, sah zuerst nach rechts, dann nach links und musterte dann den benachbarten Tank, einen sechs Meter langen, schimmernden Sarg aus verchromtem Stahl, in dem Stone lag. Er war noch geschlossen. Ein jдher Schrecken durchfuhr sie. Vielleicht war er tot. Die Chancen, den Hibernationstank zu ьberleben, standen fьnfzig zu fьnfzig, erinnerte sie sich. Sie war erwacht, aber vielleicht hatte es Stone erwischt, und er faulte seit einem Jahrhundert in seinem Zwanzig-Millionen-Dollar-Sarg vor sich hin. Sie wьrde es kaum herausfinden, wenn sie weiter hier saЯ und den Tank anstarrte. Charity wartete, bis sie sich krдftig genug dazu fьhlte, dann stemmte sie sich aus dem Tank, tastete vorsichtig mit dem FuЯ nach der obersten Stufe der kleinen Treppe und stieg zitternd hinunter. AnschlieЯend blieb sie zehn Minuten lang zitternd und vцllig auЯer Atem sitzen und kдmpfte abwechselnd gegen Ьbelkeit und eine neue Ohnmacht an, die sie ьberfallen wollte. Aber ihre Krдfte kamen jetzt rasch zurьck. Vor einer halben Stunde hatte sie nicht einmal die Energie gehabt, die Hand zu heben, geschweige denn, eine anderthalb Meter hohe Leiter hinunterzusteigen. Sie stand auf, machte einen Schritt auf Stones Tank zu und kehrte wieder um. Bevor sie den Streit fortsetzten, den sie vor zehn oder vielleicht auch zehntausend Jahren unterbrochen hatten, war es vielleicht besser, zuerst einmal gewisse Dinge herauszufinden –zum Beispiel die Antwort auf die Frage, wie lange ihr unfreiwilliger Schlaf gedauert hatte. Sie muЯte auf die andere Seite, um einen Blick auf den Steuercomputer zu werfen. Es war ihr bisher gar nicht aufgefallen, daЯ der Tank zwei Meilen lang war, aber das war ungefдhr die Strecke, die sie sich an dem schimmernden Metall entlangquдlte, mit kurzen Schritten, nach vorne gebeugt wie eine zweihundertjдhrige Greisin und keuchend vor Anstrengung. Das Ergebnis lohnte die Mьhe nicht. Der Computer war so tot, wie er nur sein konnte: Das Dutzend kleiner Kontrollichter auf seiner Oberflдche war erloschen, und der Bildschirm matt und voller Staub. Aus der mechanischen Digitalanzeige neben dem Gerдt grinste sie eine 888 an. Achthundertachtundachtzig Jahre? Verwirrt – und mehr als nur ein biЯchen erschrocken – beugte sie sich vor und klopfte mit den Fingerknцcheln gegen das verstaubte Glas. Etwas klickte. Die mittlere der drei Achten verwandelte sich in eine Null, und Charity begriff, was geschehen sein muЯte: Wie der Computer hatte auch das Zдhlwerk schlicht und einfach den Geist aufgegeben. Was den Weckvorgang aktiviert und den Tank aufgeklappt hatte, muЯte eine Art Notautomatik gewesen sein. Im stillen bedankte sie sich bei den unbekannten Technikern, die dieses Gerдt konstruiert hatten. Ihre Umsicht hatte ihr das Leben gerettet. Damit wuЯte sie allerdings immer noch nicht, wie lange sie geschlafen hatte, aber das war im Moment auch nicht so wichtig. Sie lebte, das allein zдhlte. Plцtzlich kam ihr ein anderer, weit unangenehmerer Gedanke. Dieser ganze Tiefschlafkomplex hatte eine eigene Energie­versorgung, und es war nur zu logisch, daЯ die Tanks dabei oberste Prioritдt genossen. Das matte Glimmen der einst grellweiЯen Leuchtrцhren unter der Decke verriet ihr genug ьber den Zustand der Reaktorladung. Wie zum Teufel sollte sie hier herauskommen? Sie erinnerte sich sehr lebhaft an die tonnenschwere Panzertьr, die Stone hinter sich geschlossen hatte. Wieder blieb sie zehn Minuten lang sitzen, ehe sie sich an den Rьckweg machte. Diesmal war der Tank nur eine Meile lang, und fьr die Expedition hinьber zu dem Stones brauchte sie kaum eine Viertelstunde. Noch ein paar Tage, und sie wьrde den ganzen Raum durchqueren kцnnen, ohne auch nur ein einziges Mal vor Erschцpfung in Ohnmacht zu fallen. Das Schaltpult an Stones Tank war gleichfalls tot, seine Digi­talanzeige stand komplett auf Null. Sie streckte die Hand nach dem groЯen, roten Knopf aus, der den Цffnungsmechanismus in Gang setzte, zog die Finger dann aber schnell zurьck. Selbst, wenn das Wunder geschah und der Tank sich цffnete – sie hatte plцtzlich Angst vor dem, was sie vielleicht finden wьrde. Charity verscheuchte den Gedanken, streckte noch einmal die Hand aus, und diesmal berьhrte sie den Knopf. In der ersten, schrecklichen Sekunde geschah gar nichts, aber dann drang irgendwo aus den Tiefen des Tanks ein leises, metallisches Klack, und das Wunder geschah: Der riesige, stдhlerne Sarg teilte sich und klappte auseinander wie ein Paar gewaltiger Kдferflьgel. Der Tank war leer. Charity starrte sekundenlang verblьfft auf die Schaum­stoffunterlage, auf der sich noch deutlich die Umrisse eines menschlichen Kцrpers abzeichneten. Erleichterung und Wut erfьllten sie; Erleichterung, weder einen mumifizierten Leichnam noch ein Hдufchen Staub und ausgebleichter Knochen vorzufinden, und Wut, weil dieser leere Tank nur eines bedeuten konnte: Stone war vor ihr aufgewacht, und er hatte sich nicht einmal die Mьhe gemacht, sie zu wecken, sondern war … Verwirrt sah sie sich um. Der Raum war riesig und vollgestopft mit Gerдten und Schrдnken und nicht zuletzt dem halben Dutzend zyklopischer Tanks, aber es gab trotzdem kein Versteck, das groЯ genug gewesen wдre, einen erwachsenen Menschen zu verbergen. Und das wiederum bedeutete, daЯ er einen Ausgang gefunden hatte … Fьr einen Moment vergaЯ Charity ihre Erschцpfung. Sie trat von Stones Tank zurьck, blickte sich aufgeregt um – und wдre beinahe gefallen, als ihre Beine ihr den Dienst verweigerten. Keine Panik, jetzt! dachte sie. Es muЯte eine Lцsung geben. Die Konstrukteure dieser Anlage muЯten eine solche Situation vorausgesehen haben. Wenn sie die Nerven behielt und logisch vorging, wьrde sie … Ihr Blick fiel auf einen roten Gegenstand, der in Stones leerem Tank lag, und fast im gleichen Moment hatte sie das heftige Bedьrfnis, sich selbst zu ohrfeigen. Sie hatte die Plastikmappe mit den Notfallinstruktionen schlichtweg vergessen. Es gab eine in jedem Tank, nicht nur in dem Stones. Дchzend zog sie sich ьber den Rand des offenstehenden Stahlsarges, angelte den roten Hefter hervor und begann zu lesen. Auf den zwei Dutzend engbedruckten Seiten stand alles, was sie wissen muЯte. Trotzdem dauerte es noch lдnger als zwei Stunden, bis sie soweit war, den Bunker zu verlassen. Charity erholte sich zusehends, was nicht zuletzt an den Pillen lag, die sie in einem Schrank fand und von denen sie kurzerhand eine ganze Handvoll schluckte. Sie hatte keine Ahnung, was sie drauЯen erwartete, aber sie wьrde jedes biЯchen Kraft brauchen, das sie bekommen konnte. Offenbar war auch Stone den Instruktionen gefolgt; einer der sechs gepackten Tornister fehlte, auЯerdem zwei Lasergewehre und eine MP; wenn sie Stones eigene Waffe mitzдhlte, dann stand zu vermuten, daЯ dieser Wahnsinnige vier Gewehre mit sich schleppte. Charity schьttelte seufzend den Kopf, hдngte sich selbst einen Laser ьber die Schulter und nahm nach kurzem Zцgern noch ein Messer und eine kleine, zusammenklappbare Maschinenpistole aus dem Waffenschrank. Den Bunker zu verlassen erwies sich als relativ leicht – und sehr gefдhrlich. Auch der Fluchtweg war von einer dreiЯig Zentimeter starken Panzerstahlplatte versperrt gewesen, aber anders als beim Haupteingang hatten ihre Konstrukteure hier eine Vorrichtung angebracht, die die Tьr elektrisch geschlossen hielt. Sobald der Strom ausfiel, klappten die beiden Panzerstahlflьgel automatisch auseinander. Nein, die Tьr war nicht das Problem. Das, was Charity den puren AngstschweiЯ auf die Stirn trieb, lag dahinter. Es war rund, hatte einen Durchmesser von anderthalb Metern und war pechschwarz. Eine Fluchtrutsche, die in immer grцЯer werdenden Spiralen in die Tiefe fьhrte. Und sie hatte panische Angst, sie zu benutzen. Sie war durch дhnliche, kleinere Anlagen geflitzt, frьher, in einer Welt, in der es noch Schwimmbдder und Freizeitparks gegeben hatte, aber das hier war etwas ganz anderes. Sie hatte keine Ahnung, was sie am anderen Ende erwartete und ob dieses verdammte Ding ьberhaupt noch in Ordnung war. Die Sprengungen hatten den ganzen Berg erschьttert. Die Vorstellung, mit achtzig oder hundert Meilen in der Stunde in irgendwelche Trьmmer zu rutschen, gefiel ihr nicht besonders. Und auЯerdem hatte sie einfach Angst vor dem, was sie finden wьrde, selbst wenn es ihr gelang, aus diesem Loch herauszukommen. Aber welche Wahl hatte sie schon? Entschlossen hob sie ihren Tornister hoch, stemmte ihn ьber den Rand des Schachtes und lieЯ ihn los. Eine Weile stand sie reglos und mit angehaltenem Atem da und lauschte, aber aus der Tiefe drang kein Laut herauf. Sie wьrde selbst herausfinden mьssen, was sie am Ende der Rutsche erwartete. Charity knipste ihre Taschenlampe an, steckte sie so unter den Gьrtel, daЯ der Strahl nach unten zeigte, und zog sich behutsam auf den Rand des kreisrunden Einstiegs hinauf. Sie spьrte, wie ihr Herz zu rasen begann. Ganz vorsichtig schob sie sich ein Stьck weiter nach vorne und blickte dem Lichtstrahl der Taschenlampe nach, der sich irgendwo in fьnf, sechs Metern Tiefe in der Schwдrze verlor. Kalter SchweiЯ bedeckte ihre Stirn. Sie begann zu rutschen. Im allerersten Moment war ihre Fahrt ins Ungewisse fast langsam, aber wirklich nur im allerersten Moment ­dann hatte sie die erste Biegung des Stollens hinter sich, und der Tunnel machte einen jдhen Knick. Es dauerte vielleicht eine Minute, aber es war eines der schlimmsten Erlebnisse, die sie bis dahin in ihrem Leben gehabt hatte. Der Kunststoff, mit dem der Schacht ausgekleidet war, war zehnmal glatter als Eis. Sie schrie und versuchte vergeblich, sich irgendwo festzuhalten, und wurde immer schneller, wдhrend sie wie eine lebende Kanonenkugel mit siebzig, achtzig, vielleicht hundert Meilen in der Stunde nach unten schoЯ. Dann endlich hatte sie das Ende ihrer Hцllenfahrt erreicht. Der tanzende Lichtstrahl ihrer Lampe raste plцtzlich nicht mehr ьber hellweiЯen Kunststoff, sondern verlor sich in der Dunkelheit. Fьr eine endlose, grдЯliche Sekunde flog sie scheinbar schwerelos durch die Luft, schrie und folgte gleichzeitig fasziniert dem Flug ihrer Taschenlampe, die sich aus ihrem Gьrtel gelцst hatte und wie ein kleiner, glimmender Leuchtkдfer davontorkelte. Dann prallte sie auf. Der Aufprall war so hart, daЯ sie fast das BewuЯtsein verlor, aber er war nicht so schmerzhaft, wie sie erwartet hatte. Sekundenlang blieb sie benommen liegen und lauschte in sich hinein, ehe sie es ьberhaupt wagte, die Augen zu цffnen. Sie konnte sehen. Es war nicht so vцllig dunkel, wie sie im ersten Moment angenommen hatte. Sie lag auf dem Boden einer gewaltigen Hцhle, deren Decke sich hundert oder mehr Meter ьber ihr wцlbte. Von irgendwoher kam Licht, heller Sonnenschein, der das Dunkel hier durchdrang. Noch immer benommen, aber unverletzt, setzte Charity sich auf und sah sich noch einmal und grьndlicher um. Der Hangar. Der Fluchttunnel hatte sie geradewegs in den Raumschiffhangar der Bunkerstation gefьhrt, einer riesigen Hцhle zwei Meilen neben und eine unter dem eigentlichen Bunker, am Boden eines auf natьrliche Weise entstandenen Canyons gelegen. Riesig und verschwommen konnte sie die Silhouetten der beiden Raumschiffe erkennen, die im hinteren Drittel der Hцhle startbereit auf ihren Rampen standen. Kein Laut war zu hцren. Sie plagte sich auf, verlor dabei beinahe erneut das Gleichgewicht und erinnerte sich erst jetzt wieder daran, daЯ irgend etwas ihren Sturz aufgefangen hatte. Verwirrt erkannte sie, worauf sie gelandet war: Es war nichts anderes als ein Stapel Matratzen und Decken, den jemand – Stone? – am Ende der Tunnelrцhre plaziert hatte. Auf einer Decke bemerkte sie ein goldenes gt;Clt;. Als sie sich bьckte und den Boden untersuchte, entdeckte sie einen eingetrockneten Blutfleck. Er schien sehr alt zu sein, auf jeden Fall дlter als die paar Stunden, mit denen sie Stones Vorsprung bisher ganz instinktiv angesetzt hatte, aber es war eindeutig Blut. Ja, es muЯte Stone gewesen sein. Die Sachen stammten aus der CONQUERER. Offenbar hatte er sich beim Aufprall verletzt und ihr helfen wollen. Fьr einen Moment bekam sie Angst, Stones Leiche irgendwo zu finden. Aber das war natьrlich Unsinn – er konnte nicht sehr schwer verletzt sein, wie das improvisierte Sprungtuch bewies, das er fьr sie aufgebaut hatte. Es war mit Sicherheit ein hartes Stьck Arbeit gewesen, das ganze Zeug aus dem Schiff zu holen und hierher zu bringen. Ihr Zorn auf Stone sank betrдchtlich, als ihr klar wurde, daЯ er ihr vielleicht das Leben gerettet hatte. Nicht, daЯ sie seine Beweggrьnde verstand – warum, verdammt noch mal, hatte er sie nicht geweckt, wenn er so um ihr Wohlergehen bemьht war? Umstдndlich klaubte sie ihre Sachen zusammen – der Tornister lag nur wenige Schritte neben ihr, die Taschenlampe war beim Aufprall zerbrochen —, blickte noch einmal die beiden gewaltigen Space-Shuttles an und ьberlegte, hinьberzugehen und sie in Augenschein zu nehmen. Aber sie tat es nicht. Warum auch? Sie hatte keine Mцglichkeit, die Schiffe zu starten. Wahrscheinlich besaЯen die Schiffe ohnehin nur noch Schrottwert. Die Jahre, die sie nutzlos herumgestanden und auf eine Besatzung gewartet hatten, hatten sie vermutlich vollkommen zerstцrt. Plцtzlich erinnerte sie sich an Beckers letzten Funkspruch. Er und die anderen wьrden im Schiff auf sie warten, hatte er gesagt. Sie hatte keine besondere Lust, ьber ihre Leichen zu stolpern, wenn sie die CONQUERER betrat. Alles, was seit ihrem Erwachen geschehen war, war ihr wie ein groЯes Spiel vorgekommen: aufregend, unheimlich, auch gefдhrlich, aber irgendwie nicht ernst. Einen Toten zu finden – und sei es auch nur ein fьnfhundert oder auch fьnftausend Jahre altes Skelett, wьrde aus dem Spiel tцdlichen Ernst machen. Sie wandte sich dem Licht zu und ging los. Sie wьrde es nicht schaffen. Net wuЯte es seit einer Stunde, wenngleich dieses Wissen zuerst nur eine nagende Furcht gewesen war, die sie selbst als pure Nervositдt abgetan hatte. Sie war am Ende ihrer Kraft. Zu allem ЬberfluЯ war sie auch noch auf einen scharfkantigen Stein getreten und hatte sich eine heftig blutende Wunde am rechten FuЯ zugezogen. Jetzt, kurz vor Einbruch der Dдmmerung, hatte sie die bittere GewiЯheit, dieses eine Mal zu hoch gespielt zu haben. Sie hatte ihre Spuren entdeckt: die Abdrьcke groЯer, horn­gepanzerter InsektenfьЯe und die kleineren, schmaleren, aber viel tiefer eingegrabenen Spuren von Gummireifen. Reiter und Sharks, dachte Net bitter. AuЯerdem hatte sie Lichter in den Bergen gesehen: das flackernde rote Glutauge eines Feuers, das auf halber Hцhe des Passes entzьndet worden war und das kein Problem darstellte – ihm konnte sie ausweichen —, und dann und wann ein geisterhaft weiЯes Aufleuchten, das wie ein Finger aus Helligkeit ьber die Felsen strich. Sharks kurvten dort mit ihren Maschinen in den Felsen. Es gehцrte nicht allzuviel Phantasie dazu, sich auszumalen, wonach sie suchten. Nach ihr. Sie verstand nur immer weniger, warum. Was, bei den schwarzen Gцttern von Moron hatte sie getan? Net gestand sich ein, daЯ es ziemlich naiv gewesen war, sich allen Ernstes einzureden, daЯ ihre Glьcksstrдhne anhalten wьrde. Vielleicht hatte sie auf dem Weg hierher ihren Vorrat an Glьck aufgebraucht. Wenn sie bedachte, daЯ sie mittlerweile von einer kleinen Armee gejagt wurde, dann hдtte sie gar nicht so weit kommen dьrfen. Trotz all dieser dьsteren Ьberlegungen ging sie weiter, denn Net wuЯte genau, daЯ sie jetzt nicht mehr umkehren konnte. Die Hцhle wьrde sie niemals wiederfinden. Und die Nacht schutzlos auf der Ebene zu verbringen … Net dachte den Gedanken lieber nicht zu Ende. Statt dessen beeilte sie sich, so schnell wie mцglich vorwдrts zu kommen. Sie war am Ende, aber sie wьrde kдmpfen. Die Schatten begannen zu einer schwarzen Mauer zusammenzuwachsen, als sie die ersten Auslдufer der Berge erreichte. In der hereinbrechenden Dunkelheit schien das Feuer stдrker zu leuchten, und ab und zu trug der Wind das Heulen eines Sharks heran, ohne daЯ er ihr allerdings auch nur einmal gefдhrlich nahe kam. Aber das war auch nicht notwendig. Net war es gewohnt, Dinge zu vollbringen, von denen andere behauptet hдtten, sie seien unmцglich, aber auch ein Wastelander war letztendlich nur ein Mensch, und ein Mensch muЯte von Zeit zu Zeit trinken. Die einzige Quelle in weitem Umkreis befand sich auf halber Hцhe des Berges, dort, wo das Feuer brannte. Die Sharks brauchten einfach nur auf sie zu warten. Net griff ьbellaunig unter ihr Kleid, zog die Waffe heraus und steckte sie gleich wieder weg. Es gab nicht viel, worauf sie schieЯen konnte, sie wьrde, indem sie das Ding offen in der Hand hielt, den Sharks nur verraten, daЯ sie bewaffnet war. Nicht, daЯ das irgend etwas дndern wьrde. Net war so gut wie tot, und sie wuЯte es. Eine der beiden Maden im glatten, schwarzen Lauf der Waffe war fьr sie bestimmt. Ein hдЯlicher Tod, aber nichts gegen das, was die Sharks mit ihr machen wьrden, wenn sie sie lebend fingen. Sie schlich vorsichtig weiter. Das bleiche Licht der Shark-Maschinen huschte noch immer unruhig ьber die Felsen. Vielleicht hatte sie doch eine Chance, denn der Hang wurde immer unwegsamer. Gelдndegдngig oder nicht, dachte sie grimmig, die Maschinen der Sharks konnten nicht fliegen. Es war vollends dunkel geworden, als sie das Lager erreichte. Es waren Sharks, wie sie befьrchtet hatte, und sie hatten ihr Lager unmittelbar an der Quelle aufgeschlagen. Net entdeckte drei ihrer Maschinen; groЯe, schwarzglдnzende Ungeheuer, deren ausgeschaltete Scheinwerfer sie wie riesige silberblinde Augen anstarrten. Drei oder vier andere fuhren in der Gegend herum und suchten sie, jeden Moment konnten sie zurьckkommen. Wenn sie etwas unternehmen wollte, dann jetzt. Lautlos schob sie sich weiter, zog die Waffe unter dem Kleid hervor und sah sich gebannt um. Drei Maschinen, drei Gestalten ­aber das bedeutete nicht, daЯ es nur drei waren. Sharks fuhren oft zu zweit, und weitere Maschinen mochten irgendwo in der Nдhe abgestellt sein, auЯerhalb der flackernden Halbkugel aus rotem Licht, die das Feuer schuf. Net begann sich ohnehin ьber die Sorglosigkeit zu wundern, die die Sharks an den Tag legten. Das Feuer war meilenweit zu sehen, und die drei unterhielten sich ziemlich laut. Zum ersten Mal, seit sie ihre verzweifelte Flucht ьber die Ebene begonnen hatte, kamen ihr Zweifel, daЯ wirklich sie es war, der dieser ganze Aufstand galt. Sie verscheuchte den Gedanken und visierte den ersten Shark an. Er saЯ kaum fьnf Meter vor ihr. Sein schwarzglдnzender, gekrьmmter Rьcken bot ein prachtvolles Ziel, das sie gar nicht verfehlen konnte. Aber sie zцgerte, abzudrьcken. Sie hatte nur zwei Schьsse, und selbst, wenn sie auch noch einen zweiten Shark erwischte

— was ganz und gar nicht sicher war, Sharks waren fast so schnell, wie sie brutal waren —, dann blieb noch einer ьbrig, der sich entweder auf sie stьrzen oder seine Kameraden um Hilfe rufen konnte. Die Aussicht, einen Shark mit bloЯen Hдnden anzugreifen, gefiel ihr nicht besonders.

Statt die Waffe zu benutzen, richtete sie sich vorsichtig auf dem Felsen auf, sah sich noch einmal sichernd nach allen Seiten um –und sprang mit einem federnden Satz in den kleinen Tьmpel hinab. Die drei Sharks wirbelten so schnell herum, wie Net befьrchtet hatte, als sie das Gerдusch des aufspritzenden Wassers hцrten, aber Net war noch schneller als sie. Mit einem einzigen Satz – das Wasser des Tьmpels ging ihr kaum bis an die Knie

— war sie am Ufer und visierte den vordersten Shark ьber den Lauf ihrer Waffe hinweg an. »Keine Bewegung!« sagte sie scharf. »Rьhr dich, und du bist tot!«

Der Shark erstarrte, und auch seine beiden Kameraden stockten mitten in der Bewegung. Net konnte ihre Gesichter hinter den schwarzen Masken aus Leder und Metall nicht erkennen, aber es war nicht sehr schwer, nachzuempfinden, was sie beim Anblick der Waffe verspьren mochten. Es gab unangenehmere Todesarten, als von einer Springmade zerfetzt zu werden. Aber nicht sehr viele. »Rьhrt euch nicht!« sagte sie noch einmal. Vorsichtig stand sie auf, bewegte sich ein paar Schritte nach links und deutete mit der freien Hand auf die Feldflasche, die am Tank einer der Maschinen hing. »Ich will nichts von euch. Nur etwas Wasser. Du da!« Sie machte eine Kopfbewegung zu dem Shark, auf dessen Rьcken sie gezielt hatte. »Mach die Flasche voll. Aber vorsichtig.« Der Shark gehorchte, wдhrend die beiden anderen sie weiter schweigend ansahen. »Wer bist du?« fragte der eine schlieЯlich. Seine Stimme drang nur verzerrt unter dem schweren Lederhelm hervor. Und sie klang nicht unbedingt so, als hдtte er ьbergroЯe Angst vor ihr. »Was soll das Theater? Wenn du wirklich nur Durst hast, dann nimm dir Wasser. Es ist genug da. Kein Grund, mit diesem Ding da herumzufuchteln.« Net antwortete nicht, und der Shark deutete ihr Schweigen vollkommen falsch. Plцtzlich richtete er sich auf, streckte fordernd eine Hand aus und trat einen Schritt auf sie zu. »Gib es her, Kleines, ehe du jemanden verletzt.« Net hielt sich nicht damit auf, ihm eine Warnung zuzurufen. Sie senkte die Waffe um eine Winzigkeit und drьckte ab. Die Springmade jagte mit einem schrillen Gerдusch aus dem Lauf und lieЯ eine mehr als mannshohe Sandfontдne vor den FьЯen des Sharks hochspritzen. Als der Staub auseinandertrieb, gдhnte ein halbmetergroЯer Krater im Sand vor der schwarzen Gestalt. »Der nдchste trifft«, sagte sie kalt. »Verstanden?« Der Shark nickte. »Ich will keinen Streit mit euch«, sagte Net noch einmal. »Nur ein wenig Wasser. Und euer Versprechen, mir nicht nachzukommen.« Sie wedelte mit ihrer fast leergeschossenen Waffe, um ihre Worte zu unterstreichen, und deutete dann den PaЯ hinauf. »Du … du gehцrst zu den Wastelandern, nicht wahr?« sagte der Shark plцtzlich, auf den sie geschossen hatte. Er lachte ganz leise. »Niemand sonst wдre verrьckt genug, so etwas zu tun. Du kannst uns trauen.« »Einem Shark?« Net legte so viel Verachtung in dieses eine Wort, daЯ der Shark nicht noch einmal versuchte, sie zu ьberzeugen. »Dann laЯ es«, sagte er achselzuckend. »Aber wenn du einen guten Rat von mir hцren willst, Kleine … « »Will ich nicht«, sagte Net, aber der Shark sprach unbeeindruckt weiter. »…dann wьrde ich heute nacht nicht dort hinaufgehen.« Er deutete auf den Hang. »Kцnnte ungemьtlich werden.« Seltsam – aber fьr einen Moment war Net fast ьberzeugt davon, daЯ er es ehrlich meinte. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenn ich deine Hilfe brauchen sollte, lasse ich es dich wissen«, sagte sie. Mit einer herrischen Bewegung wandte sie sich an den anderen. »Wo bleibt das Wasser?« Der Shark richtete sich langsam auf, schraubte den Deckel auf die Feldflasche und kam auf sie zu. Als er noch zwei Meter von ihr entfernt war, machte Net eine befehlende Geste mit der Waffe. »Das reicht. LaЯ sie fallen!« Der Shark gehorchte. Fьr den Bruchteil einer Sekunde folgte Nets Blick dem Sturz der kleinen Feldflasche – und der Shark nutzte seine Chance. Net sah einen Schatten auf sich zufliegen, hцrte einen Schrei, den einer der anderen ausstieЯ, um sie abzulenken, und drьckte ganz instinktiv ab. Sie traf. Der Shark schrie, dann wurde aus seinem Schrei ein irrsinnig hohes, schauerliches Kreischen, und im gleichen Moment prallte er gegen sie. Net versuchte noch zur Seite zu springen, aber es war zu spдt. Der Shark starb sofort, aber er riЯ sie von den FьЯen und begrub sie noch im Fallen unter sich. Net schrie auf, rollte sich herum und versuchte den schweren Kцrper von sich herunterzustemmen. Plцtzlich war sie ьber und ьber mit Blut besudelt. Ein Gefьhl unbeschreiblichen Ekels durchflutete sie. Dann waren die beiden anderen ьber ihr. Einer riЯ den Kцrper seines toten Kameraden von ihr, der andere packte ihren Arm und zerrte sie so grob auf die FьЯe, daЯ sie abermals vor Schmerz aufschrie. Eine Hand aus schwarzem Leder schlug ihr ins Gesicht, und der Schmerz raubte ihr fast das BewuЯtsein. Als sich die blutigen Schleier von ihrem Blick hoben, schwebte das schwarze Ledergesicht des Sharks vor ihr. In seinen Augen glomm die pure Mordlust. »Miststьck!« sagte er und schlug sie wieder. Diesmal gelang es Net, den Kopf ein wenig zur Seite zu drehen, so daЯ sie dem Hieb die allergrцЯte Wucht nahm. Trotzdem stцhnte sie erneut vor Schmerz. »Worauf wartest du?« fragte der Shark, der sie gepackt hatte. »Schneid ihr die Kehle durch!« Die Hand des anderen zuckte zum Gьrtel, wo er ein Messer trug, aber dann glitt sie wieder zurьck. »Ich habe eine bessere Idee«, sagte er kopfschьttelnd. »Dafьr ist keine Zeit«, entgegnete der andere. »Verdammt, wir kцnnen morgen so viele Weiber haben, wie wir wollen, aber wenn Skudder hцrt, was hier passiert ist, dann … « »Das muЯ er ja nicht, oder?« unterbrach ihn der Shark. »AuЯerdem meine ich nicht, was du denkst. Nein, die Kleine soll bezahlen. Aber mit einem Messer wдre die Sache zu einfach.« Er lachte bцse, drehte sich herum und nahm die Waffe auf, die Net beim Sturz aus der Hand gefallen war. »Sie soll auf die gleiche Weise krepieren wie Den. LaЯ sie los!« Der Mann hinter ihr sprang fast erschrocken zur Seite, und Net taumelte. Sie fiel auf die Knie, blieb einen Moment reglos hocken und stand wieder auf. Die Mьndung ihrer eigenen Waffe deutete drohend auf ihr Gesicht. »Na?« sagte der Shark. »Willst du nicht winseln, Kleines?« »Nein«, antwortete Net. Und sprang auf ihn zu. Der Abzug der leergeschossenen Waffe klickte zweimal rasch hintereinander, und die Augen hinter der schwarzen Ledermaske weiteten sich erstaunt, als der Shark begriff, daЯ er nur noch ein nutzloses Stьck Holz in der Hand hielt. Net lieЯ ihm keine Zeit, seine eigene Waffe zu ergreifen, sondern trat mit aller Gewalt zu. An eine Stelle, an der auch Sharks besonders empfindlich waren. Der Shark keuchte, lieЯ die Waffe fallen und krьmmte sich. Ganz langsam und ohne einen Laut sackte er auf die Knie. Eine halbe Sekunde spдter kippte er nach hinten, als Net ihm das rechte Knie ins Gesicht rammte. Und damit endete ihre Glьcksstrдhne. Sie hцrte ein Gerдusch hinter sich, fuhr blitzschnell herum – und sah gerade noch die Faust des dritten Sharks auf ihr Gesicht zurasen. Der Schlag riЯ sie von den Beinen. Sie stцhnte, hob schьtzend die Hдnde ьber das Gesicht und krьmmte sich voller Qual, als der Shark ihr in die Seite trat. Sie wuЯte, daЯ er sie totprьgeln wьrde. Aber plцtzlich ertцnte hinter ihr ein helles, metallisches Klicken. »Aufhцren!« sagte eine scharfe Stimme. Der Shark hielt tatsдchlich fьr einen Moment verblьfft inne. Verwirrt richtete er sich auf, sah sich wild um –und holte zu einem weiteren Tritt aus. Ein SchuЯ krachte. Net sah eine handlange, orangerote Feuerzunge aus den Schatten neben sich brechen, und fast im gleichen Sekundenbruchteil spritzte der Sand zwischen den FьЯen des Sharks auf. »Aufhцren, habe ich gesagt«, fuhr die Stimme fort. »Oder bist zu schwerhцrig, Freund?« Schritte. Net stemmte sich mьhsam auf die Ellbogen hoch, drehte stцhnend den Kopf –und unterdrьckte im letzten Moment einen verzweifelten Aufschrei. Eine groЯe, sehr schlanke Gestalt war aus der Dunkelheit getreten. In der Hand hielt sie ein sonderbar kurzlдufiges Gewehr, dessen Mьndung drohend auf den Shark gerichtet war. Aber das war es nicht, was Net fast zur Verzweiflung trieb. Was sie bis ins Mark erschreckte, war die sonderbare Kleidung der Fremden und der sonderbar blasse, fast weiЯe Teint, der selbst im Feuerschein deutlich zu erkennen war. Die Gцtter spielten wirklich ein grausames Spiel mit ihr, dachte sie bitter. Vielleicht wьrde der Shark ihr nichts mehr tun, aber wenn, dannhatte sie den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Vor ihr stand eine Tiefe! 2 Es war ein 10 000-Volt-Elektroschock, der ihre Seele traf und irgend etwas darin auslцschte. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet gewesen zu sein, und tatsдchlich hatte sie sich bemьht, sich alle nur denkbaren Szenarien auszumalen, wдhrend sie den Hang hinaufgeklettert war. Der Weg war schwierig gewesen, aber nichtsdestotrotz der einzige, der ihr sinnvoll erschien. Der Canyon, an dessen Ende das riesige Hangartor lag, war mehrere Meilen lang, und er fьhrte praktisch nirgendwohin, auЯer zu einer kleinen, kahlen Ebene. Aber sie muЯte in die entgegengesetzte Richtung, nach Sьden, ьber den Rьcken des Berges hinweg, unter dem sich die Bunkerstation befand. Und jetzt wьnschte sie sich fast, es nicht getan zu haben. Fassungslos starrte Charity auf das Land, das sich im letzten Tageslicht unter ihr ausbreitete. Frьher, vor ein paar Ewigkeiten, war diese Gegend eine der fruchtbarsten der Vereinigten Staaten gewesen, aber jetzt … Sie hatte alle denkbaren Mцglichkeiten durchgespielt, hatte auch an eine radioaktiv verstrahlte Kraterlandschaft gedacht, aber diese trostlose, braune Ebene, die sich ohne Unterbrechung bis zum Horizont erstreckte, hatte sie sich nicht vorstellen kцnnen. Auf dieser verbrannten Erde wuchs nichts mehr; hier und da entdeckte sie hдЯliche, schwarze Flecken, wo die Erde zu Glas geworden und anschlieЯend geborsten war. Obwohl es bereits dunkelte und die Temperaturen rasch fielen

— es muЯte Herbst sein, dachte sie automatisch, vielleicht sogar schon Winter —, spьrte sie die Hitze, die tagsьber dieses Land zu einem Glutofenmachte. GroЯer Gott, was war hier passiert?!

Und plцtzlich erinnerte sie sich. An das weiЯblaue Sonnenfeuer, das immer und immer wieder im Norden aufgeflammt war, an das Grollen und Zittern der Erde, den Brandgeruch, der in der Luft gehangen hatte, und an die brodelnden Pilze aus Flammen und Glut, die die Nacht verschlungen hatten. Mit einiger Verspдtung und einem gehцrigen Schrecken kam sie auf die Idee, auf ihren Geigerzдhler zu sehen. Die Nadel schlug ganz leicht aus; die Radioaktivitдt war erhцht, aber sie lag nicht im gefдhrlichen Bereich. Entweder waren die Bomben sehr viel weiter im Norden gefallen, als sie angenommen hatte

— oder es war alles sehr lange her.

Sie steckte den Geigerzдhler wieder ein, drehte sich einmal im Kreis und beschloЯ, den Weg weiterzugehen, den sie einmal eingeschlagen hatte. Die Berge sahen aus, wie sie seit zwei– oder dreihundert Millionen Jahren aussahen, aber aufs Geratewohl einfach ins Gebirge hineinzumarschieren, erschien ihr wenig sinnvoll. Charity hatte noch nicht einmal zwei Schritte gemacht, als sie das Feuer sah. Es brannte auf halber Hцhe des Berges, nicht sehr weit vom ehemaligen Bunkereingang entfernt. Sie erkannte plцtzlich das grelle Licht von Scheinwerfern; drei, vier, dann fьnf, die eine Weile wie betrunkene Leuchtkдfer um das Feuer herumtanzten und dann den Berg hinunterzutorkeln begannen. Es gab also noch Leben hier. Jemand oder etwas, der jemanden oder etwas suchte, dacht Charity spцttisch. Eine wahrhaft umfassende Lagebeschreibung; aber die einzige, die sie hatte. Seufzend setzte sie sich in Bewegung. Der Weg den Berg hinauf war schwierig. Sie spьrte das Gewicht ihrer Ausrьstung und geriet bald auЯer Atem. Sie war noch lange nicht wieder in Form. Es wurde dunkel, lange bevor sie das Feuer erreichte, und es war seine sehr sonderbare Nacht: anders als alle, die Charity zuvor erlebt hatte. Der Himmel war unheimlich klar, und die Sterne strahlten ihr fahles Licht auf die Erde herab. Es war sehr still, als wдre alles Leben aus diesem Teil der Berge geflohen. Sie begann sich vorsichtiger zu bewegen, als sie dem Feuer nдher kam. Der Wind trug Stimmen zu ihr heran; also muЯten auf dieser цden Welt noch Menschen leben. Trotzdem blieb sie schlieЯlich stehen, sah sich einen Moment suchend um und wich dann vom Weg ab, um sich dem Lager von der Seite her zu nдhern. Vorsichtig schlich sie an die Feuerstelle heran. Vor ihr war ein wildes Handgemenge im Gange. Charity konnte im flackernden Licht der Flammen nicht allzuviel erkennen, aber es schienen drei zu sein –zwei Gestalten in eng anliegenden, schwarzen Ledermonturen, die eine junge Frau gepackt hielten und wьtend auf sie einredeten. Eine dritte Ledergestalt lag reglos ein paar Meter daneben. Charity entsicherte ihre Waffe und sah sich noch einmal um. Was sie erkannte, war derartig bizarr, daЯ sie sich im ersten Moment ernsthaft fragte, ob sie vielleicht noch trдumte. Die beiden Ledergestalten sahen aus wie die Urenkel von Mad Max. Ihre Kleidung war zerfetzt und mit kleinen Fell-und Metallstьcken ausgebessert worden, ihre Gesichter verbargen sie unter Lederhelmen, unter denen sie obendrein noch schwarze Masken trugen. Wie um das Bild zu vervollstдndigen, standen auf der anderen Seite des Feuers drei schwere Motorrдder. Fьr einen Moment atmete sie erleichtert auf. Wenn es noch Motorrдder gab, konnte sie nicht sehr weit in die Zukunft geworfen sein – wenigstens keine achthundertachtundachtzig Jahre, wie der Computer ihres Tanks ihr einzureden versucht hatte. Allerdings sahen die beiden Gestalten nicht gerade vertrauenerweckend aus. Einer der beiden hielt das Mдdchen fest, wдhrend der andere ihr eine schallende Ohrfeige versetzte. Charity hob die Waffe ein wenig, zцgerte aber noch. Das Mдdchen war sehr jung, allerhцchstens zwanzig, mit kurzgeschnittenem, dunklem Haar und einem schmalen, aber energischen Gesicht, und Charity ergriff ganz instinktiv ihre Partei. Aber am Boden lag der reglose – und wahrscheinlich tote! –Motorradfahrer, und es war besser, noch einen Moment zu beobachten, ehe sie sich einmischte. Einer der beiden Mдnner hob eine Waffe auf und zielte damit auf das Mдdchen, wдhrend sich der andere hastig zurьckzog. Charity visierte das rechte Bein des Motorrad-Typs durch die Nachtoptik ihrer MP an und krьmmte den Zeigefinger umden Abzug. Aber sie muЯte nicht schieЯen. Das Mдdchen war nicht halb so hilflos, wie es bisher ausgesehen hatte. Statt zu fliehen, trat sie fast gemдchlich auf den Mann zu – und versetzte ihm einen Tritt zwischen die Oberschenkel. Der Motorradfahrer brach zusammen, aber dann war der zweite heran, versetzte der jungen Frau einen Hieb gegen den Hals und trat ihr in die Seite, als sie stьrzte. Charity trat mit einem entschlossenen Schritt aus ihrer Deckung heraus und lieЯ den Sicherungshebel ihrer MP bewuЯt hцrbar zurьckschnappen. »Aufhцren!« sagte sie laut. Tatsдchlich stockte der Motorradfahrer mitten in der Bewegung, aber nur fьr einen Moment – dann holte er zu einem neuen, noch wьtenderen Tritt nach dem gestьrzten Mдdchen aus. Charity seufzte, zielte kurz und jagte einen einzelnen SchuЯ genau zwischen seine FьЯe. »Aufhцren, habe ich gesagt«, sagte sie noch einmal und hцrbar schдrfer als beim ersten Mal. »Oder bist du schwerhцrig, Freund?« Langsam und mit erhobener Waffe trat sie vollends in den Feuerschein, machte eine drohende Bewegung, die den Mann veranlaЯte, einen Schritt zurьckzuweichen, und beugte sich zu dem Mдdchen herab, ohne den Mad-Max-Verschnitt dabei auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Das Mдdchen hatte sich auf die Ellbogen hochgestemmt und starrte sie an. Aus ihrer aufgeplatzten Unterlippe lief Blut ьber ihr Kinn. Sie zitterte am ganzen Leib. »Keine Angst, Kleines«, sagte Charity. »Der tut dir nichts mehr. Alles in Ordnung?« Sie hatte keine Ahnung, ob das Mдdchen ihre Worte ьberhaupt verstand; aber sie hoffte wenigstens, daЯ sie den beruhigenden Tonfall begriff und das Lдcheln, mit dem sie ihre Worte begleitete. Sie tat es nicht. Irgend etwas schien grьndlich schiefzulaufen, aber das begriff Charity eine halbe Sekunde zu spдt. Das Mдdchen sprang plцtzlich auf, stieЯ einen kleinen, erschrockenen Schrei aus – und schlug ihr die geballten Fдuste seitlich gegen den Hals. Charity fiel. Fьr zwei, drei Sekunden bekam sie keine Luft mehr. Sie stьrzte, rollte instinktiv herum und kippte ein zweites Mal nach hinten, als das Mдdchen ihr brutal den nackten FuЯ ins Gesicht stieЯ. Dann, wдhrend das Mдdchen sich aufrappelte und davonlief, griff der Motorradfahrer an. Charity sah einen riesigen, eisenbeschlagenen Stiefel auf sich zurasen, riЯ instinktiv die Arme hoch und nahm dem Tritt so wenigstens die дrgste Wucht. Die Ledermaske aber setzte sofort nach. Der Kerl warf sich auf sie. Ein Messer blitzte auf. Charity griff verzweifelt nach dem Arm des Angreifers, packte ihn und brachte die Messerspitze einen Zentimeter vor ihrem Gesicht zum Halten. Aber sie spьrte auch sofort, daЯ sie der Kraft des Mannes nicht gewachsen war. Das Messer bewegte sich ein Stьck zurьck, ruckte dann wieder vor und ritzte ihre Wange. Charity setzte alles auf eine Karte. Statt sich weiter gegen den Messerhieb zu wehren, lieЯ sie den Arm plцtzlich los, drehte blitzschnell den Kopf zur Seite und zog gleichzeitig mit aller Kraft die Knie an den Kцrper. Die Messerklinge glitt wie ein weiЯglьhender Draht ьber ihr Gesicht und rammte mit einem klirrenden Laut in den Boden, einen halben Fingerbreit neben ihrem Hals, aber der Angreifer verlor durch den plцtzlichen Ruck das Gleichgewicht. Mit einem ьberraschten Laut glitt er halb von ihr herunter, versuchte mit beiden Hдnden sein Messer aus dem Boden zu reiЯen und keuchte vor Schmerz, als Charity sich endgьltig losriЯ und ihm in der gleichen Bewegung den Ellbogen seitlich gegen den Hals schlug. Sie kam frei. Ihr Hieb hatte den anderen nicht ausgeschaltet, doch er war fьr einen Moment benommen, lange genug jedenfalls, daЯ Charity vollends auf die FьЯe springen und zwei, drei Schritte zurьckweichen konnte. Das Mдdchen war lдngst in der Dunkelheit verschwunden, Charity sah aus den Augenwinkeln, wie der zweite Motorradfahrer torkelnd auf die Beine kam. Einen Kampf gegen zwei dieser Mдnner gleichzeitig wьrde sie kaum durchstehen. Nicht in demZustand, in dem sie war. Sie fuhr herum, nahm einen Schritt Anlauf und sprang. Der Mann in Leder riЯ instinktiv die Arme hoch, in einer Bewegung, die Charity ziemlich drastisch klarmachte, daЯ ihm ihre Art zu kдmpfen keineswegs fremd war, aber er war noch ein wenig benommen, und seine Abwehr kam der Bruchteil einer Sekunde zu spдt. Charitys FьЯe krachten gegen seine Brust und lieЯen ihn zurьcktaumeln. Mit wild rudernden Armen prallte er gegen eines der Motorrдder, riЯ es um und fiel rьcklings ьber die Maschine. Ein keuchender Schmerzlaut drang unter seinem Lederhelm hervor. Charity war blitzschnell wieder auf den Beinen und bei ihm. Ihre Handkante traf seinen Hals mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte. Der Mann stцhnte, verdrehte die Augen und verlor endgьltig das BewuЯtsein. Charity richtete sich blitzschnell wieder auf, fuhr herum

– und erstarrte.

Der zweite Motorradmann hatte ihre eigene Waffe aufgehoben und zielte damit auf sie. Die Mьndung der Miniatur-MP deutete genau auf ihre Brust. Charity sah, wie sich sein Finger ein wenig krьmmte. Aber der SchuЯ, auf den sie wartete, fiel nicht. Statt dessen glьhte ьber dem Lauf der MP ein kleines, rubinrotes Auge auf, und auf Charitys Brust erschien ein mьnzgroЯer, roter Lichtfleck. Der Mann blinzelte erstaunt, blickte fassungslos auf die Waffe herunter und drьckte noch einmal auf den Auslцser des Laserzielgerдtes statt auf den Abzug. Charity wartete nicht, bis er die Mechanik der ihm fremden Waffe ergrьndet hatte. Mit einem einzigen Satz war sie bei ihm, schlug ihm die MP aus der Hand und fegte ihn mit einem Tritt in die Kniekehlen von den Beinen. Als er stьrzte, bьckte sie sich nach der MP, wartete fast gemдchlich, bis er sich wieder aufrichten wollte ­und schlug ihm den Kolben in den Nacken. Nicht heftig genug, um ihn umzubringen, aber genug, ihm ein paar Stunden Schlaf und mдchtige Kopfschmerzen zu bescheren. Blitzschnell richtete sie sich auf, drehte sich einmal um ihre Achse und schwenkte die Waffe hin und her. Aber es war niemand mehr da, auf den sie schieЯen konnte. Es dauerte eine Weile, bis Charity begriff, daЯ es vorbei war. Und daЯ es beinahe endgьltig vorbei gewesen wдre. Diesmal hatte sie nur Glьck gehabt. Hдtte der Ledermann nicht zufдllig den falschen Knopf gedrьckt … Sie lieЯ sich erschцpft gegen den Sattel einer der beiden Harleys sinken. Alles drehte sich um sie herum. Ihr Herz hдmmerte, und in ihrem Mund war plцtzlich ein Geschmack, als mьsse sie sich ьbergeben. Der kurze Kampf hatte sie vцllig ausgelaugt. »Mein Gott«, flьsterte sie mьde. »Ein Kцnigreich fьr ein Zauberschwert und ein fliegendes Pferd.« »Also«, sagte eine Stimme hinter ihr, »ьber das Zauberschwert kцnnen wir sprechen, aber wo ich ein fliegendes Pferd hernehmen soll, das weiЯ ich auch nicht so genau.« Irgendwo in der Dunkelheit hinter ihr raschelte es. Charity fuhr hoch, riЯ die Waffe herum und schaltete den Lasersucher ein. Der fingernagelgroЯe rote Punkt huschte ьber Felsen und dьrres Geдstund blieb auf einem faltigen Gesicht hдngen, das groЯe Дhnlichkeit mit einem alten Scheuerlappen hatte. »Nicht schieЯen!« quдkte ein dьnnes, sehr erschrockenes Stimmchen. »Ich gehцre nicht zu den Sharks!« Charity lцste mit der Linken die Taschenlampe vom Gьrtel, schaltete sie ein und richtete den Strahl auf die Gestalt, die hinter ihr aus den Bьschen getreten war. Ihr Schrecken schlug in Staunen und Verwirrung um. Der Mann war … eine Witzfigur, die irgend jemand zum Leben erweckt hatte. Sein Gesicht war faltig und hatte einen unnatьrlichen, fahlen Teint. Unter einer gewaltigen, weit vorgewцlbten Stirn, die in eine makellos glдnzende Glatze ьberging, blinzelten sie zwei winzigeДuglein hervor an, in denen nicht der kleinste Schimmer von WeiЯ war. Seine Nase sah so aus, als hдtte jemand krдftig darauf herumgetrampelt, und der Mund des Mannes war dьnn und spitz, die Lippen so hell, daЯ sie fast durchscheinend wirkten. Dahinter grinsten Charity die schlechtesten Zдhne an, die sie jemals gesehen hatte. Alles in allem war dieser Schдdel riesig, wдhrend der Kцrper des Fremden klein und spindeldьrr war. Der Mann trug einen bis auf den Boden reichenden Umhang aus braunen und grauen Fetzen, aus dem nur seine Hдnde hervorragten. Sehr magere, fast graue Hдnde. Das Scheuerlappengesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Verdammt, tu das Licht weg«, quдkte der Fremde, wдhrend er auf einen der bewuЯtlosen Motorradfahrer deutete. »Willst du, daЯ ihre Kumpel dich sehen und herkommen?« Charity schaltete hastig die Lampe aus und ьberwand endlich ihren Schrecken. »Wer sind Sie?« fragte sie. Der Zwerg antwortete nicht, sondern kam mit kleinen, trippelnden Schritten nдher, wodurch er in den Lichtschein des Feuers geriet und Charity ihn genauer betrachten konnte. Neugierig beugte er sich ьber einen der bewuЯtlosen Motorradfahrer, stieЯ ihn unsanft mit dem FuЯ an und nickte, als keine Reaktion erfolgte. »Saubere Arbeit«, sagte er anerkennend. »Aber du solltest sie tцten, solange du es noch kannst. Sie werden nicht erfreut sein, wenn sie aufwachen.« Charity ignorierte seine Worte. »Wer sind Sie?« fragte sie noch einmal. »Wer ich bin?« Das graue Gesicht verzog sich zu etwas, das sein Besitzer wohl fьr ein Lдcheln halten mochte. »Wo kommst du her, SьЯe, daЯ du noch nie von mir gehцrt hast? Aber egal – ich habe jedenfalls lange niemanden mehr getroffen, der so sauber mit den Sharks aufgerдumt hat wie du.« »Das ist keine Antwort«, sagte Charity дrgerlich. Sie hob drohend die Waffe, aber der Zwerg schien ganz genau zu wissen, daЯ sie nicht vorhatte, sie zu benutzen. Er grinste noch breiter, kam mit trippelnden Schrittchen nдher und verbeugte sich ьbertrieben tief vor ihr. »Gestatten Sie, daЯ ich mich vorstelle, schцne Unbekannte?« flцtete er. »Mein Name ist Abn El Gurk Ben Amar Ibn Lot Fuddel der Vierte, Besorgungen aller Art, Informationen, Schwarz­marktware und Waffen, Drogen und Mietkiller gegen Aufpreis. Stets zu Diensten.« Charity starrte Abn El Sowieso verblьfft an und fragte sich, ob sie das alles vielleicht nicht nur trдumte. »Meine Freunde nennen mich einfach nur Gurk«, fuhr der Kauz fort. »Und du gehцrst natьrlich dazu. Wer die Sharks so aufmischt wie du, den habe ich lieber zum Freund als zum Feind.« »Aha«, sagte Charity. Abn El Gurk Ben Amar Ibn Lot Fuddel der Vierte, Besorgungen aller Art, Informationen, Schwarzmarktware und Waffen, Drogen und Mietkiller gegen Aufpreis, lдchelte wissend, wurde aber dann sehr schnell wieder ernst. »Du solltest hier verschwinden, Liebling«, sagte er. »Die Schьsse sind bestimmt meilenweit gehцrt worden. In ein paar Minuten dьrfte es hier von Sharks wimmeln.« Charity blickte erschrocken zu den drei reglosen Gestalten herьber. »Es gibt noch mehr solche Typen?« Die Lichter, die sie gesehen hatte, fielen ihr ein, noch ehe Gurk antwortete. »Klar«, sagte der Gnom. »Wenn ich du wдre, wьrde ich mich verpissen, ehe sie hier sind. Es sei denn, du hast eine ьberzeugende Erklдrung fьr das, was hier passiert ist.« Er seufzte. »Ist allerdings nicht einfach, einem arschgesichtigen Shark ьberhaupt irgend etwas zu erklдren.« Charity unterdrьckte ein Grinsen. Gurks Ausdrucksweise war nicht unbedingt druckreif, aber sehr treffend. Und wahrscheinlich hatte er recht. Es wьrde schwierig werden, mit diesen Mad-Max-Imitatoren fertig zu werden. »Verschwinde«, sagte Gurk noch einmal. »Hдtte mich gerne noch ein biЯchen mit dir unterhalten, aber ich bin auch nicht scharf darauf, die Sharks zu treffen. Wenn du mal was brauchst, dann wende dich an mich.« »Und wie?« fragte Charity amьsiert. »Ich nehme nicht an, daЯ du im Telefonbuch stehst.« »Frag einfach nach mir«, rief Gurk. »Hier kennt mich jeder.« Er wandte sich zum Gehen, dann zцgerte er noch einmal. »Und noch einen Rat«, sagte er, »ausnahmsweise sogar kostenlos: Halte dich aus dem Norden fern. Dort wimmelt es von Sharks.« Charity sah ihm nach, bis er in der Dunkelheit verschwunden war. Sie war irgendwie verwirrt, aber auch amьsiert. Dabei glaubte sie keinen Augenblick, daЯ dieser El Gurk auch nur halb so harmlos war, wie er aussah. Aber sie glaubte auch zu spьren, daЯ er es ehrlich meinte. Und so ganz nebenbei, dachte sie, hatte er verdammt recht mit seiner Warnung. Sie hatte die Scheinwerfer ja selbst gesehen, es gab noch mehr dieser Motorradtypen (Wie hatte Gurk sie genannt? Sharks?) Sie sollte sehen, daЯ sie wegkam. Sie drehte sich um, machte ein paar Schritte vom Feuer weg und blieb dann noch einmal stehen. Nachdenklich betrachtete sie die drei rostzerfressenen Harleys, ging dann wieder zurьck und schraubte die Ventile aus den Reifen von zweien. AuЯerdem schьttete sie eine Handvoll Sand in ihre Tanks. Die dritte Maschine lieЯ sie unbeschдdigt. Sie fьhlte sich nicht besonders sicher, als sie in den Sattel des riesigen Motorrad-Ungetьmes stieg. Der Schlьssel steckte. Die Maschine sprang sofort an, als sie den Starter betдtigte. Das dumpfe Grollen muЯte meilenweit zu hцren sein. Und sie war nicht einmal sicher, daЯ sie mit dem Ding zurechtkam. Aber irgendwie hatte sie das ungute Gefьhl, zu FuЯ nicht allzuweit zu kommen. Entschlossen legte sie einen Gang ein und gab Gas. Als es ihr endlich gelungen war, die schwere Maschine wieder aufzurichten und zum zweiten Mal in den Sattel zu klettern, fuhr sie sehr viel vorsichtiger an. Skudder holte blitzschnell aus. Der Schlag war so hart, daЯ Reg taumelte und das Gleichgewicht verlor. Hдtten ihn zwei der anderen nicht aufgefangen, wдre er gestьrzt. »Idiot«, sagte Skudder kalt. Sein Gesicht blieb bei diesen Worten vцllig unbewegt, und auch seine Stimme klang eigentlich nicht drohend; nicht einmal besonders erregt. Aber der Schein trog. Alle, die ihn kannten, hдtte diese vermeintliche Ruhe eher gewarnt. Reg rappelte sich mьhsam hoch, schьttelte wьtend das halbe Dutzend Arme ab, das ihn stьtzte, und wischte sich mit dem Handrьcken das Blut vom Kinn. Skudders Schlag hatte seine Unterlippe aufplatzen lassen. Aber in seinen Augen war nur Angst, als er Skudder ansah. »Es war nicht unsere Schuld, Skudder«, sagte er. »Nicht eure Schuld, so?« wiederholte Skudder kalt. Er bedachte Reg und den neben ihm stehenden Garth mit einem Blick, der die beiden zusammenzucken lieЯ, und schьttelte spцttisch den Kopf. »Natьrlich war es nicht eure Schuld«, fuhr er fort, aber nun in eindeutig sarkastischem Ton. »Ich hдtte wissen mьssen, daЯ ihr ьberfordert seid, nicht wahr.« Zornig ballte er die Faust. In seinen Augen blitzte es. »Verdammt, ich schicke acht meiner besten Mдnner los, um eine Frau zu fangen, und was passiert? Einer von ihnen lдЯt sich umbringen, und weil das allein ja noch nicht reicht, verliert ihr auch noch drei Maschinen? Bin ich eigentlich nur von Idioten umgeben, oder habt ihr nur vergessen, eure Gehirne mitzunehmen?!« Garth senkte betreten den Blick, aber in Regs Augen regte sich so etwas wie Trotz. »Du hast gesagt, wir sollen eine Frau einfangen«, antwortete er. »Aber das war keine Frau, das … das war eine Wildkatze!« stieЯ er erregt hervor. »Die Kleine war bis an die Zдhne bewaffnet, und sie hat gekдmpft wie ein Mann!« Skudder bedachte Regs Gesicht mit einem sehr langen, abfдlligen Blick. »Das sieht man«, sagte er spцttisch. »Gegen euch alle drei zugleich, nehme ich an.« »Ja«, sagte Reg, lдchelte unsicher und verbesserte sich fast sofort. »Das heiЯt, eigentlich nicht. Sie hat erst Garth fertiggemacht und dann mich. Ich hatte keine Chance.« »Und da waren noch die Wastelander«, fьgte Garth hinzu. Skudder entging der rasche, fast beschwцrende Blick nicht, den er mit Reg tauschte. »Davon wuЯten wir auch nichts.« »Du kannst uns nicht fьr einen Hinterhalt verantwortlich machen, von dem wir nichts wuЯten«, fuhr Reg fort. »Wastelander?« Skudder ignorierte Regs letzten Satz. »Wie viele?« Reg wirkte plцtzlich sehr unsicher, und Skudder wuЯte, daЯ er log, als er antwortete: »Ich … ich weiЯ nicht genau. Fьnf oder sechs, vielleicht. Vielleicht auch ein paar mehr oder weniger.« »Vielleicht auch nur einer?« sagte Skudder freundlich. Reg schwieg. »Wie hat er ausgesehen?« fuhr Skudder fort. »Wo ist er hergekommen?« »Es war ein Mдdchen«, antwortete Garth, ohne ihn anzusehen. »Fast noch ein Kind. Ist wie aus dem Nichts aufgetaucht und hat Den erschossen.« Zumindest das, dachte Skudder дrgerlich, schien der Wahrheit zu entsprechen. Die Mдnner hatten Dens Leichnam mitgebracht, und er hatte ihn sich sehr grьndlich angesehen. Er war eindeutig mit einer Madenwaffe erschossen worden, die nur die Wastelander benutzten. Eine widerwдrtige Art zu sterben. »Und dann?« fuhr er fort. Garth sah weg und begann unruhig mit der Stiefelspitze auf dem Boden zu scharren, wдhrend Regs Blick unruhig herumirrte, als suchte er verzweifelt nach einem Fluchtweg. »Wir haben uns die Kleine natьrlich geschnappt«, antwortete er zцgernd. »Aber Garth hatte sie kaum gepackt, als die andere auftauchte und ihn von hinten niederschlug.« »Und du hast seelenruhig dabei zugesehen«, vermutete Skudder. Regs Gesicht verdunkelte sich vor Zorn. »Nein«, fauchte er. »Ich bin auf sie los, aber … « »Er hatte keine Chance, Skudder«, sagte Garth, als Reg nicht weitersprach. »Das war nicht die ahnungslose Frau, die wir schnappen sollten. Die Kleine war eine ausgebildete Nahkдmp­ferin.« Skudder starrte Garth einen Herzschlag an, aber er schluckte die wьtende Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag. An der Geschichte der beiden war irgend etwas faul, das spьrte er. Wahrscheinlich hatten sie mehr getan, als sich die Wastelanderin nur zu schnappen, wie Reg es ausgedrьckt hatte, und wahrscheinlich hatte Charity Laird sie nicht nur durch einen reinen Zufall so vollkommen ьberrumpeln kцnnen. Aber immerhin –Den war tot, Regs rechte Schulter gebrochen und Garth' Gesicht sah aus, als hдtte jemand darauf Stepptanzen geьbt. Ganz egal, ob sie nun abgelenkt waren oder nicht – das war nicht das Werk einer total verstцrten, hilf­und ahnungslosen jungen Frau, die sie hatten einfangen sollen. Wьtend ballte er die Faust. »Okay«, sagte er. »Verschwindet, ihr Nieten. LaЯt euch verarzten, und dann seht zu, daЯ ihr irgendwo neue Maschinen auf treibt. Bis ihr welche gefunden und fertiggemacht habt, dьrft ihr in der Kьche mithelfen. Aber begrabt zuerst Den«, fьgte er hinzu. Die beiden sagten kein Wort mehr, sondern drehten sich hastig herum und verschwanden. Skudder gab auch den ьbrigen Mдnnern ein Zeichen, ihn allein zu lassen. Er legte sorgfдltig den Riegel hinterihnen vor und verlieЯ das Zimmer durch eine andere Tьr. Ьber eine kurze Betontreppe, deren drei untersten Stufen geborsten waren, gelangte er in einen kleinen Keller. Der Raum war vollgestopft mit Gerumpel, Kisten und Truhen. An den Wдnden hingen Waffen ­angefangen von einer modernen Maschinenpistole, deren letzte Munition er vor mehr als einem Jahr verschossen hatte, bis hin zu Pfeil und Bogen und einem reichverzierten, handgearbeiteten Tomahawk, der weitaus effektiver war als eine leergeschossene MP. Zumindest in der Hand eines Mannes, der damit umgehen konnte. Und Skudder konnte. Wie immer, wenn er hier herunterkam, fiel sein Blick fast automatisch auf die altertьmlichen Waffen an der Wand, blieb einen Moment auf einem gewaltigen, bunten Federschmuck hдngen, der seine Sammlung krцnte, und wanderte dann zu dem kleinen Tischchen vor der gegenьberliegenden Wand. Der Tisch bestand aus verchromtem Metall. Es gab auch nicht sehr viele, die von seiner Existenz wuЯten und von dem modernen Fernsehempfдnger, der darauf stand. Skudder streckte die Hand aus, berьhrte den einzigen, roten Knopf, der die Seitenwand des Monitors unterbrach, und wartete geduldig, bis die Mattscheibe zu flimmern begann. Ein leises Rauschen drang aus dem Gerдt, dann ein an– und abschwellender Pfeifton, der Skudder heute so sehr wie beim allerersten Mal schaudern lieЯ, als er ihn gehцrt hatte. Anders als sonst muЯte er nur wenige Augenblicke warten, bis der weiЯe Schnee auf der Mattscheibe einem Bild wich. Gleichzeitig richtete sich die kleine Optik der mit dem Empfдnger gekoppelten Kamera auf sein Gesicht. Skudder wuЯte, daЯ er nun irgendwo – wo immer das sein mochte – auf einem дhnlichen Bildschirm zu sehen war, wдhrend auf seinem Monitor wie gewohnt nur das verschlungene, flammendrote gt;Mlt; Morons erschien. »Skudder?« Trotz der schlechten Empfangsqualitдt erkannte er einwandfrei Daniels Stimme. Anders als sonst muЯte er nicht erst geholt werden. Skudder vermutete, daЯ er schon lange und sehr ungeduldig neben dem Empfдnger gesessen und auf Skudders Ruf gewartet hatte. Er hцrte auch deutlich die Erregung in Daniels Stimme. »Habt ihr sie?« Skudder schwieg einen Moment, dann schьttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er. Fьnf Sekunden Schweigen. Dann: »Was soll das heiЯen – nein?« »Sie ist meinen Leuten … entkommen«, antwortete Skudder zцgernd. »Entkommen?« Daniel schrie fast. »Du hast …« »Ich habe«, unterbrach ihn Skudder дrgerlich und mit leicht erhobener Stimme, »acht meiner besten Mдnner losgeschickt. Sie hat einen getцtet und zwei andere niedergeschlagen. Ich bin froh, daЯ die ьbrigen noch leben.« Er schwieg einen ganz kurzen Moment. »Sie hдtten mir sagen mьssen, wie gefдhrlich diese Frau ist«, fьgte er hinzu. Daniel schwieg eine ganze Weile, und als er endlich weitersprach, klang er zu Skudders Ьberraschung kaum noch zornig, sondern beinahe amьsiert. »Das ist typisch Captain Laird«, murmelte er. »Ich hдtte es wissen mьssen. Trotzdem … « Der Tonfall дnderte sich wieder und wurde befehlend und kalt wie gewohnt. »… ihr mьЯt sie einfangen. Und nach Mцglichkeit lebend.« »Einfangen?« Skudder lachte ganz leise. »Wie stellen Sie sich das vor? Sie hat eine unserer Maschinen gestohlen. Sie kann ьberall sein.« »Dann sucht sie!« befahl Daniel barsch. »Du hast genug Mдnner.« Skudder schnaubte. »Hцren Sie!« sagte er erregt. »Ich brauche eine Armee, wenn ich die Ebene nach einem einzelnen Menschen durchkдmmen soll. Und selbst, wenn wir sie … « »Das mit der Armee ist eine gute Idee«, unterbrach ihn Daniel kalt. »Ich kцnnte dir eine schicken, Skudder, Willst du das?« Er sprach nicht weiter, aber Skudder ьberhцrte die kaum verhohlene Drohung nicht, die in seinen Worten mitschwang. Ein Gefьhl hilfloser Wut machte sich in ihm breit. Aber er widersprach nicht mehr, sondern schьttelte nur stumm den Kopf. »Gut«, fuhr Daniel fort. »Dann haben wir uns verstanden. Du hast zweiundsiebzig Stunden, Captain Laird zu finden. Ach – und noch etwas«, fьgte er spцttisch hinzu. »Wenn du sie findest, paЯ auf dich auf, ja? Sie ist gefдhrlich.« Das rote gt;Mlt; auf dem Bildschirm erlosch, aber Skudder starrte die flimmernde Mattscheibe noch sehr lange an, ehe er sich wьtend vorbeugte und das Gerдt ausschaltete. Irgendwann, dachte er grimmig, wьrde er es Daniel heimzahlen. Wer immer er sein mochte. 3 Charity hatte das Gebirge verlassen, und das Wunder, auf das sie gehofft hatte, war tatsдchlich eingetreten: Obwohl sie mehrmals die grellen Scheinwerfer gesehen hatte und ihr einmal eine der Maschinen fast bis auf Sichtweite nahe gekommen war, hatte man sie nicht entdeckt – was aber wohl daran lag, daЯ die Sharks sie fьr einen der ihren gehalten haben muЯten. Charity hatte sich nach ьberraschend kurzer Zeit an das Motorrad gewцhnt. AuЯerdem hatte sie sich Gurks Rat zu Herzen genommen; statt nach Norden lenkte sie die Harley nach Sьden, in die gewaltige Ebene hinein, die sie von der Hцhe des Passes aus gesehen hatte. Sie fuhr eine gute Stunde ­die letzten vierzig Minuten mit ausgeschaltetem Scheinwerfer —, ehe sie es wagte, die Maschine anzuhalten und sich einen Lagerplatz fьr die Nacht zu suchen. Sie verbarg die Maschine sorgfдltig, suchte sich einen ьberhдngenden Felsen und rollte sich darunter zum Schlaf zusammen; allerdings nicht, ohne ihre Waffe griffbereit neben sich zulegen und den Kцrperschild des Anzuges einzuschalten. Zumindest die zweite VorsichtsmaЯnahme erwies sich als berechtigt. Sie wachte in der Nacht nicht auf, aber am nдchsten Morgen sah sie im Sand neben sich eine Anzahl kleiner Klauenabdrьcke. Etwas war in der Nacht gekommen, hatte sich einen gehцrigen elektrischen Schlag geholt und sich wieder getrollt. Beim ersten Licht des neuen Tages fuhr sie weiter, nachdem sie auf einen der Felsen geklettert und eine Weile vergeblich nach Verfolgern Ausschau gehalten hatte. Sie war durstig, und doch wagte sie es noch nicht, den knappen Wasservorrat in ihrer Feldflasche anzugreifen. Sie schдtzte, daЯ es kaum spдter als sechs Uhr morgens war, aber die Sonne brannte bereits unbarmherzig vom Himmel. Der Tag wьrde sehr heiЯ werden. Zum Glьck hatte sie wenigstens genьgend Treibstoff. Die Harley verfьgte ьber zwei groЯe, jeweils dreiЯig Liter fassende Reservetanks, die die Stelle der frьheren Packtaschen einnahmen. Sie wьrde ungefдhr sechshundert Meilen mit diesem Ding fahren kцnnen. Theoretisch. Praktisch kam sie nicht einmal zwanzig Meilen weit, ehe ihre Fahrt zum ersten Mal unterbrochen wurde. Zuerst war es nur ein winziger dunkler Punkt, der vor ihr auf dem Horizont auftauchte, ein schwarzes Etwas, das mit sonderbar starren Bewegungen vorwдrts krabbelte. Aber aus dem einen Punkt wurden zwei, dann fьnf, und schlieЯlich waren es so viele, daЯ Charity es aufgab, sie zдhlen zu wollen. Sie nahm Gas weg und lieЯ die Harley ьber die flachen Hьgel rollen. Die schwarzen Punkte auf dem Horizont wuchsen ganz langsam heran. Und obwohl Charity sie immer noch nicht richtig erkennen konnte, bekam sie ein ziemlich mulmiges Gefьhl. Eine sonderbare Erinnerung blitzte in ihren Gedanken auf und erlosch sofort wieder. Sie entschloЯ sich anzuhalten. Дchzend stemmte sie die Maschine auf den Stдnder, kletterte umstдndlich auf den Sattel und lцste den Feldstecher von ihrem Gьrtel. Aus den drei oder vier Dutzend ameisengroЯen Punkten wurde eine riesige Armee elefantengroЯer braunschwarzer Giganten, die vor ihr ьber die Ebene zog. Charitys Hдnde krampften sich so fest um Treppe an und lieЯ den Motor der Harley noch zwei– dreimal aufbrьllen, ehe sie abstieg; falls sich dort Menschen verbargen, sollten sie nicht glauben, daЯ sie sich etwa anpirschen wollte. Sie kam in friedlicher Absicht. Charity stieg ab, entfernte sich ein paar Schritte von der Maschine und sah weiter aufmerksam zum Haus hinьber. Hinter der geschwдrzten Eingangstьr rьhrte sich nichts, aber Charity glaubte, Blicke zu spьren, die sich auf sie richteten. Und ihr Gefьhl tдuschte sie nicht. Im Haus blieb es weiter still, aber hinter sich vernahm sie plцtzlich ein Poltern, und als Charity sich herumdrehte, stand sie einem kleinwьchsigen, grauhaarigen Mann gegenьber, der aus der Ruine des heruntergebrannten Schuppens trat. In seiner Hand lag eine kleine Waffe, die drohend auf ihr Gesicht zielte. Charity hob ganz langsam die Hдnde, versuchte sich zu einem Lдcheln zu zwingen und trat einen Schritt auf den Grauhaarigen zu. Sofort machte der Mann mit der Waffe eine bedrohliche Handbewegung. »Sie brauchen keine Angst zu haben«, sagte sie, sehr langsam und ьbermдЯig betont, damit er ihre Worte auch verstand, aber er antwortete nicht, sondern starrte sie nur weiter aus seinen dunklen, tiefliegenden Augen an. Er war eine Handbreit kleiner als sie, aber von sehr krдftigem Wuchs, und seine Haut war so sonnenverbrannt, daЯ sie sich im ersten Moment nicht einmal sicher war, einem WeiЯen gegenьberzustehen. Sein Haar war strдhnig und begann vor der Zeit auszufallen, und auf seinen Wangen glдnzten Bartstoppeln. Seine Hдnde waren ьber und ьber mit kleinen, weiЯen Narben bedeckt, und seine Kleider bestanden eigentlich nur noch aus Fetzen. »Verstehen Sie mich?« fragte sie, als der Grauhaarige noch immer schwieg. Er nickte, sagte aber auch jetzt noch kein Wort, sondern kam nдher, wobei er ihr mit Gesten zu verstehen gab, ein Stьck vom Motorrad wegzugehen. Charity gehorchte. Hinter ihr polterte es abermals, und als sie vorsichtig den Kopf drehte, sah sie, daЯ die Haustьr geцffnet worden war. Zwei Gestalten traten heraus – ein dunkelhaariger Mann, jung genug, um der Sohn des Grauhaarigen sein zu kцnnen, und eine schlanke Frauengestalt. Es war das Mдdchen, das sie am Abend zuvor vor den Sharks gerettet hatte. »Das ist sie!« sagte das Mдdchen heftig. »Ich bin ganz sicher. SchieЯ sie nieder, Dad!« Charity zuckte zusammen und drehte sich hastig wieder herum. Zum Glьck schien Dad nicht ganz so blutrьnstig zu sein wie seine undankbare Tochter, denn er schoЯ nicht; aber er senkte die Waffe auch nicht, sondern kam drohend nдher, und er machte eine befehlende Geste. Charity verstand, was er wollte. Fast behutsam legte sie ihre beiden Waffen vor sich in den Sand, zog unaufgefordert auch noch ihr Messer aus dem Gьrtel, legte es daneben und hob wieder die Hдnde. »Ich bin nicht ihr Feind«, sagte sie gepreЯt. »Ich weiЯ nicht, was Ihre Tochter Ihnen erzдhlt hat, aber ich … « »Halt den Mund«, unterbrach sie der Grauhaarige. Mit einer unwilligen Geste scheuchte er sie zurьck, stellte sich mit gespreizten Beinen ьber die beiden Gewehre und musterte abwechselnd sie und das Motorrad. Charity hatte plцtzlich das Gefьhl, daЯ es ein Fehler gewesen sein mochte, die Maschine zu stehlen. Nach allem, was sie gestern erlebt hatte, schienen die Sharks nicht unbedingt zu den beliebtesten Zeitgenossen zu gehцren. »Lassen Sie es mich erklдren«, sagte sie. »Ich … « »Was gibt es da zu erklдren?« unterbrach sie das Mдdchen erregt. »Schau sie dir an! Du weiЯt, wer sie ist. Und sie fдhrt eine Maschine der Sharks.« »Und auЯerdem wдrst du jetzt ziemlich tot, wenn sie dir nicht geholfen hдtte, du dumme Kuh«, mischte sich eine dritte, quдkende Stimme ein, die Charity vage bekannt vorkam. Verwirrt drehte sie sich herum – und sog ьberrascht die Luft zwischen den Zдhnen ein, als sie den Zwerg mit dem riesigen Kahlkopf entdeckte, der hinter demMдdchen aus dem Haus getreten war. »Gurk!« »Ihr kennt euch?« In Dads Augen blitzte es miЯtrauisch auf, und Charity glaubte, schon wieder einen Fehler gemacht zu haben. »Ja«, sagte Gurk. »Wir haben uns gestern abend gesehen – ein paar Minuten, nachdem diese Frau, der deine bescheuerte Tochter so gerne den Hals abschneiden mцchte, ihr das Leben gerettet hat.« »Sie ist eine Tiefe!« behauptete das Mдdchen aufgebracht. »Ach?« machte Gurk. »Woher weiЯt du das? Hast du schon einmal eine gesehen?« »Ich … nein«, gestand das Mдdchen kleinlaut, aber nur, um eine Sekunde spдter wьtend hinzuzufьgen: »Aber ich weiЯ auch, wie … « »Du weiЯt gar nichts, Net«, fiel ihr Gurk ins Wort. »Ohne sie wдrst du jetzt tot. Und um ein Haar hдtte man sie umgebracht, weil du dich so ьberaus dankbar erwiesen hast. Und die Maschine«, fьgte er mit einer Kopfbewegung auf die Harley hinzu, »hat sie den Sharks geklaut, nachdem sie die beiden Typen fertiggemacht hat, die dich in die Mangel genommen hatten.« Zornig wandte er sich an Dad. »Nimm endlich die Waffe herunter. Sie steht auf unserer Seite.« Diesmal gehorchte Dad wirklich, wenn auch erst nach neuerlichem, sehr langem Zцgern. Allerdings schien es mit seinem Vertrauen nicht weit her zu sein, denn er bьckte sich rasch nach Charitys Waffen, hдngte sie sich ьber die Schultern und deutete Charity dann, ins Haus zu gehen. »Bob«, rief er dem jungen Mann zu, »bring die Maschine in den Schuppen. Und du, Net«, fьgte er mit erhobener Stimme hinzu, als das Mдdchen abermals etwas sagen wollte, »bist jetzt still. Wir unterhalten uns drinnen weiter.« Net verstummte tatsдchlich. Aber der Blick, den sie Charity zuwarf, sprьhte fцrmlich vor Zorn. Charity schenkte ihr das freundlichste Lдcheln, das sie im Moment zustande bringen konnte, und ging an ihr vorbei ins Haus. Drinnen war es schattig und kьhl und ьberraschend sauber. So heruntergekommen das Haus von auЯen aussah, so wohnlich war der einzige, groЯe Raum. Offenbar hatten Dad und seine Familie von ьberall halbwegs brauchbare Mцbel zusammengetragen, aber alles wirkte doch irgendwie geschmackvoll. Unter den zugenagelten Fenstern an der gegenьberliegenden Wand standen vier niedrige Betten, und ьber der Feuerstelle im Kamin, die jetzt allerdings erloschen war, war eine Art Gitterrost angebracht worden, der verriet, daЯ sie jetzt zum Kochen diente. Dad deutete befehlend auf den wuchtigen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. »Setz dich«, sagte er. »Hast du Hunger?« Charity nickte, dann schьttelte sie den Kopf und setzte sich. »Nur Durst«, gestand sie. »Das ist kein Wunder«, murmelte Dad. »Ein ziemlicher Wahnsinn, am hellen Tage mit einem Motorrad ьber die Ebene zu fahren. Hattest du keine Angst, einer Heuschrecke zu begegnen?« Nein, das hatte Charity nicht – vor allem deshalb nicht, weil sie keine Ahnung hatte, worum es sich bei der Art von Heuschrecke handeln mochte, von der Dad sprach. Sie antwortete nicht. DrauЯen vor dem Haus heulte der Motor der Harley auf. Eine Sekunde spдter erfolgte ein dumpfer Aufprall, gefolgt von einem Schwall wьtender Flьche. Charity lдchelte still in sich hinein. Offensichtlich hatte Bob versucht, das Motorrad zu starten. Dad wandte sich an das Mдdchen. »Geh und sag Mom Bescheid, daЯ wir Besuch haben. Sie soll Essen machen.« »Du solltest Sie umlegen«, sagte Net haЯerfьllt. »Reizend«, sagte Charity lдchelnd. »Wirklich reizend, Ihre Tochter.« Net funkelte sie noch einmal zornig an und verschwand dann ohne ein weiteres Wort, und Dad nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz. Charitys Lasergewehr und die MP lehnte er neben sich an den Stuhl, wдhrend die eigenartige Waffe, mit der er auf sie gezielt hatte, vor ihm auf dem Tisch liegenblieb. Charity wartete darauf, daЯ er irgend etwas sagte, ihr Fragen stellte oder auch von sich aus zu erzдhlen begann, aber er schwieg weiter. Gurk, der hinter ihnen das Haus betreten hatte, zog sich scharrend einen Stuhl heran, kletterte umstдndlich hinauf; auch er blickte sie nur an und schwieg. Charity begann sich immer unbehaglicher zu fьhlen. SchlieЯlich kehrte Net zurьck, aber sie war nicht allein. In ihrer Begleitung befanden sich Bob und eine vielleicht fьnfzigjдhrige Frau mit streng zurьckgekдmmtem schwarzen Haar und einem scharfgeschnittenen Gesicht, die ihre Mutter sein muЯte. Wдhrend die Frau zum Kamin ging und schweigend einige Scheite auf die Asche legte, nahmen Net und ihr Bruder rechts und links neben ihrem Vater Platz. SchlieЯlich verlor Charity die Geduld. »Wenn Sie fertig damit sind, mich anzustarren, Dad, dann kцnnen wir vielleicht reden«, sagte sie. »Ich habe nдmlich ein paar Fragen an Sie.« »Und wir an dich.« Es war Bob, der antwortete, nicht Dad. »Okay«, sagte Charity. »Fang an.« »Wer bist du, wenn du nicht zu den Sharks gehцrst?« fragte Bob. »Und wo kommst du her?« Charity seufzte. Eine wahrhaft intelligente Frage, aber immerhin ein Anfang. »Ich bin Captain Charity Laird«, antwortete sie. »Offizier der U.S. Space Force.« Bobs Blick bewies ihr eindeutig, daЯ ihm diese Worte rein gar nichts sagten, und Dad bestдtigte ihre Vermutung, indem er nachhakte: »Was soll das sein, U.S. Space Force? Und wieso hast du drei Namen?« »Ich habe … « begann Charity, brach mit einem Kopfschьtteln ab und setzte dann in sanfterem Ton neu an. »Sie kцnnen mich einfach Charity nennen, Dad. Und die Space Force ist … « Sie suchte nach Worten. »So etwas wie die Armee, in der ich diene.« »Armee?« In Dads Augen funkelte es miЯtrauisch, und auch Net und ihr Bruder sahen sie argwцhnisch an. »Du bist eine Kriegerin?« »So kцnnte man es nennen«, sagte Charity. »Aber es ist nicht ganz richtig. Ich … ich komme von sehr weit her.« »Und was willst du hier?« Die Frage kam blitzschnell. Charity wuЯte, daЯ sie jetzt keine falsche Antwort geben durfte, wollte sie nicht in noch grцЯere Schwierigkeiten geraten. »Zuerst einmal nur Informationen«, sagte sie vorsichtig. »Ich bin vцllig fremd hier. Ich weiЯ weder, wo ich bin, noch wer Sie sind, noch wer diese Sharks waren … « Sie sah Net an, die peinlich berьhrt zusammenzuckte. » … denen ich gestern Abend begegnet bin.« »Dann muЯt du wirklich von sehr weit herkommen«, sagte Dad. »Du stellst Fragen wie jemand, der gerade vom Himmel gefallen ist.« Das ist nicht ganz falsch, dachte Charity dьster. Aber sie hьtete sich, diesen Gedanken laut auszusprechen. Dad deutete auf den Gnom, der das kurze Gesprдch aufmerksam verfolgt hatte. »El Gurk behauptet, daЯ man dir trauen kann«, sagte er. »Aber ich weiЯ nicht, ob ich Gurk trauen kann.« »Solange du mich bezahlst, schon«, sagte Gurk trocken. »Es sei denn, es kommt einer, der mehr zahlt.« Seine nachtschwarzen Augen lieЯen Charity erschaudern. Jetzt, da sie ihn das erste Mal im Tageslicht sah, wirkte er noch unheimlicher als in der vergangenen Nacht. Seine Augen waren tiefschwarz, als seien sie ьberhaupt nicht menschlich. Ein Gerдusch hinter ihr lieЯ sie aufblicken. Mom war vor dem Kamin auf die Knie gefallen und versuchte, mit Hilfe, eines Reibeholzes ein paar Spдne zu entzьnden. Charity schьttelte den Kopf, stand wortlos auf, trat neben sie und lieЯ ihr Feuerzeug aufschnappen. Die kleine Gasflamme leckte gierig an den trockenen Blдttern, die Mom unter das Feuerholz gestopft hatte, und setzte sie augenblicklich in Brand. Als sie zum Tisch zurьckkam, starrte nicht nur Dad sie aus weit aufgerissenen Augen an. Auch auf Bobs Gesicht malte sich ein Ausdruck unglдubigen Staunens, ja fast Schreckens ab. »Glaubt ihr es jetzt?« fragte Net leise. »Ich habe euch gesagt, sie ist eine verdammte Tie … « »Halt endlich den Mund«, unterbrach sie Dad, nicht einmal sehr laut, doch Net verstummte augenblicklich. Dad starrte Charity weiter sehr durchdringend an, und sie konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Dann entspannte sich sein Gesicht. »Ganz egal, was du bist«, sagte er. »Du hast Net das Leben gerettet. Wir schulden dir Dank. Du kannst bleiben. Und deine Fragen werde ich beantworten.« Sie redeten sehr lange. Moms Essen war ausgezeichnet, und Charity kam wieder zu Krдften. Sie erzдhlte vorsichtig von sich, wobei sie allerdings mit Bedacht sehr vage blieb, um nicht zuviel von sich zu verraten. Sie selbst erfuhr eine Menge ьber Dads Familie und die Welt, in der sie lebten. Die vier gehцrten zu einer Gruppe von Menschen, die sich selbst Wastelander nannten und wie Nomaden umherzogen. Sie kamen oft zu dieser Farm zurьck, die sie sich im Laufe der Jahre hergerichtet hatten, aber meistens hielten sie sich in der groЯen Ebene auf. Sie lebten von dem, was das Schicksal ihnen schenkte – ein wenig Jagd, ein wenig Sammeln, ein wenig Diebstahl, wobei es allerdings einen strengen Ehrenkodex gab, daЯ ein Wastelander niemals einen anderen bestahl. Aber es zogen oft Karawanen ьber die Ebene, und es schien nicht besonders schwer zu sein, sich an sie anzuschleichen und ihnen Wasser oder Essen zu stehlen. Die Fremden schienen ьberall zu sein, und Dads Worte lieЯen keinen Zweifel daran, daЯ sie die Herren des Planeten waren. Wie es jenseits der Ebene aussah, wuЯte niemand der vier. Die Wastelander mieden die AuЯerirdischen nach Mцglichkeit, diese wiederum lieЯen die Wastelander in Ruhe – solange sie sie nicht bei irgendwelchen Diebstдhlen erwischten. Net war am vergangenen Abend in die Berge geflohen, weil sie von einem Trupp Reiter gejagt worden war, wie Dad die gigantischen Kдferwesen nannte. Charity erinnerte sich schaudernd an die Armee, die sie am Morgen durch das Fernglas gesehen hatte. Beinahe gegen ihren Willen empfand sie so etwas wie Achtung vor Net, als sie den beilдufigen Ton registrierte, in dem das Mдdchen ьber ihre Flucht sprach. Leider erfuhr sie sehr wenig darьber, wie es auf dem Rest dieses Planeten aussah. Dad und seine Frau waren in dieser Gegend geboren worden, ihre Eltern waren Wastelander gewesen wie sie, und auch ihre Kinder wьrden es wieder werden und diese trostlose Einцde wahrscheinlich niemals verlassen –was Charity ganz und gar nicht verstand. »Aber habt ihr denn nie versucht, von hier wegzugehen?« fragte sie unglдubig. »Weggehen?« Dad nippte an dem bitter schmeckenden Tee, den Mom ihnen nach dem Essen bereitet hatte, und schьttelte den Kopf. »Aber wieso denn?« fragte er verwundert. »Um … um … « Charity breitete hilflos die Hдnde aus, erntete einen schadenfrohen Blick von Gurk und sagte: »Um eure Lage zu verbessern, zum Beispiel. Das Leben hier muЯ ziemlich hart sein.« »Das ist es«, bestдtigte Dad ungerьhrt. »Aber wir leben, und wir wissen auch, daЯ wir wahrscheinlich morgen noch leben, wenn wir ein biЯchen aufpassen.« »Und das ist anderswo nicht so?« »Woher sollen wir das wissen?« fragte Net scharf. »Wir waren niemals woanders. Warum nicht? Wir haben zu essen, und die Reiterlassen uns in Frieden. Manchmal gibt es Дrger mit den Sharks, aber meistens werden wir mit ihnen fertig.« »Gestern abend schien das anders zu sein«, sagte Charity. Net fuhr zusammen und senkte fьr einen Moment den Blick. Aber sie fing sich schnell wieder. »Okay«, sagte sie. »Ich war in den Bergen, und die Berge sind ihr Gebiet. Hier in der Ebene hдtten sie mich nie gekriegt.« Das klang nicht ganz ьberzeugend, aber Charity hielt es fьr besser, es dabei zu belassen. Sie hatte nichts davon, Net in Verlegenheit zu bringen. »AuЯerdem kommst du doch von auЯerhalb«, fuhr das Mдdchen aggressiv fort. »Du solltest uns sagen kцnnen, wie es dort aussieht.« Charity seufzte. »Anders«, sagte sie ausweichend. »Aber auch nicht sehr viel besser, wenn ich ehrlich sein soll.« Sie seufzte erneut, sah Net, ihren Vater und die beiden anderen der Reihe nach an und fьgte hinzu: »Ehrlich gesagt – ich bin vor ihnen geflohen. Sie haben mein … mein Land auch ьberfallen.« »Und besiegt«, vermutete Dad. »Deine Armee … « »Wurde geschlagen, ja«, sagte Charity. »Wir haben uns gewehrt, aber … « »Morons Heerscharen sind unbesiegbar«, sagte Dad ruhig. »Das weiЯ jeder. Gibt's noch andere Krieger?« »Ich glaube nicht«, antwortete Charity. »Nein, ganz bestimmt sogar. Ich denke, ich bin die einzige, die es geschafft hat.« Sie dachte an Stone und ьberlegte einen Moment, ihnen von ihm zu erzдhlen, verwarf den Gedanken aber fast sofort wieder. Stone war lдngst fort, und wahrscheinlich lдngst tot. Wдre er vor ihr hiergewesen, hдtte Dad davon gewuЯt. Ihre Situation kam ihr immer grotesker vor. Sie saЯ hier, trank Tee und redete mit ihm, als wдre sie eine Fremde, die gerade vom Mond gekommen war. Dabei wuЯte sie viel besser als er, was wirklich passiert war. Aber sie versuchte nicht, ihn aufzuklдren. Seine Welt war fremd und bizarr und wahrscheinlich sehr gefдhrlich, aber sehr klein und ьberschaubar. Der Gedanke an einen Schlaf, der Jahre oder vielleicht auch Jahrhunderte gedauert hatte, hдtte nicht in sein Weltbild gepaЯt. »Wie lange ist es schon her?« fragte sie vorsichtig. »Her?« Dad sah sie verwundert an. »Was?« »Der Angriff«, erklдrte Charity. »Ich meine, wann … wann sind sie gekommen?« »Gekommen?« Dad blinzelte. »Moron«, sagte Charity. »Die Reiter.« »Ich verstehe nicht. Du … « Plцtzlich hellte sich sein Gesicht auf. »Oh, du denkst, sie hдtten uns auch ьberfallen?« Er schьttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist ein Irrtum. Sie waren schon immer hier. Wenigstens so lange, wie ich mich erinnern kann.« Charity lдchelte mьde. »Welches Jahr schreiben wir?« Dad zuckte gleichmьtig mit den Achseln. »Wir schreiben nicht auf, wie viele Jahre vergangen sind«, antwortete er. »Wozu? Eines ist wie das andere. Mein Vater und mein GroЯvater waren Wastelander. Welchen Nutzen hat es, sich zu merken, wie viele Jahre vergangen sind?« Charity hob hastig ihre Tasse und trank, um Dad nicht zu zeigen, wie sehr sie seine Antwort entsetzte. »War das bei euch anders?« erkundigte sich Bob. Charity nickte. »Ja. Wir … wir haben die Jahre gezдhlt.« »Aber das ist vцllig sinnlos«, sagte Net. Charity wollte eigentlich gar nicht antworten, aber irgend etwas brachte sie dazu, ihre Tasse abzustellen und das Mдdchen anzusehen. »Wir zдhlen nicht nur die Jahre, wir zдhlen auch die Tage und die Stunden«, antwortete sie. »Und wozu?« Charity seufzte. »Manchmal ist es ganz praktisch, weiЯt du? Wenn ich sage, daЯ ich fortgehe und in zwei Stunden wieder hier bin, dann muЯt du zum Beispiel nicht die ganze Zeit herumstehen und auf mich warten, sondern bist pьnktlich zur vereinbarten Zeit wieder am Treffpunkt.« »Woher soll ich genau wissen, wann zwei Stunden vorьber sind?« fragte Net. »Niemand kann das so genau schдtzen.« »Ich schon«, widersprach Charity heftig. Nets Fragerei begann ihr auf die Nerven zu gehen. Aber schlieЯlich war sie selbst schuld. »Ich kann dir sogar sagen, wann eine Minute vorьber ist. Man kann es messen. Mit einer Uhr.« Sie hob den Arm und streifte die Jacke zurьck, damit das Mдdchen ihre Armbanduhr sehen konnte. »Siehst du? Bis auf den Augenblick genau. Ich bin jetzt genau seit vier Stunden und zweiunddreiЯig Minuten bei euch.« Net beugte sich neugierig vor, betrachtete das Ziffernblatt der Uhr interessiert und lieЯ sich wieder zurьcksinken. »Trotzdem ist es nutzlos«, sagte sie stur. »Und gefдhrlich.« Gefдhrlich? Charity sah sie verwirrt an, aber sie verzichtete darauf, eine Frage zu stellen. Es gab Wichtigeres zu klдren. »Dabei fдllt mir ein, daЯ ich nicht mehr allzu lange bleiben kann«, fuhr sie in bewuЯt beilдufigem Ton fort. »In welche Richtung muЯ ich fahren, wenn ich auf andere Menschen treffen will?« »Nur ein paar Meilen nach Norden«, sagte Gurk grinsend, »und schon bist du bei den Sharks.« Charity schenkte ihm einen giftigen Blick und wandte sich an Dad. »Es gibt doch auЯer den Sharks und euch sicher noch andere?« »Du fдhrst heute nirgendwo mehr hin«, bestimmte Dad, statt ihre Frage zu beantworten. »Es wird bald Nacht. Die Ebene ist fьr dich zu gefдhrlich. Trotz deiner Waffen.« »Und morgen frьh?« sagte Charity, womit sie sein Angebot, hier zu ьbernachten, stillschweigend annahm. Dad ьberlegte einen Moment, dann zuckte er mit den Achseln. »Andere Menschen? Sicher, es gibt sie. Aber … im Norden sind die Sharks, im Osten die Berge und im Sьden und Westen die groЯe Ebene. Was dahinter liegt, weiЯ ich nicht.« Charity stцhnte auf. Aus diesen Leuten wьrde sie nichts herausbringen. Doch plцtzlich fiel ihr etwas ein, das sie die ganze Zeit ьber hatte fragen wollen und aus einem ihr selbst unbegreiflichen Grund einfach vergessen hatte. Mit einem fragenden Blick wandte sie sich an Net. »Gestern nacht«, sagte sie. »Wie hast du mich da genannt? Eine Tiefe? Wer soll das sein?« »Es gibt eine Legende«, sagte Gurk sehr hastig. »Das ist keine Legende!« fuhr Net den Gnom an. »Es gibt sie! Jedermann weiЯ das!« Gurk zog eine Grimasse und wollte etwas entgegnen, aber Charity gebot ihm mit einer дrgerlichen Handbewegung zu schweigen. »Ein anderes Volk, so wie eures?« erkundigte sie sich. »Sie sind nicht wie wir!« widersprach Net heftig. »Sie sind … « Sie suchte nach Worten. »Sie tцten«, sagte sie schlieЯlich. »Sie sind wie du. Tragen sonderbare Kleider und reden Dinge, die niemand versteht, und sie haben auch Waffen wie du. Und sie tцten jeden, der in ihr Gebiet kommt.« »Und wo liegt dieses Gebiet?« fragte Charity erregt. »Sie leben unter der Erde. Irgendwo in den Bergen«, antwortete Net. »Da, wo ich dich getroffen habe. Deswegen dachte ich ja, du wдrst eine von ihnen. Vielleicht bist du es ja.« »Unsinn!« unterbrach sie Gurk aufgebracht. »Du und deine Tiefen! Hirngespinste sind das. Niemand hat sie je gesehen, oder?« »Das hat man doch!« rief Net aufgebracht. »Sonst wьЯte man ja nicht, daЯ es sie gibt, oder?« Charity wurde plцtzlich sehr nachdenklich. Charity war Dad und seiner Familie im nachhinein sehr dankbar dafьr, die Nacht bei ihnen verbringen zu kцnnen; aber sie lehnte Nets Angebot ab, das Bett mit ihr zu teilen, und zog es vor, in dem Schuppen zu schlafen, in dem Bob ihre Maschine versteckt hatte.ДuЯerlich eine Ruine, verbarg sich hinter dem feuergeschwдrzten Tor ein groЯer, wohlbestьckter Lagerraum, in dem die Wastelander alle mцglichen Gegenstдnde aufbewahrten, die sie von ihren Streifzьgen mitgebracht hatten. Bei einer Menge Dinge konnte sich Charity beim besten Willen nicht vorstellen, was sie damit anfangen wollten – wie zum Beispiel einem halben Dutzend beschдdigter Fernsehempfдnger oder einer ganzen Kiste voller kleiner, silberfarbener CD-Platten —, aber vermutlich konnte man gerade in einer solchen Welt einfach alles gebrauchen. Charity war sehr mьde, obwohl es noch frьh war, doch auch die Wastelander hatten sich schon zur Ruhe begeben. Bob hatte ihr ein Lager aus Decken und Kleidungsstьcken bereitet, auf das sie sich beinahe sofort ausstreckte. Trotzdem fand sie keinen Schlaf. Zu viel ging ihr durch den Kopf, zu viele Fragen waren nicht beantwortet worden. Alles war so … so anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Nicht, daЯ sie irgendeine auch nur halbwegs klare Vorstellung von dem gehabt hдtte, was sie erwarten mochte, aber sie wuЯte zumindest, was sie nicht erwartet hдtte: nдmlich eine postatomare Wьstenlandschaft, in der die wenigen Ьberlebenden von mo­torradfahrenden Mad-Max-Imitatoren terrorisiert wurden. Sie lag lange wach, grьbelte und starrte die ruЯgeschwдrzte Decke ьber sich an, ohne das Durcheinander hinter ihrer Stirn ordnen zu kцnnen. DrauЯen wurde es dunkel, und mit der Nacht drangen sonderbare Gerдusche zu ihr herьber. SchlieЯlich – sie sah auf ihre ьberflьssige Uhr und stellte fest, daЯ gute zwei Stunden vergangen waren, seit sie sich hingelegt hatte ­stand sie wieder auf, hдngte sich ihre MP ьber die Schulter und verlieЯ die Scheune. Es war kalt geworden. Der Mond stand als riesige, runde Scheibe am Himmel und ьberschьttete die Ebene mit silbernem Licht, in dem sich die Schatten wie finstere Schluchten abhoben. Der Wind trug sonderbar beunruhigende Laute herьber. Nervцs drehte Charity sich einmal um ihre Achse, stellte erleichtert fest, daЯ sie allein war, und lehnte sich gegen das Scheunentor. Vor ihr erstreckte sich die Ebene, und auf der anderen Seite erhoben sich die Berge, aus denen sie gestern abend erst geflohen war. Und zu denen sie zurьckkehren wьrde, dachte sie. Morgen, sobald die Sonne aufging. Sie hatte Angst davor, aber gleichzeitig wuЯte sie auch, daЯ sie keine andere Wahl hatte. Ihr Blick fiel auf einen kleinen mattglдnzenden Gegenstand, der neben der Tьr im Staub lag. Sie hob ihn auf und erkannte im schwachen Mondlicht, daЯ es sich um eine der Waffen handelte, die sie schon einmal bei Net gesehen hatte – ein gut zwanzig Zentimeter langer, klobiger Stab aus Holz, der sehr schwer war und keine sichtbare Цffnung hatte. Als sie ihn in der Hand drehte, spьrte sie ein schwaches Vibrieren, als bewege sich etwas in seinem Inneren. »Ich wьrde das weglegen, wenn ich du wдre«, sagte ein dьnnes Stimmchen hinter ihr. Charity schrak zusammen, drehte sich herum und blinzelte ьberrascht auf Gurk herab, der wie aus dem Nichts hinter ihr aufgetaucht war. Aber sie verbiЯ sich die Frage, wie zum Teufel er das geschafft hatte. »Und ich wдre sehr vorsichtig damit«, fьgte Gurk hinzu. »So?« sagte sie nur. Gurk streckte die Hand aus, nahm ihr den Stab aus den Fingern und schob ihn mit einer ganz und gar unvorsichtigen Bewegung unter seinen Gьrtel. »Eine primitive Waffe, aber trotzdem ziemlich effektiv«, sagte er. »Der Stab ist hohl, weiЯt du? In seinem Inneren sind nur ein paar Springmaden.« »Was ist das?« Gurk grinste. »Ein paar niedliche kleine Tierchen. Sie stammen von einem Planeten, dessen Namen ich lieber nicht auszusprechen versuche. Ich habe keine Lust, mir die Zunge zu verknoten. Sie sind immer hungrig, weiЯt du? Wenn du auf den Auslцser drьckst, dann wird eine von ihnen freigelassen und stьrzt sich auf das erstbeste warmblьtige Lebewesen, das es wittert. Sie sind ekelhaft schnell. Und ihr Gift wirkt auf der Stelle.« Er zog eine Grimasse. »Ich muЯ mit Dad reden. Irgendwann wird noch ein Unglьck passieren, wenn Net ihre Waffen weiter einfach so herumliegen lдЯt.« Er legte den Kopf schrдg und sah Charity nachdenklich an. »Ich weiЯ, was du denkst«, sagte er. »So?« Gurk nickte. Seine dьrre Greisenhand deutete auf die Berge im Osten. »Das Mдdchen redet Unsinn«, sagte er, in einem sehr ernsten, fast schon besorgten Tonfall, den Charity an ihm noch nicht kannte. »Es ist eine Legende.« »Woher willst du das wissen?« fragte Charity. Sie hatte eigentlich gar keine Lust, sich mit dem Gnom zu unterhalten, aber sie wollte ihn auch nicht zu brьsk abfertigen. »Du kannst mir glauben«, sagte Gurk, ohne ihre Frage direkt zu beantworten. »Die Tiefen sind eine Legende.« »Es ist wohl auch eine Legende, daЯ diese Welt einmal den Menschen gehцrt hat, wie?« sagte Charity sarkastisch, aber zu ihrerЬberraschung schьttelte Gurk nur den Kopf. Seine gewaltige GrцЯe lieЯ die Bewegung absurd aussehen; so, als wolle sein Schдdel jeden Moment einfach von dem viel zu dьrren Hals herunterfallen. »Nein«, sagte er. »Das ist die Wahrheit.« »Du weiЯt … « »Ich bin kein kleingeistiger Wastelander,« sagte Gurk beleidigt. »Ich weiЯ eine Menge. Ich weiЯ zum Beispiel auch, daЯ du nicht aus irgendeinem Land kommst, das sie ьberfallen haben.« Er lachte leise und deutete mit der Hand in den Himmel hinauf. »Woher kommst du wirklich? Von dort? Oder aus der Vergangenheit ? « Diesmal war Charity ehrlich ьberrascht. Sie schwieg eine ganze Weile, und Gurk schien deutlich zu spьren, mit wieviel MiЯtrauen sie seine Frage plцtzlich wieder erfьllte, denn er fьgte hinzu: »Keine Angst, Charity. Abn Gurk Ben Amar Ibn Lot Fuddel der Vierte ist kein Spion Morons. Ich kann im Gegensatz zu Dad und den anderen zwei und zwei zusammenzдhlen. Es gibt nur diese zwei Mцglichkeiten.« »So?« sagte Charity lauernd. Gurk nickte heftig. »Ich komme viel herum«, sagte er. »Ich habe eine Uniform wie die, die du da trдgst, schon gesehen. Und auch Waffen wie deine. Aber die waren verdammt alt. Deine sehen aus, als wдren sie nagelneu.« »Vielleicht sind sie es«, sagte Charity. »Woher kommst du?« fragte Gurk noch einmal. Charity antwortete nicht, und nach einer Weile gab er es auf und zuckte mit den Schultern. »Na ja, geht mich auch nichts an. Ich dachte nur, du wдrst ein biЯchen dankbarer, nach allem, was sich fьr dich getan habe. Aber die Dankbarkeit ist wohl aus der Mode gekommen.« Er seufzte. »Egal. Jedenfalls solltest du dir den Gedanken aus dem Kopf schlagen, in die Berge zurьckzugehen. Die Sharks werden dich kriegen. Und wenn nicht sie, dann die Reiter. Ich glaube, sie suchen dich.« »Ein Grund mehr, die Tiefen zu finden«, antwortete Charity. Gurk seufzte ьbertrieben. »Es gibt sie nicht, verdammt noch mal«, sagte er heftig. »Sie sind eine Legende, mehr nicht.« »Fьr mich klingt Nets Beschreibung nicht nach einer Legende«, antwortete Charity gleichmьtig. »Eher nach Ьberlebenden, die es irgendwie geschafft haben, sich in Sicherheit zu bringen.« Gurk starrte sie an, dann schьttelte er erneut den Kopf. »Das glaubst du nur, weil du es glauben willst«, behauptete er. »Du rennst in dein Verderben, wenn du wirklich in die Berge zurьckkehrst. Du solltest nach Sьden gehen. Die Ebene ist groЯ, aber mit der Maschine kannst du es schaffen, wenn du ein biЯchen Glьck hast.« »Und dann? Was soll ich dort im Sьden?« »Ьberleben«, antwortete Gurk ernsthaft. »Dazu bist du doch hier, oder?« »Und was finde ich dort?« erwiderte Charity. »Dad hat gesagt, daЯ … « »Dad weiЯ nicht alles«, unterbrach sie Gurk ungehalten. »Die Ebene ist groЯ, aber sie reicht nicht bis ans Ende der Welt. Es sind zwei Tage mit deiner Maschine, allerhцchstens zweieinhalb.« »Bis wohin?« fragte Charity, aber Gurk schwieg. »Wenn du das alles so genau weiЯt, warum hast du dann vorhin nichts davon erzдhlt?« Gurk lachte hart. »Warum sollte ich? Glaubst du, ich tue denen einen Gefallen, wenn ich ihnen erzдhle, daЯ es hinter der Ebene ein Land gibt, in dem sie besser leben kцnnen?« Er schьttelte heftig den Kopf. »Mit der Wahrheit wьrde ich sie umbringen. Sie wьrden losziehen und irgendwo zugrunde gehen. Der Weg ist gefдhrlich, und das, was hinter der Ebene liegt, noch gefдhrlicher. Tцdlich fьr einen Wastelander. Du kannst es schaffen. Vielleicht.« »Was schaffen?« fragte Charity ungeduldig. »Was liegt hinter der Ebene, Gurk?« »Was zahlst du?« sagte Gurk anstelle einer Antwort. Sekundenlang starrte Charity ihn verstцrt an, ehe sie begriff. Dann schlug ihre Verwirrung in Zorn um. Wьtend streckte sie die Hand aus und versuchte Gurk zu packen, verfehlte ihn aber, weil er mit einer erstaunlich behenden Bewegung zur Seite auswich. »Du kleine, gierige Ratte!« sagte sie drohend. »Du … « »Was willst du?« unterbrach sie Gurk. »Jeder muЯ leben, nicht? Ich lebe von Informationen – und davon hast du schon genug bekommen, ohne zu bezahlen. Du willst wissen, was hinter der Ebene liegt? Ich weiЯ es. Also bezahle mich.« Charity schluckte die wьtende Antwort herunter, die ihr auf der Zunge lag. Irgendwie konnte sie Gurk sogar verstehen; was ihrenДrger aber kaum dдmpfte. »Was verlangst du?« fragte sie gepreЯt. Gurk deutete, ohne zu zцgern, auf die MP ьber ihrer Schulter. »Die Waffe da.« Charity lachte bцse. »Die kannst du haben«, sagte sie drohend. »Zwischen die Zдhne. VergiЯ es.« Gurk war nicht sonderlich enttдuscht, sondern zuckte nur abermals mit den Schultern. »Einen Versuch war es wert«, sagte er. »Aber gut –gib mir dein Feuerding, und ich verrate dir, wie du die Ebene ьberwinden kannst. Und was dahinter liegt.« Fьr einen Moment war Charity fast versucht, seinem Vorschlag zu folgen. SchlieЯlich – es war nur ein billiges Einwegfeuerzeug, ein Plastikding, das sie fьr ein paar Cent … Sie erkannte den Fehler in diesem Gedanken gerade noch rechtzeitig, um die Hand wieder zurьckzuziehen, die sie schon nach der Tasche ausgestreckt hatte. »Nein«, sagte sie. Sie drehte sich um, blickte wieder zu den Bergen hinьber und versuchte, sich Nets Worte ins Gedдchtnis zurьckzurufen. »Sie tragen Kleider wie ich«, murmelte sie. »Und haben Waffen wie ich. Und sie leben unter der Erde … « Die Worte waren nicht fьr Gurk bestimmt gewesen, aber er antwortete trotzdem. »Du bist verrьckt. Sie werden dich einfach umbringen. Glaubst du, die Leute hier haben umsonst solche Angst vor ihnen? Sie sind tausendmal schlimmer als die Sharks!« »Ach?« fragte Charity lauernd. »Woher weiЯt du das? Ich denke, es gibt sie gar nicht?« Gurk zog eine Grimasse. »Und selbst wenn«, sagte er trotzig. »Du findest sie niemals. Ihr Versteck ist zu gut. Nicht einmal die Sharks haben es geschafft, sie aufzuspьren.« Charity lдchelte. »Und wenn ich nun genau wьЯte, wo sie sind?« fragte sie. Gurk sperrte Mund und Augen auf und starrte sie an. »Du … du weiЯt … « »Ich denke schon«, antwortete Charity ruhig. »Jedenfalls weiЯ ich, wo ich nach ihnen suchen muЯ.« »Wo?« fragte Gurk erregt. »Wo sind sie? Verrate es mir!« »Gerne«, erwiderte Charity freundlich, drehte sich herum und ging wieder in die Scheune. Aber bevor sie die Tьr direkt vor Gurk zuwarf, rief sie ihm noch zu: »Sobald wir uns ьber den Preis geeinigt haben, den dir diese Information wert ist.« 4 Zwei oder drei der дrmlichen Hьtten brannten noch immer, als Skudder und Raoul die Siedlung erreichten. Der Wьstenwind trieb die Qualmwolken bereits auseinander, die ihnen im Verlaufe der letzten Stunde den Weg gewiesen hatten. Skudder sah ein halbes Dutzend Maschinen, die auf dem ehemaligen Dorfplatz abgestellt waren, und ein paar andere, die den jenseitigen Ausgang der Schlucht blockierten. Seine Leute hatten die Siedlung ausgelцscht. Raoul und er hatten fast ein Dutzend Leichen gesehen, zwei von ihnen trugen das schwarze Leder der Sharks. Die Wastelander hatten sich verzweifelt zur Wehr gesetzt, aber natьrlich hatten sie keine Chance gehabt. Das Dorf war regelrecht ausradiert worden. Skudder glaubte nicht, daЯ auch nur einer seiner Bewohner ьberlebt hatte. Der Anblick erfьllte ihn mit hilflosem Zorn. Er hatte ein Dutzend Wastelander getцtet, seit er die Fьhrung der Sharks ьbernommen hatte, und fast ebenso viele seiner eigenen Leute, aber der Anblick des geschleiften Dorfes machte ihm zu schaffen. Diese ganze Aktion war eigentlich sinnlos und ьberflьssig gewesen. Mit einem wьtenden Tritt auf die Bremse brachte er die Maschine in der Dorfmitte zum Stehen, kippte sie auf den Stдnder und sprang aus dem Sattel. Ein paar der Mдnner – die, die nicht damit beschдftigt waren, die Toten auszuplьndern –kamen zцgernd nдher, und Skudder erkannte erst jetzt, daЯ es Kinks Gruppe war, die dieses Gemetzel angerichtet hatte. Wortlos stieЯ er einen der Mдnner aus dem Weg, ging mit mдchtigen Schritten auf Kink zu und riЯ ihn grob an der Schulter herum. Kink knurrte wьtend; sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse, und er ballte die Faust. Dann erkannte er Skudder und lieЯ die Hand wieder sinken. Skudder bedauerte fast, daЯ Kink nicht zugeschlagen hatte. Dann hдtte er ihm die Lektion erteilen kцnnen, die er schon lange verdiente. »Was ist hier passiert?« fragte er in herrischem Ton. »Hast du diesen Wahnsinn befohlen?« Kink starrte ihn verwirrt an. Offensichtlich begriff er gar nicht, was Skudder meinte. »Verdammt noch mal, ich will wissen, was hier passiert ist!« brьllte Skudder ihn an. »Haben sie euch angegriffen, oder was soll das?« »Angegriffen?« Kink schluckte nervцs. »Ich … ich verstehe nicht. Du hast doch selbst gesagt … « »Ich habe gesagt, ihr sollt das Mдdchen suchen«, unterbrach ihn Skudder, nun wieder mьhsam beherrscht. »Ich habe gesagt, ihr sollt die Wastelander ein biЯchen ausquetschen, ja, aber ich habe nicht gesagt, daЯ ihr sie alle umbringen sollt!« Raoul berьhrte ihn am Arm. »LaЯ ihn«, sagte er beruhigend. »Es ist nun mal passiert.« Er lдchelte, gab Kink ein Zeichen zu verschwinden und zog Skudder ein Stьck mit sich. »Ich verstehe dich ja«, sagte er sehr leise, damit keiner der anderen ihn verstand, »aber du muЯt sie auch verstehen. Es war eine Wastelanderin, die dem Mдdchen zur Flucht verhelfen hat. Und sie hat Den umgebracht. Die Jungs wollen ihre Rache.« »Das hier ist keine Rache«, sagte Skudder aufgebracht. »Ver­dammt, ich habe nichts dagegen, die Wastelander ein biЯchen aufzumischen, aber das ist … ist eine Kriegserklдrung.« Raoul antwortete nicht, Skudder begriff plцtzlich, daЯ Raoul im Grunde sogar recht hatte; zumindest von seinem Standpunkt aus. Wьtend riЯ er sich los, drehte sich herum und lief ein paar Schritte, ehe er wieder stehenblieb. Er fьhlte sich hilflos. Hilflos und aufgebracht und sehr allein. Und er brodelte innerlich vor Zorn, nicht nur auf Kink, der ein Idiot war und es wahrscheinlich einfach nicht besser wuЯte, sondern auf sich, diese Laird und vor allem auf Daniel, der ihmmit seinem Anruf vor vier Tagen diesen ganzen Mist eingebrockt hatte. Es dauerte lange, bis er sich wieder so weit in der Gewalt hatte, daЯ er zu Raoul zurьckgehen konnte. Sein Stellvertreter blickte ihm aufmerksam und mit einem unьbersehbaren Ausdruck von Sorge an. »Alles wieder in Ordnung?« fragte er. Skudder nickte, obwohl er es besser wuЯte. Nichts war in Ordnung, aber das muЯte er Raoul nicht breit erklдren. Sie waren noch am vergangenen Abend aufgebrochen, Raoul und er an der Spitze einer gewaltigen Kolonne von fast hundert Maschinen. Er hatte beinahe die Hдlfte seiner Leute mitgenommen ­vцllig absurd, wenn er bedachte, daЯ sie eine einzelne Frau suchten! Aber es hing sehr viel davon ab, daЯ sie sie auch fanden. Doch bisher gab es nicht einmal eine Spur von ihr. Sie hatten sich aufgeteilt, kaum daЯ sie die Ebene erreicht hatten, und Skudder selbst hatte zusammen mit Raoul vier oder fьnf Wastelander-Familien aufgestцbert. Niemand aber hatte die fremde Frau gesehen, nach der sie suchten, und Skudder war ziemlich sicher, daЯ sie die Wahrheit gesagt hatten. Raoul und er waren bei ihren Nachforschungen nicht gerade zimperlich vorgegangen. »Haben sie wenigstens irgend etwas erfahren?« fragte er, noch immer zornig, aber дuЯerlich wieder beherrscht. Raoul schьttelte den Kopf. »Nein. Niemand hat eine Fremde gesehen oder von ihr gehцrt. Wir mьssen weitersuchen.« »Verdammt, wir kцnnen nicht jeden Wastelander in der Gegend umbringen«, sagte Skudder. »Sie muЯ hier irgendwo sein.« »Es sei denn, sie ist wieder zurьck in die Berge gelaufen«, sagte Raoul. Skudder ьberlegte einen Moment, dann schьttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er ьberzeugt. »So dumm ist sie nicht. Sie wьrde wissen, daЯ sie dort keine Chance hat. Sie muЯ hier irgendwo sein.« Einen Moment lang sah er Raoul nachdenklich an, dann machte er eine entschlossene Kopfbewegung nach Osten, zu den Bergen hin. »Such ein paar zuverlдssige Jungs aus«, sagte er. »Wir fahren zurьck. Vielleicht finden wir eine Spur.« »Sie kann schon hundert Meilen weit weg sein«, gab Raoul zu bedenken. »Dens Maschine war fast vollgetankt.« »Ich weiЯ«, knurrte Skudder. »Aber ich finde sie. Ganz egal, wo sie sich versteckt.« Er hatte nicht mehr viel Zeit. Von den zweiundsiebzig Stunden, die Daniel ihm gegeben hatte, waren bereits vierundzwanzig verstrichen. Und Daniel war niemand, der mit sich handeln lieЯ. Die Wastelander pflegten im Morgengrauen aufzustehen. Cha­rity hatte das Gefьhl, gerade erst eingeschlafen zu sein, als Net sie weckte und ins Haus brachte, wo ein Frьhstьck auf sie wartete, das ihr дrmlich vorkam, fьr diese Leute hier wahrscheinlich aber eher fьrstlich war. Sie vermiЯte Gurk am Tisch, aber auf ihre Frage antwortete Dad nur, daЯ er schon sehr frьh weggegangen wдre. Nach dem Frьhstьck verabschiedete Charity sich. Sie hatte das sichere Gefьhl, daЯ Dad und die anderen sie nicht ungern gehen lieЯen. Trotzdem hatte sie das heftige Bedьrfnis, sich bei den Wastelandern erkenntlich zu zeigen. Und obwohl sie wuЯte, daЯ sie es bald schon bereuen wьrde, zog sie zum Abschied ihr Feuerzeug aus der Tasche und schenkte es Mom. Die Wastelanderin starrte sie unglдubig an, wдhrend sie das kleine weiЯe Plastikding in ihre Hand fallen lieЯ. »Sei sparsam damit«, sagte Charity. »Es hдlt nicht ewig.« Dann drehte sie sich herumund lief aus dem Haus. Bob hatte die Harley bereits aus dem Schuppen geholt und ihr Gepдck auf dem Rьcksitz verstaut; inklusive des Lasergewehrs, das er mit Stricken so fest an den Gepдcktrдger gebunden hatte, daЯ sie eine Stunde brauchen wьrde, um es wieder loszubekommen. Sie lдchelte ihm dankbar zu, ehe sie sich in den Sattel schwang und davonfuhr. Sie entfernte sich in sьdlicher Richtung von der Farm, aber sie fuhr nur so weit, daЯ sie sicher sein konnte, von dort aus nicht mehr gesehen zu werden, dann bog sie vom Weg ab und hielt wieder auf die Berge zu. Sie war sich der Tatsache vцllig bewuЯt, wie verrьckt ihr Vorhaben war. Sie war keineswegs davon ьberzeugt, die Tiefen wirklich zu finden. Vielleicht waren sie wirklich nur eine Legende. Gurk hatte vollkommen recht: Menschen in Not, Menschen, die unterdrьckt oder gejagt wurden, erfanden sich immer einen Retter, der die Erlцsung versprach und es etwas leichter machte, ihr Leiden durchzustehen. Aber wenn es sie gab, dann lieЯ Nets Beschreibung nur den SchluЯ zu, daЯ es sich um Ьberlebende handelte, Menschen wie sie, die es irgendwie geschafft hatten, sich einen Teil der alten Zivilisation zu bewahren. Auch die Vermutung, daЯ sie aus irgendwelchen sagenumwobenen Tiefen stammten, paЯte. SchlieЯlich befand sich unter den Bergen das ehemals grцЯte und sicherste Bunkersystem der Welt. In das die Fremden eingedrungen waren und das sie systematisch in Trьmmer gelegt hatten, kurz bevor du in den Tank gestiegen bist, wisperte eine Stimme hinter ihrer Stirn. Sie verscheuchte den Gedanken. Verdammt, sie wuЯte selbst, wie klein die Chance war, irgendwo auf Hilfe zu stoЯen; sie brauchte ihr boshaftes UnterbewuЯtsein nicht, um sich daran zu erinnern. Eine Felsgruppe tauchte vor ihr aus der Ebene auf; ein idealer Aussichtspunkt. Charity hatte ihre unheimliche Beinahe-Begegnung vom vergangenen Morgen nicht vergessen. Vorsichtig umkreiste sie den Felsen einmal und hielt schlieЯlich auf der Schattenseite an. Den Felsen zu erklimmen war schwerer, als sie geglaubt hatte, denn seine Oberflдche war spiegelglatt und fьhlte sich unter ihren Hдnden wie poliertes Glas an. Sie war vцllig auЯer Atem, als sie es endlich geschafft hatte, und brauchte zwei oder drei Minuten, um wieder zu Krдften zu kommen. Obwohl sie seit nicht einmal einer halben Stunde unterwegs war, war ihre Kehle schon wie ausgetrocknet; die Hitze war schon jetzt drьckend. Fьr die heiЯesten Stunden des Tages wьrde sie sich sein Versteck suchen mьssen. Sie setzte den Feldstecher an. Das monotone Braun der verbrannten Ebene glitt hundertfach vergrцЯert an ihr vorbei, nur dann und wann unterbrochen durch eine Spalte, einen Felsen oder ­sie hielt den Atem an. Der Spur, die ihr Motorrad im Sand hinterlassen hatte, folgte eine sonderbare, abscheuliche Kreatur. Der Anblick jagte ihr einen eisigen Schauer ьber den Rьcken. So ein Ungeheuer hatte sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen. Es kroch ihr nach, und es war ziemlich groЯ. Ganz entfernt erinnerte es Charity an ein Gila-Monster, es war aber keine Echse, sondern eher ein Insekt, denn seine Haut war glдnzend und hart und in mehrere ungleich groЯe Segmente unterteilt. Seine Beine – sechs insgesamt ­schritten trдge und abrupt voran. Der Kopf des Wesens war eine glotzдugige ScheuЯlichkeit, ьber der sich zwei dьrre Antennenfьhler unablдssig hin und her bewegten. Kein Zweifel war mцglich, das Wesen verfolgte sie. Aber mit ihrer schnellen Harley wьrde sie es vermutlich abschьtteln kцnnen. Langsam schwenkte sie das Glas weiter, betrachtete einen Moment lang einen anderen, bizarren UmriЯ – der sich allerdings bei genauerem Hinsehen nur als Felsbrocken herausstellte – und lieЯ den Blick weiter ьber die Ebene wandern. Dann entdeckte sie Rauch. Schwere, schwarze Qualmwolken stiegen am Horizont auf; ohne den Feldstecher hдtte sie sie wahrscheinlich nicht einmal bemerkt. Irgendwo in der Ferne glaubte sie auch Flammen zu sehen –genau dort, wo Dads Farm lag. Charity sprang mit einem Fluch auf, kletterte hastig vom Felsen herunter und schwang sich wieder auf die Maschine. Ohne auch nur eine Sekunde zu zцgern, startete sie die Harley, fuhr los und brachte sie gleich darauf mit einer abrupten Bewegung wieder zum Stehen. Sie vergeudete fast eine Minute damit, an den Knoten herumzuzerren, mit denen Bob ihr Lasergewehr festgebunden hatte, ehe sie endlich ihr Messer zog, um die Stricke kurzerhand durchzuschneiden. Hastig hдngte sie sich die Waffe ьber die Schulter, stieg wieder auf das Motorrad und raste weiter. Die schwarzen Qualmwolken, die sie bald schon mit bloЯem Auge sah, wiesen ihr den Weg. Ihre schlimmsten Befьrchtungen wurden noch ьbertroffen. Es war nicht nur das Haupthaus, das Feuer gefangen hatte – die gesamte Farm brannte wie ein ьbergroЯer Scheiterhaufen. Charitys Beklemmung wurde zu einer Mischung aus Entsetzen und Wut, als sie die vier schweren Motorrдder entdeckte, die vor dem brennenden Wohnhaus abgestellt waren. Sharks. Sie waren zurьckgekommen. Irgendwie hatten sie es geschafft, in dieser Einцde ihre Spur zu verfolgen. Wahrscheinlich hatten sie alle umgebracht. Und es war ihre Schuld! Rьcksichtslos gab sie Gas und raste auf die Farm zu. Sie erkannte zwei, drei Gestalten in schwarzem Leder, die sich wie schreckliche Dдmonenfiguren vor dem lodernden Feuer abhoben, und sie sah auch, wie sich zwei von ihnen ьberrascht umwandten, als sie ihre Harley hцrten. Einer hob die Hand, zum Zeichen, daЯ sie langsamer fahren sollte. Er schien sie fьr einen Shark zu halten. Aber Charity bremste nicht ab, sie gab Gas, schaltete im letzten Moment brutal herunter und lieЯ die Kupplung los; die Harley-Davidson machte einen gewaltigen Satz, der Hinterreifen drehte durch, und das Vorderrad krachte gegen den vцllig ьberrumpelten Shark. Der Aufprall schleuderte Charity aus dem Sattel, aber damit hatte sie gerechnet, und ganz plцtzlich waren ihre Reaktionen wieder da, so schnell und prдzise, wie sie es gewohnt war. Sie fiel, rollte sich ab und rammte dem zweiten Shark beide FьЯe in den Leib. Der Mann brach zusammen und blieb reglos liegen. Als sich Charity benommen in die Hцhe stemmte, stьrmte der dritte Shark heran. Sie lieЯ ihm keine Chance. Blitzschnell nahm sie den Laser von der Schulter, legte auf ihn an und drьckte ab. Ein kaum nadeldьnner, rubinroter Lichtblitz, im grellen Licht des Feuers beinahe unsichtbar, durchbohrte das Bein des Sharks und brachte ihn zu Fall. Die Waffe war nicht auf eine tцdliche Wirkung eingestellt gewesen, aber der Schock wьrde den Mann fьr Stunden betдuben. Trotzdem lief sie mit zwei, drei schnellen Schritten auf ihn zu und stieЯ ihn grob mit dem Gewehrlauf an, ehe sie es wagte, sich herumzudrehen und nach dem letzten verbliebenen Shark Ausschau zu halten. »Bravo«, sagte eine Stimme hinter ihr. »Saubere Arbeit.« Charity fuhr erschrocken herum und hob die Waffe. Aber sie drьckte nicht ab. Hinter ihr, gut zwanzig Meter entfernt, vor der brennenden Scheune, stand der vierte Shark, und obwohl sie ihn vor dem Hintergrund der lodernden Flammen kaum erkennen konnte, lieЯ sein Anblick sie erschauern. Er war sehr groЯ und muskulцs. Sein Gesicht war unter einem schwarzen Helm verborgen, aber Charity glaubte, seinen Blick selbst durch das abgedunkelte Visier hindurch zu spьren. Sie wuЯte plцtzlich, daЯ sie dem Anfьhrer der Sharks gegenьberstand. »ErschieЯt du mich mit dem Ding da, wenn ich mich bewege?« fragte der Shark. Seine Stimme klang fast spцttisch. »Es ist heiЯ hier. Ich wьrde gerne ein paar Schritte zur Seite treten.« Charity antwortete nicht, aber sie machte eine entsprechende Bewegung mit dem Laser, und der Shark trat vier, fьnf Schritte vom Feuer weg. Sie erkannte jetzt, daЯ er ein kurzstieliges Beil in der rechten Hand trug. Eine ekelhafte Waffe, aber keine, die ihr Kopfzerbrechen bereiten muЯte. »Du muЯt Laird sein«, sagte der Shark, nachdem er wieder stehengeblieben war. Charity war verblьfft. »Du kennst meinen Namen?« »Wie du siehst.« Ein leises, spцttisches Lachen drang unter demHelm hervor. »Du hдttest dir eine Menge Дrger ersparen kцnnen, wenn du gleich zu mir gekommen wдrst«, fuhr er fort. »Was … willst du von mir?« fragte Charity verstцrt. »Woher weiЯt du meinen Namen, und wer … « Sie stockte, sah sich unsicher nach beiden Seiten um und machte eine befehlende Geste mit dem Gewehr. »Nimm den Helm ab«, sagte sie. Es machte sie nervцs, das Gesicht ihres Gegenьbers nicht sehen zu kцnnen, wдhrend sie mit ihm sprach. Der Shark gehorchte schweigend, wobei er allerdings nur eine Hand benutzte. Die rechte hielt noch immer die Axt, wдhrend er den Helm achtlos vor sich in den Sand warf. »Zufrieden?« fragte der Shark spцttisch. Charity wuЯte nicht, ob sie zufrieden mit dem war, was sie sah ­auf jeden Fall war sie ьberrascht. Der Shark war ziemlich jung, vielleicht Anfang DreiЯig. Sein Gesicht wirkte nicht einmal unsymphatisch, wenn auch sehr hart, und es kam ihr zugleich fremdartig und sonderbar vertraut vor. Sein Haar glдnzte im tiefsten Schwarz, das Charity jemals gesehen hatte. »Ich bin Skudder«, sagte der Shark plцtzlich, in einer Art, als erwarte er, daЯ dieser Name Charity irgend etwas sagte. »Und du muЯt Laird sein. Warum hast du meine Leute umgebracht?« Statt zu antworten, deutete Charity auf den brennenden Hof. »Warum habt ihr diese Leute hier umgebracht?« »Umgebracht?« Skudder lдchelte gefьhllos. »Wir haben niemanden umgebracht«, sagte er. »Sie waren … nicht besonders kooperativ, so daЯ wir ihnen ein biЯchen einheizen muЯten. Aber sie leben noch. Und wenn du vernьnftig bist, dann bleibt das auch so.« Charitys Gedanken ьberschlugen sich fast. Sie glaubte ihm kein Wort, aber es war immerhin mцglich, daЯ er die Wahrheit sagte ­was nichts anderes bedeuten wьrde, als daЯ sie Dad und seine Familie zum Tode verurteilte, wenn sie auch nur den winzigsten Fehler beging. Aber wenn auch nur die Hдlfte von dem stimmte, was Net und die anderen ihr ьber die Sharks erzдhlt hatten, dann wьrden sie sowieso sterben. »Was willst du von mir?« fragte sie. »Ich?« Skudder schьttelte lдchelnd den Kopf. »Nichts. Jemand mцchte dich sprechen. Ich habe nur den Auftrag, dich zu ihm zu bringen. Lebend.« »Jemand? Wer?« Skudder schwieg und lдchelte, und es war dieses Lдcheln, das Charity irritierte. Dieser Skudder war entweder vцllig verrьckt – oder er fьhlte sich absolut sicher. Weder die eine noch die andere Mцglichkeit gefiel ihr besonders. »Und wenn ich nun keine Lust habe, mitzukommen?« fragte sie. »Du kannst mich nicht zwingen.« »Bringt das Mдdchen«, sagte Skudder ruhig. Die Worte galten nicht ihr, sondern irgend jemandem hinter Charity, und sie widerstand im letztenMoment der Versuchung, sichherumzudrehen. Ob es nun ein Trick war oder nicht, solange sie den Laser auf Skudders Brust richtete, war sie relativ sicher. Es war kein Trick. Hinter ihr wurden Schritte laut, dann tauchten zwei Sharks vor ihr auf, die ein zappelndes Bьndel hinter sich herschleppten. Obwohl Net an Hдnden und FьЯen gefesselt war, schienen die beiden Mьhe zu haben, sie zu halten. »Nun?« sagte Skudder ruhig. »Glaubst du immer noch, daЯ ich dich nicht zwingen kцnnte? Ein Wort von mir genьgt, und die Jungs tцten sie. Sie freuen sich schon darauf.« »Dann erschieЯe ich dich«, sagte Charity entschlossen. »Das wьrde auch nicht viel дndern«, erwiderte der Shark. »Das Mдdchen wдre tot, und die Jungs wьrden dich fertigmachen. Gib auf. Es ist genug Blut geflossen.« Sie wollte Net und ihre Familie nicht zum Tode verurteilen, aber verdammt, was sollte sie tun? Skudder schien ihre Gedanken zu erraten, denn er lдchelte wissend und kam einen Schritt nдher, blieb aber sofort wieder stehen, als Charity drohend mit dem Gewehr fuchtelte. »Du traust mir nicht«, sagte er seufzend. »Das verstehe ich sogar. Aber du muЯt keine Angst haben. Wir sollen dich lebend zu Daniel bringen.« »Daniel? Wer ist das?« Charity fragte eigentlich nur, um Zeit zu gewinnen. Skudder zuckte mit den Achseln. »Das weiЯ ich so wenig wie du. Also –wie lange willst du noch da stehen und auf mich zielen? Bis dir die Arme einschlafen?« Charity sah sich fast verzweifelt um. AuЯer Skudder und den beiden, die Net hielten, waren noch zwei weitere Sharks auf der Bildflдche erschienen. Jede der Maschinen, die links von ihr standen, muЯte mit zwei Mann besetzt gewesen sein. »Ich komme nicht mit«, sagte sie. »Und ihr werdet auch das Mдdchen loslassen, oder … « »Oder?« fragte Skudder lauernd. Anstelle einer Antwort schwenkte Charity blitzschnell das Gewehr herum, jagte einem der Sharks, die Net hielten, einen Laserstrahl ins Bein und richtete die Waffe sofort wieder auf Skudder. Der Verletzte brьllte auf, kippte mit einer fast komisch anmutenden Bewegung zur Seite und blieb stцhnend liegen. »Oder ich erschieЯe dich«, sagte sie ernst. »Es macht mir nichts aus, Skudder. Mit den drei Figuren da werde ich fertig.« Skudder antwortete nicht, aber in seinen dunklen Augen glomm Wut auf. Und dann tat er das, was Charity am allerwenigsten erwartet hдtte. Rasch hob er den Arm und winkte die beiden Mдnner zurьck, die, als Charity schoЯ, zu ihren Waffen gegriffen hatten. »Nicht«, sagte er. »LaЯt sie. Sie hat recht. Sie wьrde euch Narren umbringen.« »Du … lдЯt uns gehen?« fragte Charity unglдubig. Skudder nickte. »Ja. Aber wir sehen uns wieder. LaЯt das Mдdchen los.« Die Worte galten dem Shark, der Net festhielt. Er zцgerte, griff dann aber gehorsam nach seinem Messer und schnitt Nets Fesseln durch. Net fiel mit einem erschцpften Keuchen auf die Knie, rappelte sich unsicher wieder auf. »Sieh zu, ob du die Maschine aufrichten kannst«, sagte Charity zu ihr. »Schnell.« Gleichzeitig machte sie sich ein paar Schritte rьckwдrts, richtete den Laser auf die Motorrдder, mit denen die Sharks gekommen waren, und drьckte auf den Auslцser, nachdem sie die Waffe auf volle Leistungsstдrke eingestellt hatte. Ein fingerdicker, rubinroter Strahl traf den Tank der ersten Harley. Das Motorrad explodierte. Die Wucht der Detonation lieЯ die drei anderen Maschinen umkippen wie hintereinander aufgestellte Dominosteine. Das Feuer griff rasch auf sie ьber. »Nur, damit wir uns nicht zu schnell wiedersehen«, sagte Charity freundlich. Skudder starrte sie an und schwieg. Nur der Zorn in seinen Augen loderte heftiger. »Ich schaffe es nicht allein!« rief Net. Ihre Stimme klang eindeutig verzweifelt. »Hilf mir!« Charity nickte, bewegte noch einmal drohend die Waffe und ging rьckwдrts auf sie zu. Sie kam nur ein paar Schritte weit. Ihr FuЯ stieЯ gegen den Kцrper des bewuЯtlosen Shark, den sie niedergeschossen hatte, sie machte einen hastigen Schritt – und schrie erschrocken auf, als sich eine Hand um ihren Knцchel schloЯ und mit furchtbarer Kraft zupackte. Trotzdem reagierte sie mit fast ьbermenschlicher Schnelligkeit. Sie versuchte nicht, sich loszureiЯen, sondern drehte sich herum, und schlug dem Shark den Gewehrkolben in den Nacken. Der Mann verlor zum zweiten Mal das BewuЯtsein, und Charity wirbelte abermals herum und richtete die Waffe wieder auf Skudder und die anderen. Aber so schnell sie auch war, Skudder war schneller. Er versuchte nicht, sich auf sie zuzustьrzen wie die drei anderen Mдnner, sondern lieЯ sich einfach zur Seite fallen, einen Sekundenbruchteil, bevor Charitys Waffe einen zweiten, tцdlichen Laserblitz in seine Richtung spie, und gleichzeitig sauste sein rechter Arm vor. Das Beil glitt aus seiner Hand und jagte mit tцdlicher Prдzision auf Charity zu. Sie versuchte noch, der Axt auszuweichen, aber schon wдhrend sie es tat, wuЯte sie, daЯ sie es nicht schaffen wьrde. Die Axt traf ihre linke Schulter, in ihrem Kцrper entflammten furchtbare Schmerzen, und dann verlor sie das BewuЯtsein. »Das war verdammt knapp«, sagte Raoul leise, wдhrend er sich vollkommen aufrichtete. »Alles in Ordnung?« In Ordnung? Skudders Blick glitt ьber das Schlachtfeld, in das Laird den Farmhof verwandelt hatte. Ein Toter, drei Verletzte, vier Maschinen Totalschaden, zwei tote Wastelander –nein, dachte er grimmig; nichts war in Ordnung. Eine einzelne Frau gegen Skudder und sieben seiner Mдnner, und sie hatten pures Glьck gehabt, daЯ sie sie nicht alle erledigt hatte! »Ich werde ein paar ernste Worte mit Daniel reden«, knurrte er. »Er hдtte mich vor dieser Frau warnen mьssen!« Er schьttelte zornig den Kopf, hob seinen Tomahawk auf und schob ihn mit einer дrgerlichen Bewegung unter den Gьrtel; erst dann beugte er sich zu der BewuЯtlosen herab und untersuchte sie flьchtig. Ihr Puls ging ruhig und gleichmдЯig, ihre linke Schulter begann bereits anzuschwellen, aber es schien nichts gebrochen zu sein. Skudder war erleichtert. Er hдtte Daniel ungern einen halben Leichnam ausgeliefert. Der Statthalter Morons verstand manchmal erstaunlich wenig SpaЯ. »Fesselt sie«, sagte er. »Und sorgt dafьr, daЯ sie nicht so schnell aufwacht. Aber seid vorsichtig. Ich will nicht, daЯ sie verletzt wird.« Er richtete sich auf, sah wie Kink und einer der Mдnner herbeieilten, um seinem Befehl nachzukommen, und wandte sich wieder an Raoul. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, daЯ auch sein Stellvertreter nicht ganz ungeschoren davongekommen war. »Was ist mit dir?« fragte er. »Alles wieder okay?« Raoul verzog das Gesicht zu einem schmerzhaften Lдcheln. »Halb so wild«, log er. »Solange ich nicht laufen muЯ, wird mir die Wunde keine Schwierigkeiten machen.« »LaЯ mich dein Bein sehen«, verlangte Skudder. Raoul wollte abwinken, aber Skudder packte ihn einfach am Arm, zwang ihn, sich zu setzen und riЯ sein Hosenbein bis ьber das Knie auf. Raoul stцhnte leise. Die Wunde war nicht sehr viel grцЯer als ein Nadelstich, aber das Fleisch ringsum war ziemlich angeschwollen, und sein Bein fьhlte sich hart wie Eisen an. Skudder drehte Raouls Bein behutsam und sah, daЯ der nadeldьnne Lichtstrahl seine Wade glatt durchschlagen hatte. Er sah auf, blickte einen Moment lang zu den brennenden Maschinen hinьber, und schauderte. Plцtzlich war er sehr froh, daЯ er Lairds SchuЯ um Haaresbreite entgangen war. »Das ist ein biЯchen mehr als ein Kratzer«, sagte er ernst. »Sieht nicht gut aus.« Raoul zuckte mit den Schultern und zog das Bein vorsichtig zurьck. »Fьhlt sich auch nicht besonders gut an«, gestand er. »Ich mцchte wissen, was das fьr ein Teufelsding war.« Gegen seinen Willen muЯte Skudder lachen. Kopfschьttelnd beugte er sich zur Seite, angelte nach Charitys Laser und hob ihn mit einer fast ehrfьrchtigen Bewegung auf. Vorsichtig drehte er ihn in den Hдnden. Die Waffe дhnelte auf den ersten Blick einem Kleinkalibergewehr, aber sie war ьberraschend leicht und bestand nicht aus Metall und Holz, sondern aus einem Kunststoffmaterial, wie Skudder es noch niemals gesehen hatte. Statt in einer Mьndung endete der Lauf in einem fingerlangen Rohr aus Glas, in dem ein dunkelrotes, ganz sanft pulsierendes Licht glomm, und wo der Abzug sein sollte, befand sich ein roter Knopf; dicht daneben eine Art Rad, das wohl dazu diente, die Leistungsstдrke der Waffe zu regulieren. Skudder war verwirrt. Er hatte schon Strahlenwaffen gesehen – aber diese Waffe unterschied sich vцllig von denen, die die Moroni benutzten. Dann begriff er. Diese Waffe war auf der Erde gebaut worden. Von Menschen und fьr Menschen. Verwirrt legte er die Waffe neben sich in den Sand und half Raoul dabei, wieder aufzustehen. Mit der freien Hand deutete er auf die Harley, mit der Laird gekommen war. »Du nimmst die Maschine und fдhrst zum Lager zurьck«, sagte er. »LaЯ dein Bein verarzten. Bart kann dich fahren.« »Dann habt ihr kein Fahrzeug«, gab Raoul zu bedenken. »Unsinn«, widersprach Skudder. »Wir kцnnen sowieso nicht zu fьnft auf einer einzigen Kiste fahren, oder?« Er klopfte mit der Hand auf das kleine Funkgerдt, das in seinem Gьrtel steckte. »Wir warten auf die anderen. Und du schickst Matt mit dem Wagen her, sobald du im Lager angekommen bist. Und jetzt verschwinde.« Raoul wollte abermals widersprechen, aber Skudder brachte ihn mit einer fast herrischen Geste zum Verstummen. »Du tust, was ich sage.« Raoul nickte. »Vielleicht hast du recht«, murmelte er. Vorsichtig machte er einen Schritt, sog hцrbar die Luft zwischen den Zдhnen ein und schьttelte mit einem gequдlten Lдcheln den Kopf. »Nein«, verbesserte er sich. »Du hast recht. O verdammt, tut das weh.« Er stцhnte und bewegte vorsichtig sein Bein. Skudder ging dicht neben ihm her, um ihn nцtigenfalls auffangen zu kцnnen, falls er stьrzte. Raoul blieb abermals stehen, als sie an der bewuЯtlosen Laird vorbeikamen. »Ich mцchte nur wissen, warum sie das getan hat«, murmelte Raoul plцtzlich. »Was?« Raoul deutete auf die Berge im Osten. »Wir hдtten sie nie eingeholt«, sagte er ьberzeugt. »Aber sie ist freiwillig zurьckgekommen. Das ist doch verrьckt.« »Vielleicht hat sie das Feuer gesehen«, vermutete Skudder. »Und ist zurьckgekommen, um den Wastelandern zu helfen?« Raoul schьttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn. Sie kann doch unmцglich geglaubt haben, allein mit uns allen fertig zu werden.« »Beinahe hдtte sie uns erledigt«, antwortete Skudder ruhig. »Wenn du sie nicht abgelenkt hдttest … « »WeiЯt du, was die Kleine erzдhlt hat?« fragte Raoul mit einer Geste auf Net. Skudder schьttelte den Kopf, und Raoul fuhr fort: »Sie behauptet, Laird wдre auf dem Weg zurьck in die Berge gewesen. Um die Tiefen zu suchen.« »Blцdsinn«, knurrte Skudder. »Aber ich werde sie danach fragen, wenn sie aufwacht. Und jetzt verschwinde. Fahr los und sieh zu, daЯ der Laster hierherkommt. Ich habe keine Lust, hier zu ьbernachten.« Reglos sah er zu, wie Raoul auf die Maschine zuhumpelte und sich mьhsam in den Sattel zog, nachdem Bart vor ihm Platz genommen und den Motor gestartet hatte. Erst nachdem die beiden auЯer Sicht waren, drehte er sich herum und winkte Kink zu sich. Raoul war ein wenig ьberrascht gewesen, als Skudder darauf bestanden hatte, ausgerechnet diesen Psychopathen mitzunehmen – aber Skudder war einfach wohler dabei, ihn im Auge zu haben. »Was machen wir mit der Wastelanderin?« erkundigte sich Kink. Skudder sah einen Moment lang nachdenklich zu Net hinьber, die ­jetzt wieder an Hдnden und FьЯen gefesselt – ein Stьck abseits saЯ und ihn und Kink abwechselnd aus Augen anstarrte, in denen sich panische Angst und nackte Mordlust mischten. »Wir nehmen sie mit«, bestimmte er nach kurzem Ьberlegen. »Vielleicht gibt es noch das eine oder andere, was sie uns erzдhlen kann.« Kink schien widersprechen zu wollen, belieЯ es aber dann bei einem kaum angedeuteten Nicken und starrte zu Boden. »Wolltest du etwas sagen?« fragte Skudder scharf. »Sie hat Den erledigt«, antwortete Kink zцgernd. »Ach?« machte Skudder lauernd. »Sagt sie das?« »Nein«, gestand Kink. »Aber ich weiЯ es. Und du auch. Es war Garth' Maschine, oder? Und … « »Wenn es so ist«, unterbrach ihn Skudder scharf, »dann finden wir es noch frьh genug heraus. Wir nehmen sie mit. Und du rьhrstsie nicht an, verstanden? Ьbrigens – was ist mit dem Jungen?« fьgte er hinzu, ehe Kink abermals widersprechen konnte. »Habt ihr ihn erwischt?« Kink senkte den Blick noch weiter und schьttelte den Kopf. »Er war zu schnell«, gestand er. »Aber ich kriege ihn, wenn du es willst. Zu FuЯ hat er keine Chance.« »Idiot«, sagte Skudder ruhig. Er zog das Funkgerдt aus dem Gьrtel und drьckte es Kink in die Hand. »Versuch mal, einen der anderen zu erreichen. Ich fьhle mich nicht besonders wohl hier drauЯen, solange ich nicht weiЯ, ob im nдchsten Moment nicht eine ganze Armee rachedurstiger Wastelander hier auftaucht.« Kink nahm das Funkgerдt und ging. Skudders Befьrchtungen waren keineswegs aus der Luft gegriffen. Einer der Wastelander war entkommen, und vielleicht schaffte er es tatsдchlich, irgendwo Verstдrkung zu holen. Seufzend drehte er sich um, nahm Charitys Gewehr, um es sich ьber die Schulter zu hдngen, und ging dann noch einmal zu seiner bewuЯtlosen Gefangenen hinьber. Trotz des blutigen Kratzers auf ihrer Stirn sah sie sonderbar friedlich aus, wie sie so dalag; fast, als schliefe sie. Und ihr Gesicht wirkte … Es fiel Skudder schwer, sich darьber klarzuwerden, welche Gefьhle ihr Anblick wirklich in ihm auslцste. Er war verwirrt. Sie war eine hьbsche Frau – keine Schцnheit, aber sehr hьbsch, fast noch ein biЯchen mдdchenhaft, obwohl sie дlter sein muЯte als er. Und doch haftete ihrem Gesicht eine eigentьmliche Strenge an. Wer war sie? Und warum war sie so wichtig, daЯ Daniel all seine Macht ausspielte, um sie in seine Gewalt zu bringen? Er bedauerte fast, Kink den Befehl gegeben zu haben, sie zu betдuben. Es gab eine Menge, was er sie fragen wollte. Kink erreichte niemanden mit seinem Funkgerдt, was Skudder nicht besonders ьberraschte; die kleinen Walkie-talkies, die Daniel ihnen zur Verfьgung gestellt hatten, besaЯen weder eine sehr groЯe Reichweite, noch waren sie besonders zuverlдssig. Aber eine halbe Stunde spдter stieЯ eine der anderen Gruppen von sich aus zu ihnen, und Skudder begann sich wieder ein wenig sicherer zu fьhlen. Etwa eine Stunde vor Mittag brachen sie auf, obwohl es vielleicht klьger gewesen wдre, auf Raoul und den Lastwagen zu warten; die Maschinen waren vцllig ьberladen, und die drei reglosen Gestalten, die sie auf den Satteln festbinden muЯten, machten die Sache auch nicht gerade leichter. Sie fuhren etwa eine Stunde, ehe der Truppfьhrer plцtzlich langsamer wurde und schlieЯlich anhielt. Die Kolonne kam schwerfдllig zum Stehen, nur Skudder lenkte seine Maschine neben den ersten Shark und sah ihn fragend an. »Was ist los?« Der Mann hob den Arm und deutete nach Norden. Skudder folgte der Bewegung –und fuhr erschrocken zusammen. Ein bizarrer Schatten bewegte sich in einiger Entfernung auf sie zu, aber Skudder wuЯte gleich, um was es sich handelte. »Ein Reiter!« murmelte er verwirrt und alarmiert zugleich. »Verdammt, was bedeutet das?« Die gewaltige Kдferkreatur kam rasend schnell nдher, sie hielt genau auf den Motorradkonvoi zu. Skudder gab den anderen ein Zeichen, die Motoren abzustellen, er selbst stieg von seiner Maschine ab und ging dem Reiter ein Stьck entgegen. Es vergingen kaum fьnf Minuten, bis aus dem schwarzen UmriЯ ein elefantengroЯes, glдnzendes Insekt geworden war. Skudder muЯte sich mit aller Macht beherrschen, um nicht ganz instinktiv zurьckzuweichen, als der Reiter auf ihn zupreschte. Obwohl er ihre Nдhe gewohnt war, erschreckte ihn der Anblick der riesigen Reitinsekten so sehr wie am ersten Tag. Mit einem unbeschreibbaren Unbehagen sah Skudder zu dem Reiter hinauf, der im Nacken des Kдfers hockte. Er bemerkte erst jetzt, daЯ er nicht allein war. Hinter der schmalen, vierarmigen Gestalt erhob sich eine zweite, sehr viel krдftigere, die allerdings auch sehr viel mehr Mьhe hatte, sich auf dem glatten Chitinpanzer festzuklammern. Skudder fuhr ьberrascht zusammen, als er erkannte, wer es war. »Raoul!?« Der Reiter preschte weiter heran, kam zwei Meter vor Skudder mit einer abrupten Bewegung zum Stehen und musterte ihn einen Augenblick lang aus seinen riesigen, dunkelroten Facettenaugen; ein Blick, der Skudder erschaudern lieЯ. Zwei, drei endlose Sekunden lang schwebte der gigantische Kopf mit den mцrderischen Mandibeln fast direkt vor seinem Gesicht, dann bewegte sich die Riesenkreatur ein Stьck zur Seite und knickte gleichzeitig in den beiden vorderen Beinpaaren ein, um ihrem Reiter ein bequemeres Absteigen zu ermцglichen. Der Moroni blieb reglos in ihrem Nacken sitzen, aber Raoul lieЯ sich mit einem erleichterten Seufzer vom Rьcken des Riesenkдfers sinken und humpelte auf ihn zu. Irgend etwas an diesem Humpeln erweckte Skudders MiЯtrauen. Er wirkte nicht echt, fast, als wдre Raouls Verletzung lдngst geheilt. Aber das war natьrlich unmцglich. Skudder verscheuchte den Gedanken. »Was … was bedeutet das … ?« fragte er verwirrt. »Wir sind ihm auf halber Strecke begegnet«, unterbrach ihn Raoul, in einem Tonfall, der Skudder fast mehr alarmierte als der Anblick des Reiters selbst. »Ich soll dir etwas ausrichten.« »Ausrichten?« Skudder sah erst ihn, dann den Moroni verstцrt an. Er verstand ьberhaupt nichts mehr. »Von wem?« »Von Daniel.« 5 Ihre linke Kцrperhдlfte war immer noch gefьhllos, als sie erwachte. Es war Nacht, und sie lag neben einem auflodernden Feuer, das eine karge, aus Felsen und Bьschen bestehende Landschaft erhellte. Es war nicht nur der Schlag gewesen, der ihr so lange das BewuЯtsein geraubt hatte. In ihrem Mund und ihrer Nase war ein widerwдrtiger Geschmack, der ihr verriet, daЯ Skudder auЯer einer Axt auch noch eine Flasche Chloroform mit sich herumschleppen muЯte. Charity versuchte sich zu bewegen, aber es ging nicht. Sie war an Hдnden und FьЯen gefesselt, und selbst, wenn es ihr gelungen wдre, die Stricke zu lцsen, wдre sie wohl kaum sehr weit gekommen: Rings um sie herum wimmelte es nur so von Sharks. Sie sah mindestens zwanzig der abenteuerlich gekleideten Gestalten, die am Feuer saЯen oder sich in der Dunkelheit hin und her bewegten. Wo war sie? Sie konnte nicht sehr viel von ihrer Umgebung erkennen. Sie entdeckte ein paar Motorrдder – blinkende schwarze Schatten in der Dunkelheit —, die Umrisse mдchtiger Felsen und hier und da einen Busch. Sie war nicht mehr auf der Ebene, aber das war auch alles, was sie mit Sicherheit sagen konnte. Und sie war nicht die einzige Gefangene. Kaum anderthalb Meter neben ihr saЯ eine zweite, halb aufrecht an einen Baum gebundene Gestalt, schlanker als sie und mit kurzgeschnittenem dunklem Haar: Net. Charity hielt vergebens nach den anderen Wastelandern Ausschau. In ihrer unmittelbaren Nдhe befand sich nur ein einziger Shark, der mit untergeschlagenen Beinen dasaЯ, ihr den Rьcken zukehrte und vor sich hinzudцsen schien. Charity versuchte sich umzudrehen. Ihre Schulter tat weh, und obwohl der Schmerz sich in Grenzen hielt, muЯte sie all ihren Mut zusammennehmen, den Kopf zu drehen und an sich herabzublicken. Aber was sie sah, erleichterte sie. Offenbar war sie nicht verletzt. »Du hast nicht viel abbekommen«, sagte eine Stimme ьber ihr: Skudder. Charity sah auf, blickte einen Moment in Skudders Gesicht und fragte sich, wo er hergekommen war. Sie hatte ihn nicht gehцrt; trotz seines riesenhaften Wuchses schien er sich lautlos wie eine Katze bewegen zu kцnnen. Sekundenlang hielt er ihrem Blick stand, dann lдchelte er, lieЯ sich in die Hocke sinken und streckte die Hand nach ihr aus, zog sie dann aber wieder zurьck, ohne sie berьhrt zu haben. »Tut es sehr weh?« »Nein«, antwortete Charity. Skudder verwirrte sie; und nicht nur er, sondern beinahe noch mehr ihre eigene Reaktion auf seinen Anblick. Sie hдtte zornig sein mьssen, statt dessen betrachtete sie den Fьhrer der Sharks mit einer Neugier, die sie selbst ьberraschte. Mit einer Kopfbewegung deutete sie auf die Axt, die wieder an Skudders Gьrtel hing. Sie sah jetzt zum ersten Mal, daЯ es sich um einen echten indianischen Tomahawk handelte. In der Welt, in der sie geboren und aufgewachsen war, wдre diese Waffe sicherlich ein Vermцgen wert gewesen. »Du kannst gut mit diesem Ding umgehen«, sagte sie. Und fast gegen ihren Willen hцrte sie sich hinzufьgen: »Sieht so aus, als hдtte ich noch einmal Glьck gehabt. Wenn du ein biЯchen besser gezielt hдttest, wдre ich jetzt wohl tot.« »Ja.« Ihre Antwort schien Skudder zu amьsieren. »Aber vielleicht auch, wenn ich schlechter gezielt hдtte.« Bei jedem anderen hдtte sie diese Worte fьr glatte Angabe gehalten; ihm glaubte sie. »Woher hast du gewuЯt, in welche Richtung ich springen werde?« Skudder machte eine unbestimmte Geste. »Erfahrung. Du warst in Panik. Menschen, die in Panik reagieren, fliehen fast alle in dieselbe Richtung: nach rechts, nach vorne und nach unten.« Charity nickte anerkennend. Sie begriff allmдhlich, wieso ausgerechnet dieser Mann der Anfьhrer der Sharks geworden war. Und sie nahm sich vor, ihn nicht noch einmal zuunterschдtzen. »Was willst du?« fragte sie. Skudder antwortete nicht gleich, sondern sah sie wieder auf diese sonderbare Art an. Er lдchelte, aber auf eine Art und Weise, die sie frцsteln lieЯ. »Ich weiЯ es nicht«, sagte er schlieЯlich. »Vermutlich einfach nur mit dir reden. Ich … mцchte gerne wissen, wer diese Frau ist, derentwegen Daniel eine ganze Armee losschickt.« »Ich weiЯ nicht einmal, wer dieser Daniel ist«, murmelte Charity. »Geschweige denn, was er von mir will.« »Hast du Hunger?« fragte Skudder unvermittelt. Charity nickte, obwohl sie eigentlich hatte ablehnen wollen. Drei, vier Atemzьge lang starrte er sie durchdringend, aber nicht unfreundlich, an, dann stand er mit einer flieЯenden Bewegung wieder auf. »Versprichst du mir, keinen Unsinn zu machen, wenn ich dich losbinde?« Charity nickte abermals, und Skudder zog ohne ein weiteres Wort sein Messer und schnitt ihre Fesseln durch. Charity versuchte aufzustehen, aber sie schaffte es nicht aus eigener Kraft. Die Fesseln hatten ihr das Blut abgeschnьrt, und ihr linker Arm und ihr linkes Bein waren wie taub. »Und sie?« Charity deutete auf Net, die der kurzen Unterhaltung aufmerksam und mit steinernem Gesicht gefolgt war. Skudder schьttelte entschieden den Kopf. »Ihr geschieht nichts, keine Sorge«, sagte er. »Aber sie ist nicht klug genug, als daЯ ich ihr trauen kцnnte. Ich lasse ihr etwas zu essen bringen. Kink!« Das letzte Wort galt dem Wдchter, der die ganze Zeit ьber reglos dagesessen und ihnen den Rьcken zugekehrt hatte. Aber er schlief keineswegs, wie Charity angenommen hatte, denn er drehte rasch den Kopf und sah Skudder fragend an. Charity erhaschte einen raschen Blick auf ein breites, narbenzerfurchtes Gesicht mit harten Augen und einem brutalen Mund. »Kьmmere dich um Net«, befahl Skudder. »Und behandele sie gut.« Kink sprang auf und beeilte sich, dem Befehl nachzukommen, wдhrend Skudder Charity behutsam am Arm ergriff und zum Feuer fьhrte. Sie wehrte sich nicht dagegen. Das Leben kehrte allmдhlich in ihre abgestorbenen Glieder zurьck. Ohne Skudders Hilfe aber hдtte sie keine zehn Schritte geschafft. Sie gingen nicht zum groЯen Lagerfeuer, sondern zu einer zweiten, etwas abseits gelegenen Lagerstelle, an der ein kleineres Feuer brannte. Der verlockende Duft von gebratenem Fleisch stieg ihr in die Nase. Als sie nдher kam, sah sie, daЯ Skudder und sie auch hier nicht allein waren – aber immerhin war es nur eine einzelne Gestalt, die auf sie wartete, und keine grцlende Bande von mehr als zwanzig Sharks. Sie war erleichtert, nahm sich aber vor, weiter auf der Hut zu bleiben. Skudders Freundlichkeit und die Sympathie, die sie ihm entgegenbrachte, tдuschten sie keine Sekunde darьber hinweg, was er wirklich war: der Anfьhrer einer brutalen Armee von Barbaren, denen ein Menschenleben absolut nichts galt. Skudder half ihr, sich auf einen flachen Stein zu setzen, hockte sich selbst auf der gegenьberliegenden Seite des Feuers hin und deutete aufmunternd auf eine Anzahl hцlzerner SpieЯe, an denen kleine Fleischscheiben ьber dem Feuer brieten. Charity lieЯ sich nicht zweimal bitten. Das karge Frьhstьck bei Dad und seiner Familie war alles gewesen, was sie heute gegessen hatte, und ihr Magen meldete sich mit Macht zu Wort. Skudder deutete auf den zweiten Shark, der am Feuer saЯ und Charity aufmerksam beobachtete. »Das ist Raoul«, sagte er. »Mein Stellvertreter. Du kannst ihm vertrauen.« »Den anderen nicht?« fragte Charity trocken. »Nein«, antwortete Skudder im selben Tonfall. »Jedenfalls nicht allen. Aber Raoul und du seid ja gewissermaЯen schon alte Bekannte.« Charity sah ihn fragend an, und Skudder fьgte mit einem nur angedeuteten Lдcheln hinzu: »Heute morgen. Du hast ein Loch in sein rechtes Bein geschossen. Aber er ist nicht nachtragend.« Charity musterte den Shark eingehend. Sie erkannte ihn nicht wieder, aber das besagte nichts – sie hatte wahrlich anderes zu tun gehabt, als sich die Gesichter der Mдnner einzuprдgen. Aber sie sah, daЯ sein rechts Hosenbein bis ьbers Knie hinauf aufgeschnitten war. Darunter schimmerte ein weiЯer Verband. »Tut's noch weh?« fragte sie. Raoul schьttelte den Kopf. »Schade«, sagte Charity. »Ich hдtte einen Meter hцher zielen sollen.« Raouls Gesicht blieb weiterhin unbewegt, aber Skudder lachte leise. »Du tust ihm unrecht, Laird«, sagte er. »Raoul hat dir das Leben gerettet.« »So?« erwiderte Charity bцse. »Das muЯ mir irgendwie entgangen sein.« »Wenn er dich nicht an der Flucht gehindert hдtte, hдtten die Jungs dich getцtet«, sagte Skudder ernsthaft. »Oder die Ebene hдtte dich umgebracht. Niemand ьberlebt dort drauЯen, wenn er kein Wastelander ist. Und du bist kein Wastelander.« »Nein«, antwortete Charity. »Das bin ich nicht.« »Und was bist du?« Der bewuЯt beilдufige Ton der Frage tдuschte sie keine Sekunde

– Skudder hatte sie nicht nur losgeschnitten, weil er ein so netter Mensch war, sondern weil er etwas ganz Bestimmtes von ihr wollte.

»Jedenfalls kein Wastelander«, antwortete sie ausweichend. »Du hast es ja selbst gesagt.« Sie beugte sich vor, angelte sich einen der FleischspieЯe vom Feuer und kostete. Das Fleisch schmeckte sonderbar, aber gut, und nach dem ersten, vorsichtigen Bissen kaute sie schneller und fast gierig. Sie merkte erst jetzt richtig, was fьr einen Hunger sie hatte. Skudder lieЯ sie eine Weile in Ruhe, aber er sah sie unentwegt an, auch wдhrend er aЯ, und auch Raouls Blicke folgten jeder ihrer Bewegungen. Charity begann sich zunehmend unbehaglicher zu fьhlen. Am liebsten hдtte sie das Fleisch zurьckgelegt und darum gebeten, wieder an ihren Baum gebunden zu werden. Aber abgesehen davon, daЯ Skudder das wahrscheinlich abgelehnt hдtte, war sie dazu einfach zu hungrig. »Ich verstehe ja, daЯ du uns nicht traust«, sagte Skudder nach einer Weile. »Aber wir sind nicht deine Feinde.« »Das habe ich gemerkt«, antwortete Charity sarkastisch. »Und Net und ihre Familie auch. Brennt ihr immer die Hдuser der Leute nieder, die nicht eure Feinde sind?« Skudder preЯte дrgerlich die Lippen aufeinander, schluckte aber die scharfe Entgegnung herunter, die ihm auf der Zunge lag. »Das wдre nicht passiert, wenn du nicht weggelaufen wдrst«, sagte er mit mьhsam erzwungener Ruhe. »Aber das hatten wir ja schon, nicht? Wer bist du?« »Wer ist Daniel?« entgegnete Charity. Wieder blitzte Дrger in Skudders Augen auf, und wieder beherrschte er sich mьhsam. »Du weiЯt es wirklich nicht?« fragte er. »Von wo kommst du? Vom Mond?« »Vielleicht.« Charity zuckte mit den Schultern und sah Skudder abschдtzend an. »Warum tust du nicht so, als kдme ich wirklich von dort, und beantwortest mir ein paar Fragen? Vielleicht«, fьgte sie mit einem neuerlichen Achselzucken hinzu, »beantworte ich dann auch deine.« Skudder seufzte. Aber zu ihrer eigenen Ьberraschung nickte er plцtzlich. »Okay – warum auch nicht? Ich weiЯ nicht, wer Daniel ist.« Er machte eine hilflose Handbewegung, als Charity ihn unglдubig ansah. »Ich bin ihm nie begegnet«, fuhr er fort. »Er ist unser Verbindungsmann. Aber ich habe sein Gesicht nie gesehen. Niemand hat das.« »Euer Verbindungsmann? Zu wem?« »Zu den Herren Morons«, antwortete Skudder bereitwillig. »Ich weiЯ nicht, ob er ein Mensch ist oder einer von ihnen. Die Reiter unterstehen ihm.« »Und ihr.« »Nein.« Die Antwort kam so scharf, daЯ Charity spьrte, daЯ sie einen empfindlichen Punkt getroffen hatte. Und auch Skudder sah, daЯ sie es gemerkt hatte. Er lдchelte verlegen. »Nein«, sagte er noch einmal. »Wir unterstehen niemandem. Er … treibt Handel mit uns, wenn du es so nennen willst. Wir achten ein biЯchen darauf, daЯ in unserem Gebiet alles seinen ordentlichen Gang geht, und er … « Er ьberlegte einen Moment. »Was man eben so braucht«, sagte er schlieЯlich. »Treibstoff, Ersatzteile … wir sind viele.« Das war nicht die ganze Wahrheit. Charity spьrte deutlich, daЯ Skudder ihr etwas Wesentliches verschwieg. Aber es hдtte wenig Zweck gehabt, wenn sie nachfragte. Skudder schien ohnehin schon mehr zu sagen als ihm eigentlich recht war. »Was seid ihr?« fragte sie dann. »So eine Art privater Schlдgertrupp dieses Daniel?« Skudder ьberhцrte den bewuЯt beleidigenden Tonfall, in dem diese Frage gestellt war. Beinahe ungerьhrt schьttelte er den Kopf. »Wir sind frei«, sagte er. »Niemand sagt uns, was wir zu tun und zu lassen haben. Woher kommst du, Laird? Aus dem Sьden?« Natьrlich antwortete sie nicht, aber diesmal schien Skudder ihr Schweigen als Zustimmung zu deuten, denn er fuhr unvermittelt fort: »Ich weiЯ, daЯ diese Narren dort uns verachten. Aber weiЯt du, Laird, sie und ihre famosen Stдdte und ihre sogenannte Zivilisation kцnnen uns gestohlen bleiben. Der Preis, den sie dafьr bezahlen, ist mir zu hoch.« Stдdte? Es gelang Charity nicht ganz, ihre Ьberraschung zu verbergen. Und ihre Erleichterung. Immerhin bewiesen ihr Skudders Worte, daЯ es nicht ьberall auf der Erde so schlimm auszusehen schien wie in dieser Einцde. »Von welchem Preis sprichst du?« fragte sie wie beilдufig. Skudder schnaubte. »Die Sklaverei«, antwortete er heftig. »Oh, ich weiЯ, ihr wollt es nicht wahrhaben, aber es ist nichts anderes. Wir … «Er brach ab, sah sie einen Moment lang fast betroffen an und verzog die Lippen dann zu einem dьnnen, widerwillig anerkennenden Lдcheln. »Du kommst nicht aus dem Sьden.« »Nein«, sagte Charity. »Das habe ich auch nicht behauptet.« Skudder schьttelte seufzend den Kopf. »Du … « Eine Gestalt in schwarzem Leder trat hinter Skudder und beugte sich zu ihm herab. Charity verstand nicht, was der Shark sagte, aber es schien nichts zu sein, was Skudder erfreute, denn auf seinem Gesicht machte sich ein eindeutig besorgter Ausdruck breit. Ein paar Sekunden lang hцrte er dem Mann schweigend zu, dann nickte er, stand mit einer kraftvollen Bewegung auf und sah Charity bedauernd an. »Wir mьssen unsere Unterhaltung spдter fortsetzen«, sagte er. »Raoul bringt dich zurьck.« Charity stand ebenfalls auf, und sie war fast ьberrascht, daЯ sie sich beinahe ausgeruht fьhlte. »Keine Fragen?« Skudder lдchelte. »Du wьrdest sie sowieso nicht beantworten, oder? Und die Fragen, die du gestellt hast, waren sehr interessant.« Er lдchelte ein wenig breiter, als er ihre Betroffenheit bemerkte, gab Raoul einen Wink und sah zu, wie sein Stellvertreter sich erhob und mьhsam auf sie zuhumpelte. Sie wьrden einen herrlichen Anblick bieten, dachte Charity sarkastisch, wenn sie durch das Lager humpelten und sich dabei gegenseitig stьtzten. 6 Nets rechte Hand war losgebunden worden, als sie wieder zu ihr zurьckkam, und dicht daneben stand eine kleine, verbeulte Metallschьssel mit Wasser; auf ihrem Rand eine Scheibe gebratenes Fleisch, und darauf wiederum ein Stьck Brot. Doch Net machte keinerlei Anstalten, danach zu greifen, obwohl sie so hungrig wie Charity sein muЯte. Raoul fesselte sie wieder, aber lдngst nicht so fest wie beim ersten Mal. Er lдchelte sogar entschuldigend, als er sich aufrichtete, drehte sich dann aber beinahe hastig um und humpelte davon. Charity blickte ihm verwirrt nach. Je lдnger sie ihn ansah, desto sicherer wurde sie, daЯ es wirklich der Mann war, dem sie ins Bein geschossen hatte – und desto unmцglicher erschien ihr dieser Gedanke. Seufzend drehte sie den Kopf und sah Net an. HaЯerfьllt blickte die Wastelanderin sie an. »Wie geht es dir?« fragte Charity unbeholfen. Eine ziemlich dumme Frage, aber irgendwie muЯte sie das Gesprдch schlieЯlich beginnen. Net antwortete auch nicht, sondern starrte sie nur weiterhin voller Verachtung und hilfloser Wut an. »Das mit eurem Haus tut mir leid«, fuhr sie fort. »Ich wдre nicht zu euch gekommen, wenn ich gewuЯt hдtte, was … was passiert?« Net verzog das Gesicht. »Oh, das mit dem Haus tut dir leid. Das ist trцstlich. Sonst tut dir nichts leid?« Ihre Stimme bebte vor Zorn. »Ist sonst noch etwas … « Charity stockte –und begriff endlich. »Deine Eltern?« »Sie sind tot«, bestдtigte Net. »Bob konnte entkommen, aber Mom und Dad haben sie umgebracht.« Sie deutete mit einer abgehackten Kopfbewegung auf den Wдchter, der zusam­mengekauert dasaЯ und ihrer Unterhaltung zuhцrte. Ein flьchtiges, sehr hдЯliches Lдcheln huschte ьber sein dьsteres Gesicht, als Net fortfuhr. »Er hat ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Und er hдtte mich auch getцtet, wenn sie mich nicht gebraucht hдtten, um dich zu kriegen.« »Was nicht ist, kann ja noch werden«, sagte Kink beinahe freundlich. Net reagierte gar nicht auf seine Worte. »Gibt es sonst noch irgend etwas, was dir leid tut?« fuhr sie fort. Charity antwortete nicht, aber plцtzlich konnte sie Nets Blick nicht mehr standhalten. Betroffen senkte sie den Kopf. Skudder hatte sie belogen – zumindest hatte er es ihr nicht gesagt, was auf das gleiche hinauslief. Nach einer Weile hob sie den Blick und sah wieder zum Feuer hinьber. Im Lager hatte sich eine gewisse Unruhe breitgemacht. Die meisten Sharks waren aufgestanden, einige gingen zu ihren Maschinen hinьber. Auf den Felsen, die das Lager an drei Seiten wie eine natьrliche Wehrmauer umgaben, waren Mдnner mit Gewehren aufgetaucht, die gebannt in die Dunkelheit starrten. Charity suchte vergebens nach Skudder oder Raoul, die beide irgendwo in dem Gewimmel aus schwarzgekleideten Gestalten verschwunden waren. »Was ist los?« Die Frage galt Kink, der ebenfalls den Kopf gedreht hatte, aber keine Anstalten machte, aufzustehen. Der Shark zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung«, gestand er. »Mir auch egal. Ich soll aufpassen, daЯ ihr zwei Hьbschen keine Dummheiten macht.« Charity schenkte ihm einen bцsen Blick, den Kink mit einem hдmischen Grinsen beantwortete, und wandte sich wieder an Net. »Wir sind wieder in den Bergen, nicht wahr?« sagte sie. »Ungefдhr in der Gegend, in der wir uns das erste Mal getroffen haben.« Net nickte widerwillig. »Ja.« Aber nach allem, was sie gehцrt hatte, lag das Gebiet der Sharks nur zwei oder drei Stunden von Nets Farm entfernt – und es war frьher Vormittag gewesen, als Skudder sie ьberwдltigt hatte. Charity fragte vergebens, warum die Sharks diesen Umweg in Kauf genommen und sogar ein Nachtlager aufgeschlagen hatten, statt sie gleich in ihr Lager zu bringen. Die Gegend hier schien alles andere als sicher zu sein, wie das Benehmen der Sharks deutlich verriet. Plцtzlich tauchte Skudder wieder auf. Er rief ein paar Befehle, und seine Sharks teilten sich in drei gleich groЯe Gruppen auf, von denen eine die Mдnner oben auf den Felsen verstдrkte, wдhrend die beiden anderen das Lager in unterschiedlichen Richtungen verlieЯen. Nur eine Handvoll Mдnner blieb am Feuer zurьck. »Irgend etwas stimmt da nicht«, murmelte Charity. Sie sah Net an. »Gibt es auЯer euch und den Sharks noch andere Gruppen hier?« Net nickte und zuckte dann mit den Schultern. »Keine, die so verrьckt wдren, Sharks anzugreifen«, murmelte sie. Sie versuchte es zu verbergen, aber Charity spьrte deutlich, daЯ auch sie sich ihre Gedanken ьber die plцtzliche Aufregung unter den Sharks machte. »Vielleicht … irgendwelche Tiere«, fьgte sie unsicher hinzu. »Diese Gegend ist gefдhrlich.« »Maul halten«, sagte Kink grob. Auch er wurde allmдhlich nervцs. Er stand auf, kam drohend auf Net zu und ging neben ihr in die Hocke. Net versuchte mit der freien Hand nach seinem Gesicht zu schlagen, aber der Shark fing den Hieb spielerisch ab, verdrehte ihren Arm und griff mit der anderen Hand nach dem Strick, um sie wieder zu fesseln. »Ich verschnьre dich besser wieder«, sagte er. »Nachher kommst du noch auf dumme … « Eine dьnne, rasiermesserscharfe Klinge zuckte aus der Dunkelheit und streifte seine Kehle. Er griff sich an den Hals und begann zu keuchen. Seine Augen weiteten sich. Beinahe lautlos sackte er nach vorne, fiel gegen Net und wдre zur Seite gekippt, hдtten sich nicht plцtzlich zwei dьrre, graue Hдnde nach ihm ausgestreckt und ihn gehalten. »Keinen Laut!« sagte ein dьnnes Stimmchen. »Halt ihn fest, Net. Wenn die anderen etwas merken, sind wir alle erledigt.« Charity sah hastig zum Feuer hinьber. Die vier oder fьnf Sharks, die zurьckgeblieben waren, blickten gebannt in die Nacht hinaus. Keiner sah auch nur in ihre Richtung. Aber das konnte sich verdammt schnell дndern. Gurk durchschnitt Nets Fesseln und half ihr, den toten Shark in eine halbwegs sitzende Position zu bugsieren. Sie benutzten sein Gewehr, um ihn zu stьtzen. Fьr jemanden, der nur sehr flьchtig herьbersah, mochte es aussehen, als dцse er vor sich hin. »Gurk!« murmelte sie ьberrascht. »Wo kommst du denn … « »Still!« zischte der Gnom. »Ich mache dich los, aber halt um Gottes willen den Mund!« Er sagte es so laut, daЯ es Charity fast wie ein kleines Wunder vorkam, daЯ die Sharks seine Stimme nicht hцrten. Aber sie verstummte gehorsam. Der Gnom war mit einem Satz bei ihr, durchtrennte auch ihre Fesseln und legte den ausgestreckten Zeigefinger ьber die Lippen, als sie etwas sagen wollte. »Schnell jetzt!« wisperte er. »Sie sind abgelenkt, aber Skudder und die anderen kommen bestimmt gleich wieder. Keinen Laut!« Charity deutete ein Nicken an, blickte aber konzentriert zum Feuer hinьber. »Ich verschwinde jetzt«, wisperte Gurk ihr ins Ohr. »Gib mir einen Augenblick Vorsprung, okay? Wir rechnen ab, wenn wir uns wiedersehen.« »Abrechnen?« wiederholte Charity verstцrt. »Wieso? Was meinst du?« Gurk lachte leise. »Mach dir keine Sorgen. Du hast un­begrenzten Kredit bei mir.« »Warte!« sagte Charity hastig. »Du … « Aber Gurk hцrte schon gar nicht mehr zu. Fьr ein, zwei Sekunden hцrte sie noch seine Schritte, dann verklangen auch sie; der Zwerg war so lautlos verschwunden, wie er aufgetaucht war. Und als sie den Kopf drehte, um nach ihm zu sehen, hatte auch Net sich davongemacht. Entschlossen sprang auch Charity auf und schlich sich davon in die Schwдrze der Nacht. Raoul senkte das Fernglas und gab es ihm zurьck, schьttelte aber rasch den Kopf, als Skudder es ansetzen wollte. »Hat keinen Zweck mehr«, sagte er halblaut. »Sie ist zwischen den Felsen verschwunden. Irgendwo dort oben.« Seine Hand machte eine vage Bewegung in die Dunkelheit hinein. »Und Kink?« »Tot«, antwortete Raoul knapp. Nach einer kurzen Weile fьgte er hinzu. »Aber das hast du ja wohl gewollt, oder?« Skudder war nicht sicher, aber er glaubte so etwas wie einen Vorwurf aus Raouls Worten herauszuhцren. »Nein«, antwortete er grob, wдhrend er sich fragte, ob Raoul vielleicht sogar recht hatte. »Aber ich kann nicht gerade sagen, daЯ es mir das Herz bricht.« Raoul sah ihn an, und obwohl Skudder nicht in seine Richtung blickte, sondern die Dunkelheit zu durchdringen versuchte, in der Laird untergetaucht war, spьrte er seine Blicke fast wie eine unangenehme Berьhrung. »Irgendeines Tages bricht dir dein Gerechtigkeitssinn noch den Hals«, prophezeite er dьster. Skudder antwortete gar nicht. Wenn er an dem, was passiert war, ьberhaupt etwas bedauerte, dann hцchstens den Umstand, Kink nicht selbst den Hals aufgeschlitzt zu haben. AuЯerdem hatten sie wichtigere Dinge zu tun, als sich den Kopf ьber das Schicksal eines Psychopathen zu zerbrechen, der in seinem Leben mehr Menschen umgebracht hatte, als er Lдuse auf dem Kopf gehabt hatte. »Was ist mit dem Mдdchen?« »Die Wastelanderin« Raoul zuckte mit den Achseln. »Sieht so aus, als wдre sie in die entgegengesetzte Richtung gelaufen. Die beiden waren wohl nicht unbedingt dicke Freundinnen.« Er lдchelte, griff unter seine Weste und zog einen flachen, schwarzen Kasten heraus. Auf seiner Vorderseite begann ein mattgrьnes, mьnzgroЯes Auge zu leuchten, als er einen Knopf drьckte. Ein winziger roter Punkt bewegte sich ьber den Miniaturbildschirm. Sehr langsam, und noch nicht sehr weit von seinemZentrum entfernt. Skudder betrachtete den Sucher einen Moment lang nachdenklich, dann, als Raoul ihm das Gerдt auffordernd hinhielt, schьttelte er den Kopf. Er mochte die Technik der Moroni so wenig wie sie selbst. AuЯerdem kannte er andere Mittel und Wege, einer Spur zu folgen. »Noch nicht«, sagte er. »Gebt ihr eine Stunde Vorsprung. Die Jungs sollen ein biЯchen Lдrm machen, damit sie glaubt, wir suchen sie.« Raoul nickte wortlos, steckte den Sucher wieder ein und wollte sich herumdrehen, aber Skudder hielt ihn noch einmal zurьck. »Bart und ein paar Jungs sollen das Mдdchen zurьckholen«, befahl er. »Aber vorsichtig. Ich will sie lebend und unverletzt. Und bringt mir diesen verdammten Zwerg.« »Auch lebend und unverletzt?« fragte Raoul. Skudder antwortete erst nach einer Weile. »Lebend«, sagte er. 7 Die Nacht war wie eine schwarze Wand, in die sie hineingelaufen war. Wдhrend der ersten zehn Minuten rannte sie einfach, blindlings und beinahe ziellos, stьrmte durch Dickicht und dьrres Geдst. Es kam Charity gar nicht richtig zu BewuЯtsein, daЯ sie auf diese Weise frьher oder spдter sehr wohl in eine wirkliche Schlucht stьrzen konnte. Fьr Minuten hatte sie Panik ьbermannt; es war pures Glьck, daЯ sie sich in dieser Zeit nicht selbst umbrachte oder den Sharks geradewegs wieder in die Arme lief. Aber schlieЯlich ьbernahm ihr bewuЯtes Denken wieder die Kontrolle ьber ihre Handlungen. Sie lief langsamer, versuchte sich zu orientieren – ein Vorhaben, das sie rasch wieder aufgab – und blieb schlieЯlich stehen, um zu lauschen. Im ersten Moment hцrte sie nur das Hдmmern ihres eigenen Herzschlages und ihre eigenen, lauten Atemzьge, aber nach einer Weile begann sie andere Gerдusche zu identifizieren – das Heulen des Windes, hier und da ein gedдmpftes Knacken, das ihr verriet, daЯ sie nicht das einzige Lebewesen in dieser Einцde war, und ganz leise die Stimmen der Sharks. Aufmerksam sah sie sich um, entdeckte nicht weit entfernt einen Felsen, der die Ebene wie ein einsamer Wachtturm ьberragte, und machte sich an den Aufstieg. Aber sie war kaum einen Meter weit gekommen, als sie verwirrt innehielt. Was im blassen Silberlicht des Mondes wie ein Fels ausgesehen hatte, war in Wahrheit eine von Moos ьberwucherte, verwitterte Ruine. Ohne es zu bemerken, war sie die ganze Zeit durch eine Ruinenlandschaft gelaufen: Schwarze Steinhaufen schimmerten im Mondlicht, alte Stahltrдger stachen in den Nachthimmel. Es war eine verfallene Stadt – eine Stadt, die sie vielleicht gekannt hatte. Diese Erkenntnis erschreckte sie, und plцtzlich wuЯte sie, wo sie war, zweifelsfrei … Der zerborstene Turm, vor dem sie stand, hatte einmal zu einer kleinen, weiЯen Kirche gehцrt, das Schiff war verschwunden, aber es gab keinen Zweifel: Auf der Vorderfront des Schuttberges neben ihr hatten einmal die Buchstaben TOWN HALL gestanden. Es war Brainsville. Drei Monate vor ihrer Flucht in den Bunker war sie hier gewesen, und dann noch einmal am Abend der Katastrophe, aber da hatte die Stadt schon gebrannt. Der Gedanke erschreckte sie. Zum ersten Mal sah sie wirklich, was mit ihrer Welt geschehen war. Alles andere, die Berge, die Ebene, die zerfallene Farm, selbst die Sharks, gehцrte zu einer vцllig anderen Welt, in die sie hineingeschleudert worden war, aber Brainsville war der erste wirkliche und unleugbare Beweis, daЯ es sie nicht auf einen anderen Planeten oder in ein anderes Universum verschlagen hatte. Charity schauderte. Es fiel ihr schwer, die Lдhmung abzuschьtteln, mit der dieses jдhe Wiedererkennen sie erfьllte, und sich in Erinnerung zu rufen, warum sie eigentlich hier war. Irgendwo in den Ruinen hцrte sie ein Gerдusch. Charity fuhr zusammen, griff ganz instinktiv nach dem leeren Halfter an ihrer Seite und wurde sich schmerzhaft der Tatsache bewuЯt, daЯ sie unbewaffnet war. Wenigstens wuЯte sie endlich, wo sie sich befand. Sie war nur ein paar Meilen vom Haupteingang des Bunkers entfernt –fьnf, sechs Meilen bergauf. Alles andere als ein Spaziergang, aber mit etwas Glьck konnte sie es schaffen, ehe es Tag wurde. Wieder – und nicht zum letzten Mal –kamen ihr Zweifel. Vielleicht hatte Gurk ja recht gehabt, und es war nichts als eine Legende, und vielleicht fand sie statt den sagenumwobenen Tiefen nur eine ausgebrannte Ruine – aber wenn es sie gab, dann wuЯte sie, wo sie sie suchen muЯte. In den Ruinen von SS Nulleins. Es wurde wirklich kein Spaziergang. Die Sharks hatten ihr auch ihre Uhr abgenommen, so daЯ sie nicht wuЯte, wie lange sie so durch die Nacht irrte, aber es waren Stunden. Charity fьhlte sich bald so erschцpft, daЯ sie sich am liebsten einen Platz zum Schlafen gesucht hдtte, ganz egal, ob sie nun von den Sharks verfolgt wurde oder nicht. Sie hatte die Ruinen durchsucht und schlieЯlich eine rostige Eisenstange gefunden, keine besonders gute Waffe, aber besser als nichts. Der Anstieg war eine Tortur gewesen. Es war, als ginge sie nicht nur den Berg hinauf, sondern auch in der Zeit zurьck, ein zweites, schreckliches Durchleben dieser letzten Meilen, die sie sich durch eine sterbende Welt gekдmpft hatte. Selbst das Panzerwrack stand noch da, das ihr vor so vielen Jahren den Weg gewiesen hatte; fast vцllig von Unkraut und Gestrьpp ьberwuchert, aber scheinbar unverдndert, trotz all der Jahre, die seither vergangen waren. Charity schlug einengewaltigen Bogenum den rostigen StahlkoloЯ. Sie hatte die glьhenden Insektenaugen nicht vergessen, die sie damals aus den Schatten heraus angestarrt hatten. Die letzte Meile war die schlimmste. Die StraЯe war verschwunden, und wo der stacheldrahtumzдunte Vorplatz mit seinen Geschьtzstellungen und den Toren gewesen war, erhob sich eine gewaltige Schutthalde. Charity hatte nichts anderes erwartet. Die sagenhaften Tiefen wдren kaum so lange unentdeckt geblieben, wenn das Tor zu ihrem Reich jedem offengestanden hдtte. Es gab andere Eingдnge – sie kannte sie zwar nicht – aber sie wьrde sie finden. Jetzt, im nachhinein, kam es ihr fast lдcherlich vor, und so ganz nebenbei auch wie ein grausamer Scherz des Schicksals: Sie war wahrscheinlich nur ein paar Dutzend Meter von den ьberlebenden Bunkerbewohnern entfernt gewesen, als sie aufgewacht war. Hдtte sie diese verdammte Panzertьr aufbekommen, statt sich der Rutsche anzuvertrauen, dann wдre ihr diese ganze haarstrдubende Flucht vielleicht erspart geblieben. Sie verscheuchte diesen Gedanken, bedachte die gewaltige Schutthalde vor sich mit einem letzten, fast wehleidigen Blick und ging weiter. Beinahe wдre es der letzte Schritt ihres Lebens gewesen. Das Ding stand ganz plцtzlich vor ihr, so lautlos und schnell, wie sich nur Insekten zu bewegen vermцgen, und so abrupt, als wдre es buchstдblich aus dem Boden gewachsen. Es sah aus wie eine riesige Heuschrecke –und es wirkte verdammt gefдhrlich. Charity machte einen halben Schritt zurьck und erstarrte wieder, als sich auch die Heuschrecke bewegte: Ihr runder Kopf zuckte, die fingerdicken Antennenfьhler peitschten erregt in ihre Richtung, und eine ihrer schrecklichen Fangscheren machte ein schnappendes Gerдusch. Charity sah, wie sich die muskulцsen Hinterlдufe ganz sacht bewegten, als sammele sie Kraft fьr einen Sprung. Charity machte einen weiteren vorsichtigen Schritt, und wieder vollfьhrten die Fangarme der Heuschrecke diese zupackende Bewegung. Charity erstarrte wieder. Ihre Gedanken ьberschlugen sich. Sie wagte es nicht, sich zu rьhren, ja, nicht einmal heftig zu atmen. Das Ungeheuer schien nur auf Bewegung zu reagieren, zumindest hoffte sie, daЯ es so war – aber selbst, wenn sie recht hatte, nutzte ihr das verdammt wenig. Sie wuЯte, wie ungeheuer geduldig Insekten sein konnten, und sie war unbewaffnet, so daЯ sie es auch nicht riskieren konnte, die Heuschrecke zu attackieren. Mit der Eisenstange wьrde sie ьberhaupt nichts ausrichten. Aber sie konnte auch nicht mehr lange reglos stehenbleiben. Sie … sie muЯte etwas tun. Irgendwo hinter ihr erscholl ein Gerдusch, und der Kopf der Heuschrecke ruckte in einer absurden Bewegung herum. Ihre Mandibeln zuckten nervцs. Wieder ertцnte irgendwo hinter ihr dieses Gerдusch, und diesmal identifizierte sie es als das Tappen schwerer, weicher Pfoten, das allmдhlich nдher kam. Etwas schlich sich von hinten an sie an, und dann – Und dann ging alles furchtbar schnell. Ein schrilles, wьtendes Heulen erscholl, und plцtzlich flog ein graues, massiges Etwas ьber Charitys Kopf hinweg und prallte wie ein pelziger Ball gegen die gepanzerte Brust des Rieseninsektes, das sich blitzschnell auf die hinteren Beinpaare aufgerichtet hatte. Charity sah kleinfingerlange, blendendweiЯe Zдhne im Mondlicht aufblitzen. Das graue Wesen grub sich splitternd durch den Chitinpanzer der Heuschrecke. Wцlfe! dachte Charity fassungslos. Das … das waren Wцlfe! Fast ein Dutzend der riesigen hundeдhnlichen Kreaturen fielen heulend und geifernd ьber die Heuschrecke her. Doch das Rieseninsekt wehrte sich mit der ganzen mцrderischen Kraft eines Titanenkцrpers. Charity sah seine Fangarme wie tцdliche Hornkeulen wirbeln; einer der Wцlfe heulte vor Schmerzen auf, und die Dunkelheit spie immer noch mehr der grauen Jдger aus. Sie schienen keinerlei Respekt vor der ьberlegenen Kraft ihres Gegners zu haben. Charity wich Schritt fьr Schritt zurьck, wдhrend die Riesenheuschrecke sich verzweifelt gegen die graue Ьbermacht zur Wehr setzte. Vorsichtig drehte sie sich herum –und unterdrьckte im letzten Moment einen Schrei. Sie war nur noch zwei oder drei Schritte vom Waldrand entfernt, aber es hдtten ebensogut zwei oder drei Meilen sein kцnnen, oder auch zwei Lichtjahre – denn zwischen ihr und den rettenden Bдumen stand ein gewaltiger, schwarzgrau gescheckter Wolf, der sie aus brennenden Augen anstarrte. Er regte sich nicht, aber seine Lefzen waren drohend zurьckgezogen und entblцЯten ein fьrchterliches GebiЯ, und aus seiner Brust drang ein tiefes, drohendes Knurren. »Nicht bewegen!« Die Stimme kam irgendwo aus der Dunkelheit. Charity unterdrьckte mit allerletzter Macht noch einmal ein erschrockenes Zusammenzucken; eine Bewegung, die den Wolf vielleicht zum Angriff provoziert hдtte. »Keine Bewegung«, sagte die Stimme noch einmal. »Egal, was passiert.« Die Ohren des Wolfes zuckten aufmerksam, ohne daЯ er sie jedoch auch nur eine Sekunde aus dem Auge lieЯ. Er schien die Gefahr instinktiv zu spьren, die sich ihm von hinten nдherte. Aber er sah auch die Beute, die vor ihm stand. Das Unterholz teilte sich raschelnd, und ein zwei Meter groЯer Gigant stьrzte hervor. Der Wolf stieЯ ein schrilles Knurren aus und wirbelte herum, aber er war eine Winzigkeit zu langsam. Skudders Tomahawk traf seinen Schдdel mit tцdlicher Prдzision und spaltete ihn. »Weg jetzt!« Der Shark packte sie grob am Arm und zerrte sie einfach mit sich; keine Sekunde zu frьh, wie Charity mit einem Blick ьber die Schulter erkannte. Die Heuschrecke war unter dem Anprall des Wolfsrudels zu Boden gegangen und wurde gerade in Stьcke gerissen, aber einige Wцlfe waren auch auf Skudder und sie aufmerksam geworden und jagten heran. Sie erreichten den Waldrand, und sie retteten sich vor den Wцlfen, wie sich Menschen seit einer Million Jahre vor ihnen gerettet hatten. Skudder hetzte mit weit ausgreifenden Sprьngen auf einen mдchtigen Baum los, packte Charity kurzerhand bei den Hьften und warf sie einfach in die Hцhe. Instinktiv griff sie nach einem Ast, bekam ihn zu fassen und zog sich hastig hinauf, wдhrend Skudder mit weit vorgestreckten Armen nach einem weiteren Ast sprang –und ihn verfehlte. Er schrie auf, stьrzte anderthalb Meter in die Tiefe und kam mit einem Fluch wieder auf die Beine. Die Wцlfe jagten heran; zwei, drei, fast ein halbes Dutzend grauer Schatten. Charity schrie erschrocken auf. Aber Skudder schaffte es. Er versuchte nicht noch einmal, nach dem Ast zu springen, sondern kletterte mit schier unglaublicher Schnelligkeit am Baumstamm hinauf, wдhrend die Wцlfe mit wьtend gefletschten Zдhnen auf ihn zufederten. »Skudder – hier!« Charity beugte sich vor, hielt sich mit einem Arm am Ast fest und streckte Skudder die andere Hand entgegen. Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung zog sie ihn zu sich herauf. Und dann war er es, der sie halten muЯte, weil sie vor Erschцpfung fast vom Ast fiel. Sekundenlang saЯ sie einfach da und rang keuchend nach Atem, ehe ihr zu BewuЯtsein kam, daЯ Skudder sie noch immer festhielt. Zornig befreite sie sich aus seiner Umarmung und stieЯ ihn von sich. Skudder grinste. »Wenn du jetzt darauf wartest, daЯ ich mich bei dir bedanke, dann tдuschst du dich«, sagte sie дrgerlich. Skudders Grinsen wurde noch ein biЯchen breiter, aber er schwieg. Und das machte Charity noch rasender. Wьtend blickte sie nach unten. Die Wцlfe hatten den Baum eingekreist und sprangen klдffend und jaulend an seinem glatten Stamm empor. Es kamen immer mehr. Offenbar hatte das Rudel nicht besonders lange gebraucht, um die Heuschrecke aufzufressen. »Das war knapp«, sagte Charity leise. Skudder lachte. »Die Heuschrecke war ьbrigens vцllig harmlos«, sagte er amьsiert. »Sie sind Pflanzenfresser. Sie werden nur gefдhrlich, wenn sie sich verteidigen mьssen.« Charity starrte ihn zornig an. Gleichzeitig hatte sie das heftige Bedьrfnis, sich selbst zu ohrfeigen. Vor allem, als Skudder im gleichen, fast beilдufigen Tonfall fortfuhr: »Ziemlich leichtsinnig von dir, allein und unbewaffnet durch diese Gegend zu laufen, findest du nicht? Du wдrst nicht die erste, die von den Wцlfen gefressen wird. Sie waren schon eine ganze Weile auf deiner Spur.« »So wie du?« Skudder schьttelte den Kopf. »Nein. Ich bin den Wцlfen gefolgt. Aber ich wuЯte schon seit einer Stunde, wo du bist.« »Warum hast du dann nicht einfach gewartet, bis sie mich erledigen?« fragte Charity. Ihr Zorn galt eigentlich mehr sich selbst als Skudder. Er hatte nur zu recht – es war mehr als nur leichtsinnig von ihr gewesen, einfach loszulaufen, in einer Welt, von der sie wenig mehr wuЯte, als daЯ sie die meisten ihrer Bewohner getrost als Feinde betrachten konnte. »Ich soll dich lebend abliefern«, erinnerte Skudder. Er schьttelte den Kopf. »Wo wolltest du ьberhaupt hin? Hier gibt es im Umkreis von hundert Meilen nichts, wohin es sich zu fliehen lohnen wьrde.« Charity zog es vor, nicht auf diese Frage zu antworten, sondern blickte wieder zu den Wцlfen hinab. Die Tiere gerieten immer weiter auЯer sich. Mit einer fragenden Geste deutete Charity auf die Maschinenpistole – ihre MP, wie sie дrgerlich registrierte —, die in Skudders Gьrtel steckte. »Warum knallst du nicht ein paar von ihnen ab?« fragte sie. »Vielleicht verschwinden die anderen dann. Ich habe keine Lust, auf diesem Baum zu ьbernachten.« Skudder schьttelte den Kopf. »Warum sollte ich sie erschieЯen?« fragte er ernst. »Sie tun uns nichts mehr. Und sie gehen sowieso bald.« Tatsдchlich schienen die ersten Wцlfe bereits das Interesse an Charity und ihm zu verlieren. Hier und da sprang noch einer der grauen Jдger in die Hцhe und versuchte den Baum zu erklimmen, aber die Tiere schienen allmдhlich zu begreifen, daЯ ihnen diese Beute entwischt war. »Es war ziemlich dumm von dir zu fliehen«, sagte Skudder noch einmal. »Nicht, daЯ ich es nicht auch versucht hдtte – aber ich hдtte mir eine andere Richtung ausgesucht, weiЯt du? Nicht einmal die Reiter wagen sich in die Berge.« »Nur die tapferen Sharks, wie?« fragte Charity hцhnisch. Skudder schьttelte den Kopf. »Nicht einmal die«, sagte er. »AuЯer, wenn sie mьssen. Du hast Glьck, daЯ du noch lebst.« »Ich habe mich schon bedankt«, sagte Charity spitz. »Oder?« »Versuch es nicht noch einmal«, fuhr Skudder unbeeindruckt fort. »Ich weiЯ nicht, ob ich jedesmal rechtzeitig zur Stelle sein " kann, um dich zu retten. Es gibt Schlimmeres hier als die Wцlfe.« Charity antwortete nicht mehr. Statt weiter mit ihm zu reden, blickte sie wieder nach unten. Die Wцlfe zogen sich tatsдchlich langsam zurьck; zuerst einzeln, dann in kleineren und grцЯeren Gruppen, die in nцrdlicher Richtung im Unterholz verschwanden, bis nur noch ein einzelnes Tier unter dem Baum saЯ, das hechelnd und mit heraushдngender Zunge wie ein Hund dasaЯ, ehe es sich ebenfalls davonmachte. Trotzdem vergingen noch gute zehn Minuten, bevor Skudder hinuntersprang. Mit einer kraftvollen Bewegung schwang er sich zur Seite, hing einen Moment lang mit ausgestreckten Armen wie ein Reckturner am Ast und lieЯ sich schlieЯlich in die Tiefe fallen. Fast gegen ihren Willen muЯte Charity die kraftvolle Geschmeidigkeit seiner Bewegungen bewundern. Er fiel, rollte sich blitzschnell ьber die Schulter ab und kam wieder auf die FьЯe; gleichzeitig zog er die Axt aus dem Gьrtel –nicht die SchuЯwaffe, wie Charity sehr wohl registrierte. Er wurde nicht angegriffen. Das Unterholz spie weder Wцlfe noch andere Ungeheuer aus, und nach einer Weile richtete er sich wieder auf und hob die Arme. »Spring!« sagte er. Charity sprang tatsдchlich. Aber sie lieЯ sich nicht in seine Arme fallen, wie er wohl angenommen hatte, sondern drehte sich halb um ihre Achse, landete ein gutes Stьck neben ihm, rollte ьber die Schulter ab – und griff warnungslos an. Ihr FuЯ beschrieb einen perfekten Halbkreis und traf sein Kinn mit der dreifachen Wucht eines Faustschlages. Die meisten anderen Mдnner hдtte dieser Tritt getцtet oder kampfunfдhig gemacht, zumal Skudder so ьberrascht war, daЯ er nicht einmal versuchte, ihm auszuweichen. Aber Skudder stьrzte nicht, sondern taumelte nur zwei, drei Schritte mit wild rudernden Armen zurьck und fing sich wieder. Benommen schьttelte er den Kopf. Charity setzte sofort nach. Mit aller Kraft stieЯ sie sich ab, drehte sich halb in der Luft und rammte ihm beide FьЯe vor die Brust, und diesmal stьrzte er, schwer und ohne einen Laut. Aber er war in der gleichen Sekunde wieder auf den FьЯen wie sie. Charity schlug mit der flachen Hand nach seinem Hals, und versuchte ihm gleichzeitig das Knie zwischen die Beine zu rammen, doch er fing ihre Schlдge ab, beinahe spielerisch, wie es ihr vorkam, und versetzte ihr im Gegenzug eine schallende Ohrfeige, die sie haltlos zurьcktorkeln lieЯ. Dennoch beging er den Fehler, sie wieder zu unterschдtzen. Charity versuchte nicht, ihm auszuweichen oder ihn aufzuhalten. Ganz im Gegenteil packte sie seine ausgestreckten Arme, zerrte mit aller Kraft daran und lieЯ sich gleichzeitig nach hinten kippen. Skudder prallte mit einem erschrockenen Laut gegen ihr plцtzlich hochgerissenes Knie, schien mit einem Male schwerelos zu werden und segelte drei, vier Meter weit mit wild rudernden Armen durch die Luft. Charity war mit zwei blitzschnellen Schritten bei ihm, zerrte die MP aus seinem Gьrtel –und wich wieder zurьck. Hastig entsicherte sie die Waffe und legte auf ihn an. Skudder richtete sich stцhnend auf und griff nach seinem Kopf. Als er seine Finger wieder zurьckzog, klebte Blut daran. »Bewege dich, und du bist tot«, sagte Charity drohend. Skudder betrachtete eine Sekunde lang seine blutigen Fingerspitzen, ehe er aufsah. Sein Blick wirkte eher vorwurfsvoll als zornig. »Ich habe dich schon wieder unterschдtzt«, sagte er. »Allmдhlich wird das zu einer schlechten Angewohnheit. Wo hast du gelernt, dich so zu prьgeln?« »Da, wo ich auch gelernt habe, wie man mit Typen wie dir umgeht«, antwortete Charity wьtend. Als er sich bewegen wollte, fьgte sie drohend hinzu. »Bleib unten. Du bist mir ein biЯchen zu schnell.« Skudder erstarrte tatsдchlich, aber er sah nicht besonders дngstlich aus. Ganz im Gegenteil – er lдchelte, als er in den Lauf der MP blickte, die Charity auf sein Gesicht richtete. »Das tust du ja doch nicht«, behauptete er. »Bist du sicher?« Skudder nickte. »Sehr. Du schieЯt ebensowenig auf einen Unbewaffneten wie ich. Ich werde jetzt aufstehen.« Charitys Daumen berьhrte eine winzige Taste auf der MP, und auf dem schwarzen Leder, das Skudders rechtes Knie umhьllte, erschien ein mьnzgroЯer, blutroter Punkt. Der Lasersucher stieЯ ein kaum hцrbares, aber scharfes Summen aus. »Mцchtest du eine Kugel dorthin?« fragte Charity. »Es macht mir nichts aus.« Skudder zцgerte. Zum erstenmal, seit sie ihn kennengelernt hatte, wirkte er unsicher. »Es macht mir nicht einmal etwas aus, dich hinterher eigenhдndig wieder auf den Baum zu schleppen, damit dich die Wцlfe nicht fressen, Skudder«, sagte Charity ernst. »Aber ich drьcke ab, wenn du auch nur hustest.« Skudder betrachtete fast eine Minute lang den roten Lichtfleck auf seinem Knie, ehe er wieder zu ihr aufsah. »Du hast keine Chance«, sagte er leise. »Glaub mir, du ьberlebst nicht einmal einen Tag hier drauЯen.« »Ich werde mein Mцglichstes tun«, erwiderte Charity ruhig. »Und jetzt leg dich hin. Auf den Bauch und mit ausgestreckten Armen und Beinen.« Skudder zцgerte noch einmal, aber dann begann er – sehr langsam

– Charitys Befehl auszufьhren.

Aber er beendete die Bewegung nicht. Plцtzlich erstarrte er. Seine Augen wurden groЯ, wдhrend sich sein Blick auf etwas hinter ihr heftete. Charity seufzte. »Wenn du glaubst, ich falle auf diesen Trick herein, Skudder«, sagte sie. »Der war schon alt, als ich geboren wurde. Und das ist lange her.« »Es ist kein Trick.« Skudders Lippen preЯten sich zu einem schmalen, fast blutleeren Strich zusammen. »Verdammt, ich wollte, es wдre einer«, flьsterte er. Charity zцgerte. Entweder war Skudder der beste Schauspieler, dem sie jemals begegnet war – oder der Ausdruck fast panischen Schreckens auf seinem Gesicht war echt. Aber auf keinen Fall wollte sie sich herumdrehen. Natьrlich tat sie es trotzdem. Nein – es war kein Trick. Sie waren nicht mehr allein, ein gutes Dutzend Mдnner und Frauen in eng anliegenden, hellblauen Uniformen bildeten einen weiten Halbkreis um sie und Skudder. Die Uniformen sahen ihrer zum Verwechseln дhnlich. Und die Waffen, die sie in den Hдnden hielten, waren ganz eindeutig Lasergewehre. Die Haut des Dutzends Mдnner und Frauen war sehr blaЯ. Kein Zweifel – sie hatten die Tiefen gefunden. Und sie waren weit mehr als eine Legende. Charity lieЯ mit einem erleichterten Seufzen ihre Waffe sinken und trat den Uniformierten entgegen. Sie fand nicht einmal mehr Zeit, die Bewegung zu bedauern. Einer der zwцlf Laser stieЯ einen dьnnen, grellroten Blitz aus, der ihr das BewuЯtsein nahm. 8 Im Verlaufe der letzten halben Stunde hatte sich der rote Punkt im oberen Drittel des Sucherbildschirmes nicht mehr bewegt. Dann, vor ein paar Minuten, war er wieder zitternd weitergewandert, aber nur um ein winziges Stьckchen, um dann wieder zur Reglosigkeit zu erstarren. Seither wurde er schwдcher. Ganz so, als entferne er sich langsam aus dem Aufnahmebereich des Suchers, nahm seine Leuchtkraft ganz allmдhlich ab, ohne daЯ er sich auch nur um einen Millimeterbruchteil von der Stelle rьhrte. Jeden anderen an Raouls Stelle hдtte dieses Phдnomen zumindest verwirrt, wenn nicht sogar erschreckt. Raoul nicht. Nьchtern registrierte er das sonderbare Verhalten des Leuchtpunktes, versuchte Schlьsse daraus zu ziehen und wog die verschiedenen mцglichen Erklдrungen gegeneinander ab. Er hцrte Schritte, verbarg den Sucher rasch unter seinem Hemd und sah auf. Bart nдherte sich ihm, und wie sie alle sah er sehr nervцs aus. Das Gewehr hielt er in der linken Hand, die rechte hing in einer Schlinge vor seiner Brust, sie war mit einem schmutzigen Verband umwickelt – ein kleines Andenken an das Wolfsrudel, auf das sie vor einer Stunde gestoЯen waren. Sie hatten drei Mдnner verloren, und fast ein Dutzend war mehr oder weniger schwer verwundet worden, ehe es ihnen gelungen war, die Biester in die Flucht zu schlagen. »Sie kommen«, sagte Bart. Er deutete mit dem Gewehrlauf auf den Felsen, auf dessen Spitze einer der Mдnner Wache hielt. Raoul hatte die Motorrдder, die sich mьhsam die halbverfallene StraЯe hinaufquдlten, schon seit einer geraumen Weile gehцrt. »Soll ich den Jungs Bescheid sagen?« fragte Bart. »Wir kцnnen gleich weiterfahren.« Mit einem verlegenen Lдcheln fьgte er hinzu. »Ist vielleicht besser, wenn wir nicht zu lange hier bleiben.« Raoul ьberlegte einen Moment. Dann schьttelte er den Kopf. »Nein«, sagte er. »Wir warten noch, bis es hell ist.« »Skudder ist schon ziemlich lange weg«, gab Bart zu bedenken. »Wir sollten nach ihm suchen. Ich … mache mir allmдhlich Sorgen um ihn.« »Brauchst du nicht«, sagte Raoul kalt. »Wir warten noch.« Bart sah betroffen aus. Aber natьrlich wagte er es nicht, noch einmal zu widersprechen. Dieses Mal wachte sie nicht einfach auf – jemand prьgelte sie ins BewuЯtsein zurьck, nicht besonders heftig, aber ziemlich ausdauernd. Charity stцhnte. Warum konnten diese Idioten nicht auf die altmodische Weise vorgehen? dachte sie zornig. Ein Eimer Wasser hдtte es doch auch getan! Der Zorn mobilisierte neue Krдfte in ihr. Sie цffnete die Augen, versuchte instinktiv die Hand vor das Gesicht zu heben und stellte fest, daЯ sie gefesselt war. Die Hand klatschte ein letztes Mal in ihr Gesicht, dann schien ihr Besitzer endlich zu merken, daЯ sie wach war, und zog sich einen Schritt zurьck. Charity war nicht sicher – aber sie glaubte zumindest, das Gesicht wiederzuerkennen: Es war einer der Tiefen, denen Skudder und sie drauЯen vor dem Hang begegnet waren. Sie befanden sich nicht mehr im Freien, sondern in einem kleinen, weiЯ gestrichenen Raum, der von einer Anzahl Neonrцhren in kaltes Licht getaucht wurde. Das Gesicht ьber ihr war bleich, und die weiЯe Helligkeit lieЯ es noch blasser erscheinen, als es ohnehin schon war. Wдren die Augen schwarz umrandet gewesen und hдtte jemand noch eine Trдne darunter gemalt, dann hдtte dieses Gesicht ausgesehen wie eine Pierrot-Maske. »Sie kцnnen aufhцren, auf mich einzuschlagen«, sagte sie endlich. »Halt den Mund«, erwiderte der Mann. »Du sprichst nur, wenn du gefragt wirst.« »Zu Befehl«, sagte Charity – was ihr prompt eine weitere, schallende Ohrfeige einhandelte. Ihre Wangen brannten jetzt wie Feuer. Aber sie unterdrьckte jeden Schmerzlaut und starrte den WeiЯgesichtigen nur an. Er war nicht der einzige Tiefe, der sich im Raum aufhielt. Charity lag lang ausgestreckt auf einer Art Feldbett, an das sie gefesselt war, immerhin aber konnte sie den Kopf bewegen. Auf der anderen Seite des Raumes, nur knapp drei Meter entfernt, stand eine zweite, gleichartige Liege, auf der gefesselt eine Gestalt in schwarzem Leder lag. Zwei Gestalten in hellblauen NASA-Uniformen lehnten lдssig an der Wand neben ihm, und zwei weitere hatten sich neben Charitys Bett postiert. Also fьnf, wenn sie den Mann mitrechnete, der sie geweckt hatte. Ein ziemlicher Aufwand, wenn man bedachte, daЯ sie gefesselt waren. »Wer bist du?« fragte der Mann mit dem bleichen Gesicht. Seine Stimme klang scharf und so, als wдre er es nicht gewohnt, eine Frage zweimal zu stellen. »Mein Name ist Laird«, sagte sie. »Captain Charity Laird von der U.S. Space Force.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf seine Uniform und fьgte lдchelnd hinzu: »Wir sind vom selben Haufen, Kamerad.« Er zog eine Grimasse, die Erstaunen ausdrьckte. Aber ihre Antwort schien ihn zumindest so weit zufriedenzustellen, daЯ er darauf verzichtete, sie wieder zu ohrfeigen. »Wo kommst du her?« fuhr er fort. »Und wie kommst du an diese Kleidung?« »Warum bindest du mich nicht los, und wir reden in aller Ruhe ьber alles?« fragte sie. »Ich stehe auf eurer Seite.« »Niemand steht auf unserer Seite – auЯer uns«, erwiderte der Tiefe. Er sagte es mit sonderbarer Betonung, fand Charity. Sehr schnell und irgendwie heruntergeleiert, wie etwas, das er sich selbst so oft eingehдmmert hatte, bis er gar nicht mehr darьber nachdachte. Er wechselte auch sofort wieder das Thema und fuhr mit einer Geste auf Skudder fort: »Was hast du mit diesem Shark zu schaffen?« »Nichts«, antwortete Charity. »Warum wart ihr dann zusammen?« Allmдhlich machte dieses Verhцr Charity wirklich wьtend. »Falls es deiner geschдtzten Aufmerksamkeit entgangen sein sollte«, sagte sie bцse, »ich war gerade dabei, mich von ihm zu verabschieden, als ihr aufgetaucht seid.« »Ihr seid zusammen hierhergekommen«, beharrte der Tiefe. »Warum?« »Das sind wir nicht«, mischte sich Skudder ein. »Sie sagt die Wahrheit. Ich war hinter ihr her.« »Er ist anhдnglich«, bestдtigte Charity, wдhrend sie erstaunt zu Skudder hinьbersah. Der Shark wirkte sehr ernst. Nicht дngstlich, aber besorgt. »Sie lьgen, Mark«, sagte einer der anderen Tiefen. »Das ist ein Trick. Wir sollten sie erschieЯen und den Wцlfen zum FraЯ vorwerfen.« Mark nickte. »Vielleicht tun wir das«, sagte er ernst, dann wandte er sich wieder an Charity. »Es sei denn, du hast ein paar sehr gute Antworten, Laird. Also – wo kommst du her und woher hast du diese Kleidung?« Charity seufzte lautlos. Aber vielleicht war es das beste, Marks Fragen einfach der Wahrheit nach zu beantworten. »Ich komme aus New York«, antwortete sie. »Und diese Kleider sind meine Uniform. Die Dienstkleidung eines Raumpiloten der U.S. Space Force.« Auf Marks Hieb war sie nicht gefaЯt. Bunte Schmerzblitze flackerten vor ihren Augen. Ihre Unterlippe blutete ein wenig. »Du lьgst.« »Nein«, sagte Charity gepreЯt. »Aber ich kann mir gerne ein paar Lьgen ausdenken, wenn dir die Wahrheit nicht gefдllt.« Marks Augen funkelten, aber er verzichtete darauf, sie noch einmal zu schlagen, und wandte sich an Skudder. »Gut, dann zu dir, Shark. Du bist also Skudder.« Er lachte ganz leise. »Es freut mich, dich persцnlich kennenzulernen. Ich habe viel von dir gehцrt.« Skudder nickte. »Es ist wirklich ein Kreuz, so berьhmt zu sein«, sagte er im Plauderton. »Aber ichkann es … « Mark versetzte ihm einen Faustschlag ins Gesicht, und Skudder verstummte. Ein dьnnes, bцses Lдcheln erschien auf seinen Lippen, und plцtzlich war es der Tiefe, der einen halben Schritt vor dem Shark zurьckwich, nicht umgekehrt. »Deine dummen Sprьche werden dir vergehen«, prophezeite Mark. »Du kommst hier nicht mehr lebend raus. Wir haben lange auf dich gewartet.« Skudder blickte haЯerfьllt zu ihm auf, aber seine Stimme war ganz ruhig, als er antwortete: »Das ist mir klar, Mark. Ihr kцnnt mich nicht leben lassen, jetzt, wo ich weiЯ, wo ich euch suchen muЯ. Aber laЯt Charity laufen. Sie sagt die Wahrheit. Sie gehцrt wirklich eher zu euch als zu uns.« »Ja, und deshalb nimmst du sie auch in Schutz, nicht wahr?« sagte Mark hцhnisch. »Ich glaube dir kein Wort. Wahrscheinlich habt ihr diese Uniform irgendwo gefunden und kommt euch jetzt besonders schlau dabei vor, uns dieses kleine Schmierentheater vorzuspielen. Sie ist eine von euch.« Skudder schwieg eine Weile. Charity konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. »Selbst wenn es so wдre«, sagte er schlieЯlich. »Dann wдre es um so dьmmer, uns umzubringen. Oder glaubst du wirklich, wir beide wдren allein gekommen?« »Nein«, antwortete Mark ungerьhrt. »Ich weiЯ sogar, daЯ es nicht so ist. Aber wenn du darauf hoffst, daЯ deine Aasgeier dir zu Hilfe eilen, irrst du dich. Wir wissen von jedem einzelnen, wo er ist. Wenn sie hierherkommen, tцten wir sie.« »Ach?« sagte Skudder spцttisch. »Ьbernehmt euch nicht.« »Er hat recht, Skudder«, sagte Charity ernst. »Deine Mдnner haben keine Chance. Dieser Bunker ist eine Festung.« Skudder sah sie verwirrt an, und auch Mark drehte sich wieder herum. »Woher willst du das wissen?« »SS Nulleins«, antwortete Charity betont. »Die grцЯte und sicherste Bunkeranlage der westlichen Welt. Sechsundzwanzig Ebenen, von denen einige allerdings zerstцrt sein dьrften. Ausgerьstet mit den modernsten Waffensystemen, einer autarken Energieversorgung und Startvorrichtungen fьr drei Space Shuttles, von denennoch zwei unten im Hangar stehen. Nochmehr?« Mark schwieg eine ganze Weile, und zum ersten Mal schienen ihm Zweifel zu kommen. Aber dann machte er eine abrupte, wegwerfende Handbewegung. »Das beweist nichts«, behauptete er. »Das kannst du ьberall erfahren haben.« »Ьberall vielleicht nicht, aber du hast natьrlich recht«, antwortete Charity. »Aber ich kann dir gerne einen GrundriЯ der Kommandoebene zeichnen. Ich kann dir sagen, wie viele Rдume es dort unten gibt und wie sie aussehen. Und ich habe noch etwas, was dich vielleicht ьberzeugt.« »Und was?« Charity berьhrte mit dem Kinn ihre Brust. »Schau unter meiner Jacke nach.« Mark zцgerte, beugte sich dann aber fast hastig vor und цffnete den KlettverschluЯ ihrer Uniformjacke. Charity bedauerte ein biЯchen, ihren Kцrperschild nicht eingeschaltet zu haben. Sie hдtte diesem eingebildeten Ekel einen kleinen Stromschlag gegцnnt. Marks Augen weiteten sich, als er die kleine, silberfarbene Erkennungsmarke sah, die an einer Kette um ihren Hals hing. »Ein … Class-A-Ausweis?« fragte er unglдubig. »Sieht so aus«, antwortete Charity дrgerlich. »Machst du mich jetzt los?« Mark wollte etwas entgegnen, als plцtzlich ein heller, durchdringender Pfeifton erklang und auf dem kleinen Schaltpult neben der Tьr ein rotes Lдmpchen aufleuchtete. Mark fuhr fast erschrocken herum. »Ja?« sagte er. »Bringt sie zu mir«, antwortete eine Stimme aus einem unsichtbar angebrachten Lautsprecher. »Sofort.« »Beide?« fragte Mark. »Sie sind … « »Beide«, unterbrach ihn die Lautsprecherstimme. »Den Shark und Captain Laird. Und behandelt sie gut.« Ein scharfes Knacken verriet, daЯ der Lautsprecher abgeschaltet worden war, ohne eine Antwort abzuwarten. Mark blickte noch eine Weile hilflos ins Leere, dann straffte er sich und gab seinen Begleitern einen Wink, Charity und Skudder loszubinden. Der Weg fьhrte nach unten, und zum ersten Mal, seit Charity SS Nulleins betreten hatte, begriff sie wirklich, wie gigantisch die Bunkeranlage war – schlieЯlich war es ja auch das erste Mal, daЯ sie den Weg bis zur zwanzigsten Ebene hinab zu FuЯ zurьcklegen muЯte. Irgendwo zwischen drei– und vierhundert hцrte sie auf, die Stufen zu zдhlen, die Skudder und sie hinuntergingen; grцЯtenteils einfach, weil sie all ihre Konzentration brauchte, um auf der halbzerstцrten Betontreppe nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Treppe war nur schwach erhellt und lediglich notdьrftig repariert worden, so daЯ es manchmal zu einer geradezu lebensgefдhrlichen Kletterei wurde, mit Mark und seinen Begleitern Schritt zu halten. Zu allem ЬberfluЯ hatte Mark ihr Handschellen angelegt. Von der Bunkeranlage sah Charity nur wenig. Die Tьren, an denen sie vorьberkamen, waren ausnahmslos verschlossen, und auch als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten – die verblichene Ziffer auf der Tьr behauptete, daЯ es sich um die zweiundzwanzigste Ebene handelte —, sahen sie wenig mehr als einen kahlen, von nur wenigen Neonrцhren erhellten Korridor. Aber anders als der Treppenschacht war er nicht verfallen. Es gab weder Trьmmer noch irgendwelche Schдden, ja, nicht einmal Staub. Obwohl menschenleer, machte dieser Teil des Bunkers einen durchaus bewohnten Eindruck. Es war tatsдchlich so, wie sie angenommen hatte – sie war nur ein paar Dutzend Schritte von hier aufgewacht! Hдtte sich diese verdammte Tьr geцffnet, dann … »Stehenbleiben!« Marks Stimme riЯ sie in die Wirklichkeit zurьck. Sie gehorchte, versuchte aber ьber seine Schulter hinwegzublinzeln, als er die Tьr цffnete und mit schnellen Schritten dahinter verschwand. Charity erhaschte einen kurzen Blick auf einen hellen, sehr sauberen Raum. Mдnner und Frauen in hellblauen und weiЯen Uniformen saЯen vor eingeschalteten Computern. »Phantastisch«, murmelte Skudder neben ihr. Sie sah auf und erkannte, daЯ sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzerrt hatte. »Und das nennt ihr Leben?« Charity antwortete nicht gleich. Skudders Bemerkung дrgerte sie. Dieser Bunker, der Computerraum hinter der Tьr, ja, selbst Mark in seiner blauen Space-Force-Uniform, das alles hatte ihr fьr Augenblicke das Gefьhl gegeben, nach Hause gekommen zu sein. Skudders Worte zerstцrten diese Illusion. »Nein«, antwortete sie. »Aber ich glaube nicht, daЯ sie es sich ausgesucht haben.« Skudder konnte nicht mehr antworten, denn in diesem Moment kam Mark zurьck und machte eine befehlende Geste. »Mitkommen.« »Wohin bringen Sie uns?« fragte Skudder. »Zu unserem Fьhrer«, erwiderte Mark kalt. Skudder fuhr fast unmerklich zusammen, aber Charity war nicht sonderlich ьberrascht. Captain Laird, hatte die Lautsprecherstimme gesagt, und das Wort Captain war ihr ein biЯchen zu glatt ьber die Lippen gegangen. Sie hatte das bestimmte Gefьhl, zu wissen, wer sie auf der anderen Seite der Tьr erwartete. Sie durchquerten den Raum, in den Charity gerade hineingesehen hatte und der wirklich so etwas wie eine Computerzentrale zu sein schien. Die Mдnner und Frauen an den Pulten waren ausnahmslos so blaЯ und schlank wie Mark, und ihre gleichfцrmige Kleidung lieЯ sie wie Automaten wirken. Sie fьhlte sich in einen jener alten Science-Fiction-Filme versetzt, in denen die Menschen nach einer Atomkatastrophe in unterirdischen Bunkeranlagen ьberlebt hatten, menschliche Maulwьrfe, die nicht einmal mehr wuЯten, daЯ es einmal einen Himmel gegeben hat, der nicht aus Stein oder Beton bestand. Nur, daЯ dies keine erfundene Geschichte war, sondern die Wirklichkeit. Und daЯ sie hundertmal schlimmer war als alles, was menschliche Phantasie jemals ersonnen hatte. Endlich hatten sie den Raum durchquert, und Mark цffnete eine weitere Tьr. Charity registrierte, daЯ rechts und links des Durchganges bewaffnete Posten standen, die sie und Skudder mit unverhohlenem MiЯtrauen musterten. Als sie durch die Tьr traten, wurden sie von grellen Scheinwerfern geblendet. Hinter einem richtigen Schreibtisch saЯ eine Gestalt, die sie imgleiЯenden Licht kaum wahrnehmen konnten. Дrgerlich hob sie die gefesselten Hдnde ans Gesicht und blinzelte. »Was soll dieser Unsinn, Stone?« fragte sie. Sie sah, wie Skudder erstaunt zusammenfuhr und sie aus groЯen Augen anblickte, und auch auf Marks Gesicht erschien ein fragender Ausdruck. »Wir haben jetzt lange genug Theater gespielt, finden Sie nicht?« fuhr sie fort. »Schalten Sie das blцdsinnige Licht aus!« Im ersten Moment geschah nichts. Dann bewegte sich der Schatten hinter dem Lichtvorhang, und ein leises, sehr dьnnes Lachen erscholl. Etwas klickte, und das Licht erlosch. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich Charitys Augen wieder an die verдnderten Lichtverhдltnisse gewцhnt hatten – und dann noch einmal eine Weile, bis sie begriff, daЯ sie sich getдuscht hatte. Es war nicht Stone. Aber sie kannte das Gesicht auf der anderen Seite des Schreibtisches trotzdem; obwohl es sich auf unglaubliche Weise verдndert hatte. »Niles!« flьsterte sie fassungslos. 9 Raoul schob sich Zentimeter fьr Zentimeter auf den Hang zu. Er hatte zwanzig Minuten gebraucht, um die zehn Schritte vom Waldrand bis zum FuЯ der Gerцllhalde zurьckzulegen, auf dem Bauch kriechend und so langsam, daЯ er manchmal das Gefьhl gehabt hatte, ьberhaupt nicht mehr von der Stelle zu kommen. Die ganze Zeit ьber hatte er das kleine, blinkende Glasauge nicht einmal aus den Augen gelassen, das aus der Schutthalde herab auf den Waldrand starrte. Keiner der anderen hдtte es bemerkt, und auch Raoul hatte es nur gesehen, weil er erstens ziemlich genau gewuЯt hatte, wonach er suchen muЯte, und weil es sich bewegte – sehr langsam, aber unaufhцrlich. Eine halbe Drehung nach rechts, Pause. Eine halbe Drehung nach links, Pause … Manchmal, wenn ein fallendes Blatt, ein Staubwirbel oder ein kleines Tier in seinen Sichtbereich gekommen waren, hatte es angehalten, aber nie fьr sehr lange. Raoul kannte diese Art von Ьberwachungsgerдten, und das war auch der Grund, warum er sich auf Hдnden und Knien und im Schneckentempo bewegte. Immer dann, wenn das matte Glasauge direkt in seine Richtung blickte, erstarrte er zu vцlliger Reglosigkeit. Dann atmete er nicht einmal mehr. Es war eine Videokamera, aber das kleine, in unregelmдЯigen Abstдnden flackernde rote Auge darunter verriet ihm auch, daЯ sie nicht permanent eingeschaltet, sondern mit einem primitiven Melder gekoppelt war, der auf jegliche Art von Bewegung reagierte. Er vermutete, daЯ es Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher kьnstlichen Augen gab, die das Gelдnde rings um den Berg absuchten. Wahrscheinlich waren sie mit einem Computer gekoppelt, der jede registrierte Bewegung auswertete. Raoul hatte die Schutthalde erreicht. Die Kamera war ihm so nahe, daЯ er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sie zu berьhren. Sein Blick huschte ьber die Trьmmerlandschaft aus Felsbrocken und Schutt und blieb an einem niedrigen, dreieckigen Spalt hдngen. Der Eingang. Hier nur konnte der Eingang liegen. Langsam, unendlich langsam, richtete er sich auf und streckte die Hand nach der Kamera aus. Zwischen seinen Fingern glitzerte ein rundes Glas, geschliffen wie ein Prisma, aber viel zu dick dafьr, und auf sonderbare Weise gleichzeitig durchsichtig wie milchig. Seine Hand brauchte zehn Minuten, um die knapp zwanzig Zentimeter zurьckzulegen, und seine Krдfte drohten abermals zu erlahmen. Er wartete. Die Kamera drehte sich, hielt an, drehte sich weiter, richtete sich fьr einen Moment genau auf seine Hand. Raouls Finger zuckten in einer unglaublich schnellen Bewegung vor. Das Prismenglas prallte klirrend gegen die Aufnahmeoptik und verdeckte sie. Fьr den Bruchteil einer Sekunde verzerrten graue Schlieren das Glas, und Raoul wuЯte, daЯ jetzt irgendwo im Inneren des Berges eine Alarmglocke anschlug und wahrscheinlich ein Monitor zum Leben erwachte. Dann klдrte sich das Glas, und unten auf dem Monitor wьrde im gleichen Moment nichts anderes als das vertraute Bild des Waldrandes zu sehen sein, farbig und dreidimensional und sogar mit der Illusion von Bewegung – aber ohne die Sharks, die auf sein Zeichen hin aus ihrer Deckung traten und sich dem Hang nдherten. Das Prisma filterte sie einfach heraus, so, wie es alles aus dem Bild herausgefiltert hдtte, von dem Raoul wollte, daЯ es es tat. Es war ein kleines Wunderwerk, dieses harmlos aussehende Glas. Es war nicht auf der Erde gemacht worden. Raoul erhob sich stцhnend und verbrachte die nдchsten Minuten damit, seine Hand-und FuЯgelenke zu massieren, bis das Leben kribbelnd in seine Glieder zurьckkehrte. Dann drehte er sich zu Bart und den gut hundert anderen Sharks herum, die hinter ihm stehengeblieben waren, zog seine Waffe und deutete auf den dreieckigen Spalt im Berg. »Los!« befahl er. Es ist vцllig unmцglich, dachte Charity, absolut ausgeschlossen. Aber der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches war Niles. Niles, mit dem sie zum Mond und zum Mars und dann zum Sternenschiff hinaufgeflogen war. Sie hatte ihn gemocht, hatte gern mit ihm zusammengearbeitet. Niles war ein gutes Jahr jьnger als sie gewesen, ein Bild von einem Mann, sehr intelligent, nur manchmal hatte er sich darin gefallen, den dummen Nigger zu spielen. Jetzt aber war er … Charity starrte das Gesicht auf der anderen Seite des Tisches an, suchte krampfhaft nach Worten und versuchte vergeblich, das Entsetzen zu unterdrьcken, mit dem der Anblick sie erfьllte. Niles war alt. Unglaublich alt. Sein Gesicht schien nur noch aus Runzeln und Falten zu bestehen. Er hatte keine Haare mehr. Seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen, die immer so lebenslustig und wach gewirkt hatten, waren vom Alter trьb geworden. »GroЯer Gott«, flьsterte sie schlieЯlich. Mehr brachte sie nicht heraus. Sie konnte nicht in Worte fassen, welche Gefьhle Niles' Anblick in ihr auslцste. Und dann dachte sie, daЯ ihre Reaktion ihn tief verletzen muЯte. Betreten senkte sie den Blick. »Sie mьssen sich nicht entschuldigen, Laird«, sagte er. Seine Stimme war dьnn, wirkte aber dennoch voller Kraft. »Fьr mich war es ein ebensolcher Schock, Sie zu sehen. Aber ich war nicht ganz unvorbereitet.« Er deutete auf einen der kleinen Bildschirme, die nebeneinander auf einem Bord hinter dem Schreibtisch aufgereiht waren. »Ich hatte eine halbe Stunde, mich an den Gedanken zu gewцhnen.« Er lachte. »Ich habe mir eine Menge kluger Worte zurechtgelegt, mit denen ich Sie begrьЯen wollte – aber eigentlich ist das alles albern. Wer ist Stone?« Charity sah wieder auf. Es fiel ihr noch immer schwer, dem Blick seiner um zwei Generationen gealterten Augen standzuhalten. »Niemand«, antwortete sie. »Niemand?« »Ein Mann, den ich hier zu treffen erwartete. Es spielt keine Rolle.« Plцtzlich fiel ihr wieder der erste Gedanke ein, der ihr durch den Kopf geschossen war, als sie ihn erkannte. »Wieso leben Sie noch?« Die Worte taten ihr schon im gleichen Moment wieder leid, in dem sie sie aussprach. Selbst in ihren eigenen Ohren klangen sie fast wie ein Vorwurf. Aber Niles schien ihr die Bemerkung nicht ьbelzunehmen. »Unkraut vergeht nicht, das wissen Sie doch.« Er lachte wieder, aber diesmal klang es nicht echt. Charity hatte das Gefьhl, daЯ ihm das Sprechen groЯe Mьhe bereitete. Er hustete. »Ich habe es ьberlebt, so wie Sie –wenn ich mich auch nicht ganz so gut gehalten habe.« »Aber New … « »Ich bin herausgekommen«, unterbrach sie Niles. »Fragen Sie mich nicht wie. Ich weiЯ es nicht mehr. Irgendwie habe ich es geschafft. Und andere auch. Die … die Vernichtung war nicht so total. Sie haben Manhattan ausradiert und einen Teil der Kьste, aber wir … hatten Glьck.« »Und Ihre Frau.« »Sie ist tot«, antwortete Niles. »Meine Tochter auch. Sie hatten weniger Glьck als ich.« Er lдchelte milde. »Es macht mir nichts aus, darьber zu reden«, sagte er, und es klang ehrlich. »Es ist lange genug her, wissen Sie?« »Wer ist das?« mischte sich Skudder ein. »Ihr kennt euch?« »Halt den Mund!« rief Mark und hob drohend die Hand, als wolle er Skudder schlagen. Niles winkte hastig ab. »Sie sind manchmal wirklich etwas zu ьbereifrig, Mark«, sagte er mit sanftem Tadel. Er seufzte, drehte sich mьhsam in seinem Stuhl um und bedachte Skudder mit einem langen, nachdenklichen Blick. »Also Sie sind der legendдre Skudder«, sagte er schlieЯlich. Er seufzte wieder. »Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, mich weder anzugreifen noch zu fliehen, wenn ich Mark Sie losbinden lasse?« Mark sog scharf und hцrbar erschrocken die Luft zwischen den Zдhnen ein, und auch Skudder sah fьr einen Moment sehr verwirrt aus. Niles seufzte erneut. »Ich hasse es, mit einem gefesselten Mann zu sprechen, Mister Skudder«, sagte er. »Habe ich Ihr Wort?« Skudder nickte, und Niles machte eine neuerliche, befehlende Geste zu Mark. »Binden Sie sie los, Mark. Beide.« »Aber … « »Bitte!« sagte Niles noch einmal. Seine Stimme klang eher ungeduldig als verдrgert. »Ich weiЯ, was Sie sagen wollen, Mark. Auch ich habe schon eine Menge ьber Mister Skudder gehцrt – aber daЯ er sein Wort bricht, gehцrt nicht dazu.« »Wie Sie meinen«, entgegnete Mark дrgerlich und machte sich an die Arbeit. Er цffnete Charitys und Skudders Handschellen und bezog wieder Posten. »Es ist gut, Mark. Ich rufe Sie, wenn ich etwas brauche. Bitte lassen Sie uns allein.« Mark wurde sichtlich blaЯ, widersprach aber nicht. Mit einem ьbertrieben zackigen GruЯ drehte er sich herum und stampfte aus dem Raum, gefolgt von seinen drei Begleitern. Niles sah ihm kopfschьttelnd nach. Dann wandte er sich in fast entschuldigender Tonart an Skudder. »Ein guter Mann, wenn auch manchmal etwas hitzig. Ihnen ist doch klar, daЯ ich nicht fьr Ihr Leben garantieren kann, nicht wahr?« Skudder nickte. »Vцllig klar. Aber wieso legen Sie Ihr Leben in meine Hдnde? Sie sind ein alter Mann –und ich kцnnte Ihr Genick brechen, ehe Sie auch nur um Hilfe rufen.« »Kaum«, antwortete Niles ьberzeugt. »Und ich bin nicht ganz so schutzlos, wie Sie vielleicht glauben, Mister Skudder.« Er lдchelte, schwenkte seinen Stuhl wieder zu Charity herum und sah sie an, und plцtzlich begriff sie, daЯ sein kurzes Gesprдch mit Skudder keinen anderen Sinn gehabt hatte, als ihr einige Sekunden Zeit zu verschaffen, mit ihrer Ьberraschung fertig zu werden. »Wenn Sie wollen, lasse ich Mister Skudder hinausbringen«, sagte er. »Aber es wдre mir lieber, wenn er … « Er warf Skudder einen raschen, schwer zu deutenden Seitenblick zu … wenn er dabei wдre«, fuhr er nach einer winzigen Pause fort. »Im Gegensatz zu Mark und den meisten anderen hier bin ich nдmlich nicht der Meinung, daЯ er ein blutrьnstiger Barbar ist. Ganz im Gegenteil. Er ist ein guter Mann. Er steht nur auf der falschen Seite.« Skudder wollte etwas sagen, aber Niles brachte ihn mit einem raschen Kopfschьtteln zum Verstummen. »Hцren Sie einfach zu, Mister Skudder. Ich bin sicher, Sie werden hinterher so manches mit anderen Augen sehen.« Skudder zog eine Grimasse, entgegnete aber nichts. »Was ist passiert?« fuhr Niles fort, wieder an Charity gewandt. »Sie waren im Kдlteschlaf, nehme ich an?« »Sie wissen davon?« Niles nickte. »Es gibt nicht viel in dieser Station, von dem wir nichts wissen«, antwortete er mit sanftem Tadel. »Wir hatten Zeit genug, sie zu erkunden. Wir haben einen GroЯteil wieder aufgebaut, wissen Sie? Leider ist es uns nie gelungen, in den Raum mit den Hibernationstanks vorzudringen. Aber ich dachte, es wдre leichter zu sterben. Aber das ist es nicht.« »Es wдre nicht gegangen«, sagte Charity leise. »Der Hubschrauber war zu klein.« »Ich weiЯ«, sagte Niles. »Trotzdem – ich bin Ihnen sehr dankbar, daЯ Sie nicht zurьckgekommen sind. Ich … weiЯ nicht, was ich getan hдtte. Vielleicht wдre ich wirklich zum Feigling geworden und hдtte meine Familie im Stich gelassen. Aber so konnte ich es nicht. Und eine halbe Stunde spдter spielte es sowieso keine Rolle mehr.« Obwohl er das Gegenteil behauptet hatte, spьrte Charity, wie schwer es ihm fiel, ьber jenen Tag zu sprechen. Aber sie unterbrach ihn nicht. Schlimmer als der Schmerz der Erinnerung, den er jetzt spьrte, muЯten die Jahrzehnte gewesen sein, in denen er mit niemandem darьber hatte reden kцnnen. »Plцtzlich war alles tot«, fuhr er fort, mit leerem Blick und leiser, zitternder Stimme. »Es war … eine Art Strahlung. Erinnern Sie sich an das Haus voller Toter, das wir in der Bronx gefunden haben?« Charity nickte. »Es war dasselbe«, fuhr Niles fort. »Eine Art … graues Leuchten, anders kann ich es nicht beschreiben. Zuerst hielt ich es fьr Gas, aber das war es nicht. Es … es war ьberall, und es tцtete nur Menschen. Keine Pflanzen. Keine Tiere, nur Menschen. Sie fielen einfach um und waren tot, von einer Sekunde auf die andere. Aber nicht alle. Meine Tochter starb, und alle unsere Nachbarn, aber meine Frau und ich spьrten nichts.« »Es gab Ьberlebende in New York?« fragte Charity unglдubig. Niles nickte und schьttelte fast gleichzeitig den Kopf. »Nicht in der City. Manhattan wurde ausgelцscht, aber wir … wir lebten in den Randgebieten. Vielleicht war die Strahlung dort nicht mehr so stark.« Er zuckte die Achseln. »Viele ьberlebten. Viele flohen, aber manche blieben auch, wenigstens in den ersten Tagen. Bis die … « »Bis die Reiter kamen«, sagte Skudder. Niles nickte. »Sie wissen davon?« Skudder lдchelte kalt. »Wenn Sie von demselben New York sprechen wie ich, ja. New York ist so etwas wie ihr Hauptquartier auf diesem Kontinent. Daniel kommt von dort.« Niles' Blick nach zu urteilen, konnte er mit dem Namen Daniel noch weniger anfangen als Charity. Aber er nickte. »Bis sie kamen, ja«, bestдtigte er. »Sie … begannen irgend etwas zu bauen, und ihre Truppen machten Jagd auf uns. Sie haben viele getцtet, aber sie haben auch viele entkommen lassen. Offensichtlich kam es ihnen nur darauf an, uns aus der Stadt zu verjagen. Meine Frau und ich gehцrten jedenfalls zu denen, die entkommen konnten.« Wieder stockte er, und wieder konnte Charity sehen, wie ihn die Erinnerung zu ьbermannen drohte. Diesmal dauerte es sehr lange, bis er sich wieder in der Gewalt hatte. »Ich will Sie nicht mit Einzelheiten langweilen, Charity«, sagte er dann mit verдnderter Stimme. »Meine Frau starb wenige Wochen darauf, und ich irrte fast ein Jahr durch das Land, ehe ich mich bis hierher durchschlagen konnte. Als Sie und Mike sich in New York von mir verabschiedeten, da war ich bereit, zu sterben, und spдter, nachdem sie erst meine Tochter und dann meine Frau umgebracht hatten, da wollte ich es sogar, eine Zeitlang. Aber dann … dann wollte ich nur noch ьberleben. Irgendwie und irgendwo, um es ihnen spдter einmal heimzuzahlen.« Er sah Skudder an. »Aber im Gegensatz zu den meisten hatte ich ein Ziel«, fuhr er fort. »Ich wuЯte von diesem Bunker, und mir war klar, daЯ ich nur hier eine Chance haben wьrde. Leider kam ich zu spдt.« »Vielleicht ist es gut, daЯ Sie zu spдt gekommen sind, Niles«, sagte Charity ernst. »Als ich … in den Tank stieg, wurde der Bunkergerade angegriffen. Ich weiЯ nicht, ob es Ьberlebende gab.« »Nein«, antwortete Niles. »Es gab keine. SS Nulleins war eine Ruine, als wir hierherkamen.« »Wir?« Niles machte eine Kopfbewegung zur Tьr. »Ich war nicht allein. Einige von denen, die mich damals begleiteten, sind noch heute hier, aber die meisten sind tot. Mark und die anderen sind ihre Nachkommen.« Charity starrte ihn an. Ein unglaublicher Verdacht begann in ihr emporzusteigen, aber sie verscheuchte den Gedanken, noch ehe sie ihn wirklich zu Ende denken konnte. »Was geschah in diesem Jahr? fragte sie. Niles lachte hart. »Unsere Welt ging unter, Captain Laird«, sagte er. »Zuerst dachte ich sogar, daЯ wir eine kleine Chance hдtten. Ich glaube, sie haben uns unterschдtzt. Es gab ьberall Widerstand, und nach ein paar Wochen gelang es uns sogar, sie hier und da zurьckzuschlagen. Es sind Bomben gefallen. Die Chinesen hatten ein paar uralte Dinger, denen der EMP nichts ausgemacht hatte, und ich schдtze, von unserer U-Boot-Flotte haben einige ьberlebt. Alles in allem dauerte es fast ein halbes Jahr. Aber am Ende wurden wir besiegt. Sie kцnnen nicht gegen einen Feind siegen, der ьber unbegrenzten Nachschub verfьgt.« »Tut er das?« fragte Charity. Niles nickte. »Ich habe eine Menge ьber sie herausgefunden«, sagte er. »Die Moroni scheinen keine Geheimnisse zu haben. Sie fьhlen sich so sicher, daЯ sie Geheimhaltung wohl nicht mehr fьr nцtig halten. Und vielleicht sogar zu Recht. Sie herrschen nicht nur ьber ein paar Planeten, Charity, die Hдlfte der MilchstraЯe gehцrt ihnen, und die andere Hдlfte erobern sie wahrscheinlich gerade. Es ist vцllig sinnlos, gegen sie zu kдmpfen. Wir haben es versucht, aber sie haben uns einfach niedergewalzt.« »Aber das ist absurd!« protestierte Charity. »Es sind … Unge­heuer. Ein Volk von primitiven Monstren, das … « »Moron?« Niles schьttelte lдchelnd den Kopf. »O nein, Charity. Was Sie gesehen haben, was ich gesehen habe, was diesen Planeten niedergeknьppelt hat, das waren Ungeheuer, Aber das waren keine Moroni. Niemand hat die Herren von Moron jemals zu Gesicht bekommen. Was wir gesehen haben, das waren Sklaven. Eine Art … lebender Kampfroboter, wenn Sie so wollen. Mehr nicht.« »Das stimmt«, sagte Skudder. »Die Reiter und die anderen sind nur die FuЯtruppen. Die Herren Morons verlassen ihre Festung nie.« Charity starrte ihn fassungslos an. Alles in ihr strдubte sich dagegen, auch nur ein Wort von dem zu glauben, was sie gehцrt hatte. Aber gleichzeitig wuЯte sie auch, daЯ es die Wahrheit war. »Was geschah danach?« fragte sie mit mьhsam beherrschter Stimme. »Nach dem Krieg?« »Alles brach zusammen«, berichtete Niles. »Was die Insektenkrieger oder der Graue Tod nicht niedermachten, das zerstцrten unsere eigenen Bomben. Die meisten groЯen Stдdte wurden ausradiert, hier, in Europa, in Asien – ьberall. Die Armeen Morons zogen sich langsam zurьck – die meisten starben nach wenigen Wochen. Ich vermute, daЯ sie sich nicht an die fremde Umgebung gewцhnen konnten. Aber manche blieben auch. Ein paar Gattungen ьberlebten, paЯten sich an. Es gab … Mutationen. Kreu­zungen zwischen einheimischen Lebensformen und den anderen.« Er seufzte tief. »Sie sind noch nicht lange genug wieder hier, Charity, um es zu wissen, aber dieser Planet ist nicht mehr die Erde. Sie beginnen, ihn zu verдndern. Auf unglaubliche Weise und unglaublich schnell.« »Ich weiЯ«, sagte Charity. Aus irgendeinem Grund schienen Niles diese Worte zornig zu machen. Er fuhr ein wenig hoch und sank fast in der gleichen Bewegung wieder in seinen Stuhl zurьck. »Nein, das wissen Sie nicht«, sagte er heftig. »Sie wissen nicht, daЯ die meisten irdischen Tierarten verschwunden sind, ebenso wie die meisten Pflanzen. Die Moroni besetzen nicht einfach eine Welt. Sie verдndern sie. Sie … sie sind dabei, aus unserer Erde einen anderen Planeten zu machen.« Skudder wollte etwas sagen, aber Charity warf ihm einen raschen, warnenden Blick zu. Sie spьrte, daЯ es besser war, Niles jetzt einfach erzдhlen zu lassen. »Ich hatte viel Zeit, darьber nachzudenken«, fuhr er fort, ganz leise und fast wie im Selbstgesprдch. »Wissen Sie, daЯ die einzige Gattung, die von der Invasion profitiert hat, die Insekten sind?« Charity nickte. Sie erinnerte sich sehr lebhaft an ihre Begegnung mit der Heuschrecke. »Ich vermute, daЯ die Moroni Insekten sind«, fuhr Niles fort. »Ich habe keinen Beweis dafьr, aber ich bin trotzdem fast sicher.« »Wieso?« fragte Skudder. Niles bedachte ihn mit einem fast verzeihenden Lдcheln. Sein Tonfall wurde dozierend, als er antwortete. »Die Insekten waren die erste hцhere Lebensform, die sich auf diesem Planeten entwickelte«, sagte er. »Und ich vermute, nicht nur hier. Sie sind perfekt: zдh, schnellebig, mit einer unglaublichen Vermehrungsrate, unvorstellbaren Kцrperkrдften und einer Anpassungsfдhigkeit, von der hцhere Lebensformen als sie nicht einmal zu trдumen wagen. Zu unserer Zeit gab es Hochrechnungen, junger Mann, was geschehen wьrde, wenn irgendein Idiot einmal den Knopf drьckt und das alles hier in die Luft jagt. Wissen Sie, was dabei herausgekommen ist? Mit ziemlicher Sicherheit wдren es die Insekten gewesen, die den groЯen Knall ьberlebten.« »Sie meinen, diese Monster sind die Nachfahren einer Welt, auf der … « »Ich meine gar nichts«, unterbrach ihn Niles. »Es war nur ein Beispiel. Es ist auch mцglich, daЯ die Insekten sich auf ihrer Welt einfach weiter entwickelten. DaЯ sie Intelligenz entwickelten. Wдre dies hier geschehen, hдtte es niemals eine menschliche Rasse gegeben. Wahrscheinlich ьberhaupt keine Sдugetiere.« »Interessant«, knurrte Skudder. »Und was hat das alles mit Moron zu tun?« »Nichts«, antwortete Niles. »Verzeihen Sie einem alten Mann, daЯ er ins Schwatzen geriet. Ich … habe nur versucht, mir vorzustellen, wie diese Welt einmal fьr unsere Enkelkinder aussehen wird.« »Sie ьbertreiben doch«, sagte Charity erschrocken. Statt zu antworten, stand Niles umstдndlich auf. Mit kleinen, mьhsamen Schritten schlurfte er zu einer Computerbank neben der Tьr, drьckte einige Tasten und ging zu seinem Stuhl zurьck. Hinter seinem Schreibtisch glomm ein fast wandgroЯer Monitor auf. Charity erkannte eine Satellitenaufnahme der Erde, offenbar aus extrem groЯer Hцhe aufgenommen und mit einer Kamera, die ihre besten Zeiten hinter sich hatte. Das Bild war alles andere als scharf; voller Schnee, und auch die Farben stimmten nicht. Skudder riЯ erstaunt die Augen auf. »Was ist das?« »Die Erde«, antwortete Niles. »Unser Planet, mein Freund. Aus groЯer Hцhe aufgenommen.« Er amьsierte sich einige Sekunden ьber Skudders erstaunte Miene, dann wandte er sich wieder an Charity. »Wir haben noch Verbindung mit einigen der alten Satelliten«, sagte er. Charity trat neugierig nдher. Irgend etwas … stimmte nicht mit diesem Bild. Aber sie wuЯte noch nicht, was. »Ich dachte, die Bomben hдtten sie alle zerstцrt.« »Ein paar nicht«, antwortete Niles kopfschьttelnd. »Dieser und zwei oder drei andere waren hoch genug, um die Explosion zu ьberstehen.« »Wenigstens zum Teil«, schrдnkte Charity ein, aber Niles schьttelte sofort wieder den Kopf. »Sie irren sich. Der Satellit ist vцllig in Ordnung.« »Aber die Farben … « »Stimmen nicht, ich weiЯ«, fiel ihr Niles ins Wort. »Aber sie sind so.« »Das ist unmцglich!« protestierte Charity. Sie trat um den Schreibtisch herum und ging ganz nahe an die riesige Video-Wand heran. Dann erkannte sie, daЯ Niles recht hatte. Die Farben stimmten wirklich nicht, aber das lag nicht an der Kamera. Es war der Planet, der sich verдndert hatte. Sie entdeckte groЯe, manchmal sicherlich Tausende von Meilen messende Flecken, die einen unwirklichen, purpurfarbenen Ton angenommen hatten. »Was ist das?« fragte sie atemlos. »Ich weiЯ es nicht«, antwortete Niles. »Niemand, der je versucht hat, diese Gebiete zu erforschen, ist zurьckgekehrt. Das ist das, was sie aus unserer Welt machen.« Seine Stimme zitterte. »Sie kolonisieren die Erde nicht einfach. Sie … verдndern sie. Verstehen Sie, was ich meine? Das da ist eine vцllig fremde Vegetation, eine andere Tier– und Pflanzenwelt… vielleicht sogar eine fremde Atmosphдre.« »Wie bitte?« sagte Charity erschrocken. Niles nickte. »Wir haben versucht, Einzelheiten herauszufinden, aber es ist unmцglich. Nicht von hier aus. Auch die Zusammensetzung der gesamten Erdatmosphдre hat sich in den letzten fьnfzig Jahren verдndert. Noch nicht so stark, daЯ man es sofort spьren wьrde, aber der ProzeЯ geht weiter – und er beschleunigt sich. Ich habe es ausgerechnet. Wahrscheinlich dauert es nicht einmal mehr hundert Jahre, bis die gesamte Erde … ver­дndert ist.« Charity schwieg erschьttert. »Das … das ist … die Erde?« murmelte Skudder. Langsam drehte sich Charity zu ihm herum. In den letzten Augenblicken hatte sie seine Gegenwart vollkommen vergessen. Skudders Blick war starr auf den Monitor gerichtet. »Nein«, sagte Niles hart. »Das ist sie nicht. Das da ist sie.« Er betдtigte einen Schalter auf seinem Schreibtisch, und das Bild flackerte. Als sich die Streifen und bunten Schlieren wieder verzogen, war auf dem Monitor eine Aufnahme der Erde zu sehen, wie sie einmal gewesen war – ein blaugrьner Planet voller weiЯer Wolken und ausgedehnter Meere. Niles' schmale Hдnde flogen ьber die Tastatur in seinem Schreibtisch, und das Bild wechselte abermals: Die Kamera nдherte sich der Erde, als befдnde sie sich an Bord eines extrem hoch fliegenden Flugzeuges, das zur Landung ansetzte. Der blaugrьne Ball wuchs plцtzlich und nahm den ganzen Bildschirm ein. Wolken tauchten auf, verschleierten das Bild fьr Augenblicke und verschwanden wieder, als die imaginдre Kamera tiefer sank. Charity wuЯte, daЯ es sich nur um eine Computersimulation handelte, aber das spielte keine Rolle. Was die Kamera zeigte, das war ein Bild der Erde, wie sie Skudder niemals kennengelernt hatte, einer Erde, die fьnfzig Jahre und einen Weltuntergang zurьcklag: grьne Tдler und Wiesen wechselten sich mit FluЯlдufen und Bergen ab, Meere und Stдdte huschten unter der Kamera vorbei, Menschen und Tiere … Es dauerte lange, sicherlich eine halbe Stunde, aber Skudder nahm in all dieser Zeit nicht fьr eine Sekunde den Blick vom Schirm. Sein Gesicht war wie Stein. SchlieЯlich nдherte sich die Kamera der Skyline einer gewaltigen Stadt. Charity erkannte Manhattan. Ein vцllig unzerstцrtes, intaktes Manhattan, voller glьcklicher Menschen und spielender Kinder, bunte Autos und Flugzeuge, die ьber den Himmel zogen. Das Bild war falsch – die Stadt war niemals so sauber gewesen, und sie hatte niemals so glьcklich gewirkt. Und trotzdem trieb es auch Charity die Trдnen in die Augen. Das Bild erlosch, der Film war zu Ende, und auf dem Monitor erschien wieder das Abbild einer geschдndeten Erde. Die purpurroten Gebiete wirkten wie Krebs. Niemand wagte das Schweigen zu durchbrechen. SchlieЯlich rдusperte sich Skudder. »Sie machen mir das nicht nur vor, nicht wahr?« fragte er. »Ich meine … das ist kein Trick?« Niles schьttelte traurig den Kopf. »Nein. Das war unsere Heimat, Mister Skudder. Ich schaue mir diesen Film oft an. So war dieser Planet einmal – bevor Moron ihn zu einer Welt der Monster und Mutanten gemacht hat.« »Aber warum?« fragte Charity erschьttert. »Das ergibt doch keinen Sinn.« »Sie sind auf Eroberung aus«, antwortete Niles. »Ihr Reich ist groЯ. Sie brauchen Rohstoffe, Energie – und Menschen.« »Menschen?« »Sie haben Millionen verschleppt«, bestдtigte Niles. »Und sie tun es noch. Niemand weiЯ, wozu, denn keiner ist bisher zurьckgekehrt. Vielleicht brauchen sie Sklaven. Vielleicht fressen Sie sie auch auf.« Er sah Skudder an. »Ich weiЯ, das klingt hart, aber Sie brauchen sich keine Vorwьrfe zu machen, junger Mann. Es ist nicht falsch, was Sie tun. Sie versuchen zu ьberleben, so wie wir auch.« Skudder schwieg, offensichtlich vцllig ьberrascht von dem, was er hцrte. »Soll das heiЯen, Niles, daЯ sie sich seit fьnfzig Jahren hier verstecken, ohne irgend etwas zu unternehmen?« fragte Charity unglдubig. »Dreiundfьnfzig«, verbesserte sie Niles ruhig. »Plus der Zeit, die wir brauchten, um hierher zu kommen. Natьrlich haben wir etwas getan – wir haben diese Station wieder hergerichtet.« Er beugte sich leicht vor und sah Charity durchdringend, ja, beinahe beschwцrend an. »Ich weiЯ, was Sie jetzt denken, Captain«, sagte er. »Ich habe vor fьnfzig Jahren genauso gedacht. Aber es ist sinnlos, glauben Sie mir. Wir sind fast fьnfhundert hier unten, aber wir sind nichts gegen Moron und seine Macht. Und wir sind vielleicht die letzten freien Menschen dieses Planeten.« »Frei?« Skudder schnaubte. »Ich sehe den Unterschied nicht so ganz, wissen Sie? Die dort oben werden eingesperrt, und Sie sperren sich freiwillig ein. Ihr seid ja alle verrьckt.« Niles lдchelte milde. »Vielleicht. Aber wir kцnnen nichts tun. Sollen wir einen Gegner besiegen, der einen ganzen Planeten in die Knie gezwungen hat?« »Aber Sie kцnnen doch nicht … « »Was?« unterbrach sie Niles sanft. »Einfach leben? Warum nicht? Was sollen wir tun? Hinausgehen und uns tцten lassen, nur um einer Geste willen?« Er schьttelte den Kopf. »Ich verstehe Sie nur zu gut, Captain Laird –doch glauben Sie mir: Ich habe siebenundfьnfzig Jahre Zeit gehabt, darьber nachzudenken, und es gibt nur diese eine Wahl fьr uns. Niemand kann Moron besiegen.« »HeiЯt das, daЯ Sie fьr alle Zeiten hier unten sitzen und so tun wollen, als wдre nichts geschehen?« fragte Charity entsetzt. »Wohin sollten wir gehen?« erwiderte Niles. »Moron hat uns vergessen. Selbst fьr die Menschen hier in der Umgebung sind wir kaum noch mehr als eine Legende. Wir haben Frieden, Laird. Hier unten wдchst jetzt die dritte Generation heran, die in Frieden lebt, und dies ist vielleicht das hцchste Gut auf dieser Welt, nicht erst, seit die Krieger Morons kamen. Wir kцnnten gehen. Wir besitzen Ausrьstung, Waffen, Lebensmittel – aber was wьrden wir finden? Mit sehr viel Glьck ein neues Versteck.« »Sie wollen ihnen die Erde einfach schenken?« »Man kann nichts verschenken, das man nicht mehr besitzt«, sagte Niles. »Diese Welt gehцrt jetzt ihnen, Captain. Die meisten Menschen wissen gar nicht mehr, daЯ es einmal anders war.« »Aber das ist doch nicht mцglich!« widersprach Charity. »Es sind doch nur … « »Zwei Generationen vergangen«, fiel ihr Niles ins Wort. »Unterschдtzen Sie Moron nicht, Charity. Sie haben Erfahrung damit, ganze Welten zu versklaven. Viele Menschen leben relativ frei, aber sie achten scharf auf gewisse Dinge. Sie haben mit den Wastelandern gesprochen? Dann wissen Sie, wie die Welt aussieht. Moron herrscht, und Moron weiЯ alles. Sie kontrollieren die Schulen. Sie haben Bьcher verboten und das Erzдhlen alter Geschichten. Es ist nicht erlaubt, einen Kalender zu fьhren. Oder eine Uhr zu besitzen.« »Aber warum?« wunderte sich Skudder. Niles lдchelte. »Ein Volk ohne Geschichte ist weniger gefдhrlich«, antwortete er. »Es gibt nichts, worum sie kдmpfen wьrden, wenn sie glauben, daЯ es schon immer so war. Und es gibt nichts, wofьr sie sterben wьrden, ohne eine Geschichte.« »Aber es gibt die Rebellen.« Niles seufzte. »Die hat es immer gegeben. Unzufriedene und Querulanten. Aber sie sind harmlos. Moron lдЯt sie gewдhren, weil sie nicht wirklich gefдhrlich sind. Ganz im Gegenteil – ein biЯchen дhneln sie Ihnen und Ihren Sharks, Mister Skudder. Sie bilden sich ein, frei zu sein, und wissen nicht einmal, daЯ sie in Wahrheit den Invasoren dienen.« »Das ist nicht wahr!« widersprach Skudder heftig. »Ich weiЯ«, seufzte Niles. »Die Sharks sind frei und gehorchen niemandem, nicht wahr? Deswegen sind Sie ja auch jetzt hier, Skudder.« »Sie … Sie sprechen von Moron, als wдre es der Teufel persцnlich«, murmelte Charity. »Vielleicht ist er es«, erwiderte Niles ernsthaft. »Ich glaube, daЯ es das Prinzip des Bцsen an sich ist.« »Unsinn.« »Dann lassen Sie es mich anders formulieren«, sagte Niles. »Sie werden mir zustimmen, daЯ es zwei Arten von Krдften im Universum gibt – konstruktive und destruktive, nicht wahr? Wenn es so ist, dann symbolisieren die Herren Morons mit Sicherheit die negativen Krдfte.« »Die dunkle Seite der Macht, wie?« sagte Charity. Die Worte hatten spцttisch klingen sollen, aber sie wirkten nur hilflos. Niles nickte auch wieder. Charity antwortete nicht mehr. Plцtzlich muЯte sie mit aller Macht gegen die Trдnen ankдmpfen, die ihre Augen fьllten. 10 Raoul zog den Dolch aus dem Hals des Mannes, lieЯ den reglosen Kцrper vorsichtig zu Boden sinken und wischte die Klinge an dessen Uniformhemd sauber. Der Wдchter hatte nicht einmal gespьrt, wie er gestorben war; ebensowenig wie die drei anderen, denen Raoul auf dem Weg nach unten begegnet war. Und er war der letzte gewesen. Sie waren ihrem Ziel jetzt sehr nahe. Der rote Leuchtpunkt befand sich wieder genau im Zentrum des Suchers, er glьhte so krдftig, daЯ er kaum noch mehr als ein paar hundert Meter von seinem Ursprung entfernt sein konnte. Trotzdem beging Raoul nicht den Fehler, in letzter Sekunde leichtsinnig zu werden. Die Wдchter waren unaufmerksam gewesen, weil sie sich viel zu sehr auf ihre technischen Spielereien verlassen hatten: ein halbes Dutzend unterschiedlichster Alarm-und Sicherungsanlagen, die Raoul der Reihe nach und auf die unterschiedlichsten Arten ausgeschaltet hatte, wдhrend er den Weg fьr Bart und die anderen ebnete. Aber das bedeutete nicht, daЯ es so einfach weitergehen wьrde, und Raoul wuЯte das. Es war eine kleine Armee, die hier unten auf sie wartete, und sie hatten nichts zu verlieren. Lautlos schob sich Raoul weiter, цffnete die Tьr, vor der der Wдchter gedцst hatte, einen Spaltbreit und spдhte hindurch. Auf der anderen Seite der fingerdicken Tьr aus Panzerstahl erstreckte sich eine gut fьnfzig Meter lange, von kaltem, weiЯen Licht erfьllte Halle, von der zahlreiche Tьren abgingen. Einige standen offen und gewдhrten Raoul einen Blick in die dahinterliegenden Rдume. Menschen bewegten sich darin, und gerade als er die Tьr wieder schlieЯen wollte, rollte ein kleiner, summender Elektrokarren durch die Halle und blieb vor einer Tьr stehen. Eine junge Frau stieg von dem Gefдhrt herunter, klopfte und trat nach kurzem Zцgern ein. Raoul hatte genug gesehen. Lautlos schloЯ er die Panzertьr wieder, trat einen Schritt zur Seite und zog seine Waffe. Mit der anderen Hand lцste er das Funkgerдt vom Gьrtel, hob es an die Lippen und drьckte die Sprechtaste. Er war sich der Tatsache bewuЯt, daЯ das Funkgerдt vermutlich angepeilt werden konnte und daЯ in lдngstens einigen Sekunden die Alarmsirenen losheulen wьrden. Aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. »Es geht los«, sagte er. Er wartete die Antwort nicht ab, sondern steckte die Maschinenpistole wieder ein, stieЯ die Tьr mit einem FuЯtritt auf und stьrmte hindurch. Raoul begann zu schieЯen, noch ehe die ersten Schreckensschreie aufgellten. Niles hatte noch eine Weile geredet, aber Charity hatte kaum mehr zugehцrt. Sie fьhlte sich mutlos, und nur ganz langsam gelang es ihr, so etwas wie Zorn zu empfinden. SchlieЯlich war es Skudder, der das Schweigen brach. »Was hast du eigentlich erwartet?« fragte er. »Einen Ritter auf einem weiЯen Pferd, der dich in den Sattel hebt und in einer heroischen Schlacht die Angreifer vertreibt?« Sein Spott tat ihr nicht mehr weh; irgendwo hatte er sogar recht. Es war ziemlich naiv von ihr gewesen, hierher zu kommen und zu glauben, damit wдre alles gut. Hдtte sie auch nur einen Moment in Ruhe darьber nachgedacht, was es bedeutete, daЯ sich die Tiefen seit Jahrzehnten hier versteckten, wдre sie vielleicht von selbst darauf gekommen. »Sie sind jetzt enttдuscht, Captain«, sagte Niles. Er warf Skudder einen fast dankbaren Blick zu. »Ich verstehe das. Auch ich habe Jahre gebraucht, um mich an den Gedanken zu gewцhnen, daЯ es vorbei ist.« »Sie haben aufgegeben«, erwiderte Charity. »Sie … Sie hдtten ebensogut hinausgehen und sich Skudder und seinen Mдnnern ergeben kцnnen.« »Wir leben«, erwiderte Niles, als wдre dies Antwort genug. »Auch Sie kцnnen hierbleiben, Captain, wenn Sie wollen.« »Hier?« Charity schьttelte traurig den Kopf. »Ьberlegen Sie es sich«, sagte Niles. »Es gibt nicht viele Orte, an denen Sie sicherer wдren als hier, und wir brauchen jemanden wie Sie.« Plцtzlich lдchelte er. »Ich bin alt, Captain Laird. Selbst wenn wir die Sharks und ihre Herren noch eine Weile an der Nase herumfьhren kцnnen, habe ich nicht mehr allzu lange zu leben. Sie kцnnten meine Nachfolgerin werden. Und wer weiЯ – vielleicht kцnnten Sie Mark und die anderen sogar ьberzeugen.« Im ersten Moment war Charity von diesen Worten ьberrascht. Aber sie durchschaute sie schnell. Sie wьrde wie Niles werden, wenn sie auf sein Angebot einging. SS Nulleins war zwar ein sicherer Unterschlupf, aber hier wьrde sie frьher oder spдter einem Gift erliegen, das Bequemlichkeit hieЯ. Wenn sie Niles' Angebot annahm und wirklich an seiner Seite ьber die unterirdische Stadt regierte, wьrde sie sich irgendwann ernsthaft fragen, ob er nicht recht hatte. Sie schьttelte den Kopf. »Ich habe nichts anderes erwartet«, sagte Niles, beinahe traurig. »Aber Sie bleiben ein paar Tage unser Gast, bis Sie sich erholt haben und sich darьber im klaren sind, was Sie tun wollen.« »Ganz bestimmt«, sagte Charity. »Wir haben viel zu erzдhlen.« Sie lдchelte, wenn auch etwas gezwungen, wurde sofort wieder ernst und deutete mit einer Kopfbewegung auf Skudder. »Was geschieht mit ihm?« Niles sah den Shark nachdenklich an. »Ich kann Sie nicht gehen lassen, Mister Skudder, das wissen Sie. Aber ich gebe Ihnen mein Wort, daЯ Ihnen nichts geschieht, bis wir entschieden haben, wie wir mit Ihnen verfahren.« Skudder schnaubte abfдllig. »Das wissen Sie doch jetzt schon, alter Mann«, sagte er bцse. »Sie werden mich umbringen. Sie kцnnen mich gar nicht gehen lassen, nach allem, was ich weiЯ.« »Der Tod ist nicht das einzige Mittel, eine Erinnerung zu lцschen«, widersprach Niles дrgerlich. »Wir sind keine Tiere, Mister Skudder.« Er wollte noch mehr sagen, aber in diesem Moment wurde die Tьr aufgerissen, und Mark stьrmte herein. Er hielt ein Lasergewehr in der Hand. »Die Sharks!« schrie er. »Sie greifen an!« Niles fuhr erschrocken im Stuhl hoch. »Was?« »Sie kommen!« keuchte Mark. »Irgendwie haben sie die Sperren ьberwunden. Sie sind im Bunker!« Plцtzlich fuhr er herum. Sein Gesicht verzerrte sich vor HaЯ. »Das warst du!« brьllte er, an Skudder gewandt. »Du hast sie hierher gebracht!« Er schlug zu, so schnell, daЯ selbst Skudders instinktive Abwehrbewegung zu spдt kam. Sein Gewehrkolben traf das Gesicht des Sharks, schleuderte ihn aus dem Stuhl und lieЯ ihn halb besinnungslos zusammenbrechen. »Aufhцren!« befahl Niles scharf. Im ersten Moment sah es fast so aus, als wьrde Mark seine Worte einfach ignorieren. Mit einem gellenden Wutschrei trat er zurьck, drehte die Waffe herum und legte auf den Shark an, der sich stцhnend auf Hдnde und Knie zu erheben versuchte. »Aufhцren, habe ich gesagt!« befahl Niles noch einmal. Und diesmal gehorchte Mark. Widerwillig senkte er die Waffe, wich bis zur Wand zurьck und sah zu, wie Skudder sich mьhsam aufrichtete. »Also – was ist passiert?« fragte Niles scharf. »Wo sind sie, und wie viele sind es?« »Ich weiЯ es nicht«, antwortete Mark nervцs. »Aber es sind viele. Sie schieЯen alles nieder, was sich bewegt. Wir hдtten diesen Mistkerl da drauЯen einfach abknallen sollen. Aber vielleicht hole ich es ja noch nach.« »Idiot«, sagte Skudder stцhnend. »Wenn ihr mich erschieЯt, dann bleibt hier unten keiner mehr am Leben.« »Da wдre ich nicht so sicher, Mister Skudder«, sagte Niles eisig. »Wir sind nicht ganz wehrlos, wissen Sie?« »Ihr habt keine Chance, und das weiЯt du auch, alter Mann«, erwiderte Skudder abfдllig. »Gebt auf, und ich lasse euch am Leben.« Mark stieЯ ihn so grob mit dem Gewehrlauf zwischen die Rippen, daЯ er sich erneut vor Schmerzen krьmmte. »Fьr jemanden, der auf der falschen Seite einer Waffe steht, riskierst du ziemlich viel, Shark«, sagte er. »Hцren Sie endlich auf, Mark«, sagte Niles. »Wieviel Zeit haben wir noch?« Mark brauchte nicht zu ьberlegen. »Nicht mehr viel«, gestand er dann. »Vielleicht kцnnen wir sie aufhalten. Sie waren schon in der Station, ehe wir sie ьberhaupt bemerkt haben.« Niles wandte sich an Skudder. »Wie haben Sie das geschafft?« Skudder grinste. Langsam hob er die Hand und streckte sie nach Charity aus. Mark fuchtelte drohend mit seiner Waffe herum, aber Charity winkte ab. »Lassen Sie ihn.« Skudder bedankte sich mit einem spцttischen Kopfnicken, цffnete den ReiЯverschluЯ ihrer Дrmeltasche und zog eine kleine Scheibe aus weichem, grauem Kunststoff heraus. Charitys Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Eine Wanze!« sagte sie. »Du … du hast mir eine Wanze angehдngt? Aber dann … das war alles … « »Geplant, natьrlich«, sagte Skudder ruhig. »Glaubst du wirklich, du hдttest fliehen kцnnen, wenn ich es nicht gewollt hдtte?« Er schьttelte den Kopf. »Deine Freundin Net war so freundlich, uns zu verraten, was du vorhattest, und da ich schon lange eine Gelegenheit gesucht habe, Mister Niles einmal persцnlich kennenzulernen … « Charity starrte ihn an. In ihrem Mund war plцtzlich ein bitterer Geschmack, und sie muЯte all ihre Selbstbeherrschung aufbringen, um sich nicht einfach auf ihn zu stьrzen und ihm die Fдuste ins Gesicht zu schlagen. GroЯer Gott, was fьr eine Nдrrin war sie doch gewesen! »Nimm es nicht tragisch«, sagte Skudder spцttisch. »Frьher oder spдter hдtten wir sie auch allein gefunden.« »Du verdammter Mistkerl!« brьllte Mark. »Dafьr bringe ich dich um!« »Mark!« schrie Niles. Aber diesmal regierte Mark nicht mehr darauf. Mit einer wьtenden Bewegung riЯ er den Laser hoch und legte auf Skudder an. Charity schlug ihm die Waffe aus der Hand, versetzte ihm einen Hieb in die Seite, der ihn auf die Knie herunterfallen lieЯ, und hob blitzschnell den Laser auf. Drohend richtete sie die Mьndung der Waffe auf Skudder, behielt aber auch Mark scharf im Auge. »Und jetzt?« fragte Skudder ruhig. Charitys Gedanken ьberschlugen sich. Sie hatte einfach gehandelt, fast ohne zu denken, und es tat ihr auch nicht leid, Skudders Leben gerettet zu haben – aber er hatte recht, sie wuЯte einfach nicht, was sie tun sollte! »ErschieЯen Sie ihn!« stцhnte Mark. Niles schwieg. »Die Leute hier«, fragte Charity unsicher. »Haben Sie eine Chance?« »Gegen meine Mдnner?« Skudder schьttelte ьberzeugt den Kopf. »Nein.« »Er lьgt!« keuchte Mark. Taumelnd stemmte er sich hoch, streckte die Hand aus und schaltete die Gegensprechanlage ein. Plцtzlich erfьllten Schьsse und Schreie das kleine Bьro, der Kampf tobte noch immer. »Ich will dein Wort!« sagte sie. »Du garantierst mir, daЯ Niles' Leute am Leben bleiben, wenn sie sich ergeben.« Skudder ьberlegte einen Moment. Dann nickte er. »Okay. Ich verspreche es.« »Glauben Sie ihm nicht!« kreischte Mark. »Alle Sharks sind Lьgner!« Charity beachtete ihn gar nicht. Sie sah Niles an. Und nach einer Weile nickte der alte Mann. Langsam beugte er sich vor und drьckte einen Knopf auf seinem Schreibtisch. Aus dem Lautsprecher drang ein gedдmpftes Knacken, dann seine Stimme, die jetzt ьberall gleichzeitig in der Station erscholl: »Hier spricht Commander Niles. Stellen Sie das Feuer ein. Wir ergeben uns.« Charity reichte Skudder schweigend ihre Waffe. 11 Die Sonne ging wieder auf, bis sie das Gebiet der Sharks erreichten. Skudder hatte Wort gehalten. Nachdem die Verteidiger ihren Widerstand aufgegeben hatten, hatten auch sie das Feuer eingestellt; aber obwohl der Kampf alles in allem nicht einmal zehn Minuten gedauert hatte, gab es auf beiden Seiten Dutzende von Opfern zu beklagen – Charity schдtzte, daЯ mindestens zwanzig, vielleicht auch dreiЯig Sharks getцtet worden waren, wдhrend es beinahe hundert Bunkerbewohner erwischt hatte. Selbst Mark war sehr still geworden, als er die Bilanz des kurzen Gefechtes gehцrt hatte. Natьrlich wьrde er niemals zugeben, daЯ Charity richtig gehandelt hatte. Es spielte auch keine Rolle, dachte sie dьster, wдhrend sie zusah, wie die kleine Kolonne sich dem Rande der Wьste nдherte und die ersten Wagen bereits langsamer wurden, um einen steilen Hang hinaufzukriechen. Es waren fast dreihundert Menschen, die Skudders Sharks auf einigen altersschwachen Lastwagen zusammengepfercht hatten und die einem sehr ungewissen Schicksal entgegensahen. Charity bezweifelte nicht, daЯ Skudders Versprechen ernst gemeint gewesen war, ihr Leben zu schonen. Aber sie war nicht sicher, ob er sein Versprechen halten konnte. Sie verscheuchte den Gedanken und versuchte, durch die zerkratzte Windschutzscheibe hindurch mehr von ihrer Umgebung zu erkennen. Die Sonne stand wie ein lodernder Feuerball eine halbe Handbreit ьber dem Horizont und blendete sie, so daЯ sie kaummehr als scharfe, schwarze Schatten wahrnehmen konnte, aber sie sah zumindest, daЯ das verbrannte Wьstenland in eine karge Steppe ьbergegangen war. Vor ihnen, vielleicht noch zwei, drei Meilen entfernt, erhob sich etwas, das wie die Silhouette einer Stadt aussah, Charity aber gleichzeitig irgendwie fremd vorkam. Viele der fьnfzig Motorrдder, die die Lastwagenkolonne eskortierten, war vorausgefahren, wдhrend der Rest von Skudders Streitmacher imBunker zurьckgeblieben war, um Jagd auf Ьberlebende zu machen, die sich in den labyrinthischen Gдngen und Stollen von SS Nulleins verborgen haben mochten. Charity hoffte, daЯ wenigstens einige von ihnen entkommen konnten. Die Sonne stieg rasch hцher, und als sie nдher kamen, erkannte Charity, daЯ das, was sie fьr eine Stadt gehalten hatte, in Wahrheit nur mehr die Ruinen einer Stadt waren. Der Anblick verwirrte Charity nur fьr einen Moment, ehe sie begriff, was er bedeutete. Sie dachte an das blauweiЯe Feuer, das vom Himmel gefallen war, kurz bevor sie den Bunker erreichte. Waren sechzig Jahre genug, die Strahlung auf ein ertrдgliches MaЯ zu dдmpfen? Sie wuЯte es nicht. »Wir sind bald da«, sagte Raoul, dem ihre Unruhe nicht entgangen war. Er versuchte zu lдcheln, war aber zu mьde dazu. »Sind die Fesseln zu eng?« Charity blickte kurz auf ihre gefesselten Hand– und FuЯgelenke und schьttelte den Kopf, antwortete aber nicht. Es war nicht das erste Mal, daЯ Skudders Stellvertreter ein Gesprдch mit ihr anzufangen versuchte, aber bisher hatte sie nie reagiert. Sie mochte Raoul nicht, und diese Ablehnung ging weit ьber den instinktiven Widerwillen hinaus, den sie allen Sharks entgegenbrachte. Raoul war ihr unheimlich. Dabei behandelte er sie gut, und das Bedauern, mit dem er sie gefesselt hatte, schien echt zu sein. Der Shark setzte erneut dazu an, etwas zu sagen, zuckte dann aber nur mit den Schultern, als Charity demonstrativ den Kopf wandte und wieder aus dem Fenster sah. Sie wollte nicht mit Raoul reden. Weder mit ihm noch mit sonst irgend jemandem. Die Stadt kam jetzt rasch nдher. Sie war von einer Bombe getroffen worden. Ruinen und Schuttberge bestimmten das Bild. Die Szenerie war mehr als unheimlich. Gelegentlich stach ein einzelner verrosteter Stahltrдger wie ein Mahnmal in den Nachthimmel. Die Kolonne wurde langsamer und fuhr schlieЯlich fast nur noch im Schrittempo, bis sie in einen Teil der verbrannten Stadt gelangten, der wenigstens den Anschein menschlichen Lebens erweckte – auch hier waren die meisten Hдuser nur noch verbrannte Ruinen, aber die Autowracks und Trьmmerberge waren fortgeschafft worden, und hier und da brannte ein Feuer hinter einer geschwдrzten Fensterhцhle. Vor einigen Hдusern standen Motorrдder. SchlieЯlich hielt Raoul an und цffnete die Tьr, schaltete den Motor aber nicht aus. Charity sah, daЯ die anderen LKWs weiterfuhren. Raoul umkreiste den Wagen mit wenigen schnellen Schritten, цffnete die Tьr an ihrer Seite und machte ein Zeichen, auszusteigen. Gleichzeitig wich er einen Schritt zurьck und legte die Hand auf die Pistole, die in seinem Gьrtel steckte. Wдre sie nicht zu mьde dazu gewesen, hдtte sie gelacht. Sie hatte kaum noch die Kraft, aus dem Wagen zu steigen, geschweige denn, ihn anzugreifen. Doch Raoul schien einen gehцrigen Respekt vor ihr zu haben. »Wo bringst du mich hin?« fragte sie. Sie hatte gar nicht mit einer Antwort gerechnet, aber sie bekam sie. »Zu Skudder. Er wartet schon.« Raoul deutete mit einer Kopfbewegung auf das Haus, vor dem sie angehalten hatten, einem dreistцckigen Gebдude, das einmal ein Schul– oder Verwaltungsbau gewesen sein muЯte. Sogar die Tьren und Fenster waren noch intakt. Skudders Palast, dachte sie spцttisch, aber auch ein biЯchen дngstlich. Sie fragte sich, was sie erwarten wьrde. Zwei weitere Sharks gesellten sich zu ihnen, wдhrend sie das Haus betraten, ein dritter nahm Raouls Platz hinter dem Steuer ein und fuhr den LKW davon. Charity fragte sich bedrьckt, ob sie diese Mдnner und Frauen jemals wiedersehen wьrde. Obwohl sie wuЯte, daЯ es nicht stimmte, gab sie sich noch immer die Schuld an dem, was geschehen war. »Dort entlang.« Raoul deutete mit einer Kopfbewegung auf eine Tьr ganz am Ende des Korridors und machte eine auffordernde Geste. Charity ging ein wenig schneller, wartete, bis er die Tьr geцffnet hatte, und trat gebьckt unter dem niedrigen Eingang hindurch. Sie wuЯte nicht, was sie erwartet hatte – eine Art barbarischer Thronsaal vielleicht oder eine Kammer voller Gerumpel und Beutestьcke, grellbunte Poster und Waffen an den Wдnden oder auch ein paar nackte Groupies mit tдtowierten Brьsten … irgend etwas, das zum дuЯeren Erscheinungsbild der Sharks gepaЯt hдtte; aber das Zimmer, in das sie Raoul fьhrte, war ьberraschend nьchtern und hell – ein einzelner, vollkommen leerer Tisch, eine Anzahl billiger Kunststoffstьhle in unterschiedlichen Farben, an der Wand ein Bьcherschrank und ein schmales Bett, fast eine Pritsche. Skudders Thronsaal glich eher einer etwas zu groЯ geratenen Klosterzelle. Skudder wartete auf sie, aber er war nicht allein. Auf dreien der bunten Plastikstьhle saЯen Niles, Abn El Gurk und Net. Niles und Gurk starrten an Skudder vorbei ins Leere, wдhrend das Mдdchen sie fast haЯerfьllt anblickte. Charity schluckte die Bemerkung herunter, die ihr auf der Zunge lag. Ganz egal, was sie zu Net gesagt hдtte, es hдtte alles nur noch schlimmer gemacht. Skudder deutete wortlos auf einen der Stьhle, wartete, bis sie sich gesetzt hatte, und sah sie dann fragend an. »Mцchtest du etwas trinken?« Charity antwortete nicht, obwohl sie vor Durst fast umkam, und nach einer Sekunde zuckte Skudder die Achseln und setzte sich ebenfalls. Er machte einen sehr unentschlossenen, fast bedrьckten Eindruck. So, als wьЯte er jetzt, wo er sie alle endlich in seiner Gewalt hatte, nicht so recht, was er ьberhaupt mit ihnen anfangen sollte. Er wandte sich an Net. »Hast du jemanden, zu dem du gehen kannst?« fragte er. Net sah auf. Sie wirkte ein biЯchen verwirrt, aber auch miЯtrauisch. Nach ein paar Sekunden schьttelte sie den Kopf. »Nein«, sagte sie hart. »Ihr habt alle umgebracht.« »Wьrdest du mir glauben, wenn ich dir sage, daЯ es mir leid tut?« fragte Skudder. Net schwieg, aber Skudder hatte auch nicht mit einer Antwort gerechnet. »Du bleibst hier, bis wir wissen, wie alles wird«, sagte er. »Danach kannst du gehen. Du kannst aber auch bei uns bleiben.« »Wie groЯzьgig«, sagte Net bцse. »Das habe ich mir schon immer gewьnscht.« Skudder runzelte die Stirn. Fьr einen Moment sah es so aus, als wollte er auffahren, aber dann schьttelte er nur den Kopf und gab den beiden Sharks, die mit Charity und Raoul hereingekommen waren, einen Wink. »Verschwindet.« Die Mдnner gehorchten. Skudder wartete, bis sich die Tьr hinter ihnen geschlossen hatte, dann wandte er sich an Raoul. »Versuche, Daniel zu erreichen«, sagte er. »Ruf mich, wenn er sich meldet. Ich mцchte selbst mit ihm sprechen.« Raoul nickte, ging an Charity vorbei und verlieЯ das Zimmer durch eine zweite Tьr, die sie bisher noch gar nicht bemerkt hatte. Sie erhaschte einen flьchtigen Blick auf einen schmalen Treppenschacht mit unverkleideten Betonwдnden. Unmerklich atmete sie auf, als Raoul das Zimmer verlassen hatte. Das sonderbare Gefьhl, das sie in seiner Nдhe verspьrte, war die ganze Zeit ьber nicht gewichen. »Daniel?« sagte sie. »Er ist nicht hier?« Skudder schien ьberrascht zu sein. Dann lachte er, als hдtte sie etwas sehr Dummes gesagt. »Nein«, sagte er. »Aber du wirst ihn kennenlernen. Er brennt schon darauf, dich zu sehen. Und Sie auch, Commander«, fьgte er an Niles gewandt hinzu. Niles sah auf, und zum ersten Mal, seit Charity hereingekommen war, schien wieder so etwas wie Leben in seine Augen zurьckzukehren. »Sie wissen ja nicht, was Sie tun, Sie Narr!« sagte er. »Sie haben alles zerstцrt.« Skudder zuckte scheinbar gleichgьltig mit den Schultern. »Zumindest tue ich etwas, alter Mann«, sagte er. »Wir verkriechen uns nicht unter der Erde und tun so, als wдre nichts passiert.« Er machte eine herrische Handbewegung, als Niles widersprechen wollte. »Ich habe Sie nicht hierherbringen lassen, um mich mit Ihnen zu streiten, alter Mann«, fuhr er fort. »So?« sagte Niles. »Weshalb dann … « »Um … « Skudder ballte wьtend die Faust, beherrschte sich dann aber im letzten Moment wieder und sank in seinen Stuhl zurьck. Aber nur fьr eine Sekunde; dann sprang er wieder auf, so heftig, daЯ sein Stuhl klappernd umfiel, und befahl Charity mit einer Geste, ihm zu folgen. Wьtend riЯ er die Tьr auf, durch die Raoul gerade verschwunden war, zog sie ungeduldig hindurch und warf sie hinter sich wieder ins SchloЯ. »Dieser verstockte alte Narr«, sagte er, wдhrend sie nebeneinander die steile Betontreppe hinuntergingen. »Ich versuche, ihm zu helfen, aber er will das einfach nicht begreifen.« Charity sah ihn verwirrt an. Skudders Bemerkung kam so unvermittelt, daЯ sie im ersten Moment nicht wuЯte, was sie davon zu halten hatte. Der Shark wirkte merkwьrdig verдndert. Er war unsicher und nervцs. Irgend etwas schien ihn sehr ernsthaft zu beschдftigen. Sie gelangten in einen kleinen, nur von einer nackten Glьhbirne erhellten Kellerraum, der schon eher Charitys Erwartungen von einer Shark-Hцhle entsprach: Skudder schien hier alles zusammengetragen zu haben, was er in den Ruinen der Stadt gefunden hatte. Bis unter die Decke stapelten sich Kisten und Kartons, und an der gegenьberliegenden Wand hing eine wirklich beeindruckende Waffensammlung. Raoul stand vor einem kleinen Tischchen, auf dem Charity ohne besondere Ьberraschung ein modernes Bildfunkgerдt entdeckte. Der Monitor war eingeschaltet und zeigte ein verschlungenes, feuerrotes gt;Mlt;. Die Herren Morons schienen einen Hang zur Dramatik zu haben, aber nicht ьber viel Originalitдt zu verfьgen. Skudder machte eine дrgerliche Handbewegung zu Raoul. »Verschwinde. PaЯ auf, daЯ die da oben keinen Blцdsinn machen.« Raoul schien widersprechen zu wollen, aber Skudder warf ihm einen so eisigen Blick zu, daЯ er wie ein geprьgelter Hund den Kopf einzog und sich beeilte, seinem Befehl zu folgen. Charity schauderte, als er an ihr vorьberging. »Du magst ihn nicht, wie?« fragte Skudder plцtzlich. Charity drehte sich zu ihm herum und begriff erst jetzt, daЯ sich ihre Gefьhle ziemlich deutlich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben muЯten. »Nein«, gestand sie. »Er ist mir unheimlich.« Skudder nickte. »Mir auch«, sagte er. »Aber er ist ein guter Mann. Einer der wenigen hier, denen ich traue. Vielleicht der einzige.« Er zuckte mit den Schultern, drehte sich zum Funkempfдnger und starrte das flimmernde gt;Mlt; auf dem Bildschirm fast feindselig an. Charity wollte etwas sagen, aber sie hatte plцtzlich das sehr sichere Gefьhl, daЯ Skudder nicht antworten wьrde. Erneut und noch stдrker spьrte sie, daЯ irgend etwas in ihm vorging. Nur um ьberhaupt etwas zu sagen, deutete sie auf den indianischen Federschmuck, der Skudders Waffensammlung krцnte. »Ist der echt?« fragte sie. Skudder sah nicht einmal auf. Aber er nickte. »Er gehцrte meinem Vater. Und vor ihm dessen Vater.« Es dauerte einen Moment, bis Charity begriff. Ьberrascht sah sie Skudder an. »Du bist ein Indianer?« »Ein Hopi«, verbesserte sie Skudder. »Indianer habt ihr uns genannt. Fьr viele von uns ist das ein Schimpfwort.« Ein heller Pfeifton drang aus dem Funkgerдt, und Skudder straffte sich sichtlich. Ein angespannter Ausdruck trat auf seine Zьge. Das rote gt;Mlt; auf dem Bildschirm flackerte fьr eine Sekunde und erstarrte dann wieder, und dann drang eine Stimme aus dem Gerдt: »Skudder? Habt ihr sie?« Charity erstarrte. Die Ьbertragung war schlecht und die Stimme verzerrt, aber es war eine Stimme, die sie schon einmal gehцrt hatte! Unglдubig starrte sie das Bildsprechgerдt ьber Skudders Schulter hinweg an. »Was ist los?« fuhr die Stimme ungeduldig fort, als Skudder nicht antwortete. »Habt ihr sie gefangen?« Skudder antwortete auch jetzt noch nicht. Statt dessen ergriff er Charity unsanft beim Arm, zog sie an den Tisch heran und postierte sie so, daЯ ihr Gesicht in den Aufnahmewinkel der Kamera geriet. Sekundenlang geschah gar nichts. Das rote Videoauge unter dem Bildschirm starrte sie an, und Charity spьrte eine immer grцЯer werdende Bestьrzung in sich, als sie an die Stimme dachte, die aus dem Empfдnger gekommen war. Das rote gt;Mlt; auf dem Bildschirm begann zu flackern und erlosch, und zum ersten Mal, seit Skudder Daniels Stimme gehцrt hatte, sah er nun auch sein Gesicht. Und Charity auch. »Stone? Sie? Sie sind … sind Daniel?« Charitys Stimme drьckte den mit Entsetzen gemischten Unglauben hundertmal deutlicher aus, als ihre Worte es gekonnt hдtten. Der Anblick lahmte sie. Das Gesicht auf dem Bildschirm nickte. »Es freut mich, daЯ Sie mich wiedererkennen, Captain Laird – nach all der Zeit«, sagte Stone. »In der Tat – ich bin derjenige, den unser Freund Skudder als Daniel kennt. Mein wirklicher Name hat mir nie gefallen.« »Aber … aber wieso?« stammelte Charity »Warum Sie? Wie … wieso sind Sie … « Stone unterbrach sie mit einer raschen Geste. »Ich kann mir Ihre Verwirrung gut vorstellen, Captain Laird«, sagte er. »Aber die Erklдrung ist ganz einfach. Ich bin vor Ihnen aufgewacht. Ich hoffe, meine kleine SicherheitsmaЯnahme im Hangar hat Sie vor schweren Verletzungen bewahrt.« »Vor mir?« murmelte sie, rein automatisch und ohne eigentlich wirklich zu wissen, was sie sagte. »Aber —« »Gut drei Jahre«, unterbrach sie Stone. »Die Energieversorgung Ihres Tanks hat ein wenig lдnger gehalten als meine.« Er lдchelte. »So einfach ist das. Ich habe versucht, sie aufzuwecken, aber … ich verstehe nicht viel von Computern. Und ich wollte Sie nicht aus Versehen umbringen – also zog ich es vor, Sie schlafen zu lassen und auf eigene Faust aufzubrechen. Allerdings lieЯ ich eine kleine … Vorrichtung zurьck, die mich benachrichtigte, sobald Sie den Bunker verlieЯen. »Aber wieso … « Charity brach ab, starrte Stone eine Sekunde lang aus unglдubig aufgerissenen Augen an und spьrte plцtzlich eine Woge unglдubigen Zornes. »Sie … Sie arbeiten fьr … « »Fьr Moron, ja«, sagte Stone. »So wie auch Sie bald, meine Liebe.« »Ich? Sie sind ja verrьckt.« »Keineswegs«, erwiderte Stone trocken. »Oh, ich habe nicht anders gedacht als Sie, als ich erwachte, glauben Sie mir.« Er lachte bitter. »Stone gegen den Rest der Welt … Sie werden auch noch einsehen, daЯ es sinnlos ist, gegen sie kдmpfen zu wollen.« »Sie … Sie elender Verrдter«, murmelte Charity. Stone lachte wieder. Die Beschimpfung schien ihn nicht sonderlich zu stцren. »Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen gesagt habe, als wir uns das letzte Mal gesehen haben? Ich will nur ьberleben.« »Indem Sie Ihr Volk an eine Horde auЯerirdischer Monster verkaufen?« »Jetzt ist nicht der Moment, darьber zu streiten«, sagte Stone sanft. »Aber wir haben noch viel Zeit, miteinander zu reden.« Charity antwortete nicht. In ihrem Kopf herrschte noch immer ein vцlliges Durcheinander. Sie begriff nur, daЯ Daniel Stone war, Stone, der Mann, der sie gezwungen hatte, in den Tank zu steigen, wдhrend rings um sie herum die Welt in Stьcke brach, und daЯ er ganz offensichtlich fьr die Invasoren arbeitete. »Aber warum?« flьsterte sie. »Stone, Sie … Sie kцnnen nicht fьr diese … diese Ungeheuer arbeiten! Sie haben doch mit eigenen Augen gesehen, was sie getan haben!« »Spдter«, sagte Stone noch einmal. Sein Gesicht wirkte plцtzlich fast gelangweilt, und irgendwie glaubte Charity einen harten, zynischen Zug um seine Mundwinkel zu sehen. »Bitte, Stone!« begann sie noch einmal, aber wieder unterbrach er sie. »Spдter. Ich lasse Sie so schnell wie mцglich hierher bringen, keine Sorge. Bis dahin wird Ihnen niemand etwas antun. Skudder?« Skudder trat an ihr vorbei und blickte in die Kameralinse. Er wirkte verstцrt. »Ja?« »Du bereitest alles vor. Ich schicke einen Gleiter, der Captain Laird abholt. Bis dahin behandelst du sie wie einen Gast, ist das klar? Du haftest mir persцnlich fьr ihre Sicherheit.« Er sprach sehr schnell, als stьnde er unter Zeitdruck. »Ich komme persцnlich mit dem Gleiter und hole sie ab. Bis morgen.« Charity sah, wie er den Arm ausstreckte, als wolle er das Funkgerдt ausschalten. »Warte noch«, sagte Skudder hastig. Stone sah ungeduldig auf. »Was ist denn noch?« Skudder zцgerte. »Wir haben … die Tiefen gefunden«, sagte er. »Ich weiЯ«, erwiderte Stone unwillig. »Und?« »Die Gefangenen«, sagte Skudder. »Was tun wir mit ihnen? Es sind zu viele, um sie hierzubehalten.« »Gefangene?« Stone runzelte unwillig die Stirn. »Ihr habt Gefangene gemacht? Das war … nicht vorgesehen.« »Sie haben aufgegeben«, erklдrte Skudder. »Es gab kaum einen Kampf. Sie hatten keine Chance, und sie wuЯten es.« Stone ьberlegte einen Moment. Dann zuckte er mit den Schultern. »Tцtet sie«, sagte er. Charity unterdrьckte im letzten Moment einen unglдubigen Aufschrei, und auch Skudder fuhr sichtlich zusammen. »Das … das ist nicht dein Ernst, Daniel«, stammelte er. »Es sind ьber vier … « »Du hast meinen Befehl verstanden?« unterbrach ihn Stone kalt. Skudder erstarrte, aber irgend etwas in seinem Blick erlosch. Dann nickte er. Die Bewegung wirkte abgehackt wie die einer Puppe, die an Fдden gefьhrt wurde. »Ja«, sagte er. »Ich habe verstanden.« Stone nickte. Der Bildschirm wurde dunkel. 12 Charity war allein mit Skudder in dem groЯen, fast leeren Zimmer, das ihm als Wohn– und Schlafraum diente. Net, der Gnom und Niles waren fortgebracht worden, wohin, wuЯte sie nicht, und nach einer Weile war auch Raoul gegangen, nachdem er Skudder dreimal hintereinander vergeblich angesprochen und auf eine Antwort gewartet hatte. Niemand auЯer Charity wuЯte bisher von Stones Mordbefehl, aber Raoul muЯte schon ziemlich dumm sein, um nicht zu spьren, daЯ irgend etwas passiert war, was Skudder bis ins Innerste erschьttert hatte. Sie hatten gegessen, aber kaum miteinander gesprochen, und Skudders Blick ging noch immer ins Leere. Charity las ein Entsetzen in seinen Augen, als hatte er geradewegs in die Hцlle geblickt. »Was wirst du tun?« fragte sie leise. Skudder war bleich, als er sie ansah. Charity spьrte, welche Mьhe es ihn kostete, ьberhaupt auf ihre Frage zu reagieren. »Das kann nicht sein Ernst sein«, murmelte er. »Er … er kann nicht von mir verlangen, daЯ ich das tue.« »O doch«, flьsterte Charity. »Er kann. Stone ist verrьckt.« Skudder schluckte mьhsam. Seine Hдnde zitterten. »Du kennst ihn.« »Ja«, antwortete Charity und verbesserte sich sofort: »Das heiЯt ­nein. Ich habe ihn gekannt, aber das ist … lange her. Der Stone, den ich gekannt habe, war ein anderer.« »Er kommt aus der gleichen Welt wie du, nicht wahr?« fragte Skudder. »Wir waren zusammen, als der Bunker angegriffen wurde«, erwiderte sie. »Es war seine Idee, in die Kдlteschlaftanks zu gehen. Ich wollte es gar nicht. Er hat mich gezwungen.« »Dann ist alles wahr, was der alte Mann erzдhlt hat?« »Niles?« Charity nickte. »Natьrlich. Die Welt war nicht immer so, wie du sie kennst.« Sie lдchelte traurig, lehnte sich auf dem unbequemen Plastikstuhl zurьck und sah ihn nachdenklich an. Durch das Fenster fiel gelbes Sonnenlicht herein, und die Helligkeit lieЯ sein Profil scharf und ьberdeutlich hervortreten. Plцtzlich fragte sie sich, wieso sie nicht gleich gemerkt hatte, was er war. »Du solltest nicht fьr sie arbeiten, Skudder«, sagte sie. »Gerade du nicht.« Skudder blickte sie an. »So?« »Du bist ein Indi … ein Hopi«, verbesserte sie sich. »Dieses Land hier hat einmal euch gehцrt. Es ist lange her, aber es gab eine Zeit, da hat dein Volk hier geherrscht.« »Bis die WeiЯen kamen und es uns weggenommen haben, ja«, sagte Skudder heftig. »Ich kenne die Geschichten. Mein Vater hat sie mir oft genug erzдhlt.« Er zog eine Grimasse. »Und dann kamen die Moroni und haben es euch weggenommen. Wo ist der Unterschied?« »Vielleicht gibt es keinen«, gestand Charity. »Aber wir waren wenigstens Menschen. Und wir sind … Freunde geworden. Es hat lange gedauert, aber aus unseren beiden Vцlkern ist am Ende eines geworden.« »So?« sagte Skudder bitter. »Ist es das? Mein Vater war da anderer Meinung.« »Und vielleicht hatte er sogar recht«, sagte Charity. Sie war selbst ein biЯchen ьberrascht, wie leicht ihr diese Worte von den Lippen kamen. Aber es machte ihr nichts aus, es zuzugeben. »Vielleicht hдtte es noch einmal zweihundert Jahre gedauert, bis wir uns gegenseitig akzeptiert und geachtet hдtten, aber wir waren auf dem richtigen Weg.« »Und mit Moron wird uns das nie gelingen, nicht wahr?« Skudder nickte grimmig. »Das willst du doch damit sagen, oder? Was soll ich tun? Mein Gesicht bunt anmalen und das Kriegsbeil ausgraben? Die Sharks gegen die Reiter hetzen?« Er schьttelte heftig den Kopf. »Sie wьrden es nicht tun, Charity. Du kennst sie nicht. Du denkst, sie wдren Barbaren, aber das sind sie nicht. Auf ihre Art sind sie so stolz und frei wie du.« »Aber du bist ihr Fьhrer.« »Nur, solange ich sie gut fьhre«, erwiderte Skudder. »Sie gehorchen mir, weil sie mir vertrauen, Charity. Nicht, weil sie Angst vor mir haben.« »Und du gehorchst Stone«, fьgte Charity hinzu. »Weil du ihm vertraust?« Skudder schwieg betroffen. Aber sie spьrte, daЯ er nicht nachgeben wьrde – und wie konnte er auch? »Und was wirst du tun?« fragte sie schlieЯlich. »Was tust du, wenn Stone kommt und sieht, daЯ du seinen Befehl miЯachtet hast?« »Wer sagt dir, daЯ ich es tue?« fragte Skudder unsicher. »Ich«, erwiderte Charity ьberzeugt. »Du kannst mir nichts vormachen, Skudder. Ich weiЯ nicht, wie du hierher gekommen bist und was du bei diesen … diesen Sharks suchst, aber ich weiЯ, daЯ du kein Mцrder bist. Du kannst keine vierhundert Menschen umbringen.« Skudder schwieg. Seine Fingernдgel kratzten nervцs ьber die Tischplatte. Er schien es nicht einmal zu merken. Sie hatte recht gehabt, dachte Charity – etwas geschah mit Skudder. Daniel hatte ihn vor eine Entscheidung gestellt, die er nicht fдllen konnte. »Warum bist du hier?« flьsterte er plцtzlich. Charity wollte antworten, aber dann begriff sie, daЯ es gar keine Frage war. »Verdammt, warum konntest du nicht bleiben, wo du warst? Alles war gut, bevor du aufgetaucht bist!« »Das war es nicht«, widersprach Charity. »Du hast es nur nicht gemerkt.« Fьr zehn, zwanzig endlose Sekunden starrte Skudder sie nur an, und sie spьrte, daЯ ihre Worte irgend etwas in ihm auslцsten; wie die letzte, winzige Schneeflocke, die die Lawine ins Rollen brachte. Plцtzlich stand er auf, wandte sich um und klatschte laut in die Hдnde. Die Tьr hinter Charitys Rьcken цffnete sich, und Raoul kam herein. »Bring Niles hierher«, sagte Skudder, »und diesen Mark. AuЯerdem den Zwerg und die Wastelanderin. Schnell!« »Was hast du vor?« fragte Charity, nachdem Raoul wieder gegangen war. Skudder blickte sie beinahe haЯerfьllt an. »Etwas, das dich sehr freuen wird«, sagte er zornig. »Ich begehe Selbstmord.« Es dauerte eine halbe Stunde, bis Niles, Mark, Gurk und Net gebracht wurden. Skudder schickte die Mдnner, die sie begleitet hatten, wieder hinaus, winkte aber ab, als sich Raoul ihnen anschlieЯen wollte, und deutete ihm mit einer Geste, sich ebenfalls zu setzen. Auch Skudder nahm Platz, und fьr eine Weile breitete sich eine unbehagliche Stille im Raum aus. SchlieЯlich wandte er sich an Gurk. »Ich mьЯte dich eigentlich tцten, du Zwerg«, sagte er. »Du hast einen meiner Mдnner umgebracht.« Gurk zog eine Grimasse. »Niemand tцtet Abn El Gurk«, behauptete er. »Ihr braucht mich.« »Die Welt wьrde nicht untergehen ohne dich«, antwortete Skudder. Er hob unwillig die Hand, als Gurk widersprechen wollte. »Aber du hast recht – vielleicht brauche ich dich wirklich noch. Wenigstens im Moment. Kannst du vierhundert Leute ьber die Ebene fьhren … « »Kein Problem«, sagte Gurk, und Skudder fuhr ungerьhrt fort: … ohne daЯ die Reiter es merken?« Gurk riЯ die Augen auf und starrte ihn an und auch Mark und Niles tauschten ьberraschte Blicke. Nur in Nets Augen glomm so etwas wie Verachtung auf. »Warum?« fragte Mark miЯtrauisch. »Weil Sie verschwinden mьssen«, antwortete Skudder, ohne ihn anzusehen. »Sie und Ihre Leute.« »Vielleicht meint er das wortwцrtlich«, sagte Net. »Glaubt ihm nicht. Das ist ein Trick. Wahrscheinlich bringen sie euch in die Wьste, um euch dort in aller Ruhe zu erledigen.« »Was soll das heiЯen – verschwinden?« fragte Niles. »Sie lassen uns … gehen?« Skudder lachte abfдllig. »Was haben Sie gedacht, alter Mann?« fragte er. »Ihr seid mehr als wir. Glauben Sie, wir hдtten Lust und Zeit, uns um vierhundert Gefangene zu kьmmern? Ihr mьЯt weg, und zwar so schnell wie mцglich. Und so weit wie mцglich.« »Ich glaube ihm kein Wort«, sagte Mark. »Das ist lдcherlich ­zuerst ьberfallen uns seine … seine Kreaturen, und dann lassen sie uns wieder laufen, als wдre nichts geschehen? Wieso?« Skudder schwieg, aber dafьr antwortete Charity. »Weil Daniel den Befehl gegeben hat, euch zu tцten«, sagte sie. »Alle.« Mark wurde blaЯ, und auch Niles und Net starrten sie unglдubigan. Nur auf Gurks Gesicht war nicht die Spur einer Ьberraschung zu erkennen. Auch Raoul zeigte keine Spur von Erstaunen. Instinktiv rьckte Charity auf ihrem Stuhl ein Stьck von dem Shark weg. Das Unwohlsein, das sie stets in seiner Nдhe verspьrte, war stдrker denn je. »Ist … das wahr?« fragte Niles zцgernd. Skudder nickte. »Ja. Aber ich werde es nicht tun.« »Das wird Daniel nicht besonders erfreuen«, sagte Raoul. Skudder funkelte ihn wьtend an. »Daniel«, antwortete er дrgerlich, »wird nichts davon erfahren. Du nimmst dir zwei oder drei Laster und fдhrst zurьck zum Bunker. Ihr holt alle Toten, die ihr findet. Auch unsere eigenen Jungs. Steckt sie in Uniformen.« Raoul zog eine Grimasse. »Das ist doch Wahnsinn! Daniel wird —« »Die Jungs werden ein Feuer machen, drauЯen vor der Stadt«, fuhr Skudder nervцs fort. »Wir verbrennen ein paar Autoreifen und ein biЯchen Mьll. Und die Toten legen wir dazu.« »Damit Daniel glaubt, wir hдtten sie alle erschossen?« Raoul lachte gezwungen. »Damit kommst du nie durch!« »Vielleicht schon«, widersprach Skudder. »Daniel hat keinen Grund, uns zu miЯtrauen. Und Sie werden die Geschichte bestдtigen.« Er sah Niles an. Niles nickte, schьttelte aber gleich darauf den Kopf und lдchelte traurig. »Ihr Freund hat recht, Skudder«, sagte er. »Daniel wird das niemals glauben.« »Haben Sie eine bessere Idee?« fuhr Skudder auf. »Verdammt, was soll ich tun? Euch alle umbringen? Oder es nicht tun und zusehen, wie Daniel uns alle umbringt?« »Es kцnnte funktionieren«, mischte sich Gurk ein. »Wenn Net mir hilft, finden wir vielleicht ein Versteck. Aber wir kцnnen nur nachts marschieren.« Er sah die Wastelanderin an. »Nun?« Net nickte widerwillig. »Ich habe ja wohl keine andere Wahl, oder? Aber es ist Wahnsinn.« »Ich glaube ihm nicht«, beharrte Mark. »Das ist eine Falle.« »Halten Sie endlich den Mund, Sie Idiot«, fauchte Charity. »Sie kцnnen ja hierbleiben.« »SchluЯ jetzt!« sagte Skudder scharf. »Wir machen es so. Sie gehen zurьck zu ihren Leuten und bereiten alles fьr den Abmarsch vor. El Gurk und Net bringen euch weg, sobald es dunkel wird. Wir geben euch so viel Wasser und Essen mit, wie wir kцnnen – aber es wird hart werden.« Mark starrte ihn an. »Und jetzt erwarten Sie auch noch, daЯ ich Ihnen dankbar bin, wie?« fragte er. »Nein«, antwortete Skudder wьtend. »Ich erwarte, daЯ Sie die Schnauze halten und tun, was ich von Ihnen verlange.« Дrgerlich drehte er den Kopf und funkelte Raoul an. »Und du? Worauf wartest du noch?« Raoul stand gehorsam auf. Aber er ging noch nicht. »Damit kommst du nicht durch«, sagte er ernst. »Daniel wird uns alle umbringen.« Skudder lachte abfдllig. »Kaum. Er braucht uns nдmlich noch, und das weiЯ er genau. Was ist los mit dir, Raoul – hast du Angst?« Raoul antwortete nicht mehr. Mit einer abgehackten Bewegung drehte er sich herum und warf die Tьr hinter sich ins SchloЯ. Der Tag verging schleppend. Mark wurde zurьck zu seinen Leuten gebracht, die in einer Tiefgarage irgendwo im Westen der Stadt eingeschlossen worden waren, um alles fьr den Abmarsch vorzubereiten, wдhrend Skudder, Net, Niles und Gurk noch ьber tausend Einzelheiten sprachen, von denen Charity kaum ein Wort verstand. Ein besonderes Gefьhl von Unwirklichkeit machte sich in Charity breit, wдhrend sie den dreien zuhцrte – es fiel ihr immer noch schwer, zu glauben, daЯ Skudders Angebot ernst gemeint war, und plцtzlich verstand sie Marks MiЯtrauen. Gleichzeitig kam sie sich fast schдbig vor, ihm nicht zu glauben – ihr war, als mьsse er ihre Gedanken deutlich auf ihrem Gesicht lesen, und jedesmal, wenn er in ihre Richtung blickte, sah sie rasch weg. Sie begriff sehr wohl, daЯ Skudder nichthalb so aufrechtund edel war, wie sie es ihm im ersten Moment unterstellt hatte: Daniel hatte ihn einfach vor eine Entscheidung gestellt, die er nicht treffen konnte. Seine Ruhe war nur gespielt. In seinem Inneren tobte ein entsetzlicher Kampf. Charity war sich beinahe sicher, daЯ sein schцner Plan scheitern wьrde. Stone –Daniel –muЯte schon ein kompletter Narr sein, um auf Skudders Lьge hereinzufallen. Aber sie hatten einfach keine andere Wahl. Trotzdem – es konnte nicht funktionieren. Und es funktionierte auch nicht. Zwei Stunden, nachdem Raoul die Stadt verlassen hatte, kam er zurьck. Und er war nicht allein. 13 Es waren sechs – fьnf der panzergroЯen, braunen Kдferkreaturen, die Net und die Sharks Reiter nannten, und ein fast doppelt so groЯes, aber sehr viel schlankeres Etwas, das Charity an eine fette Libelle erinnerte und sich so ungeschickt auf seinen kurzen Beinchen bewegte, daЯ klar wurde, daЯ sein eigentliches Element die Luft war. Im Nacken jedes einzelnen dieser Ungeheuer saЯ eine jener vierarmigen Insektenkreaturen, die Charity schon mehrmals zu Gesicht bekommen hatte. Einzig die Riesenlibelle trug zwei Reiter: einen der Vierarmigen –und Raoul. »Das ist doch kein Zufall mehr«, murmelte Skudder. Er wirkte mehr verstцrt als erschrocken. Sie waren aus dem Haus getreten, so wie Dutzende von anderen Sharks, die das ьberraschende Auftauchen der Moroni herbeigelockt hatte. Und es kamen immer noch mehr. Im gleichen MaЯe, in dem sich die sechs gewaltigen Kreaturen die StraЯe hinaufschoben, fьllte sich der Platz vor und hinter ihnen mit abenteuerlich gekleideten Gestalten. Charity hatte bisher ganz automatisch angenommen, daЯ der Anblick der Sternenmonster fьr Skudder und seine Sharks eine Alltдglichkeit sein muЯte, aber plцtzlich begriff sie, daЯ das ganz und gar nicht stimmte. Diese Stadt hier gehцrte den Sharks, und die Riesenkreaturen hatten darin so wenig verloren wie sie oder Niles und seine Leute. Die Spannung, die plцtzlich in der Luft lag, war fast greifbar. Die Sharks waren erstaunlich ruhig, beinahe diszipliniert, aber Charity spьrte, daЯ sie die Reiter nicht unbedingt als Freunde betrachteten. Eher als Eindringlinge. »Sieht so aus, als hдtte uns dein Freund verladen«, sagte Gurk. »Ich habe dieser Ratte gleich nicht getraut.« Skudder machte eine дrgerliche Handbewegung. »Sei ruhig!« zischte er. »Ich will hцren, was sie wollen. Vielleicht hat es ja nichts zu bedeuten.« Aber daran glaubte er selbst nicht, das spьrte Charity. Trotzdem warf auch sie Gurk einen warnenden Blick zu, sah sich unbehaglich um und folgte dann Skudder, der der Prozession der Ungeheuer entgegenging. Die Giganten blieben stehen. Skudder musterte den vordersten Reiter mit gespielter Ruhe, drehte sich dann herum und schritt fast gelassen auf die titanische Libelle zu. Einige Sharks – ihre Zahl muЯte auf mehr als hundert angestiegen sein, dachte Charity ­wollten sich zu ihm gesellen, aber Skudder scheuchte sie mit einer unwilligen Handbewegung zurьck. Zwei Schritte vor der riesigen Libelle blieb er stehen und legte den Kopf in den Nacken. Vor dem gigantischen Insekt sah er aus wie ein Zwerg. »Hallo, Raoul«, sagte er ruhig. »Du kommst zu frьh. Und du hast lieben Besuch mitgebracht, wie ich sehe.« Raoul war zu weit entfernt, als daЯ Charity auf seinem Gesicht irgendeine Reaktion ablesen konnte, aber seine Stimme klang nervцs, als er antwortete. »Tut mir leid, Skudder«, sagte er. »Sie … sind mir auf halber Strecke entgegengekommen.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den schwarzgepanzerten Insektenkrieger vor sich. »Das ist R'hen. Daniel schickt ihn.« »Daniel, so?« Skudder schьttelte den Kopf, als amьsiere ihn diese Antwort. »Willst du nicht absteigen, Raoul?« fragte er harmlos. »Es spricht sich so schlecht, wenn ich zu dir aufsehen muЯ.« Raoul zцgerte. Nicht nur Charity bemerkte, daЯ er einen sehr langen, fast verstдndigen Blick mit R'hen tauschte, ehe er Skudders Befehl endlich nachkam. Mit einer Bewegung, die so flieЯend war, als hдtte er das schon unzдhlige Male gemacht, schwang er sich aus dem Nacken der Reitlibelle und kam federnd vor Skudder auf dem Boden auf. Skudder musterte ihn kalt, dann drehte er sich herum und winkte Charity. Widerwillig setzte sie sich in Bewegung. Jeder einzelne Schritt kostete sie groЯe Kraft, und es wurde schwerer, je mehr sie sich den Insektenmonstern nдherte. Es war wie damals, im Sternenschiff, als sie der fremden Technik der AuЯerirdischen das erste Mal gegenьbergestanden hatte, und spдter in New York, beim Kampf gegen die Monsterkrieger – es war, als spьrte etwas in ihr das unsagbar Fremde, Bцse, das die Seele dieser titanischen Kreaturen ausmachte. Plцtzlich war sie sehr sicher, daЯ Niles recht gehabt hatte, als er behauptete, Moron symbolisiere die dunkle Seite der kosmischen Krдfte. Skudder machte eine komplizierte Handbewegung, die sowohl sie als auch R'hen einschloЯ. »Ich nehme an, Daniel hat ihn geschickt, um Captain Laird abzuholen«, sagte er. »Er ist zu frьh. Sag ihm das.« Raoul schluckte nervцs. Er hatte Angst, das war unьbersehbar. Unsicher wandte er sich um, legte den Kopf in den Nacken und rief R'hen einige Worte in einer schrillen, vцllig unverstдndlichen Sprache zu, die nur aus Pfeif-und Klicklauten zu bestehen schien. »Dein Freund ist sehr talentiert«, sagte sie. Skudder nickte und schwieg, aber Raoul hatte die Worte deutlich gehцrt. Nervцs sah er zu Charity hinьber und wandte sich erst nach einer Weile wieder an R'hen. Der Libellenreiter antwortete in der gleichen Sprache, die er allerdings ungleich besser als Raoul beherrschte. »Nun?« fragte Skudder lauernd. Raoul druckste einen Moment herum. »Er … er sagt, er weiЯ nichts von Captain Laird«, sagte er schlieЯlich. »Er sagt, Daniel … hat ihn geschickt, um … um die Exekution zu ьberwachen.« »So, sagte er das?« Skudder klang nicht einmal besonders ьberrascht. Raoul wich seinem Blick aus und schwieg. »WeiЯt du was, Raoul?« fuhr Skudder nach einer Sekunde fort, noch immer im gleichen, fast beilдufigen Tonfall. »Ich glaube dir kein Wort.« »Was willst du damit sagen?« fragte Raoul. »Mir geschehen in letzter Zeit ein paar Zufдlle zuviel«, antwortete Skudder. »Du bist ihnen ganz zufдllig begegnet, wie? Ebenso zufдllig wie vorgestern, als ich dich zurьckgeschickt habe. WeiЯt du, ich habe mich schon die ganze Zeit ьber gefragt, woher Daniel wuЯte, daЯ sie die Tiefen sucht.« »Woher soll ich das wissen?« sagte Raoul gepreЯt. Nervцs sah er sich um. Die StraЯe rings um die Reiterkolonne war jetzt schwarz vor Sharks. »Ich denke schon, daЯ du es weiЯt«, sagte Skudder ruhig. »Unser Freund Daniel ist immer ziemlich gut informiert, findest du nicht? So gut, als gдbe es hier jemanden, der ihn auf dem laufenden hдlt.« Aus den Reihen der Sharks erklang jetzt ein drohendes Murren. Ein paar der Mдnner rьckten nдher, blieben aber wieder stehen, als eine der Kдferkreaturen drohend den Schдdel hob. »Willst du behaupten, daЯ ich ein Spitzel bin?« fragte Raoul trotzig. Skudder nickte. »Ja.« Es dauerte eine ganze Weile, bis Raoul reagierte. Und als er es tat, schien er eingesehen zu haben, daЯ es wenig Sinn hatte, weiter zu leugnen. In seinen Augen stand ein trotziges Funkeln. »Gut, du hast recht«, sagte er wьtend. »Ich arbeite fьr Daniel.« Ein wьtender Schrei gellte irgendwo hinter ihm auf. Charity sah, wie einige der Sharks abermals nдher rьckten. Ein paar Messer wurden gezogen. Jemand entsicherte ein Gewehr. Skudder hob hastig die Hand. »Nicht«, sagte er. »LaЯt ihn reden.« »Ich arbeite fьr Daniel!« wiederholte Raoul trotzig. »Und? Das tun wir doch alle, oder?« »Du bist ein mieser, kleiner Verrдter«, sagte Skudder kalt. »Ach, bin ich das?« Raoul reckte kampflustig das Kinn vor. »Vielleicht bin ich nur ein wenig vernьnftiger als du.« »Indem du uns bespitzelst?« »Indem ich dafьr sorge, daЯ wir nicht alle umgebracht werden!« schrie Raoul. »Verdammt, hast du wirklich geglaubt, mit dieser idiotischen Idee durchzukommen? Du hдttest Daniel keine fьnf Minuten damit tдuschen kцnnen!« Er schьttelte zornig den Kopf. »Du bist zu weich, Skudder«, sagte er. »Du riskierst das Leben aller hier, um … um dieses Pack zu retten.« Skudder blickte ihn lauernd an. »Was wird das, Raoul?« fragte er. »Eine kleine Palastrevolution? Bist du scharf auf meinen Posten?« »Nein«, fauchte Raoul. »Ich bin scharf darauf, weiterzuleben.« »Hast du uns deshalb an Daniel verkauft?« fragte Skudder ruhig. »Verkauft!« Raoul schnaubte. »Wach endlich auf, Skudder! Du trдumst, wenn du glaubst, daЯ du irgend etwas ohne Daniels Einverstдndnis tun kцnntest. Verdammt, ja, ich arbeite fьr ihn, aber ich habe es fьr uns getan. Glaubst du wirklich, auch nur einer von uns wдre noch am Leben, wenn er es nicht wollte?« »Und was schlдgst du vor?« fragte Skudder, noch immer in diesem ruhigen, fast beilдufigen Ton. »DaЯ wir vierhundert Leute erschieЯen, nur weil Daniel es so will?« Fьr eine Sekunde wurde es still; absolut still, aber Charity sah das Entsetzen auf den Gesichtern der Sharks. Keiner auЯer ihnen und Raoul hatte bisher von Daniels Befehl gewuЯt. Sie begann sich zu fragen, ob sie die Sharks nicht trotz allem falsch eingeschдtzt hatte. »Du hast gar keine andere Wahl«, sagte Raoul trotzig. »Sie oder wir.« »Und du glaubst, ich wьrde das akzeptieren? Wie lange bist du jetzt bei uns, Raoul – zehn Jahre? Und du hast in der ganzen Zeit nicht begriffen, daЯ wir uns nichts vorschreiben lassen. Auch nicht von Daniel.« »Idiot«, sagte Raoul kalt. »Du hast nichts begriffen, Skudder. , Wir haben von Anfang an nur hier gelebt, weil Moron es wollte.« Wьtend deutete er auf die Reiter hinter sich. »Sie sind die wahren Herren hier!« »O ja, und es geht euch ja so gut unter ihrer Herrschaft«, mischte sich Niles ein. »Sie geben euch ein paar Waffen und Treibstoff und sehen im ьbrigen zu, wie ihr ihre Schmutzarbeit erledigt und zum Dank auch noch verreckt, ohne es zu merken.« Skudder sah ihn verwirrt an. »Was soll das heiЯen.« Niles schьrzt wьtend die Lippen. »Ich wollte es euch nicht sagen«, antwortete er. »Ich wollte zusehen, wie ihr alle vor die Hunde geht, Skudder. Aber jetzt … « Er machte eine weit ausholende Handbewegung. »Wer hat euch erlaubt, in dieser Stadt zu leben? Daniel?« Skudder nickte verwirrt, wдhrend sich auf Raouls Gesicht ein Ausdruck unglдubigen Schreckens ausbreitete. »Ja. Wieso?« »Weil sie euch umbringt, eure famose Stadt«, antwortete Niles hart. »Was willst du damit sagen?« Niles lдchelte dьnn. »Hast du dich nie gefragt, was es wohl gewesen ist, das diese Stadt zerstцrt hat?« fragte er. »Nein? Ich will es dir sagen: Es war eine Atombombe. Hier ist alles verstrahlt. Es ist lange her, aber die Strahlung reicht noch immer, um euch irgendwann umzubringen.« »Das ist nicht wahr!« protestierte Skudder. »Nein?« Niles lachte bцse. »Deine Leute sterben nicht manchmal einfach so? Ihr leidet nicht unter einer Krankheit, bei der ihr erst Ausschlag bekommt und dann immer schwдcher werdet?« »Er lьgt!« behauptete Raoul. Er klang nicht sehr ьberzeugend. »Nein«, sagte Charity. »Er sagt die Wahrheit.« »Du weiЯt ьberhaupt nichts!« brьllte Raoul. Wьtend sprang er vor, packte Charity beim Armund versetzte ihr einen StoЯ. Und im gleichenMoment, in dem er sie berьhrte, wuЯte sie es. Plцtzlich begriff sie, warum sie sich in seiner Nдhe stets so unwohl gefьhlt hatte und warum er den Lasertreffer so ungerьhrt hingenommen hatte –und ebenso plцtzlich wuЯte sie auch, daЯ es nicht nur die Reiter und die vierarmigen Insektenkrieger waren, deren Nдhe sie innerlich zu Eis erstarren lieЯ. »Niles sagte die Wahrheit«, sagte sie ruhig. »Und Raoul weiЯ das auch ganz genau.« Sie sah Skudder an. »Er gehцrt nдmlich zu ihnen.« Plцtzlich ging alles unglaublich schnell. Skudder fuhr herum und starrte seinen Stellvertreter aus unglдubig aufgerissenen Augen an, wдhrend Raoul zurьcksprang, gegen die Libelle prallte und blitzschnell unter seine Jacke griff. In seiner Hand lag plцtzlich eine kleine, silberglдnzende Waffe. Skudder lieЯ sich zur Seite fallen, versetzte Charity einen StoЯ, der sie in die entgegengesetzte Richtung taumeln lieЯ, und griff gleichzeitig nach dem Beil, das an seinem Gьrtel hing. Raouls Waffe stieЯ einen fingerdicken, blendendweiЯen Blitz aus, aber der Energiestrahl verfehlte Skudder und traf einen der hinter ihm stehenden Sharks. Der Mann flammte auf wie eine Fackel und zerfiel in Sekundenbruchteilen zu Asche, aber Raoul kam nicht dazu, noch einmal zu schieЯen. Skudders Beil traf seinen Schдdel und spaltete ihn. Charity vergaЯ den Anblick nie mehr im Leben. Raoul prallte zurьck und lieЯ die Waffe fallen. Ein hoher, pfeifender Ton drang aus seiner Brust, wдhrend sein Kopf auseinanderklappte, entlang einer sauberen, rasiermesserscharf gezogenen Linie, nicht wie eine Wunde, sondern so, als bestьnde sein Kцrper aus zwei Kunststoffhдlften, die sich jetzt trennten. Und darunter kam der wirkliche Raoul zum Vorschein. Das Wesen war nur halb so groЯ wie ein Mensch und von nachtschwarzer Farbe. Sein Kцrper war fast formlos, ein zuckendes, pulsierendes Etwas, das in ein Dutzend unterschiedlich groЯer Segmente aufgeteilt war und ьber ein Dutzend spinnendьrrer Glieder verfьgte. FaustgroЯe, unendlich bцse Augen starrten Skudder und Charity an. Und das Wesen war keineswegs tot oder verletzt. Langsam, mit spinnenartigen, abrupten Bewegungen, kroch es aus der Raoul-Maske heraus, richtete sich zitternd auf und tastete mit zweien seiner zahllosen Arme nach seiner Waffe. Es erreichte sie nie. Hinter Charity erscholl plцtzlich ein gellender Schrei, und dann stьrzte eine groЯe, dunkelhдutige Gestalt an ihr und Skudder vorbei und warf sich mit weit ausgebreiteten Armen auf das Ungeheuer. Das Wesen, das aus Raoul herausgekrochen war, wirbelte blitzschnell herum. Aber es hatte keine Chance. Niles begrub es einfach unter sich. Das Spinnending bekam seine Waffe zu fassen und versuchte sie hochzureiЯen, aber trotz seines Alters war Niles noch immer ein Mensch, mehr als doppelt so groЯ wie das Ungeheuer und viermal so schwer. Seine Hand packte den Arm des Insektenwesens und brach ihn einfach durch; gleichzeitig hдmmerte seine andere Faust immer wieder in das flache Gesicht des Monsters. Plцtzlich ertцnte ein schriller, unglaublich lauter Schrei. Charity sah, wie zwei der Reiterkreaturen herumfuhren und der Vierarmige im Nacken der Libelle mit gleich drei Hдnden nach seinen Waffen griff. Aber er fьhrte die Bewegung nie zu Ende. Mit einem mal ragte der zitternde Griff eines Messers aus seiner Brust. Ein SchuЯ krachte, dann ein zweiter, und der schwarze Chitinpanzer R'hens zerbarst splitternd. Dann brach auf der schmalen StraЯe im wahrsten Sinne des Wortes die Hцlle los. Plцtzlich waren ьberall Schreie und Schьsse und rennende Gestalten, und zwei, drei weitere Vierarmige kippten von den Rьcken ihrer gigantischen Reittiere. Skudder schrie wьtend auf, nahm Anlauf und riЯ einen weiteren Insektenkrieger vom Rьcken seines Reiters. Aneinandergeklammert fielen sie zu Boden und verschwanden unter der Menge der heranbrandenden Sharks. Der letzte ьberlebende Streiter R'hens riЯ sein Tier herum, zog gleichzeitig seine Waffe und begann ziellos in die Menge zu feuern. Der Kдfer machte einen gigantischen Satz nach vorne, rannte fast ein Dutzend Sharks einfach ьber den Haufen und packte mit seinen schrecklichen Scheren zu. Charity hцrte einen gellenden Todesschrei, der selbst den Lдrm des Kampfes fьr einen Moment ьbertцnte, dann krachten wieder Schьsse, und der Vierarmige sackte reglos vom Rьcken seines Tieres. Aber der Kampf war noch nicht vorbei. Die gigantischen Kдfer gerieten in Panik – und sie waren mindestens ebenso schreckliche Gegner wie ihre Reiter! Charity sah, wie eines der Tiere in blinder Angst einfach losstьrmte und die Fassade eines Hauses durchbrach. Das Gebдude kippte ьber ihm zusammen und begrub auch mehr als ein Dutzend Sharks unter sich. Charity begriff plцtzlich, daЯ auch sie keineswegs auЯer Gefahr war. Sie besaЯ keine Waffe –und die Riesenlibelle vor ihr begann zu toben! Mit einem schrillen, ungeheuer lauten Pfeifen richtete sie sich auf, versuchte die Flьgel zu spreizen und sich in die Hцhe zu katapultieren. Ihr fьrchterlicher Schwanz peitschte; der mannslange Stachel daran tцtete in einer einzigen, wuchtigen Bewegung vier, fьnf Sharks, und die so zerbrechlich aussehenden Flьgel fegten ein halbes Dutzend weiterer Mдnner einfach von den FьЯen. Auch Charity sah einen riesigen Schatten auf sich zu rasen, warf sich instinktiv zu Boden und hцrte einen Schrei, als der Libellenflьgel einen der Mдnner hinter ihr traf wie ein glдsernes Schwert. Ganze Salven von Schьssen wurden abgefeuert. Eines der riesigen Regenbogenaugen der Libelle erlosch, kleine, runde Lцcher entstanden in ihrem schimmernden Panzer, aber der Schmerz trieb das Ungeheuer eher noch mehr zur Raserei. Verzweifelt versuchte es sich abzustoЯen, fuhr wieder herum und schnappte in blinder Wut nach allem, was sich in seiner Nдhe bewegte. Seine fьrchterlichen Mandibeln zuckten wie eine gigantische, zweifingrige Hornklaue auf Charity herab. »Laird! Zur Seite!« Charity reagierte instinktiv, als sie den Schrei hцrte. Blitzschnell rollte sie herum, krьmmte sich und schlug schьtzend die Arme ьber dem Gesicht zusammen. Ein fingerdicker Strahl aus blutrotem Licht jagte einen halben Meter an ihr vorbei, traf den Chitinpanzer der Libelle dicht hinter dem Kopf und brannte ein kaum mьnzgroЯes Loch hinein. Das Ungeheuer kreischte, bдumte sich auf die beiden hinteren Beinpaare auf – und explodierte regelrecht, als sich die gesamte Energie des Laserstrahlers in seinem Kцrper entlud. Das letzte, was sie halbwegs bewuЯt mitbekam, war der Anblick Abn El Gurks, der unter der Tьr von Skudders Haus stand, Charitys Lasergewehr in den viel zu kleinen Hдnden hielt und in aller Seelenruhe auf ein weiteres Rieseninsekt anlegte. Sie konnte nicht lдnger als ein paar Sekunden bewuЯtlos gewesen sein, denn als sie wieder zu sich kam, war zwar der Kampf vorbei, aber immer noch erfьllten Stцhnen und Wehklagen die Luft. Charity richtete sich auf. Ihr wurde schwindelig, und der pochende Schmerz in ihrem Hinterkopf wurde ьbermдchtig, aber sie kдmpfte dagegen an und stemmte sich vollends in die Hцhe. Sie blinzelte ein paarmal und strich sich mit der Hand ьber das Gesicht, um die Benom­menheit zu vertreiben, erst dann schaute sie sich um. Der Anblick war furchtbar. Die gigantischen Kдfer und die Riesenlibelle waren so tot wie ihre Reiter, aber die Sharks hatten einen schrecklichen Preis fьr ihren Sieg bezahlen mьssen. Die StraЯe war gesдumt von Toten – es muЯten weit mehr als ein Dutzend sein –und auch von den anderen Sharks war kaum einer ohne Blessuren davongekommen. Viele der Verletzten hatten so schlimme Wunden erlitten, daЯ man kein Arzt sein muЯte, um zu erkennen, daЯ sie die nдchsten Stunden nicht ьberleben wьrden. Ein Stьck entfernt entdeckte sie Skudder, der voller Abscheu aufdie Ьberreste der Kreatur starrte, die einmal Raoul gewesen war. Langsam wandte er den Kopf. Sein Blick flackerte unstet, und ein abgrundtiefes Grauen spiegelte sich in seinen Augen. »Was … was um alles in der Welt war das?« flьsterte er. Charity schwieg –und was hдtte sie auch sagen sollen? Sie wuЯte selbst auch nicht mehr als er. Sie lieЯ ihren Blick zu Niles' Leichnam weiterwandern, den jemand von der Kreatur getrennt und ein paar Schritte entfernt auf den Boden gelegt hatte. Ein kalter, irgendwie zielloser Zorn ьberkam sie. Niles war einmal ihr Freund gewesen, aber das schien mehr als ein paar Ewigkeiten her zu sein. Sie lieЯ ihren Blick zu dem Raoul-Wesen zurьckwandern und merkte erst jetzt, daЯ Skudder sie immer noch anstarrte und auf Antwort wartete. Ratlos zuckte sie mit den Schultern. »Ich weiЯ es nicht.« »Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Mark war unbemerkt zu ihnen getreten. »Es ist nur eine Vermutung … « Er fuhr sich mit der Zungenspitze ьber die Lippen und versuchte vergeblich, sich den Ekel nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, den der Anblick des getцteten Ungeheuers in ihm auslцste. »Was wissen Sie?« fragte Skudder. »Es … es sind nur Vermutungen.« Mark lдchelte nervцs. »Die … Wesen, die wir bisher kennen, sind mehr oder weniger insektoider Abstammung. Die meisten sind uns in kleineren, ansonsten aber nur geringfьgig anderen Gattungen aus dem irdischen Tierreich bekannt.« »Reden Sie nicht lange herum, sondern kommen Sie endlich zur Sache«, unterbrach Skudder ihn barsch. »Was ist mit Raoul passiert?« »Vermutlich war es eine Art Parasit«, sagte Charity. Mark sah ьberrascht auf. »Sie wissen —?« »Moron hat kein Monopol auf Ungeheuer«, wandte Charity ein. Sie blickte auf die geborstene Hьlle herab, die einmal ein menschlicher Kцrper gewesen war. Selbst aus allernдchster Nдhe war nicht festzustellen, ob es sich um ein Kunstprodukt handelte oder wirklich um einen Menschen, dessen Zellmasse durch eine unvorstellbare Metamorphose verwandelt worden war. Mьhsam riЯ sie sich von dem Anblick los und sah Mark an. »Sie denken dasselbe wie ich.« Skudders Blick wanderte nervцs zwischen Marks und ihrem Gesicht hin und her. »Wьrde es euch etwas ausmachen, mich an eurer kleinen Fachsimpelei teilhaben zu lassen?« fragte er spitz. »Das ist kein Geheimnis«, sagte Mark. Es fiel ihm immer noch schwer, ganz offen mit dem Mann zu sprechen, den er noch vor einer halben Stunde fьr seinen Todfeind gehalten haben muЯte. Plцtzlich lдchelte er. »Aber ich dachte immer, als echter Indianer mьЯten Sie das alles viel besser wissen als wir.« Skudders Blick wurde finster, und Charity beeilte sich, hinzuzufьgen: »Was Mark meint, ist, daЯ Raoul – der echte Raoul ­von einer Art Parasit befallen wurde.« Skudder erbleichte. »Ihr meint … « »Etwas hat ihn von innen heraus aufgefressen, ja«, sagte Mark hart. »Wahrscheinlich war er schon seit Jahren nicht mehr er selbst.« »Das ist … monstrцs«, flьsterte Skudder. »Es ist ganz normal«, sagte Charity leise. Skudder starrte sie an, und sie fuhr fort: »Denk nur an die Schlupfwespen – sie legen ihre Eier in die Kцrper anderer Tiere ab. Die Larven schlьpfen dann irgendwann und fressen ihre Wirte bei lebendigem Leibe auf.« »Aber das sind Tiere!« protestierte Skudder. »Das sind wir fьr die Moroni wahrscheinlich auch«, sagte Mark bitter. »Sie meinen, daЯ sich die Moroni-Larven in ihrem Wirtskцrper ausbreiten und ihn irgendwann ganz ьbernehmen«, fьhrte Skudder den Gedanken zu Ende. »Sie wachsen und … und verдndern ihn von innen, bis —« Er brach ab und starrte auf das herunter, was aus Raoul geworden war. »Aber es sind trotzdem nur Tiere«, sprach er schlieЯlich weiter. »Sie kцnnen menschliches Verhalten nicht so perfekt nachahmen, daЯ niemand einen Unterschied bemerkt.« »Um das zu verstehen, mьЯten wir eines dieser Biester lebend in die Hand bekommen«, sagte Charity. »Vielleicht lassen sie das Gehirn ihres Opfers unangetastet und bringen nur seinen Willen unter ihre Kontrolle. Oder sie absorbieren Teile seiner DNA, seine Erinnerungen, sein Wissen, charakterliche Eigenarten und dergleichen, um dieRolle nach auЯenhin weiterzuspielen. Auf jeden Fall mьssen sie intelligenter sein, als ihr bislang geglaubt habt.« »Und … wenn er nicht der einzige war?« murmelte Skudder. »Vielleicht gibt es noch mehr? Jeder hier kцnnte einer der Moroni sein.« »Nein.« Charity schьttelte den Kopf. »Jedenfalls glaube ich es nicht.« »Woher willst du das wissen? Woran hast du ihn ьberhaupt erkannt? Ich kannte Raoul seit Jahren, und nicht einmal ich habe etwas gemerkt.« Charity sah Skudder ernst an. »Doch«, widersprach sie leise, aber mit sehr fester Stimme. »Du hast es gemerkt. Nicht so deutlich wie ich, aber trotzdem, und bei mir hat es auch lange gedauert, bis ich die richtigen Schlьsse gezogen habe. Die Kopie war perfekt, und es gab keine Unterschiede zu einem echten Menschen, nichts, was man erkennen konnte. Ich habe es einfach nur gespьrt.« »Ich verstehe nicht, was du meinst«, sagte Skudder verwirrt. »Ich mochte ihn von Anfang an nicht«, erklдrte Charity. »Irgend etwas an ihm stieЯ mich ab, ohne daЯ ich wuЯte, was es war. Und du hast vorhin zugegeben, daЯ er dir auch unheimlich wдre. Du hast dieses Gefьhl nur unterdrьckt, weil du ihm unbedingt vertrauen wolltest, und das war der Fehler. Schon als ich das erste Mal auf die AuЯerirdischen traf, sogar als ich mich nur in der Nдhe ihrer Maschinen befand, habe ich mich so unbehaglich gefьhlt. Dann, als ich vorhin direkt vor den Moroni stand, und Raoul mich berьhrte, habe ich plцtzlich gemerkt, daЯ es die gleiche Art von Unbehagen war.« »Gefьhle.« Skudder versuchte, seiner Stimme einen verдcht­lichen Tonfall zu verleihen, aber es gelang ihm nicht; was geschehen war, hatte ihn viel zu sehr erschьttert, als daЯ er seine Unsicherheit verbergen kцnnte. Er lдchelte gezwungen. »Das ist etwas wenig, um sich darauf zu verlassen. Es kann Zufall gewesen sein. Vielleicht hatte sich das … Ding nur nicht gut genug unter Kontrolle. Es wдre etwas zu einfach, wenn wir sie alle auf diese Art erkennen kцnnten. Zu einfach, als daЯ ich mein Leben darauf setzen wьrde.« Charity musterte ihn noch einige Sekunden, dann wandte sie sich schweigend um. Skudder wuЯte so gut wie sie, daЯ ihnen keine andere Wahl blieb, wollten sie nicht stдndig jeden verdдchtigen. Jede vernьnftige Zusammenarbeit wьrde unmцglich werden, die Zweifel an der wahren Identitдt des anderen wьrden sie einander mehr entzweien und jede Tatkraft lahmen, als die Moroni es vermochten. Sie wollte zu den verletzten Sharks hinьbergehen, um zu sehen, ob sie ihnen helfen konnte, doch Gurk trat ihr in den Weg. »Was geschieht nun mit Mark und seinen Leuten?« fragte er, wobei er abwechselnd sie und Skudder anschaute. »Wir dьrfen nicht noch mehr Zeit vertrцdeln, sonst war alles umsonst.« Unwillig verzog Skudder das Gesicht. »Was gibt es da noch zu bereden? Es bleibt bei meiner Entscheidung. Du wirst sie ьber die Ebene fьhren, und wir verbrennen die Toten und die Reiter.« »Dazu bleibt keine Zeit mehr«, widersprach Gurk. »Es kann nicht mehr lange dauern, bis Daniel hier ist. Wenn wir ьber die Ebene ziehen, wird er uns aus der Luft ent … « Skudder trat blitzschnell einen Schritt vor, packte den Zwerg am Kragen und hob ihn scheinbar mьhelos noch. »Woher weiЯt du davon?« zischte er. »AuЯer Captain Laird war niemand dabei, als ich mit Daniel gesprochen habe, und keiner von uns hat gesagt, daЯ er herkommen wьrde. Also –woher weiЯt du davon?« Gurk versuchte vergeblich, sich aus seinem Griff zu befreien. »LaЯ mich los, du Grobian!« zeterte er. Dann sah er die Sinnlosigkeit seiner Bemьhungen ein und schnaubte verдchtlich. »Ich bin vielleicht klein, aber deshalb noch lange nicht blцd. Bei dem Aufwand, den Daniel getrieben hat, um Charity in die Hдnde zu bekommen, wird er so schnell wie mцglich mit ihr sprechen wollen. Und am schnellsten geht es, wenn er herkommt, um sie persцnlich abzuholen. AuЯerdem wird er sich mit eigenen Augen davon ьberzeugen wollen, daЯ du seinen Befehl ausgefьhrt hast. Wie du siehst, brauchte ich nur ein biЯchen logisch nachzudenken. Und jetzt laЯ mich endlich runter.« Diesmal erfьllte Skudder ihm seinen Wunsch. Aus einem Meter Hцhe stьrzte Gurk zu Boden, rappelte sich mit einem Fluch auf und rieb sich sein Hinterteil. Skudder grinste, aber das MiЯtrauen war noch nicht ganz aus seinem Gesicht gewichen. »Du denkst fьr meinen Geschmack ein biЯchen zuviel, Zwerg«, sagte er. »Das kann manchmal ungesund sein. Und du weiЯt immer etwas mehr, als gut fьr dich ist.« »LaЯt das jetzt«, mischte sich Charity unwirsch ein. »Das ist kaum der richtige Moment zum Streiten. Gurk hat recht. Wir sollten sehen, daЯ wir von hier wegkommen.« »Von wir war nie die Rede.« Skudders Worte kamen so rasch und scheinbar beilдufig, daЯ ihr erst nach ein paar Sekunden klarwurde, daЯ der mit dem wir nicht nur sich und seine Leute meinte. »Du gehst ein biЯchen zu selbstverstдndlich davon aus, daЯ ich dich freilasse«, fьgte er hinzu. »Was soll ich Daniel erzдhlen? DaЯ wir dich versehentlich auch umgebracht und verbrannt haben? Oder daЯ du uns erneut entkommen bist?« »Du wirst ihm gar nichts sagen«, antwortete Charity. »Weil es keinen Sinn hat, lдnger Theater zu spielen. Daniel wird deinen Bluff in jedem Fall durchschauen, ob du mich auslieferst oder nicht. Vielleicht weiЯ er schon lдngst, was hier passiert ist, und wenn nicht, wird er spдtestens dann miЯtrauisch werden, wenn er von Raouls Tod erfдhrt. Er wird sich an dir und deinen Mдnnern rдchen. Ihr kцnnt nicht hierbleiben.« Einer der Sharks kam heran und wechselte leise ein paar Worte mit Skudder. Der Hopi zцgerte und ьberlegte einen Moment, dann schьttelte er den Kopf und scheuchte den Mann mit einer unwilligen Handbewegung fort, bevor er sich wieder an Charity wandte. »Ich hдtte dich erschieЯen sollen, als ich dich zum ersten Mal sah, das hдtte mir einiges erspart. Jetzt ist es leider zu spдt«, murmelte er. »Also schцn, was sollen wir deiner Meinung nach jetzt tun?« Charity deutete auf Mark. »Er und seine Leute werden sterben, wenn du sie zu FuЯ in die Ebene hinausschickst. Dann kannst du sie auch gleich hier umbringen. Der einzige halbwegs sichere Unterschlupf ist der Bunker. LaЯ sie mit den Lastwagen nach SS Nulleins zurьckbringen, dann haben sie eine Chance.« »Daniel weiЯ von dem Bunker.« »Das wuЯte er schon immer«, antwortete Charity. »Verdammt, er war drinnen, genau wie ich. Aber Raoul war der einzige, der den Eingang kannte. Ich weiЯ, es ist gefдhrlich, aber es ist eine Chance. Und nicht nur fьr sie. Auch fьr euch. Ihr solltet euch ihnen anschlieЯen.« »Und ebenfalls zu Tiefen werden?« Skudder lachte bitter. »Uns unter der Erde verkriechen und darauf warten, daЯ Daniel uns findet oder daЯ ein Wunder geschieht? Du weiЯt, daЯ wir so nicht leben kцnnten. Wir wьrden durchdrehen.« »Es wдre nur fьr ein paar Tage; so lange bis die Wogen sich wieder geglдttet hдtten. Daniel dьrfte Wichtigeres zu tun haben, als wochenlang nach euch zu suchen. Es ist eure einzige Chance.« Skudder schwieg lange Zeit. Er scharrte mit den FьЯen im Sand, und obwohl sein Gesicht unbewegt blieb, ahnte sie, was jetzt in ihm vorging. Von seiner Entscheidung hing das Leben von fast siebenhundert Menschen ab. Ihr fielen Dutzende weitere Argumente ein, die fьr ihren Vorschlag sprachen und bislang unerwдhnt geblieben waren, doch sie wuЯte auch, daЯ Skudder jedes dieser Argumente selbst kannte, und so schwieg sie, weil jedes weitere Wort ьberflьssig gewesen wдre. »Nein«, sagte er schlieЯlich in einem Tonfall, der zeigte, daЯ seine Entscheidung endgьltig war. »Ich werde Mark und die anderen zum Bunker zurьckfahren lassen, aber wir bleiben hier. Wir wьrden jede Selbstachtung verlieren, wenn wir uns wie Tiere unter der Erde verkriechen wьrden. Ganz abgesehen davon, daЯ meine Mдnner mir nicht gehorchen wьrden, wenn ich einen solchen Befehl gдbe.« Gurk schьttelte resignierend den Kopf. Mark schaute Skudder noch einen Moment verstдndnislos an, dann zuckte er mit den Schultern, drehte sich abrupt um und eilte mit einem gemurmelten: »Wie Sie meinen!« davon. »Was ist mit euch?« fragte Skudder. »Ihr kцnnt euch ihnen meinetwegen anschlieЯen, aber ihr kцnnt auch hierbleiben, wenn ihr wollt.« »Was ich will«, sagte Charity gedehnt, »ist Stone. Aber nicht hier und nicht jetzt. Er ist nicht so unbesiegbar, wie er euch glauben macht, Skudder. Wenn ich Ort und Zeit bestimmen kann, habe ich eine Chance, ihn zu schlagen.« Skudder lдchelte. »Wenn man dir so zuhцrt«, murmelte er, »kцnnte man fast glauben, daЯ du es wirklich schaffst. Aber du wirst Hilfe dabei brauchen.« Es dauerte eine Weile, bis Charity begriff, was Skudder ьberhaupt meinte. »Du willst … « »Dich begleiten, ja«, unterbrach sie der Shark. »Und ich ebenfalls«, schloЯ sich ihm Gurk an. »Ihr seid zwar alle verrьckt, aber wenigstens ist es in eurer Nдhe nie langweilig.« Auf der riesigen Sitzbank der Harley-Davidson wirkte Gurks Gestalt schlichtweg lдcherlich, verloren wie ein Kind, das es sich im Sessel eines Riesen bequem gemacht hatte und jetzt nicht so richtig wuЯte, was es dort ьberhaupt sollte. Er grinste zwar, aber dieses Grinsen war nicht echt, und man sah ihm an, wie unwohl er sich in seiner Haut fьhlte. Charity warf ihm ein aufmunterndes Lдcheln zu, drehte sich zu ihrer eigenen Maschine um und wartete, bis Net Platz genommen hatte, ehe sie zu ihr stieg. Automatisch streckte sie die Hand nach dem Zьndknopf aus, fьhrte die Bewegung aber nicht zu Ende. Es kam auf eine Minute nicht mehr an. Sehr mьde schaute sie auf, sah sich um und blickte schlieЯlich der ganz in schwarz gekleideten, breitschultrigen Gestalt entgegen, die den Platz ьberquerte und sich ihnen nдherte. Es war ein fast unheimlicher Anblick. Eines der Hдuser brannte noch immer, und die Flammen schienen Skudders schwarze Ledermontur mit flьssigem Blut zu ьbergieЯen. Mehr denn je erinnerte er Charity jetzt an einen Indianer –und nicht nur wegen des archaischen Bogens, den er neben dem Lasergewehr ьber dem Rьcken trug. Sie hatte selten einen Mann gesehen, der so … ja, so stolz wirkte wie er; trotz allem, was wдhrend der letzten Stunden geschehen war. »Seid ihr soweit?« fragte Skudder, nachdem er herangekommen war. Charity nickte, aber sie antwortete nicht gleich. Wieder glitt ihr Blick ьber die StraЯe, und wieder schauderte sie, als sie das Schlachtfeld sah. Skudders Leute hatten die Toten und Verwundeten fortgeschafft, aber sie wuЯte, daЯ es entsetzlich viele gewesen waren. »Es tut mir leid«, sagte sie unvermittelt. Skudder lдchelte sanft. »Das muЯ es nicht. Wir hдtten nicht anders gehandelt, wenn du nicht gekommen wдrst.« Charity glaubte ihm. Aber das дnderte nichts daran, daЯ sie sich die Schuld an allem gab. »Daniel hat einen Fehler gemacht«, fuhr Skudder fort. »Er hat geglaubt, wir wдren seine Sklaven, wie diese Insektenkreaturen. Aber das sind wir nicht. Ein Shark gehorcht niemandem, auЯer sich selbst. Raoul hдtte das wissen mьssen. Er hat lange genug unter uns gelebt.« »Und was werden sie jetzt tun?« fragte Charity. Diesmal dauerte es eine Weile, bis Skudder antwortete. »Ich weiЯ es nicht«, gestand er. »Erst einmal verschwinden, denke ich. Ein paar werden sich Mark und seinen Tiefen anschlieЯen, und die anderen … « Er zuckte mit den Schultern. »Bart und ein paar von den Jungs haben gefragt, ob sie uns begleiten dьrfen. Ich habe nichts dagegen. Du?« Charity schьttelte den Kopf. Skudder verwirrte sie. Er machte nicht den Eindruck eines Mannes auf sie, der alles verloren hatte. »Natьrlich nicht«, sagte sie hastig. »Skudder … ?« »Ja?« »Du … muЯt nicht mitkommen«, sagte sie. Plцtzlich fiel es ihr schwer zu sprechen. »Net und ich kommen schon allein durch.« »Unsinn«, widersprach Skudder. »Das kommt ihr nicht. Du weiЯt ja nicht einmal, wo du hinwillst.« »Diese Rebellen, von denen Niles sprach … « »Wьrdest du nicht einmal ohne mich finden«, unterbrach sie Skudder. Er stieg auf sein Motorrad, kippte die Maschine hoch und lieЯ den Motor an. »Und auЯerdem gibt es etwas, was ich zusammen mit dir tun mцchte«, fьgte er hinzu. Charity sah ihn fragend an. »So?« Skudder grinste. »Nicht, was du jetzt denkst. Jedenfalls nicht nur.« Er griff in die Tasche, streckte den Arm aus und lieЯ etwas inCharitys ausgestreckte Hand fallen. Ьberrascht erkannte sie, daЯ es ihre Uhr war. »Der alte Mann hat recht gehabt, als er erzдhlte, daЯ Moron es verbiete, die Zeit zu messen«, sagte Skudder lдchelnd. »Aber ich finde so ein Ding ganz praktisch. Was hдltst du davon, wenn wir versuchen, auf diesem Planeten wieder einen Kalender einzufьhren?« »Wir zwei allein?« fragte Charity unglдubig. Skudder lachte. Aber er antwortete nicht, sondern legte einen Gang ein und fuhr so schnell los, daЯ Gurk hinter ihm ein erschrockenes Kreischen ausstieЯ. Und nach ein paar Sekunden folgte ihm Charity. Ende des zweiten Teils Wo die Fahrt ins Ungewisse endet, erzдhlt Wolfgang Hohlbein im dritten Band seiner Charity-Serie DIE KЦNIGIN DER REBELLEN Charity, die junge Raumpilotin, die in der Welt des 21. Jahrhunderts gestrandet ist, nimmt den Kampf gegen die auЯerirdischen Invasoren auf, welche die Erde unterjochen. Mit einer Handvoll Rebellen versucht sie hinter das Geheimnis der Besatzer zu kommen. Sie dringt in den Tempel der fremden ein und macht eine grauenvolle Entdek­kung. Die Menschen werden dazu gezwungen, ihre Kinder zu opfern. Doch bevor Charity eingreifen kann, hat man sie umstellt Ihr bleibt nur ein Ausweg: der Sprung in den Materie­transmitter